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Salon Skurril

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Man kann sagen, Kunst ist unnötig. Und man hätte recht. Kunst gehört nicht zu den überlebenswichtigsten Dingen, um die man sich kümmern muss,

Aufmerksamkeitsspanne. Dreckmist.

| 11 Lesermeinungen

Während unser Leben schneller wird, nimmt die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne ab. Das ist politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich schlecht. Ausnahmsweise ist nicht nur das Internet Schuld und diese Warnung ist nicht konservativ.

Während unser Leben schneller wird, nimmt die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne ab. Das ist politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich schlecht. Ausnahmsweise ist nicht nur das Internet Schuld, und diese Warnung ist nicht konservativ.

Auch während ich diesen Artikel hier tippe, habe ich nebenbei drei Tabs offen, auf die ich hin und wieder umschalte. Erstens lese ich Nachrichten, zweitens habe ich eine Seite mit lustigen Bildern und drittens chatte ich mit einem Kumpel. Vielleicht ist es die räumliche Nähe (alles auf demselben Bildschirm), die mir weis macht, es sei gar nicht so schlimm, mal umzuschalten. Aber Tatsache ist: ich kann eben nicht mehr anders. Für mich, wie für viele andere meiner Generation, ist Multitasking zum normalen Stil geworden.

Ich bin ja normalerweise ein Mensch, der sehr über die Vorzüge und Chancen des Internets redet. Ich meine, wir haben hier mal eben eine Technik geschaffen, mit der wir den Raum überwunden haben. Zumindest kommunikativ. Ohne mich jetzt in die Einzelheiten zu vertiefen, hat das enormes Potential für unsere Gesellschaft. Aber wenn ich etwas lobpreise, muss ich auch objektiv auf die Gefahren schauen. Es gibt nun mal keine Lösungen, die nicht selbst neue Probleme generieren. Was ist also das Problem, das mit unglaublich schneller und flächendeckender Kommunikation und Information einher geht? Wir schalten sehr schnell um. Von Einem auf das Andere. Von Nachrichten auf Comics, von Freunden auf Kollegen, von Freizeit auf Arbeit und zurück. Es gibt nicht mehr so richtig getrennte Orte, an denen wir eine einzige Handlung vollziehen. Und es gibt so viel Interessantes, durch das man sich unterbrechen lassen kann! Das führt dazu, dass der Mensch es gewöhnt ist, seine Konzentration in kürzeren Zeiteinheiten umzuschalten. Und das verringert unsere Gewohnheit, uns länger auf etwas zu konzentrieren, sodass es uns zunehmend schwer fällt.

Böses Internet.

Obwohl, ehe es mal wieder das Internet war, sollten wir vielleicht noch einmal genauer hinschauen, was in den gewohnten Teilen unserer Gesellschaft passiert. Ich hatte zum Beispiel im letzten Jahr etwas mehr mit Medien zu tun. Mit diesen ganz alten, also Fernsehen, Radio und Zeitung. Wenn dort Beiträge geplant wurden, habe ich mich regelmäßig darüber beschwert, dass man so ein komplexes Thema wie Sozialpolitik zum Beispiel nicht in einem so kurzen Beitrag abhandeln kann.

„Ja, das wissen wir auch“, antwortete mir dann üblicherweise der Autor: „Aber im Fernsehen können Sie nichts Längeres bringen. Nach drei Minuten haben wir den Zuschauer verloren, dann schaltet der ab“. Machen Sie sich mal den Spaß und messen Sie die Länge von Beiträgen in den Nachrichten. Komplexe Inhalte werden in Sekunden erklärt. Unnötig zu sagen, dass das fast immer völlig unzureichend ist, und dass sich Experten regelmäßig die Fußnägel hochrollen, wenn sie einen Beitrag über ihr Fachgebiet im Fernsehen sehen.

Wenn wir uns die klassischen Medien ansehen, haben wir auch hier immer kürzere Artikel, größere Überschriften, mehr Bilder, schnellere Themenwechsel. Unsere gesamte populäre Medienlandschaft gleicht einer freiassoziativen Gedankenkette. Wir schreien sehr viel an der Oberfläche herum und gehen selten in die Tiefe. Für viele ist es sogar schon ungewöhnlich, ein Buch zu lesen und dreihundert Seiten lang bei einem Thema zu verweilen.

