Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (15)
 

Zwischen den Zeilen, zwischen den Sprachen

05.03.2012, 09:00 Uhr  ·  Ich übersetze ein Gedicht. Und schreie rum. Warum? Kann man Lyrik überhaupt übersetzen?

Von

Eine Beschäftigung, der ich in meiner Freizeit seit Jahren gerne nachgehe, ist das Übersetzen von Poesie. Wie so ein Prozess funktioniert, möchte ich deswegen beleuchten, weil er Probleme birgt, die vielleicht nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind. Besonders nicht meinem Freund, wenn ich schimpfend und fluchend durch die Wohnung renne. Manchmal verzweifle ich. Aber ich beginne am Anfang.
 Ich bin recht eingeschränkt in den Sprachen, die ich tief genug verstehe, um mich dort mit Lyrik rumzuschlagen, und so beschränke ich mich meistens darauf, Gedichte aus dem Russischen ins Deutsche zu übersetzen. Meistens handelt es sich um Werke aus dem Genre des russischen Autorenlieds, von den ‚Hipstern der Sovietunion‘ – jenen Männern und Frauen, deren Lyrik nicht so systemkonform war, dass sie über das Radio hätte ausgestrahlt werden können.
Meine Lieblingsgedichte haben eine klare Sprache mit anrührigen Melodien aus drei Akkorden. Sie versuchen nicht, besonders kompliziert oder gebildet zu sein, sie sind einfach und kurz, wie das Leben selbst. Die einfachen Worte bilden aber eine bildhaft-metaphernreiche Ebene, die das Herz anrührt, ohne den Umweg über den Verstand zu nehmen. Manchmal nehmen sie mich so sehr mit, dass ich sie unbedingt teilen will. Aber meine Umwelt würde sie schon aufgrund der Sprachbarriere nicht verstehen. Meine Versuche, meine Freunde vom Russischlernen zu überzeugen, scheiterten kläglich. Kann ich den Leser also nicht zum Gedicht bringen, muss ich das Gedicht zum Leser bringen.

Ich kann im Folgenden nur laienhaft beschreiben, wie ich dabei vorgehe, und ziehe auch mit Absicht erst mal keine professionellen Quellen zu Rate. Wenn ich lese, was Profis aus Bulat Okudzhava gemacht haben, möchte ich deren Rat gar nicht.
Ich mache zunächst immer eine wortwörtliche Übersetzung, weil es meistens gerade eine bestimmte Metapher oder Formulierung ist, die mich überhaupt zum Übersetzen bewegt. Mit der wörtlichen Übersetzung ist niemals etwas anzufangen. Das Problem ist, dass das Russische sich einer Bildebene bedient, die es im Deutschen so nicht gibt. Als Beispiel dient hier die wörtliche Übersetzung eines Liedes, das ich gerade übersetze. Es ist von Venja Drkin und liest sich auf deutsch wörtlich so:

“Mir wird sich heute ergießen,
 einer Katze im Fenster,
 ein Strahl staubigen Glitzers
 Guten Morgen!

 Ich werde heute entlohnt durch
 drei Stufen vom Reiche,
 drei Hufeisen von Sivka,
 drei Hufe vom Bruder;

 Drei Versuche zu gehen,
 zwei Versuche zu bleiben.”

Am Abend schwachsinnig,
Ein menschenleerer Bahnhof,
Lebe wohl meine Kindheit.

Und am Morgen ganz kopflos
von einem kurzen Wort
An der Scheibe der S-Bahn.

