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Gedankenfreiheit, Weib und Gesang – ein kleines Kuriosum aus dem Volksliedertum

28.05.2012, 08:00 Uhr  ·  Was hat eigentlich Gedankenfreiheit mit Wein und Frauen zu tun? Die Geschichte der letzten Strophe von "Die Gedanken sind frei".

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Es heißt, deutsches Volksliedgut sei aus der Mode gekommen. Das sei nicht unbedingt bedauerlich, heißt es aus anderen Ecken. Was auch immer wir von der guten alten Populärmusik vergangener Generationen halten wollen – sie bleibt mindestens ein bedeutendes historisches Dokument, und es ranken sich interessante Geschichten darum.
Manchmal kommt es sogar vor, dass ich selbst auf der Gitarre ausnahmsweise alte Lieder anstimme. In den Kreisen, in denen ich mich bewege, ist beispielsweise „Die Gedanken sind frei” recht beliebt.

1. Die Gedanken sind frei
wer kann sie erraten?
Sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
k
ein Jäger erschießen
mit Pulver und Blei:
Die Gedanken sind frei!

2. Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still’
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren

kann niemand verwehren,

es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei!

3. Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
Die Gedanken sind frei!

4. Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
Die Gedanken sind frei!

5. Ich liebe den Wein,
mein Mädchen vor allen,
sie tut mir allein
am besten gefallen.
Ich bin nicht alleine
bei meinem Glas Weine,
mein Mädchen dabei:
Die Gedanken sind frei!

 

 Das Lied ist in seiner Botschaft tatsächlich völlig zeitlos. Seit über zweihundert Jahren weist es uns in einer ständigen Gefahr der Zensur darauf hin, dass es eine Sache gibt, die dem Menschen unter keinen Umständen genommen, zensiert, verändert werden kann – nämlich seine eigenen Gedanken.  Keine weltliche Macht kann sie beeinflussen. Das Lied spricht sogar von harter Strafe, von Gewalteinwirkungen von außen („Und sperrt man mich ein…”), doch denken kann man, was man will. So weit, so beruhigend. Und dann kommt die fünfte Strophe.

Was, um Himmels Willen, hat denn nun der Wein damit zu tun? Ein vormals durch und durch politisches Lied wird auf den letzten Akkord hin noch zum Sauf- und Schunkellied? Der Protagonist scheint an dieser Stelle nicht einmal Gedanken zu haben!

Ich erspare dem Leser an dieser Stelle die genauen Details der Entstehung des Liedes, die im Übrigen auch gar nicht genau bekannt sind. Wir wissen, dass es etwa Ende des  18. Jahrhunderts entstand in einer Zeit der deutschen Sehnsucht nach Freiheit und Einigkeit. Gedankenfreiheit war um die Zeit Thema, auch Schiller beschäftigte sich damit in seinen Werken. Die fünfte Strophe war damals noch kein Bestandteil des Liedes. Die tauchte erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Hoffmann von Fallersleben veröffentlichte das Lied 1842 in einer Sammlung und überarbeitete in diesem Zuge die vierte Strophe. Ob die fünfte von ihm ist, ist – nach allem, was ich herausfinden konnte – unbekannt.

Eine halbherzige Interpretation findet sich bei David Robb. Er schreibt, dass sich im Lied der Zwiespalt zwischen deutschem Revolutionsgeist und Rückzug in heimischen Komfort ausdrückt. Nach der martialischen Ansage, dass selbst Mauern und Kerker Gedanken nicht aufzuhalten vermögen, erscheint es widersprüchlich, dass man von eher privaten, romantisch-verträumten Vergnügen schwärmt. Er stellt auch die Ironie heraus, dass die letzte Strophe genau das ist, was die Zensoren im 19. Jahrhundert in Deutschland ja auch erreichen wollten.

Ist das also der Siegeszug der Zensur? Der zahme Geist der Deutschen? Gerade wegen der Widersprüchlichkeit möchte ich das so nicht stehen lassen. Die Version des Linguisten und Volkskundlers Wolfgang Steinitz ist interessanter. Ihm ist aufgefallen, dass das Lied in einigen wichtigen Liedersammlungen im Vormärz nicht auftaucht und damit vermutlich verboten war. Seine Vermutung geht dahin, dass diese jüngere, letzte Strophe eigentlich gar nicht die letzte Strophe war, sondern die erste. Sie wurde nachträglich dazu gedichtet und vorangestellt. Es ist durchaus möglich, dass der Titel auch nicht lautete: „Die Gedanken sind frei”, sondern „Ich liebe den Wein.”

Der Trick war also folgender: Wenn ein Zensor einen Stapel Werke zur Überprüfung auf dem Schreibtisch hatte, las er hauptsächlich die Titel der Lieder und überflog die ersten Zeilen. In diesem Fall dachte er also bei „Ich liebe den Wein” an das hundertdrölfzigste Sauflied und genehmigte es. So konnte der Text verbreitet werden.

Später wurde die Strophe dann ans Ende des Liedes gestellt (schließlich schmeißt man Gedichtetes nicht so einfach weg) und irritiert dort seitdem jeden, der über den Text nachdenkt.

Wir haben es hier mit einem Fall zu tun, in dem die kreative Findigkeit und Dreistigkeit unserer Vorfahren ein Stück wichtige Kultur in unsere Zeit gerettet hat. Manchmal muss man sein eigenes Werk eben auch ein wenig verderben, um es rüber zu bringen. Wir können diese Mühe schätzen, indem wir diese Lieder jetzt nicht sterben lassen. Denn Desinteresse ist die heftigste Form der Zensur und wir können durch Vergessen mehr vernichten, als die Zensoren jemals geschafft hätten.
Andererseits sind wir ebenfalls gefordert, das, was uns wichtig ist, durch Findigkeit und Dreistigkeit durch die Widrigkeiten unserer Zeit zu bringen.

Darauf trinke ich.

 

 

 

Randnotiz:
Man könnte meinen, das Lied “Der Typ, der bei der GEMA die Titel eintippt, ist ein ganz blöder Penner” von Eure Mütter sei ein ähnliches Beispiel. Aber es ist nicht wirklich ähnlich.

 

Veröffentlicht unter: Musik, Lyrik

 
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