Das Resultat daraus ist, dass wir als Gesellschaft kaum noch in der Lage sind, über komplexe Themen zu diskutieren. Wir beobachten das in allen Bereichen, zum Beispiel in der Wirtschaft. Weil man daraus eben keinen zehnminütigen Beitrag drehen kann, werden wirtschaftliche Themen auch in den Nachrichten mit fast mystifizierenden Ausdrücken abgehandelt, ohne Einblick in das wirkliche Problem zu gewähren. Sonst müsste sich der Zuschauer auch viel zu viel merken. Bei allen Forderungen nach mehr Demokratie ist es aber höchst bedenklich, dass die breite Masse nicht mehr eine halbe Stunde bei demselben Thema verharren kann.

„Wir müssen eben darauf achten, dass die Leute mit der Aufmerksamkeit dabei bleiben. Da darf man nichts zu Langes machen“, sagte man mir auch beim ZDF.  Beim ZDF! Das ist öffentlich-rechtliches Fernsehen, das nicht einmal auf Einschaltquoten angewiesen ist! Medienmacher, ob nun neue oder klassische, richten sich nach einem ominösen Zuschauer und trauen ihm bestimmte Dinge zu und bestimmte nicht. Und dabei wird ein wichtiger Prozess ausgelassen: Nämlich dass Medienkonsum diesen selben Zuschauer ja auch formt.

Wenn ich mit wenig Aufmerksamkeitsspanne rechne und darum kurze Beiträge produziere, gewöhnt sich mein Leser daran, und seine Aufmerksamkeitsspanne sinkt. Es ist ein Teufelskreis.

Und Sie fragen jetzt: Aber was tun, oh aufgeregte Blogautorin? Es ist ja nun kein neues Problem!

Aus einem Teufelskreis kann man an mehreren Stellen aussteigen, und zwar dann am besten gleichzeitig. Auf Seite des Konsumenten kann man seine Aufmerksamkeitsspanne bewusst trainieren. Zum Beispiel, in dem man sich von einer Tätigkeit mal gezielt nicht ablenken lässt. Indem man mehr Bücher liest. Indem man lange Texte kurzen vorzieht. Nur ein Browserfenster parallel offen haben. Beim Essen mal nicht fernsehen, sondern nur essen. Oder nur fernsehen. Auf jeden Fall dem Wort „nebenbei“ eine kleinere Bedeutung im Leben zukommen lassen.

Von Seite der Medien zähle ich da vor allem auf die Öffentlich-Rechtlichen. Die könnten sich eigentlich mal mit etwas Chuzpe aus dem Diktat der schnelllebigen Konkurrenz hinausstehlen und wieder mehr Sendungen mit Anspruch produzieren. Wieder in die Tiefe gehen. Und einfach mal sehen, wie das ankommt. Schaden kann es kaum, aber vielleicht sehr viel retten.

Tatsächlich sind weder das Problem, noch die zaghaften Lösungsvorschläge neu. Ich komme mir selbst wie eine Konservative vor, wenn ich das schreibe. Die warnen schließlich seit Jahrzehnten vor einem Verfall der kognitiven Fähigkeiten zugunsten der schnellen Information. Aber ich bin eben nicht konservativ. Ich gehöre zu der Generation dieser ominösen „jungen Leute“, die alles gleichzeitig wollen und die ständige Angst kennen, irgendwas zu verpassen. Ich möchte selbst Vieles verändern, ich möchte einzelnen Menschen mehr Freiheit und mehr Verantwortung in die Hände legen, ich möchte sie informieren, ich möchte, dass alle Menschen über wichtige Gesetze mitentscheiden. Und gerade WEIL ich nicht will, dass alles beim Alten bleibt, möchte ich die Informationslandschaft qualitativ bereichern. Natürlich will ich, dass Menschen, die über Gesetze abstimmen, diese auch gelesen haben. Ich warne hier nicht vor einem Verfall der Zivilisation. Ich fordere gerade alle Veränderer, alle Progressiven auf, ihre Vision der Zukunft zu formulieren und die Bedingungen dafür zu schaffen. Und dazu gehört die schnelle Information genau so wie die Fähigkeit, als Gesellschaft über komplizierte Themen zu sprechen. Bisher erlebe ich, dass jeder meiner Freunde das Problem kennt und auch Witze darüber macht, aber wenig ernsthafte Bemühungen, es anzugehen. Und weil diese Frage von der politischen Richtung unabhängig ist, könnten wir sie mal auf einem ernsthafteren Level diskutieren, als bisher. Also wirklich die Einflussmöglichkeiten auf Rundfunkanstalten nutzen, uns überlegen, wie Schule auf so ein Problem reagieren muss, und vor allem verbalisieren und darauf aufmerksam machen. Und zwar ohne Weltuntergangsstimmung.

