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Salon Skurril

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Man kann sagen, Kunst ist unnötig. Und man hätte recht. Kunst gehört nicht zu den überlebenswichtigsten Dingen, um die man sich kümmern muss,

Die Illustration des Grauens

| 19 Lesermeinungen

Wie will man wirkliches Grauen illustrieren, das Schlimmste, das der Menschheit wirklich real passieren kann? Wie drückt man echtes, weltliches Leid in einer Bleistiftzeichnung aus?

Im Fantasy-Bereich kommt man häufig in die Verlegenheit, „das Grauen“ illustrieren zu müssen. Wenn man Aufträge für Cover oder für Buchillustrationen der Bösewichte bekommt. Man zeichnet Monstren in dunklen Farben, mit Tentakeln oder leuchtenden Augen. Man arbeitet mit undeutlichen Kontrasten, riesenhaften Proportionen, harten Linien. Das ist fröhliches Spiel, wenn man es in bestimmtem Kontext sieht.
Aber wie will man wirkliches Grauen illustrieren, das Schlimmste, das der Menschheit wirklich real passieren kann? Wie drückt man echtes, weltliches Leid in einer Bleistiftzeichnung aus?

 

Ich hatte den Poeten über sein Blog kennen gelernt. Mein Blog war gerade erst richtig angelaufen und ich verlinkte ihn, weil ich seine Poesie gern las. Wir tauschten uns in unseren gegenseitigen Kommentaren aus. Er konnte besser schreiben, als ich. Ich konnte besser zeichnen, als er. Insofern war es für mich eine sehr schöne Fügung, als er erwähnte, dass er bald einen Gedichtband verlegt und ob ich diesen nicht illustrieren wolle. Es war mein erster ernst zu nehmender Auftrag. Zugegeben, ich wurde nicht mit Geld bezahlt, sondern in einigen Druckexemplaren. Doch immerhin erschien mein Foto, so wie mein Name in dem Druckwerk. (Sigmar Erics – „Jugendblütenlese“, Shaker Media, 2008)

 

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Es handelte sich dabei um eine Anthologie mit 50 Texten aus seinem Jugendwerk, die nach Jahren sortiert waren. Zu jedem Jahr wünschte er sich eine Illustration. Der verschiedene Ton der Texte erlaubte es mir, viele verschiedene Motive, sogar Stile zu verwenden. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht. Der harte Kern, auf den ich beißen musste, war aber ein im Jahr 2001 entstandener Gedichtzyklus mit dem Namen „Auschwitz-Birkenau“ (den er als „Epigramm-Sequenz“ bezeichnet). Darin begeht er eine Strecke des ehemaligen Vernichtungslagers, dokumentiert die einzelnen Stationen jeweils mit einem selbst geschossenen Foto und einem fünfzeiligen Text. Auch für dieses Werk brauchte er eine ganzseitige Illustration. Und da fing meine Arbeit erst wirklich an.

Wie stelle ich Auschwitz in einem Bild dar? Die Anlage selbst ist ein schwaches Bild, technisch und selbst ausdruckslos. Erst die Assoziation mit dem Menschlichen ist es ja, was uns das Grauen einjagt. Und dann darf man ja nicht bei Auschwitz bleiben, wenn man Auschwitz zeichnet. Es ist alles, was daran hängt, von einer vielfältigen Gesellschaft bis hin zum Tod so furchtbar Vieler. Denn das muss ja schließlich eine Illustration leisten – sie muss zumindest die Ahnung des Gefühls erzeugen, das der Situation angemessen ist. Stelle ich eine Menschenmenge dar? Kann man diese Zahl zeichnen? Irgendwie? Nein, eine solche Zahl kann man weder begreifen, noch zeichnen. Für Gefühle ist es uns Menschen eigen, dass sie immer noch am ehrlichsten sind, wenn wir uns Einzelne ansehen. Einzelne also. Aber wen, oder was? Zeichne ich den Hunger und die Krankheit? Diese Bilder, mit deren Aufnahmen wir oft konfrontiert werden, von diesen menschlich anmutenden Leibern? Wiederhole ich die? Kann ich so etwas überhaupt? Ein alter Lehrspruch lautet, dass man immer mit dem arbeiten soll, was man selbst kennt. Ich dachte nach, was ich kenne. Was in mir eine Beklommenheit auslöst, die dem Thema auch nur annähernd gerecht würde. An welchen Menschen kann ich auf der Straße nicht einfach vorbei gehen? Bei jedem ausgehungerten Mann, wenn wir ihn zum Beispiel auf der Straße sitzen sehen, fragt sich ein Teil unseres Gehirns trotzdem ganz heimlich, wie viel Schuld er selbst an seiner Misere trägt. Diese völlige Hilflosigkeit, die Unverschuldetheit, die Angst und das gleichzeitige Unverständnis fand ich für mich nur in einem Bild wieder – eine Mutter mit einem Kind.

Eine Mutter mit einem Kind in einer schwierigen Lage ist eine der misslichsten Gestalten, die sich mein Gehirn ausdenken kann. Sie versteht ihre Situation selbst nur halb; wenig genug, um Angst zu haben, aber genug, um die Angst noch größer werden zu lassen. Sie ist selbst wie ein kleines, geängstigtes Kind. Aber gleichzeitig hat sie ihr Kind bei sich und das verlässt sich auf sie. Während sie Angst durchlebt, muss sie gleichzeitig ein Fels in der Brandung für ihr Kind sein. Sie muss die Starke sein, sie muss trösten, sie muss wissen, was zu tun ist. Schließlich ist sie die Mutter. Und sie würde ihr Leben dafür hergeben, etwas zu beschützen, das sie so rein und bedingungslos liebt, wie selten ein Mensch den anderen liebt. Das Kind hingegen lebt in gnädigem Unverständnis. Es fühlt sich nicht wohl, es hat auch Angst, es weint vielleicht und erwartet, getröstet zu werden. Es weiß, dass alles gut wird, solange Mama nur da ist. Bis sein Vertrauen enttäuscht wird.

Ich habe mich selbst beobachtet und gemerkt, dass es dieses Bild war, das mich immer am meisten verstört hat. Ob bei Fernsehberichten über Naturkatastrophen über Unfälle, ob beim Lesen von Geschichtsbüchern, ob bei dem Gedanken an meine eigene Mutter, die mit nichts als zwei Koffern und zwei kleinen Kindern in ein ihr völlig fremdes Land auswanderte und ganz allein dort auf dem riesigen Frankfurter Flughafen stand. Wenn ich versuchte, einem so schwierigen Thema der Geschichte eines seiner Denkmäler zu konstruieren, erschien es mir nur sinnvoll und angemessen, dieses Bild zu verwenden.
Ich machte mehrere Entwürfe, die letztendliche Version wurde dann aber das hier:

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In einer wenig definierten Umgebung geht eine von irgendwas aufgebrachte Frau auf einer Straße. Ihr Mund ist vom Weinen verzogen, sie sieht sich um. Auf einem Arm trägt sie ein etwa drei Jahre altes Kind, im anderen Arm einen geknüllten Mantel. Das ist alles, was mir einfiel. Es ist ein letztes Aufflackern der lebendigen Szenerie, ehe die unbelebten, modernen Fotos von Sigmar folgen, die nur noch den Ort einer einst gewesenen Erinnerung zeigen. Ich wollte dem Betrachter aber noch einmal das Leben unbedingt vor Augen führen.

Erstmals groß öffentlich gezeigt habe ich dieses Bild bei einer Ausstellung in Mülheim an der Ruhr. Ich habe auf der Vernissage viele interessante Kommentare bekommen. Eine Dame in den mittleren Jahren hat etwas traurig gelacht. „Der Junge sieht so aus“, kommentierte sie: „wie ein dickes, verzogenes Kind, das jetzt denkt ‚Was ist denn nun los? Gerade wurde ich noch gefüttert und jetzt trägt man mich irgendwo hin… Ich fürchte, baden.“

Ich weiß nicht, ob ich die vor mich gestellte Aufgabe letztlich gut erfüllt habe. Oder ob sie zu erfüllen ist. Oder ob das wenigstens ein Mosaikstück ist. Die Aufgabe, die ich hinter solchen Werken sehe, ist das In-Relation-Stellen aller Wahrnehmung und aller Ereignisse. Der Einblick in eine Geschichte, die wir immer noch zu begreifen versuchen. Ein Mahnmal. Ein Vorstoß in das Menschliche hinter den historischen Etiketten von Volks-, Religions- und Zeitzugehörigkeit. Denn Mütter gab es schon immer und in allen Teilen dieser Welt. Und ihre Liebe zu ihren Kindern gibt es in allen Teilen dieser Welt. Und überall und immer muss sie beschützt werden, weil sie mit das Wertvollste ist, das die Menschheit besitzt.