 

Soweit zur ersten Hälfte, mit der zweiten verschone ich den Leser. Wie Sie sehen, sehen Sie nicht viel. Das Werk hat jetzt noch kein Versmaß, keinen Reim, besonders aber keinen Sinn.
Gut, es handelt sich irgendwie um die Sicht einer Katze (die später aus unerfindlichen Gründen S-Bahn zu fahren scheint).  Das Lied heißt auch “Katze”. Um zu sehen, ob ich die Protagonistin auch als Katze behalte, muss ich bedenken, wofür sie steht. Die Katze wird in Russland mit Eigenwilligkeit, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit assoziiert, aber auch mit Behagen und Häuslichkeit. Genau wie in Deutschland. Das bleibt also. Wodurch sie heute entlohnt wird, ist undurchsichtig, wenn man nicht weiß, dass es sich um Anspielungen auf russische Märchen handelt.  Hier kommt ein kultureller Unterschied ins Spiel, der durch Sprache nicht mehr überbrückbar ist. Ich muss hier als Übersetzer vom Originaltext weggehen und etwas im Deutschen finden, das „Fast, aber nicht so ganz” ausdrückt, und sich möglichst – um die Stilistik beizubehalten – auch auf Märchen bezieht. Man könnte also vielleicht schreiben:

„Heute werd ich belohnt durch
  Zwei Haselnüsse,
  drei weiße Mäuse,
  drei schnelle Hufe”

Natürlich kann es immer noch sein, dass der Widererkennungswert ein anderer ist oder dass Märchen in der Kultur jeweils einen anderen Stellenwert einnehmen. Das sind alles Faktoren, die man entweder bedenken, oder testen muss. Hat man das getan, muss die neue Fassung „nur” noch in Reim und Versmaß gebracht werden.  Dafür ist dann ein gigantischer Wortschatz Voraussetzung, aber das ist reines Handwerk. Die wirkliche Schwierigkeit besteht darin, Bilder zu finden, die den Sinn der russischen Version widergeben, aber an ein deutsches Publikum angepasst sind. Oft ist das einfach nicht möglich.

“Über mich, kleine Katze,
  Ergießt sich durchs Fenster
  Ein Strahl glitzernen Staubes
  Einen guten Morgen.”     (<- ja, das passt mit der Melodie versmaßtechnisch.)

Die eigentliche Tragödie beginnt dann, wenn ich mir den gereimten Text ansehe. Die russische Sprache klingt zwar oberflächlich härter, ist in ihrem Wesen aber  fließender. Das Deutsche hingegen klingt im Vergleich dazu – in meinen Ohren – wie ein Sack mit kaputten Schreibmaschinen und Besteck, der die Treppe runterfällt.
Während Rilke es schafft, der Sprache Eleganz zu entlocken, vermag ich das leider gar nicht. Vielleicht fehlt mir hier das Gespür einer Einheimischen für Sprache. Mir ist es wichtig, dass die Sprache nicht stolpert. Also benutze ich gern vokalreiche Worte, die die Sprachmelodie des Originals besser wiedergeben.

Wie geschickt man es auch macht – und ich habe viele professionelle Übersetzungen gelesen – zumeist verliert ein Gedicht gegenüber seiner Originalsprache. Je besser das Werk, desto mehr verliert es, denn umso mehr gab es zu verlieren. Während Fachtexte an unseren Verstand gerichtet sind, zupft Lyrik im Normalfall emotionale Saiten. Die Emotionen entstammen unserer Gewohnheit, unserer Sozialisation, unserer Kultur. Sie sind weniger übertragbar, sie sind das, was uns seit Kindheit im Innersten anrührt.  Wie erreicht man sie genau so, wie sie bei ganz anders gestrickten Menschen erreicht werden? Ich weiß nicht. Mir ist klar, dass eine gute Übersetzung im Prinzip fast ein neues Gedicht in der Zielsprache sein muss. Es wird gegenüber dem Original viel verlieren und viel Eigenes gewinnen. Mich macht es traurig, dass ich das, was ich wirklich zeigen will, nie zeigen kann. Ich übersetze nur. Ich schicke es in die Welt hinaus und hoffe, dass es irgendwo, bei irgendjemandem, etwas anrührt.

 

Veröffentlicht unter: Musik, Lyrik, Übersetzung, Russisch

  Weitersagen Kommentieren Empfehlen Drucken
 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden