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Ein verlegener Liebesbrief

23.04.2012, 08:18 Uhr  ·  Das mit ihr und mir war immer ein Hin-und-Her. Ich möchte ihr aber endlich das sagen, was ich in meinem Herzen trage.

Von

Meine liebste Literatur,

 

ich weiß, du bist wütend. Ich kann das verstehen. Darum begegne ich dir nicht selbst. Aber vielleicht bringst du die Geduld in dir auf, wenigstens diesen Brief zu lesen.

Es war stets so kompliziert mit uns, es ging immer auf und ab. Ich weiß, ich habe dich sträflich vernachlässigt. Aber so sehr, wie ich dich gemieden habe, so sehr habe ich dich immer auch geliebt. Glaube mir, dass diese Zeilen aus tiefstem Herzen kommen.

 

Ich erinnere mich noch gut, wie ich als kleines Mädchen so viel Zeit krank im Bett verbringen musste und du immer an meiner Seite warst. Du hast mich die Welt kennen lernen lassen. Ich weiß noch, wie ich in der smaragdenen Stadt war und mit Tieren gesprochen habe. Wie ich auf riesigen Vögeln geflogen bin und mich hinter Spiegeln verirrt hatte.
Aber dann wurde alles anders. Dinge geschahen, die ich nicht verstand. Ich kam in eine neue Umgebung. Und plötzlich warst du deutsch. Du hattest viel zu große, überdeutliche Buchstaben, als sei ich ein kleines Kind (was ich damals auch war, aber trotzdem war ich etwas beleidigt). Die Buchstaben waren seltsam und ich musste sie erst lernen. Und seit du deutsch warst, war in dir etwas Feindseliges, das auf mich genau so bedrohlich wirkte, wie das Land um mich herum. Du warst keine rettende, neue Welt mehr. Du warst Teil der Welt geworden. Ich legte dich weg und viele Jahre verschmähte ich dich.

Wie viele Kriege focht meine Mutter für dich? Aber je mehr sie mahnte, je mehr sie stritt, desto weniger wollte ich von dir hören. Aus Trotz. Auch ein wenig aus Schuldgefühlen.

 

Erst kurz vor dem Abitur sahen wir uns wieder. Wie hast du es nur geschafft, mich ausgerechnet mit ‘Krieg und Frieden’ zu locken? Du hast mir damals das größte Geschenk von allen gemacht.

Ich weiß noch, wie ich am Vorabend meiner Abiturprüfung in Mathe höllische Angst hatte. Ich lenkte mich mit dir ab. Ich begleitete Fürst Bolkonskij auf das Schlachtfeld von Austerlitz, wo er seinen Tod fand. Er stand damals in der Reserve, hatte nichts zu tun, marschierte auf und ab, pflückte Blüten von einem Busch und zerrieb sie zwischen den Fingern. Da riss ihm eine Granate die Seite auf. Er fiel und er sah den Mond und ich wusste, es sei das letzte, was er sehen würde. Ich dachte: ‘Er wird nie wieder hin- und herlaufen, nie wieder Blüten von einem Busch pflücken und daran riechen. Er wird sich nie wieder aus einer Laune heraus umdrehen können, oder die Hand heben, oder einatmen, oder zum Mond sehen, oder sich erinnern. Und ICH mache mir Sorgen um eine Matheprüfung? Ich, der das größte Geschenk von allen gegeben wurde, dass ich nämlich frei und lebendig bin. Und sogar wenn ich alles verlöre und auf der Straße schliefe, wäre ich immernoch der freieste Mensch auf dieser Erde, denn das Leben ist mein. Gott hat einen Platz für mich geschaffen und wenn ich nicht hier wäre, wäre hier ein Ich-förmiges Loch. Alles hat seine Fügung und es gibt nichts mehr, wovor ich mich fürchte.’

So fand ich Gott. Du hast ihn mir geschenkt. Wo mein Leben am schwersten war, hast du mich begleitet.

 

Ich verließ dich erst, als es mir wieder besser ging. Als ich auf eigenen Beinen stand und studierte. Da hatte ich so viel für Prüfungen zu lesen und langsam kam die Politik in mein Leben. Ich liebte dich noch immer, mir stand nur nicht der Sinn nach dir. Ich habe dich nicht beachtet. Ich habe mich mitreißen lassen.

Es war aber alles so interessant und es gab so viel zu lernen! Ich lernte Psychologie und Medizin und Statistik. Ich spielte Theater und tanzte Tango. Ich trat in eine Partei ein. Ich hatte immer mehr Arbeit. Emails. Zehn am Tag. Dann zweihundert am Tag. Besorgte Bürgeranfragen. Twitter. Ein Termin. Twitter. Kongress. Interview. Meeting. Noch ein Termin. Verpasst. Talkshow. Statement zum Urheberrecht in unter 30 Sekunden. Termin. Einsteigen. ICE. Umsteigen. Blogpost. Twitter.

 

Und nun, reumütig, mit ungebrochenen Idealen, aber müde, kehre ich zurück in deine Arme. Deine duldsamen Arme, die immer für mich offen sind. Während solch eines Tages schließe ich öfter die Augen und denke: Heute Abend bin ich wieder in deiner Umarmung. Und Kvothe ist noch immer an der Universität und bemüht sich noch immer, seine Trimestergebühren zu begleichen. Er ist immernoch in Denna verliebt und ich kann mich noch immer darauf freuen, zu lesen, wie sich das entwickelt. Ein kleines Gefühl der Vorfreude erfasst mich, wenn ich daran denke, dass ich jederzeit die Freiheit habe, dorthin zurück zu kehren, Alles ist dort, in jeder Welt, so geblieben, wie ich es letzten Abend zurück ließ. Nichts hat sich dort getan. Jene Welt ist eine Geduldige. Sie passt sich an mein Tempo an. Ich muss mich nicht beeilen. Sie ist langsam und tief. Ich kann die ganze Nacht hindurch lesen und die Zeit vergeht wie im Flug. Wenn ich wenig Zeit habe, lese ich nur einige Zeilen und kaum etwas passiert. Nichts läuft davon. Es ist so viel Raum für Gedanken. So viel Luft zum Atmen. Und darin liegt so viel Trost.

 

Liebste Literatur, du magst dich unwohl fühlen in unserer harten, schnelllebigen Welt. Du magst glauben, wir hätten dich vergessen. Doch das ist nicht wahr. Ich schwöre, es ist nicht wahr. Jetzt, meine Liebste, meine Entzückende, bist du wertvoller als alles geworden. Denn du bist so selten in deiner Geduld. Bitte nimm mich wieder an, nimm uns wieder an. Ich kann nicht ohne dich leben.

 

Und ich verbleibe in ewiger Hoffnung,

Marina

 

 

Veröffentlicht unter: Literatur

 
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