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Eine Stadt kämpf um ihr Herz

14.05.2012, 08:00 Uhr  ·  Über einem kleinen Platz in Kiew wacht der "kleine Prinz", dessen Erschaffer Antoine de Saint-Exupéry viel darüber geschrieben hat, wie wichtig es ist, auch als Erwachsener das Kindliche nie zu verlieren.

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Über einem kleinen Platz in Kiew wacht der “kleine Prinz”,
dessen Erschaffer Antoine de Saint-Exupéry viel darüber geschrieben hat,
wie wichtig es ist, auch als Erwachsener das Kindliche nie zu verlieren.

 

 

Kinder und Kultur haben viel gemeinsam. Sie handeln kapitalistisch nicht unbedingt sinnvoll. Sie schmeißen das Geschenk achtlos ur Seite und spielen mit dem Karton. Sie sind manchmal naiv, erkennen aber Wahrheiten, die sonst verschlossen sind. Wir sind auf beides angewiesen, auf Kinder und auf Kultur. Auf ihren entspannten, unvoreingenommenen Blick auf die Welt. Wir finden Wunder und Erholung in beiden.
Es gibt Orte, die aber weder für Kinder, noch für Kultur gemacht sind. Orte, in denen der Ernst des Lebens so konzentriert ist, dass für alles Unnötige – das doch so nötig ist – keinen Platz lassen. Innenstädte zum Beispiel. Innenstädte sind gewachsene Konstrukte des Kapitalismus. Sie werden im Laufe der Zeit unter pragmatischen Gesichtspunkten bebaut, deren Zielorientierung in irgendeiner Instanz erst mal Geld ist. Je mehr ein Land Wert auf Kultur legt, je mehr der Mensch über dem Geld in den Vordergrund gestellt wird, desto mehr Ausnahmen finden wir. Kleine Spielplätze, Parks, Skulpturen und Springbrunnen. Eine Innenstadt aber, in der Kultur und Kinder es besonders schwer haben, ist Kiew.

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Zerstörung einer Kulturstätte: Der Andreewskij Spusk weicht Hotels.

 

Nachdem in der Sowjetunion Städte geplant angelegt wurden und das sozialistische Ideal repräsentieren sollten – mit Fontänen und Denkmälern und riesigen Parks und Erholungsanlagen – ist der Trend in den 90er Jahren radikal umgeschlagen. Seit Geld eine Rolle spielte, trachteten alle danach. Städte verloren ihr Gesamtkonzept, weil Geld sich plötzlich in den Händen von Privatpersonen befand, die in erster Linie auf eigene Gewinnmaximierung aus waren. Das Ergebnis ist, dass Geld das Leben regiert. Sogar Institutionen, die dafür geschaffen wurden, Kultur zu pflegen, sind letztlich Empfänger bestimmter Bestechungssummen, die sie passiv werden lassen. In Kiew werden Parks abgeholzt, alte Straßen und Häuser abgetragen, es wird gebaut. Gebaut werden entweder Privathäuser für Ukrainer oder Geschäftsräume für ausländische Unternehmen. Das prominenteste Beispiel dafür war der “Andreewskij Spusk”, eine alte Künstlerstraße, die auch das “Montmartre Kiews” genannt wird. Sie führte einen Berg hinab und an beiden Seiten hatten Künstler ihre Werkstätten und verkauften am Straßenrand ihre verschiedenen Arbeiten. Nirgends sonst war die Kultur der Ukraine so zu spüren, wie dort. Jetzt wurde ihr Jahrhunderte altes Steinpflaster ausgerissen, die Künstler vertrieben, zu beiden Seiten werden teure Hotels gebaut.

Nur wenige Meter weiter gibt es aber zwischen lauter Hinterhöfen und einem Abhang eine Allee, die eine Erfolgsgeschichte zu erzählen hat.

