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Das Team und der Zen

02.07.2012, 08:00 Uhr  ·  Mit anderen zusammen zu arbeiten ist für Kreativität manchmal fast unerlässlich. Aber es ist anstrengend. Wie es zumindest leichter wird, verrät die Kunst. Die Notiz einer Erfahrung.

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Dieser Text beginnt als Karriere-Buch und verliert dann die Bodenhaftung.

 

Obwohl uns Schule, Fachbücher und Coaching-Seminare darauf vorbereiten, stehen wir alle doch irgendwann vor dem gewaltigen Problem, das wir in einem Team arbeiten müssen. Das ausgelutschte Wort „Team” bedeutet hierbei irgendeine Gruppe von Menschen, die mit verschiedenen Erfahrungsschätzen zusammengetrommelt werden, um irgendeine Art von Aufgabe zu erfüllen. Teams sind zurzeit der letzte Schrei der Businesswelt und entsprechend kommt man kaum darum herum, irgendwann mit Wildfremden an einem Strang zu ziehen. Aber nicht nur im Beruf – überall kann Teamarbeit uns plötzlich anfallen. In der Politik, in Vereinen, im Hobby, beim Sport oder in der Familie.

Unabhängig davon, dass Gruppenarbeit en vogue ist und im kreativen Bereich tatsächlich bessere Ergebnisse erzielt – zur Arbeitsteilung manchmal sogar einfach unverzichtbar ist – sind Teams anstrengend. Es ist einfach so. Meistens sind sie anstrengend.

Der Kern des Problems liegt darin, dass die verschiedenen Arbeitspartner unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen sind. Durch eine geschickte Vorauswahl aus sich ähnlichen oder sich gut ergänzenden Charakteren kann man das Gros an Problemen vermeiden. Hat man aber niemanden, der so geschickt wählen kann – oder ist die Gruppenzusammensetzung durch nicht planbare Faktoren bedingt – so müssen manchmal Menschen zusammen arbeiten, die einfach nicht mit einander können. Das liegt nicht daran, dass es schlechte Menschen sind, oder dass sie uneinsichtig sind. Sie sind einfach in ihrer Persönlichkeit inkompatibel. Während sich solche Personen normalerweise gut aus dem Weg gehen können, arbeiten sie hier an einer Aufgabe und treffen dabei manchmal ihre gegenseitigen Schwachpunkte. Erschwerend kommt hinzu, wenn das Ziel der Arbeit als wichtig bewertet wird und Uneinigkeit darüber herrscht, auf welche Weise es am besten erreichbar ist. Dann baut sich Frust auf, es wird gestritten, fremdgeschämt und gelästert. Ich wage zu behaupten, dass jeder irgendwann in so einer schwierigen Gruppe war. Auch ich bin nicht ganz um solche Situationen herum gekommen und mir hat Kunst geholfen.

Sollten Sie sich in einer Gruppe befinden, in der auch jemand ist, auf den Sie gar nicht klar kommen, haben Sie mehrere Möglichkeiten. Die erste natürliche Reaktion liegt darin, die andere Person korrigieren zu wollen und ihr zu beweisen, dass sie im Unrecht ist. Wenn das funktioniert, ist das phantastisch, es  handelt sich dann dabei allerdings nicht um das oben beschriebene Phänomen. Bei letzterem verhält sich die Sache eher so, dass die betreffende Person sich nicht nur als störrisch erweist, sondern auch noch in der frechen Überzeugung ist, es selbst richtig zu machen und Sie für dumm zu halten. Denn Tatsache ist, dass wir alle Gefangene unseres Weltbildes und unserer Erfahrungen sind. Jeder von uns kann sich täuschen, während er absolut überzeugt ist,  im Recht zu sein. Es gibt Pessimisten, die immer das Beste im Leben verpassen und Optimisten, die sich manchmal überschätzen und Fehler begehen. Es gibt Ungeduldige, die unsauber arbeiten und Perfektionisten, die nie fertig werden. Alle haben irgendwann recht und irgendwann unrecht und es gibt leider kein Handbuch dazu.

Irgendwann kommt die Einsicht, den Anderen nicht überzeugen zu können. Dann wird aus „Ich korrigiere ihn” ein „Er ist einfach dumm und schadet dem Projekt”. Aus unserer natürlichen Neigung, solchen Menschen aus dem Weg zu gehen, entsteht der Wunsch, diesen Menschen auf irgendeine Weise aus der Gruppe zu kriegen. Das ist natürlich ein Weg, den man gehen kann. Manchmal ist es der einzige Weg, der bleibt. In vielen Situationen ist es aber auch ein Fehler.

Wenn ein System lebendig, anpassungs- und leistungsfähig sein soll, dann braucht es Spannung. Es braucht Diversität und Konflikte, es muss zumindest genau so komplex sein, wie das Problem. Das ist einleuchtend, wenn wir uns konkrete Beispiele ansehen.