Wenn Sie diesen Text bis hierher gelesen haben, müssen Sie kein Stück stolz auf sich sein. Er war nur drei Seiten lang. Drei Seiten sind eigentlich nichts. Aber machen Sie sich nichts daraus und malen Sie nicht den Teufel an die Wand. Die Zukunft wird ganz großartig! Wenn wir nur sehenden Auges hingehen.

 

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11 Lesermeinungen

  1. tl;dr...
    tl;dr

  2. Privatmedien und das...
    Privatmedien und das Mitmachnet haben vor allem eins gebracht: das Umkippen der Demokratie zur Ochlokratie. Heute können also auch und gerade dumme Leute mit IQs zwischen 70 und 115 ( für das Verständnis physikalischer Phänomene ist auch die Obergrenze zu dumm, Stichwort “ Energiewende“) die öffentliche Meinung bestimmen. Deshalb haben Sie meines Erachtens den fehlerhaften Eindruck, Multitasking verhindere die Intensiv- und Tiefendiskussion wichtiger Themen. Nein, die Tiefendiskussion wird verhindert durch die Masse der Dummen, denen hochintelligente Mentalhacker(=Politiker) ihre vordergründigen hedonistischen Wünsche erfüllen eben ohne Detaildiskurs. Die erwähnte Energiewende ist aus Sicht der europäischen Aufklärungskultur noch nicht einmal das schlimmste Resultat des herrschenden Nicht-Diskurses. Das für den Erhalt einer wissenschaftlichen Hochkultur vernichtenste Resultat der Ochlokratie ist die Selbstabschaffung dieser Kultur, die seit Jahrzehnten vorliegenden Erkenntnisse zur genetisch bedingten Intelligenz hat Sarrazin bestens zusammengefaßt. Der Kluge akzeptiert die Zwangsläufigkeit dieses Verfalls im Sinne des Kreislaufs der Verfassungen und stellt sich darauf ein. Jüngere sollten auswandern, Ältere wie ich sich in bis in die 30er autochthon bleibende Gebiete zurückziehen. Für Reichere: Tegernsee, für Ärmere tut es auch Brandenburg.

  3. Nachvolziehbarer Einstieg in...
    Nachvolziehbarer Einstieg in ein uraltes Thema: Lernen mit Information umzugehen. Neu ist nur die rasante Geschwindigkeit, mit der neue Medien fortwährend versuchen die individuelle Aufmerksamkeit zu erregen – und dabei im Wettstreit mit unzähligen Marktkonkurrenten (Wissen, Journalismus, multimedial, international, da global vernetzt) wetteifern (müssen?), und nebenbei die Nutzungsrechte, Copyright und Urheberrecht beachten sollen. Viele Menschen müssen davon leben. Vergleichbar mit der „alten“ wissenschaftlichen Arbeit könnte die „Eindringtiefe“ – z.B. Primär- und Sekundär-Literatur – in das Elaborat in Stufen so klassifiziert (tagging) werden, dass der Ersteller (Informationsquelle) als auch der Vertrieb und die „Konsumenten“ wissen, welches Niveau – und damit welcher Zeitaufwand und welches Ausbildungswissen – zur sinnvollen Informations-Aufnahme und Verarbeitung bzw. zum „Konsum“ (Wissens- oder Unterhaltungswert) dem präsentierten Informationswerk zugrunde gelegt wird. – Vergleichbar – aber noch sehr ungenau – und erst durch die individuelle „Übung“, als persönliche Erfahrung im Zeitaufwand des Zeitungs-, Magazin- oder Fachliteratur-Lesens sind heute schon Begriffe wie „BILD“-Niveau, „Klatschpresse“, „Qualitätsjournalismus“, „Hobby-Schreiber“, „Schriftsteller“, Marktschreier“, „Privatsender“, „öffentlich-rechtlich“, „Werbesender“, „Yellow Press“, und weitere unzählige Unterscheidungsmerkmale des internationalen Fachliteratur und Presse-Angebotes.
    – Vielleicht bringt das auch uns Leser weiter, die wir so oft den Verdacht äußern, vom medialen Angebot überflutet zu werden.

  4. Es ist tatsächlich fatal dass...
    Es ist tatsächlich fatal dass öffentlich-rechtliches Fernsehen ebenso quotengeil ist wie Privatsender. Die Ursache dürfte daran liegen, dass unsere Politiker das so wollen.

