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Das ganz klassische Ballett

21.05.2012, 08:00 Uhr  ·  Ich war im ukrainischen Ballett und habe dort auf Oberflächlichkeiten geachtet. Ein Abriss über Ästhetik im klassischen Tanztheater.

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Als ich das erste Mal mit ins Ballett genommen wurde, war ich drei Jahre alt. Das Stück war “Spartacus”. Ich müsste lügen, um zu behaupten, dass ich mich an daran erinnere. Doch ich erinnere mich an andere Stücke, die ich im Laufe der nächsten Jahre sah: An den Nussknacker, den Schwanensee, Giselle, Schneewittchen und viele weitere. Meine Eltern erzählen mir, wie begeistert ich schon immer vom Geschehen auf der Bühne gewesen bin. Wie ich das erste, zweite und dritte Klingeln, den Applaus, die Verbeugung der Tänzer zuhause nachspielte.
Jetzt, da ich wieder in der Heimat bin, will ich mir das Ganze noch einmal in der Gegenwart ansehen. Und dabei ergründen, was gerade das russische Ballett so unnachahmlich macht.

Dienstagabends bin ich pünktlich vor dem Operntheater in Kiew. Es ist ein rundes Gebäude im romanischen Stil, mit großem Vorplatz und vielen Verzierungen. Auch das Innere ist ganz traditionell gehalten: Weiße Stuckarbeiten, goldene Verzierungen, rote Teppiche, Kronleuchter. Der Saal ist rund, die Logen sind ebenfalls reich verziert und innen rot gepolstert. Hier hat sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts optisch nichts verändert. Anders sieht das beim Publikum aus. Hier kommen Menschen direkt nach der Arbeit oder mit Freunden vorbei. Zwar gibt es hier und da förmliche Kleidung – man kleidet sich in ukrainischen Städten auch im Alltag etwas aufwändiger – doch oft trifft man gerade zur heißen Jahreszeit einfache T-Shirts, Stoffhosen oder Jeans, einige sogar im Trainingsanzug. Viele Kinder laufen herum, vom kleinsten Alter an. Ballett ist in Kiew kein Oberschichtenphänomen. Es ist eine normale Freizeitbeschäftigung für das breite Publikum. Eine Karte kostet umgerechnet zwischen 2 und 30 Euro. Ich bezahle 20 Euro für meine. Man lebt ja nur einmal.
Vor Beginn der Vorstellung weist eine freundliche Stimme darauf hin, dass Mobiltelephone bitte ausgestellt werden mögen. Das wird nicht passieren. Im Laufe beider Akte nicht.

Bild zu: Das ganz klassische Ballett
CC BY-SA Sitomon

 

Das Stück heißt „Wiener Walzer” und ist relativ neu, Prämiere war 2001 in Kiew. Aleksej Baklan stellte die Musik der Familie Strauß – Johann (Vater), Johann (Sohn) und Josef Strauß – zusammen, zu einem Libretto von Aniko Rechviaschwili. Die Handlung kann einfacher nicht sein. Der einfache Komponist Franz ist mit Annel verlobt und wohnt mit ihr einer Brauhaus-Feier am Rande Wiens bei. Die Primaballerina Karla fährt vorbei, ihr Wagen bleibt liegen, sie nimmt notgedrungen an den Festivitäten teil. Franz verliebt sich in sie und vergisst seine Annel. Er besucht eine ihrer Tanzvorstellungen. Nach einem Techtelmechtel in ihrem Boudoir gesteht er ihr seine Liebe. Als sie sich auf einem Ball zu ihren Ehren wiedertreffen, ist sie von einer Schar neuer Verehrer umgeben und will von ihm nichts wissen, verschwindet stattdessen mit einem Grafen. In seinem Unglück geht er an die Donau und erinnert sich an die schöne Zeit mit Annel. Die vertragen sich, er schreibt einen Walzer über die Donau, er wird König der Komponisten. Sie heiraten, Friede, Freude, Eierkuchen. Am Rande haben wir zwei niedliche Städter als „comic relief”.  Beeindruckend ist die Tanzleistung des Grafen (strahlende Selbstsicherheit vermittelt durch Wadim Burtan) und des Franz (Maksim Motkov, der mich empfindlich an Sean Maher erinnerte, was hier aber nichts zur Sache tut).

Bild zu: Das ganz klassische Ballett
Karla wartet auf Franz in ihrem Himmelbett. Foto: Xenia Minosjan

 

Die Musik des Balletts ist zu großen Teilen in der Ukraine eine Neuheit. Baklan geht davon aus, dass fast die Hälfte davon auf ukrainischem Boden noch nicht gespielt wurde. Für meine in Deutschland aufgewachsenen Ohren sind die Strauß-Kompositionen zu großen Teilen vertraut. Die Tänze sind gut, doch es ist ersichtlich, dass die Musik nicht dazu entwickelt wurde, sondern anders herum. Alles in allem ist es ein unkompliziertes, aber schönes Stück. Eben etwas, das man allen Gesellschaftsschichten zeigen kann, das alle verstehen. Es gibt keinen doppelten Boden, keine übergelagerten Bedeutungsebenen. Das macht mir nichts. Ich gehe ins klassische Ballett, weil ich den menschlichen Körper gern in Einheit mit Musik beobachte. Ich beneide Ballerinas um ihre federleichten Bewegungen, von denen ich weiß, dass dahinter so viel Schweiß und Schmerz steht. Wie Arme und Beine ihre Gelenke zu verlieren scheinen, wie sie sich ganz schwerelos wie Federn im Wind der Musik wiegen. Wo Mimik, Gestik und Tanz auf die graziöseste aller Arten zusammenfinden. Es ist aber noch etwas Anderes, was ich mit kindischer Freude genieße.