Dreht man gemeinsam einen Film, spiegeln die unterschiedlichen Mitwirkenden die unterschiedlichen späteren Zuschauer wieder.
In Parlamenten repräsentieren die unterschiedlichen Parteien unterschiedliche Bürger des Landes.
Bei Ausflugsplanung stehen Meinungsverschiedenheiten für verschiedene Freizeitwünsche, die erfüllt werden wollen.
In allen diesen Fällen ist es gut, diese sich widersprechenden Seiten dabei zu haben. Nur daraus können zufriedenstellende Resultate geboren werden, vor allem aber ist das der Hort von Kreativität. Denn Kreativität entsteht nun mal leider nie aus Frieden. Kreativität braucht Chaos und Chaos braucht Komplexität und Reibung. Nehme ich alle Elemente aus dem System, die mich persönlich stören, dann habe ich nur mich übrig und bin auch nicht klüger als vorher. Neues entsteht genau am Reibungspunkt dessen, was vorher unvereinbar war.

Das Blöde ist, dass Reibung, so produktiv sie auch sein mag, für die Beteiligten selbst selten angenehm ist. Was also mache ich mit einer Situation, in der ich gezwungen bin, mit – aus meiner Sicht – blöden Menschen zusammen zu arbeiten?

Ich steige aufs Dach.

Es muss nicht unbedingt ein Dach sein. Es muss nur ungewöhnlich genug sein. Man kann auch in ein Schwimmbad gehen, oder auf einen Berg. Es geht darum, in einer Krisensituation einen ungewöhnlichen Ort aufzusuchen und der Situation zu entfliehen. Es geht um das Überschreiten von Grenzen. Wenn eine Grenze überschritten wird, verwandelt sich die Welt, sie wird abstrakter. Das versteht nur, wer schon mal über einen Bauzaun geklettert ist oder einen Fremden geküsst hat oder mit Kinderspielzeug gespielt hat. Wenn man die Rahmen der gewohnten Welt verlässt, sieht man die Welt klarer. Ich gehe also an irgendeinen Ort, an dem ich mich normalerweise nie aufhalten würde. Am besten einen Ort mit einer höheren Lage. Um die Dinge überblicken zu können. Das ist billige Symbolik, aber so funktioniert die menschliche Psyche nun mal.
Der erste Schritt dort besteht darin, mir dort das oben Beschriebene zu vergegenwärtigen. Also: Was ist mein Ziel? Warum sind das meine Mitstreiter? Vertreten sie möglicherweise jemanden und tragen sie zur Komplexität meines Teams bei?
Was unterscheidet ihr Weltbild von meinem? Und: Will ich damit leben?
Während ich mir diese Gedanken mache, überkommt mich meistens eine Wahrnehmung, die sich als Perspektivflash beschreiben lässt. Ich sehe den Himmel über mir, die Erde unter mir; ich weiß, dass das Leben ungeachtet des Erfolgs des Projekts weiter geht. Ich erinnere mich daran, dass das Leben nie perfekt war und wir es trotzdem alle so weit gebracht haben. Plötzlich werden die Gruppe und das Projekt klein unter mir. An dieser Stelle kann ich anfangen, künstlerisch mit meinen Problemen zu spielen. Ich kann mir mich und meine Mitarbeiter als verschiedene Märchenfiguren vorstellen, ich finde Entsprechungen in literarischen Figuren. Das Wichtigste – ich kann über sie und über mich lachen.
Manchmal greife ich sogar zum Stift und zeichne Karikaturen oder fantasievolle Darstellungen. Egal, wie man es macht, es geht darum, große emotionale Distanz zu gewinnen.

Für ein schwieriges Team gilt die Regel: Je weniger ernst und verbissen man an ein Projekt geht, desto besser wird es. Weil es dann leichter fällt, das Anderssein des Anderen zu akzeptieren. Weil die Kommunikation sich entspannt und an Aggressivität verliert.

Letztlich – dachte ich, als ich mal wieder auf einem Dach saß – machen wir mit darstellender Kunst und Literatur seit Generationen nichts Anderes.  Wir verfälschen und übertreiben Menschen und Ereignisse, um Distanz zu ihnen zu gewinnen. Wir pressen sie in Bilderrahmen, um sie überblicken zu können. Durch die Betrachtung aus der Ferne kommunizieren wir mit den Dingen und lernen, sie zu akzeptieren.

Es ist trotzdem schwer, Reibung zu ertragen. Aber mit diesem Mittel erkenne ich einen Sinn in der Reibung und habe ein Instrument, mich von ihr zu distanzieren. Ein Instrument zu haben, gibt dem Menschen immer Selbstvertrauen. Und Selbstvertrauen hilft auch wieder in einem produktiven Umgang mit Anderen. So kann Kunst ein triviales Problem des grauen Arbeitslebens lösen.  Das ist eine schöne Verbindung, die ich bloß erwähnt wissen wollte.

 

 
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