  5. Nun ja, die...
    Nun ja, die Öffentlich-rechtlichen sollen es zu richten versuchen. Aber da ist es glaubich schon zu spät. Kurioserweise scheint es da, wo man Konzentration einüben könnte, auch falsch zu laufen. Während früher in der Schule die 45-Minuten-Unterrichtsstunde der Standard war, ist es heute eher die Doppelstunde à 90 Minuten. Und während seinerzeit mit Wandtafel und Kreide hantiert wurde und so zumindest im Prinzip jeder mitkommen konnte, wird heute mit größtmöglicher Geschwindigkeit elektronisch präsentiert. Von unseren jungen Leuten erwarten wir also durchaus die Konzentrationsfähigkeit eines Schachgroßmeisters.
    Irgend etwas paßt da nicht zusammen.

  6. Wann ist Information...
    Wann ist Information Bringschuld? Mit dieser Frage möchte ich Ihr Thema ein wenig erweitern. Jeder will, spätestens hinterher, alle Informationen, die für seine Entscheidung, seine Handlung wichtiggewesen wären. Zum Beispiel verklagen Kämmerer ihre Bank auf mangelhafte Beratung. In allen Branchen hat der Konsumerismus dazu geführt, daß sich die Firmen, die Ärzte, die Leistungserbringer umfangreich absichern müssen. Ob durch QM oder durch Aufklärungsquittungen. Entweder setzt man sein Häkchen oder der Download funktioniert nicht, der Arzt operiert nicht. Das bringt niemanden weiter, den uninformierten Verbraucher nicht und den Leistungserbringer auch nicht. Vor Gericht aber, ist der Notar, der Anwalt oder die Diplomkauffrau kraft „Verbraucherstatus“ das schützenswerte Opfer des skrupllosen Malers, Gärtners oder Sparkassenangestellten.
    Wo bleibt die HOLSCHULD für relevante Informationen? Wann lernen die Menschen wieder, Informationen zu sammeln, zu honorieren, zu bewerten und eigenverantwortlich zu entscheiden?
    PS haben Sie Neil Postman gelesen? deutsch Wir amüsieren uns zu Tode

