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Tirade gegen das Ende der Eiszeit

02.04.2012, 08:00 Uhr  ·  Warum die Jugend von heute alles falsch macht und das mit den Farben ganz großer Murks ist.

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Diese Jugend verkommt immer weiter! Damals, ganz früher, als ich aufgewachsen bin – das waren die 90er – galt es als cool, unemotional zu sein. Allein schon das Wort impliziert ja Kühle, Abgeklärtheit. In den 90ern wünschte man sich denselben unbeteiligten Gesichtsausdruck, egal was passierte. „Ich bin unantastbar. So selbstsicher, dass nichts auch nur eine Reaktion in mir auslöst”. Ach ja. Passenderweise waren Sonnenbrillen auch cool.

Ist doch klar, dass jeder cool sein möchte. Und coole Dinge tun, wie wir sie damals getan haben. Ihr wisst schon. Dinge mit Edding bekritzeln. Kaugummiautomaten anflämmen. Die Loser auslachen.

Und was müssen wir heute sehen? Die machen unsere ganzen schönen  Ideale kaputt. Irgendwann über Nacht (jedenfalls, als wir nicht hingesehen haben) haben sich die Paradigmen geändert. Lieb ist das neue cool.

Keiner traut sich mehr, farbigen Lack auf Häuser zu sprühen. Was machen die stattdessen? Reverse Graffiti! Die reinigen den Inhalt von Schablonen an einer schmutzigen Wand. Wenn man das abbekommen will, muss man die ganze Wand reinigen! Wo kommen wir denn da hin. Und sowas machen die auch:

Bild zu: Tirade gegen das Ende der Eiszeit

Junge Menschen schleichen sich bei Nacht und Nebel aus dem Haus und pflanzen Blumen in der Stadt! Und Guerilla Knitting ist ein echtes Ding. Stricken! Stricken ist die Antithese von cool! Subversiv sein und die Welt farbenfroh machen. Und dafür kriegen die auch noch Respekt. Wo ist denn der rauhe, beleidigende Protest geblieben in der unabhängigen Kunst? Da laufen Leute sozialexperimentmäßig mit „Free Hugs”-Schildern durch die Gegend. Die unterwandern damit nicht nur das kapitalistische System, nein, die lächeln dabei auch noch. Und ich dachte, wir hätten die 70er überwunden.

Und der Höhepunkt all dessen, das Abnormste und Widerlichste: Im Internet ist (besonders bei jungen Männern) die Serie „My little pony” beliebt, die für kleine Mädchen produziert wurde. Da geht es um Liebe und Freundschaft und Toleranz. Sie schauen jede Folge und sie schämen sich nicht einmal dafür. Im Gegenteil. Sie kaufen sich T-Shirts und laufen damit rum und fühlen sich in ihrer Männlichkeit dabei nicht einmal verunsichert. Aber Verunsicherung ist doch der Leim, der unsere Kultur zusammen hält! (Wie sollen wir sonst die Sportwagenindustrie am Laufen halten?)

Bild zu: Tirade gegen das Ende der Eiszeit

 

Alles in Allem, Brüder und Schwestern, ist unsere moderne Zeit verweichlicht. Männer und Frauen kämpfen nicht mehr gegen einander, Jugendliche lesen teilweise das Grundgesetz, das eBook hat noch immer nicht Bücher abgelöst, und sogar im umgangstontechnisch rauen Internet gibt es #flausch auf Twitter und Seiten wie diese: http://thenicestplaceontheinter.net/

Bild zu: Tirade gegen das Ende der Eiszeit

 Wir müssen dieser Verweichlichung Einhalt gebieten. Kunst muss wieder in Museen, Protest muss zurück ins Internet. Die coolen Jungs zu den coolen Jungs, die Mädchen in die Klamottenläden. Wir müssen wieder stolz werden. Wir müssen die Menschen wieder das Fürchten lehren, auch vor sich selbst. Oder… wir geben dem nach… zumindest kurz… ein Bisschen…

 

Veröffentlicht unter: Zeitgeist, Street Art, Protest

 
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