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Spielplatz wie im Märchen

Die “Pejzazhnaja Alleja”, oder “Aussichts-Allee” ist an dem Ort gebaut, wo ehemals die Wallanlagen der “Hohen Stadt” waren. Ihren Namen verdankt sie ihrer erhobenen Lage, von wo aus man gut auf die Stadt und den Dnepr blicken kann. Auf der einen Seite der kleinen Straße ist ein Abhang, auf der anderen Seite stehen Wohnhäuser. Dazwischen war lange leerer Raum. Die Allee war Teil eines größeren Projektes zur kulturellen Wiederbelebung des alten Kiews, das allerdings nie vollständig umgesetzt wurde. Was die leere Fläche betrifft, erging es ihr vor einigen Jahren ähnlich, wie jeder anderen freien Fläche in der Stadt. Sie sollte bebaut werden. Gerüchteweise hatte das Außenministerium, dessen Hauptgebäude gegenüber liegt, vor, einen Komplex dort hin zu setzen. Um das zu verhindern, baute der stadtberühmte Künstler Konstantin Skretutskij dort fabelhafte, bunte Skulpturen hin. Das Projekt kostete ihn umgerechnet etwa 100.000€, von denen etwa 15.000 von den Anwohnern der Häuser rund herum stammten. Die Anwohner hatten es gegen die Stadt zu verteidigen. Doch es gelang ihnen. Es gibt nicht viele Geschichten von Triumpf von Kinderspielplätzen und Kunst über Geld bei uns; aber das hier ist eine.

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Sieht gemütlich aus und lädt zum Schlafen ein, ist aber eine feste Skulptur. Bank in der “Pejzazhnaja Alleja”.

Die Allee mit ihren Skulpturen ist ein märchenhafter Ort, der vor kindlicher Naivität strotzt. Durch einen kleinen Durchgang zwischen Häusern betritt man einen erstmal typisch anmutenden Hinterhof. Dort aber eröffnet sich bald der Blick auf einen Spielplatz, dessen Blickfang eine fette, lila Grinsekatze ist, die über der Rutsche thront. Auch ein Kaninchen mit einer Taschenuhr und weitere Figuren aus “Alice im Wunderland” bilden Bestandteile des mit Mosaik ausgelegten Spielplatzes. Beinahe zu jeder Zeit, in der ich dort war, spielten dort Kinder. Man darf nicht vergessen, dass “Alice im Wunderland” eines der meistgelesenen Kinderbücher in der Ukraine ist. Ich selbst fühlte mich mit solcher Kraft in meine eigene Kindheit versetzt, dass ich am liebsten dort gespielt hätte.

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Tausendfüßler-Katzen

An den durchgängen stehen hohe Kissenstapel mit kleinen Engeln oben drauf. Erst wenn man sie berührt, glaubt man, dass hier keine echten Kissen aufgereiht sind. Bänke in Form von Kaninchen, Krähen und Kröten stehen auf dem Platz, riesige Spielwürfel dienen als Mülleimer. Eine Fontäne ist ein Elefant, auf dessen Rücken ein Mädchen, ein Welpe und ein Kätzchen spielen. Eine andere Fontäne sind zwei sich umarmende Zebras. Die Wände entlang zieht sich eine Tausendfüßler-Katze, in deren Maul Passanten sich gern fotographieren lassen. Der Pfad, auf dem man spazieren geht, ist mit Blumen besetzt und begrünt, es herrscht angenehme Stille.

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Dieser Elefant sieht für viele Erwachsene etwas gruselig aus, Kinder spielen aber vergnügt mit seinem Wasser.

Das ist alles unnötig. Es bringt niemandem Geld. Es hat sogar Geld gekostet. Doch die Anwohner und Besucher sind sehr froh darüber. Es ist sehr selten, dass wir mitten in einer Innenstadt wieder kleine, versteckte Wunder finden. Erst recht in einer, wie Kiew. Doch einmal hat man sich hier zur Wehr gesetzt – gegen die Regierung, gegen Geld und gegen Pragmatismus. Und hat sich dafür ein wenig Kindheit verdient.

 

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