  7. Vor-bestimmt vom letzten...
    Vor-bestimmt vom letzten Gläubigen
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    „Und weil diese Frage von der politischen Richtung unabhängig ist, könnten wir sie mal auf einem ernsthafteren Level diskutieren, als bisher.“ Und das genau ist der Trugschluss. Die politische Richtung ist allesentscheidend. Allerdings nicht die parteipolitische. Das System selber, der Kapitalismus, ist e i n e politische Richtung. Die Ambivalenz des Systems ergibt sich nicht dank einer gewissen Richtungslosigkeit, sondern ob der Tatsache, dass „wir“ das System machen, das das „Wir“ wiederum bedingt. Die scheinbare Richtungslosigkeit steht somit nur für eine diesbezügliche Unbewusstheit. Die „bewussten“ Akteure dieses Systems sind aber weder die Parteipolitiker noch die Medienrepräsentanten. Meist sind jene unsichtbar, virtuell quasi, wie die Bewegung des (Finanz-)Kapitals selber. Wo wir zum Beispiel dann von „Bilderberger“ oder von „Rockefeller“ reden, meinen wir nicht wirklich echte Personen, sondern wir meinen die Institutionen, die diesen Namen tragen – oder auch nicht. Bewusstheit innerhalb eines solchen Systems reduziert sich dann in aller Regel auf Manipulation ob eines gewissen Wissens und einer gewissen Machtstellung hierbei und hierin. Die Manipulation ersetzt nicht die objektiven, spontanen, unbewussten Prozesse, sondern wirkt mittels derer, vermittelt deren Wirkung, verstärkt diese. Im Ganzen und Großen ist der Kapitalismus ein unbewusstes System, da ein System der Unbewusstheit, darin „quasi naturgesetzlich“, wie Marx sich ausdrückte. Und daher auch der genannte Trugschluss.
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    Die Richtung eignet man sich an, in dem Moment, wo man das System nicht oder nicht mehr bekämpft. So spontan der Kapitalismus immer wieder entsteht – außerhalb und innerhalb unseres „Bewusstseins“ (welches ja in Wahrheit gar keines ist) – so un-spontan, planmäßig, organisiert und bewusst muss der Widerstand dagegen sein. Daher muss die Philosophie des Antikapitalismus – des „Marxismus“ (wie ich ihn verstehe!) – als Wissenschaft begriffen werden.
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    Und die Richtung dieses Systems ist allen Prozessen vorausgesetzt. Die Teilung der Arbeit schreitet solange fort, wie diese Arbeit existiert, wie Lohnarbeit möglich und notwendig ist. Auch und gerade die geistige Arbeit unterliegt diesem Prozess. So erscheint uns die äußere Welt auch deshalb immer komplexer, weil die arbeitsteiligen Prozesse, während der Aneignung dieser Welt, jedem Einzelnen einen immer kleineren Anteil daraus belassen. In materialer wie in geistiger Hinsicht. So wie die Massen materiell verarmen, vergreisen die geistig Arbeitenden – vor ihrer Zeit. Selbst das Kapital scheint diesem Prozess zu unterliegen. So dass uns dessen Bewegung als rein virtuelle vorkommt. Das Finanzkapital wird als Bankkapital missverstanden. Als Dienstleister (am System). Die Macht dieses Kapitals, dessen produktive wie allesumgestaltend Funktion, verbirgt sich hinter einer Warenwelt, die uns bald nur noch als Bewegung von „Clouds“ begegnen wird.
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    So kann es kommen, dass, obwohl das Eigentum (an den Produktionsmitteln) noch existiert, das Eigentum an den Produkten abgelöst werden wird. Bald werden keine Waren mehr gekauft, sondern gemietet, geleast. Und während wir uns als Teilhaber von Produkten wähnen, verschwinden die Eigentümer hinter einer Wolke. Und obwohl wir uns als „Shareholder“ (auch am System) imaginieren, werden wir „die auf dem Olymp“ noch lange anbeten, auch wenn nicht wenige unter uns sie in die Hölle wünschen. Denn in Wahrheit sind sie sehr wohl mitten unter uns. In uns. Und so wie uns dann der Zugang zu den materialen Dingen, will heißen: zum produktiven Prozess des Dinglich-Gewordenen, verloren gegangen sein wird, so wird auch ein diesbezügliches Verständnis verschwunden sein.
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    Der Kapitalismus zur quasi Pantheologie mutiert. Verstärkt wird man an ihn glauben, statt über sein Ende etwas zu wissen. Doch wie soll dann dieser Glaube durch „Wissen“ überwunden werden? Wir sollten die diesbezügliche Illusion mehr fürchten als die Furcht vor der Illusion. Denn der Kapitalismus wird die „Richtung“ solange vor-bestimmen wie er selber „vorbestimmt“ sein wird – vom letzten Gläubigen.

  8. das geschilderte phänomen im...
    das geschilderte phänomen im umgang mit journalisten kann ich nur bestätigen.
    die verkürzte darstellung führt dazu, daß zusammenhänge nicht mehr transparent werden, wenn nicht gar ein falsches bild entsteht.
    selbstherrliche politiker ihrerseits behaupten über komplexes wissen zu verfügen, auf das der wähler sich verlassen könne, man müsse abwägen zwischen so vielen aspekten – oder aber schalten ihrerseits experten ein, die sie selbst nicht verstehen, oder entscheiden aus dem bauch entlang der von lobbyarbeit vorbereiteten stimmungen bzw der von der partei nach undurchsichtigen kriterien vorgegebenen befehlen, (und fallen auf damit auf die nase zu wählers kosten, wie z.B. nicht nur die affären der landesbanken zeigten). das gesundheitssystem und die banken- und eurorettung sind projekte, die nach meinem eindruck der politik schon längst entglitten sind, und mit demokratischen grundideen – haushaltskontrolle – nicht mehr vereinbar sind.
    ständige aufgabe in der demokratie bleibt es, die informationen einzufordern und die mächte, welche die demokratie von oben bedrohen (finanzsektor) stets in frage zu stellen, ohne in populistische rattenfängerei zu verfallen, welche die demokratie von unten gefährdet.
    mein optimismus, daß dieses gelingt, hält sich in grenzen. wieviel kapazität hat eigentlich ein berufstätiger wähler, womöglich mit familie, sich mit der beschaffung und bewertung komplexer informationen zu beschäftigen, und dann daraus auch noch eine politische forderung zu formulieren und zu organisieren. ich habe großen respekt vor den ehrenamtlichen organisatoren des bürgebegehrens in münchen, die sich gegen eine personell, finanziell und werbetechnisch hochgerüstete lobby durchsetzen konnten.