Das russische (und in seiner Tradition auch das ukrainische) Ballett lebt auch von den Kostümen und Kulissen. Alle Kleider sind mit leichten Stoffen, Perlen, Stickereien und Schmuck raffiniert verziert. Die Kostüme sind originalgetreu. Willst du einen österreichischen Grafen darstellen, so ziehst du ihm einen österreichischen Gehrock an. Mit allen Knöpfen an den richtigen Stellen. Die Bühne selbst ist tief und hat Raum für diverse Vorhänge und Dekorationsebenen. Am Bühnenbild arbeiten namhafte Künstler, die nicht nur eine Atmosphäre erzeugen, sondern tatsächlich fast täuschend echte Realität schaffen. Wenn man vor einem Schloss spielt, dann ist das Schloss im Hintergrund gemalt. Auf der Ebene davor sind seitlich Vorhänge mit Statuen darauf. Davor ist ein echter Eisenzaun. Davor schließlich die Tänzer. Und im Vordergrund steht noch eine Laterne, die tatsächlich leuchtet. In der nächsten Szene ist sie schon nicht mehr da. Kurz, was man darstellen will, stellt man tatsächlich dar.
Für mich, die ich mich an westlichem Minimalismus im Theater sattgesehen habe, die ich bisher fast nur in modernisierte Stücke gehen konnte, ist das wie eine Offenbarung. Es ist hier etwas Neues, beim Alten zu bleiben.
Ich möchte mich damit nicht gegen das moderne Tanztheater oder Theater generell aussprechen, in dem wir es häufig mit einem schwarzen Hintergrund und spärlich, aber bedacht gesetzten Bühnenelementen zu tun haben. Ich lasse meine Aufmerksamkeit und Emotion gern auf innovative Weise von der Hand eines Gestalters führen. Doch ich erinnere mich noch sehr gut an einen tragischen Theaterbesuch, wo Schillers Räuber in Lederjacken vor schwarzer Wand Dosenbier tranken und dabei ihre Texte aus dem 18. Jahrhundert herunterleierten. Das war für mich ein Paradebeispiel liebloser Modernisierung, die teilweise mehr nach Faulheit riecht, als nach Konzept.

Bild zu: Das ganz klassische Ballett
Karlas Wagen ist liegen geblieben. Alle beobachten, wie der Chauffeur tänzerisch einen Reparaturversuch mimt. Foto: Xenia Minosjan

 

Die Wahrheit ist doch, dass man auch gern etwas Angenehmes sieht. Ohne die Trennung von Kunst und Ästhetik aufheben zu wollen, ist es nun mal menschlich, dass wir gern Schönes sehen. Die klassischen Bewegungen im Ballett sind schließlich auch an Ästhetik orientiert: Wie sieht der menschliche Körper möglichst schön aus? Damit ist schon die Wurzel des Spitzentanzes ästhetischer Natur.
Tanz ist schon an sich eine recht abstrakte Erzählform einer Geschichte. Es ist daher umso interessanter, wenn die abstrakte, stumme Erzählweise eingebettet ist in eine nicht abstrakte Umwelt. Gerade weil die Bürger der Stadt choreographiert eleganteste Bewegungen bei ihrem Volksfest tanzen, ist es interessant, wenn mitten auf die Bühne ein wirklicher Wagen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts gerollt kommt. Gerade weil die erotischen Handlungen zwischen Karla und Franz nur tänzerisch angedeutet werden, ist es schön, dass in ihrem Zimmer wirklich eine Schminkkommode mit einem echten Spiegel steht. Es ist eben nicht die unheilvolle, aufmerksamkeitserregende Leere, die den Blick anzieht, sonderm im Gegenteil die Liebe zum Detail.

Bild zu: Das ganz klassische Ballett
CC BY-ND Salvatore Freni

 

Es ist schwierig, das klassische Ballett zu vermitteln. Sogar wenn Größen wie das Bolschoi-Theater auf Tournee nach Deutschland kommen und dort den Schwanensee aufführen, kann man noch immer keinen Blick auf das echte Ballett erhaschen. Denn dazu gehört eben auch eine große, tiefe Bühne, Trilliarden von Vorhängen und Bühnenbildern und, nicht zuletzt, der Saal an sich. Tournee-Truppen müssen sich mit Licht und wenig Bühnenbild behelfen, spielen zuhause in ganz anderem Rahmen.Wenn ich getanzte Märchen sehe, will ich nicht wissen, in welchem Jahrhundert ich mich befinde. Ich möchte es sogar aktiv vergessen.

Nach eifriger Recherche der Alternativen bleibt mir aber am Ende keine andere Empfehlung, als einmal dem russischen Ballett-Theater in seinem natürlichen Habitat einen Besuch abzustatten. Es wird sich lohnen.

 

 

 

 

Veröffentlicht unter: Theater, Tanz, Ballett

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