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Was die Jugend im Wald tut

11.06.2012, 08:00 Uhr

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Ich bin wieder da. Jeder Muskel in meinem Körper tut mir weh, als ich den schweren Seesack in die Ecke wuchte. Meine Füße sind an einigen Stellen etwas blutig und der Saum meines Kleides ist vor Gras-, Erd- und Weinflecken ganz bunt. Das Wasser, mit dem ich meine Hände wasche, färbt sich dunkelgrau. Ich würde gern ausruhen, aber ich muss vorher noch einen Artikel schreiben. Diesen Artikel.

Die Frage, der ich darin nachgehe, ist, warum ich mir das eigentlich antue. Warum schleife ich mehr als 30 Kilogramm Gepäck auf eine Pferdewiese irgendwo im Niemandsland,  um dort ein Wochenende lang in einem kalten Zelt zu wohnen, seltsame Gewandung zu tragen, Holz zu hacken und zu spülen und das alles in einem Zeltdorf voller eigenartiger Menschen?  Die kurze Antwort ist: weil ich LARPer bin. Aber mit kurzen Antworten wollen wir uns nicht aufhalten. Wie Menschen ihre Freizeit verbringen, sagt schließlich viel über die Gesellschaft aus.

LARP – „Live Action Role Play” – ist ein inzwischen verbreitetes Hobby, über das man schon mal gestolpert sein mag. Im Prinzip ist es mit Improvisationstheater zu vergleichen, bloß ohne Zuschauer. Jeder der Teilnehmer sucht sich seine Rolle selbst aus und spielt in einer Welt und in einem Kontext, die von den Organisatoren und der Spielleitung grob vorgegeben wird. Das kann in der Zukunft sein, in einer postapokalyptischen Welt, in der realen Welt mit mystischen Ergänzungen; das  verbreiteteste Konzept ist aber eine mittelalter ähnliche Welt mit Fantasy-Elementen, also mit Elfen, Zwergen und Magie. Je nach Setting werden passende Spielorte gesucht. Schlösser oder Wälder werden vorbereitet, um die Wirklichkeit für einen Abend, ein Wochenende oder eine ganze Woche zu vergessen.

Es gibt viele Gründe, warum sich dieser Zeitvertreib stetig wachsender Beliebtheit erfreut. Einer der Anreize sind die vielen verschiedenen Komponenten und Beschäftigungen, die es in sich birgt.
Erstens: Man kann Handwerker sein. Obwohl es Kostüme zu kaufen gibt, schneidern, nähen und basteln sich die meisten Spieler Teile ihrer Ausrüstung und Gewandung selbst. Ob es darum geht, ein spieltaugliches, sicheres Schwert aus einem Fieberglaskernstab, Schaumstoff und Latex herzustellen, oder ein Kleid zu entwerfen und zu nähen, oder eine Flasche mit Leder zu verkleiden, damit sie ins Ambiente passt – es ist viel Raum zum Gestalten und zum Arbeiten, schon lange vor Beginn der eigentlichen Veranstaltung.
Zweitens: Man kann  Autor sein. Als Spieler muss man sich Gedanken machen, welchen Charakter man spielt, wie seine Vorgeschichte ist, wie seine Persönlichkeit ist, was er kann, was er nicht kann und was er will. Die Spielleitung arbeitet beständig an der Hintergrundwelt – welche magischen Gesetze gelten, welche Kreaturen gibt es? Auch muss ein Handlungsfaden erstellt werden, der die Spieler einbindet. Zum Beispiel eine Bedrohung durch eine feindliche Armee, einen Magier oder höfische Intrigen. Ein guter Handlungsfaden und gute Charaktere halten viele Jahre.
Drittens: Man kann Schauspieler sein. Ein großer Teil von LARPern mag es, sich in einer Schlacht mit Schaumstoffwaffen zu prügeln oder Rätsel zu lösen. Doch darüber hinaus ist immer auch der Anreiz gegeben, seinen Charakter einfach möglichst überzeugend darzustellen. Wenn man einen Adeligen spielt, möchte man die Anwesenden schon durch seine Präsenz dazu bringen, einen zu respektieren. Einige Charaktere können nicht einmal Kämpfen und mischen sich nicht in den Plot, also in die Grundhandlung, ein. Sie sind da, um ihren eigenen Zielen nachzugehen, oder einfach, um anderen Freude zu bereiten. Denn beim LARP sind alle Schauspieler – aber es sind eben auch alle Zuschauer.
Viertens: Man kann Politiker sein. Die meisten Charaktere werden über viele Jahre bespielt. Die Hauptzeit des LARP ist natürlich im Sommer, wenn man gut draußen spielen kann. Im Jahr gibt es bei passionierten LARPern viele Veranstaltungen, die sie mit demselben Charakter, oft im Rahmen derselben Hintergrundwelt, besuchen. Meist ist eines der Ziele der persönliche Aufstieg des Charakters. Man tritt in Beziehungen, man versucht, an Geld zu kommen und manchmal an Macht. Damit wird das Spiel zum Testplatz für eigene Fähigkeiten – Überzeugungskraft,  kaufmännisches Geschick und strategische Planung. Ich glaube sogar, dass dieses Hobby beruflich gut weiterbringen kann, weil man mutiger ausprobieren kann, wozu man in der Lage ist. Erfahrungen aus verschiedensten Situationen nimmt man immer mit.
Fünftens: Man ist Sportler. Ich schreibe bewusst nicht „Man kann Sportler sein”. Ich glaube nicht, dass es da eine Wahl gibt. Wenn man Fantasy-LARP macht, macht man das meistens in der Natur. Und meistens an der frischen Luft. Und meistens eben mit viel Gepäck. Ob es Märsche sind, oder nur das Wasserholen zum Geschirrspülen – man ist auf Achse. Das gilt ganz besonders für Männer und einige Frauen, die sich das alles in einer vollen Rüstung antun. Fitnesscenter sind ein Witz dagegen.
Sechstens: Man kann Kind sein. In unserer Kindheit waren wir alle Rollenspieler. Wir waren Cowboys und Indianer, Räuber und Polizisten, Prinzessinnen und Ritter. In gewisser Weise setzen wir das auf höherem Niveau einfach nur fort.