  9. Twitter ist das Opium des...
    Twitter ist das Opium des Volkes.
    Schade, dass ich kein Verschwörungstheoretiker bin. Sonst würde ich vermuten, Twitter wurde nur dazu erfunden, dass sich die Menschen mit Katzencontent gegenseitig vom eigentlich Wichtigen ablenken, nach dieser Ablenkung süchtig werden und im Informationsrausch verpennen, sich über die unhaltbaren Zustände unserer politischen und wirtschaftlichen Systeme aufzuregen und eine gepflegte kleine Revolution anzuzetteln.
    Auch die traditionellen Medien vertwittern zusehends. Wenn es in der Aufmerksamkeitsmaximierungsindustrie hauptsächlich nur noch darum geht, Erster! zu schreien, dann bleibt für sorgfältige Recherche und schön formulierte Sätze immer weniger Zeit. Qualitätsjournalismus würde bedeuten, dass man eben nicht einen Text aus Agenturmeldungen, Stimmungstrends und Wikipedia-Artikeln zusammenzucopyandpastet, bei dem es wurscht ist, dass davon nur die Hälfte stimmt, weil morgen eh eine neue Emotionssau durchs Dorf getrieben wird und kein Schwein mehr danach kräht. Merkt ja meist auch keiner, wenn es sachlich nicht stimmt. Wenn es hauptsächlich darum geht, Säue zu bewirtschaften, haben Fakten das Nachsehen. Emotionen verkaufen sich einfacher als hochkomplexe politische Debatten. Und dann müsste man als Journi am Ende je eventuell noch zugeben, dass man die selber nicht versteht. Da schreibt man doch lieber über Unterleibsbekleidung.
    Ganz übel wird es, wenn Politiker ihre Entscheidungen nach diesem medial produzierten Paralleluniversum ausrichten, weil sie die Bild-Zeitung mit dem Volk verwechseln und die Stimmungsschwankungen manisch-depressiver Märkte ( „’Die Märkte’ ist ein loses, weltweit operierendes Terrornetzwerk, das mit zahlreichen weltpolitischen Ereignissen im Zusammenhang steht.“ (flashipedia)) zum Leitfaden ihres Handelns machen.
    Die einzige Lösung, die mir einfällt, wäre, die Filter im Kopf neu zu justieren. In jedem einzelnen. Bewusst darüber nachzudenken, was wirklich, und ich meine jetzt _wirklich_, wichtig ist im Leben.

  10. Nach einem ziemlich langen...
    Nach einem ziemlich langen Leben, werte Blogautorin des Salon’s Skurril, komme ich zur Erkenntnis dass diese Sache mit der Aufmerksamkeitspanne — I prefer attention span — oft einfach zu erklaeren ist.
    Wenn mich etwas interessiert, dan bin ich voll dabei — and hey your comments had my full and undivided attention.
    Wenn etwas langweilig ist und mich kaum interessiert, gebe ich der Sache den Opening Paragraph ode zwei und entschliesse mich fuer etwas anderes.
    Ehe „multi tasking“ ueberhaupt existierte, kann ich mich erinnern dass bei manchen Sport Programmen es ganz gut moeglich war meherere TV sets zur gleichen Zeit anzuschauen ohne etwas von dem „Drama“ der Sendungen zu verlieren. Da konnte man Fussball, Tennis, Yachting, Formula1 etc etc zusammen bewundern. Talk about attention span. Everything first rate, unglaublich was der Mensch so absorbieren kann.
    Nur einmal, ich gebs zu, verpasste ich einen Knockout beim Boxing, aber das wurde dann oft wiederholt und mit slow motion etc und nichts wurde verpasst. Sogar fliegende Spucke, und mounthpieces hitting the Schiedsrichter waren gut zu erkennen. Now that to, was attention of the first order.
    Also alles ist moeglich, und der Eindruck bleibt die Attention Span ist fuer viele verschieden.
    Please forgive the Denglisch, but when you reach an old age, you’re aware that time is limited, and that’s why I shout at my TV set time and again „get on with it“ when a commentator belabours some topic and drags a discussion out to eternity. I havent,‘ got enough time for all this, so again ‚Get on with it.“
    Satyrisch gesehen, ich bin so um den Mangel an Zeit besorgt, dass ich oft mich frage ob ich ueberhaupt noch gruene Bananen kaufen soll? Und mit dem Internet, hey get on with it too, I need a much faster „refresh time“ that what I seem to get. Where’s the instantaneous response to my mouse click?
    Vielen Dank fuer ihre interessante Bemerkungen, werte Autorin, und bitte schoen weiter so mit skurrilen Sachen aus dem Salon.
    Pax Vobiscum

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