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19 Lesermeinungen

  1. Wäre die Autorin nicht aus...
    Wäre die Autorin nicht aus Funk und Fernsehen bekannt, würde man weder ihre Zeichnungen noch ihre Texte beachten. Mit den Illustrationen könnte man im Kunst-Leistungskurs eines Provinzgymnasiums vermutlich eine gute Note erringen. Aber was suchen sie in der FAZ? Und wieso erbarmt sich nicht irgendein Redakteur und filtert wenigstens die übelsten Stilblüten („Der harte Kern, auf den ich beißen musste…“) heraus?

  2. ...man, man, man. ganz schön...
    …man, man, man. ganz schön viele mans. und gar nicht mal so skurril, der salon…

  3. Auch andere Autoren schreiben...
    Auch andere Autoren schreiben in der FAZ nicht immer auf allerhöchstem Niveau. Mit machen Texten von Frau Weisband konnte ich nichts anfangen, ich finde diesen Text und die Zeichnungen aber tiefsinnig und berührend.

  4. mit Stimmviech
    mir geschieht...

    mit Stimmviech
    mir geschieht es gerade so. Diese Zeichnung verkörpert Verzweiflung, Angst und Sorge. Und die Erklärung, die Erzählung der Genese passt.
    Um in der FAZ das politische nicht zu vergessen: Mit solchen Köpfen bei den Piraten werden wir längerfristig eine weitere Partei haben. Besonders erfreulich ist dabei, daß Frau Weisband nicht die einzige Pirat ist, die dem Antisemitismus eine deutliche Absage erteilt. Israel braucht mehr Freunde in Deutschland, als „nur“ die Christen.

  5. Besser wäre es gewesen, Frau...
    Besser wäre es gewesen, Frau Weisband hätte einen Beitrag mit dem Titel: „Die Illustration der Freude!“ geschrieben, und selbige Freude auch illustriert. Es wäre beim Leser besser angekommen, als diese Betrachtung im Salon „Fatal“!
    Paul H. Peiseler
    Neunkirchen-Seelscheid

  6. @melursus, Sie schreiben:...
    @melursus, Sie schreiben: „Israel braucht mehr Freunde in Deutschland, als ’nur‘ die Christen“. Was hat das ganze mit Israel und mit Christen zu tun?!