Es gibt beliebte Erklärungsversuche, laut denen LARP eine Form des Eskapismus aus einer immer mehr mit Anforderungen beladenen Welt darstellt. Man sieht Spieler dabei als vom Leben überforderte Menschen, die sich in eine alternative Welt und in andere, mächtigere Selbstkonzepte flüchten, um sich potenter zu fühlen. Wenn an dieser Sicht etwas dran ist, dann ist sie jedenfalls nur ein Teilaspekt.
Es ist auffällig, dass gerade in einer Zeit, die immer technikbegeisterter, immer vernetzter und komfortabler ist, gerade Themen auf dem Vormarsch sind, die scheinbar rückwärtsgewandt, unbequem und untechnisch sind. Auf dem Buchmarkt ist das Fantasy-Genre im letzten Jahrzehnt auf fast 8% des Marktanteils gewachsen. Die Popularität des Herrn der Ringe, Harry Potter und (man vergebe mir an dieser Stelle) zuletzt Twilight scheinen für eine Sehnsucht nach dem Fantastischen und Unerklärlichen zu stehen. Welchen Stellenwert nimmt das in einer Welt ein, die mit ihrer Wissenschaft doch im Gegenteil erklärungswütig ist? Warum trennt sich gerade meine junge Generation freiwillig für eine ganze Woche von Internet, Facebook und fließend Wasser?

Ich glaube, die einfache Antwort ist: Erholung. Erholung bedeutet in erster Linie Wechsel der Tätigkeit. Ein Wanderer sitzt, wenn er sich erholt, während ein Büroangestellter zur Erholung eher spazieren geht.  Wenn ein großer Teil des Lebens darin besteht, ständig über alles informiert zu sein, virtuell mit allen zu sprechen, zig Emails zu beantworten, zu sitzen und zu arbeiten, dann ist die natürlichste Form der Erholung das genaue Gegenteil. Also ein technisch eingeschränktes Leben mit der Möglichkeit der Konzentration auf eine einzige Aufgabe, körperliche Betätigung und Umgang mit realen Dingen. Um letzteres zu verstehen, führe man sich einfach folgende Szene vor Augen.

Ich beantworte in der Woche mehrere hundert Emails, habe einen Termin am anderen und das meistens, ohne aus meinem Bürostuhl aufzustehen. Am Wochenende habe ich eine Aufgabe – versorge als Mitglied des Trosses deine Soldaten. Allein für ein einfaches Essen bedeutet das: am Sonnenstand abschätzen, wann Zeit für das Mittagessen ist, Holz sammeln und zerkleinern, Wasser holen, rohe Zutaten mit einfachsten Mitteln zu Unmengen von Eintopf verarbeiten. Das ist anstrengend und man bekommt schwarzen Dreck unter die Fingernägel und Flecken auf die Kleidung. Aber das ist Teil des Reizes. Alles ist stofflich, greifbar. Ich habe Zeit, ohne Ablenkung einer Beschäftigung nachzugehen. Und wenn ich esse, weiß ich, was in diesem Essen alles drin ist, bis hin dazu, wie der Ast aussah, in dessen Hitze das Essen gegart wurde. Ein solches Verständnis geht uns bei Mikrowellengerichten vollkommen ab. Wir sind auf LARP in einer Welt, die wir wirklich verstehen können.

Aus einer anderen Perspektive, nämlich der des Soldaten, hat es auch etwas Natürliches. Hier ist LARP die gesellschaftlich akzeptierte Form von Lösung von Konflikten durch Gewalt. Wenn mir etwas nicht passt, habe ich mein Schwert. Die meisten Spieler sind dabei im wahren Leben sehr friedfertig und es gelten immer strenge Sicherheitsvorschriften. Gerade darum ist es ein so gutes Ventil, etwaige Aggression in einem geregelten Umfeld mit Spaß auszuleben. Das Kampftraining ist dabei eine Steigerung des Körperbewusstseins. Wie bewegen sich meine Arme und Beine, wo ist mein Schwerpunkt, wie viel Kraft kann ich aufbringen? Im modernen Leben geht uns dieses Bewusstsein ohne Sport verloren. Grundschulkinder können oft nicht mehr rückwärts laufen, weil es ihnen an Erfahrung mit ihrem Körper fehlt.

Im Jahr 2012 ist unsere kulturelle Evolution unserer biologischen Evolution sehr weit voraus. Unser Körper ist für ein anderes Leben gemacht, als wir es haben. Im Rollenspiel kehren wir freiwillig für eine Weile auf den technischen Stand zurück, mit dem wir biologisch gut zurechtkommen, der für den Körper und den Geist gesund ist.  Dadurch erholen wir uns.

Ich schreibe das alles auch, weil ich mich immer so freue, wenn Menschen mit Problemen auf produktive, kreative Weise umgehen. Es gibt schließlich auch gefährlichere Wege, der Überforderung des Alltags zu entkommen. Mit Freunden Sport in der Natur zu machen, und dabei auch noch kreativ und schauspielerisch zu sein, ist mit Sicherheit einer der besseren. Es lohnt sich sehr, es einmal zu probieren.

 

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