  7. Von Oliver-August...
    Von Oliver-August Lützenich.
    Hallo Frau Weisband, ich beglückwünsche Sie mit vollem Herzen, also ohne Ironie, Sarkasmus oder gar verletzender Häme dazu, dass Ihnen zum Thema „Bebilderung von Auschwitz“ lediglich eine so alltägliche Szene zweier praller Menschen einfällt, denn, den von Ihnen gezeichneten „Schrecken“ (ich setze diesen Schrecken in Anführungsstriche, weil diese Gefühlslage zwar mit demSelben Begriff belegt ist, aber mit der Gefühlslage, die Auschwitz als Neu-Insasse war, nur entfernt etwas zu tun hat) erlebe ich fast täglich, hier in der Strasse: Mütter vor und beim überqueren der Strasse zwischen den Autos, Mutter beim hochheben des Kindes vor einem heranbrausenden Radler, Mutter beim eiligen davonrennen mit Nachwuchs, vor einem April-Schauer und ähnlichen alltäglichen „Schreckens“momenten. Dass Sie also den alltäglichen Schrecken!, der in Auschwitz herrschte, nie kennengelernt, oder auch noch nicht ins-ich entdeckt und erregt haben. Sie können noch weitgehend unbelastet und beschwingt durch die RaumZeit leben. DasJenige, das in Auschwitz als Gefangenes gelitten hat, kann das nicht mehr, auch wenn Es dem Gas, dem elenden Hungertod, der üblen Zwangsarbeit, oder anderen Entsetzlichkeiten noch entrinnen konnte. Kennen Sie, ausserhalb der Tragezeit in der Mutter, die vollständige Auslieferung Ihres Selbst an andere Menschen: das Wohl und Wehe des persönlichen DaSein völlig von fremden Menschen geraubt und entzogen, bis zur Verkümmerung im Tod? Kennen Sie wochen- oder sogar monatelange Unterernährung, Wassersuppe und „Brot“, das nur noch dessen Namen trägt? Kennen Sie die vollständige EntPrivatisierung eines Alltags mit 2 Fremden im selben Bett und mit hunderten anderen in der selben Hütte, angefüllt mit Wimmern, Wehklagen und AlpTraumSchreien? Kennen Sie eine tägliches Überleben mit vollkommener Entwürdigung und Blossstellung in allen Bereichen, mit brutalster Gewalt zu jeder Tag- und NachtRaumZeit? Kennen Sie völlig sinnfreie Zwangsarbeit bis zu 14 Stunden täglich, in Mooren und Sümpfen, in Steinbrüchen, Höhlen oder auch etwas abgemildert in Fabriken? Selbstverständlich Nein. Kennen Sie Arztbesuche, bei denen Sie schon vor der Praxistür, auf der Strasse, bei allen Wettern, nackt warten müssen und bei denen nicht Heilung zählt, sondern Tauglichkeit gewertet wird; und zum Schluss, kennen Sie den Gefühlszustand, dass Ihre Verwandten neben Ihnen zu Tode geprügelt werden, oder ins Gas getrieben werden? Das Alles war; und ist für die Überlebenden: AUSCHWITZ.
    Nichts davon entdecke ich in Ihrem Bild.
    Glücklicherweise, wie ich Eingangs schrieb. Für Sie und für Uns, denen dieses Grauen erspart blieb. Manchmal ist es besser eine Herausforderung zu verneinen, wenn sie noch zu früh und unvorbereitet kommt. Manchmal ist es besser sich Rat einzuholen bei kompetenten Menschen, um eine Prüfung zu bestehen, auch wenn Mensch sich Alles zutraut.
    Den „Schrecken“, den Sie andeuten, der ein friedlicher ist, hat Gustave Courbet in einem wunderbaren Selbstportrait gemalt, es heisst: „Portrait de l’artiste, dit Le Désespéré“. Sie finden es auch in meinem Blog. Das, was dem Schrecken der Konzentrationslager wohl am nächsten kommt hat Edvard Munch gezeichnet, Sie kennen es. Als Kunstinteressierte empfehle ich Ihnen auch die Zeichnungen von Egon Schiele, Max Beckmann, Oskar Kokoschka …, die nach den Schrecken des ersten WK entstanden sind. Den Alltag der Frauen im KL Ravensbrück hat die Französin Violette Lecoq ( http://www.bpb.de/themen/DAVU3I,0,Zeichnungen_einer_H%E4ftlingsfrau.html ) in eindrücklichen Zeichnungen dokumentiert. In all dem finden Sie vielleicht eine Annäherung zu der ermatteten, bleichen und ausgezehrten Erregung, die Auschwitz und andere Todeslager waren. Ansonsten, bleiben Sie weiterhin mutig, in der Erkundung des Unbekannten. Guten Tag

  8. Für den eigenen Blog...
    Für den eigenen Blog geeigenet, aber nicht für die FAZ. Sry, auch wenn ich Frau Weisband oft zustimme, muss ich sagen, dass mir der Artikel ein paar Stufen unter FAZ-Niveau ist.

  9. Und Radio Magadan spielt...
    Und Radio Magadan spielt Tanzmusik, gebührenfrei.

  10. @ rum

    Soviel ich verstehe,...
    @ rum
    Soviel ich verstehe, geht es in diesem Artikel um die Darstellung des Grauens. Des unvorstellbaren und unabbildbaren Grauens. Auschwitz ist -auch- eine Chiffre, ein Code für dieses Grauen. Auschwitz ist unser deutsches Verbrechen am Volk Israel. Der Nadir der Judenverfolgung in Deutschland, in Europa durch all die Jahrhunderte seit Jakob.
    Aber nicht Schuld ist es, die Christen zu Freunden der älteren Geschwister im Herrn macht, sondern die Verpflichtung des Verwandten. Verpflichtung der zusätzlich gewählten Jünger. Sie kennen die Geschichte der Hochzeit, zu der die Leute von der Straße geladen wurden, da die Gäste besseres, dringenderes zu tun hatten? Die Geschichte der Frau, die Jesus erwidert, die Hunde bekämen doch die Brocken, welche die Kinder fallen lassen. Kennen Sie die Worte des Apostels, wir sind in den Ölbaum gepfropft, sollen uns aber nicht über die wahren Äste erheben?
    Christen sind -längstz überfällig- die Freunde des Volkes Israel.
    In Deutschland, mit der Bürde unseres Volkes, dürfen es ein paar mehr Freunde sein.
    Herzlich grüßt Ihr Mit-Faz-Leser

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