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Split Brain

06.08.2012, 07:46 Uhr  ·  Split-Brain-Patienten werfen philosophische Fragen nach dem Bewusstsein des Menschen auf. Sind wir Menschen einfach große Maschinen, gesteuert von einem rechenzentrum unseres Gehirns, oder sind wir mehr?

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Wenn ich die Überschrift so schreibe, klingt sie nach einem guten Titel für einen Horrorfilm.

Aber in Wirklichkeit will ich einfach aus der fantastischen Welt dessen berichten, was ich studiere.

Wir sind uns irgendwo alle einer eigenen Persönlichkeit und einer eigenen Willenskraft bewusst. Wenn wir Handlungen vollführen, Entscheidungen treffen, ja nur eine Bewegung tun, scheint uns unser Organismus, Geist mit Körper, einheitlich.

Physiologisch sieht die Sache anders aus und wir fragen uns: Was zur Hölle ist eigentlich unsere Persönlichkeit und zu wie weit sind wir nur Maschine?

Ich schneide dieses Thema auf Ebene eines interessanten Gedankens an: Was ist, wenn man unsere beiden Hirnhälften in der Mitte trennt? Das ist nicht unrealistisch und wird bei Epilepsie-Patienten gemacht, um ein Übergreifen der Krankheit von einer auf die andere Hemisphäre zu verhindern. Dabei wird das Corpus callosum durchtrennt, also grob gesagt die Nervenverbindung zwischen den Hemisphären. Damit steht jede Gehirnhälfte auf eigenen Beinen, es findet kein Austausch mehr statt. Interessant ist: Nach nur einigen Monaten nach der Operation zeigen die Patienten keinerlei äußerliche Auffälligkeiten. Sie haben keine Behinderung, noch eine Einschränkung. Nur experimentell kann das Hindernis sichtbar gemacht werden:

Bild zu: Split Brain

Die Versuchsperson sieht in der linken Gesichtshälfte, die mit der rechten Hemisphäre korrespondiert, einen Schlüssel. Mit der linken Hand, die von dieser Hemisphäre gesteuert wird, kann sie einen Schlüssel greifen. Sie kann aber nicht benennen, was sie da gegeriffen hat, weil das Sprachzentrum in der linken Hemisphäre lokalisiert ist.
Andersherum ist es genauso: Die Person kann das Wort Ring lesen und sprachlich wiedergeben. Die linke Hand der Person könnte aber nicht nach einem Ring greifen, weil die von der rechten Hemisphäre kontrolliert wird, die garnichts von einem “Ring” weiß. Diese beiden Prozesse können übrigens gleichzeitig ablaufen, ohne dass sie einander stören. Diese Person ist plötzlich fähig, zweifache Aufmerksamkeit aufzubringen.

Die Einheit des Körpers ist nur Täuschung. Der Patient hat gelernt, seine kontralaterale Körperseite einzuschätzen und auf sie einzugehen. Aber er besitzt zwei getrennte Willen! In den Tagen und Wochen direkt nach der Operation ist es deutlich. Die Bewegungen sind unkoordiniert, oft kann die rechte Hand die linke nur kontrollieren, indem sie sie festhält. Die linke Hand und insgesamt die linke Körperhälfte werden oft als fremd empfunden und unmöglich kann der Patient benennen, was seine linke Körperhälfte tut (weil sie ja von der rechten Hemisphäre gesteuert wird, während das Sprachzentrum in der linken ist).

An dieser Stelle stellt sich eine tief philosophische Frage nach dem Bewusstsein. Im Lexikon der Neurowissenschaften sind zu dieser Frage folgende Thesen angegeben:

1) Das Bewußtsein ist bei Split-Brain-Patienten nicht geteilt, weil die Hemisphäre ohne Sprachfähigkeit (in der Regel die rechte) nicht bewußt ist.
2) Das Bewußtsein wird nur unter den experimentellen Randbedingungen geteilt, ist aber im Alltagsleben eine Einheit.
3) Das Bewußtsein wird die ganze Zeit geteilt.
4) Das Bewußtsein ist geteilt, aber nur in einer Weise, die deutlich macht, daß auch unter normalen Bedingungen ständig zwei Bewußtseine in einem Kopf lokalisiert sind.
5) Keine dieser Interpretationen paßt zu den Tatsachen, und deshalb müssen wir unsere Annahme aufgeben, daß eine scharfe Trennung zwischen einem Bewußtseinsstrom und zweien getroffen werden kann.

Es ist kaum möglich, hier wissenschaftlich eine Antwort zu finden und eine der Thesen auszuwählen.

Ich persönlich bin, da ich das Gehirn die in letzter Zeit intensiv studieren musste, inzwischen zu einem maschinenhaften Bild unserer Funktionsweise gekommen. Bewusstsein ist ein Neuronensturm im Gehirn. Liebe, Angst, Philosophie, Gott, Kunst, Faulheit und Vorfreude auch. Das erdet, wenn man anfängt, es zu begreifen, sehr. Doch nach einer Weile relativiert sich diese Sicht von selbst. Denn es gibt noch genug, was wir nicht verstehen. Es ist eben keine Dampfmaschine, sondern ein komplizierter, biologischer Computer. Wir haben riesige weiße Stellen auf der Landkarte unseres Verstehens. Die kalte, wissenschaftliche Sicht auf den Menschen als Maschine muss schließlich irgendwann zerbrechen, wenn man nach dem Studium dieser Bücher mit ihren lateinischen Fachbegriffen  raus geht, an einem sonnigen Nachmittag, um mit einem geliebten Menschen ein Eis zu essen. Vielleicht sind es nur die Wärmerezeptoren, das lymbische System und mein Präfrontalkortex. Vielleicht macht mich auf dieser Welt wirklich nichts anderes glücklich, als Serotonin und Dopamin. Aber das Eis ist kühl und dahinten fliegt ein Vogel und das Leben ist ein Abenteuer.

Kuriositäten aus der Wissenschaft bringen uns dazu, über uns selbst nachzudenken und weitergehende Fragen zu stellen. Aber ihrer ungeachtet, bleiben wir trotzdem Menschen mit Bewusstsein und Gefühlen, und empfinden und sehen Schönheit in Dingen. Einfache, kalte Erklärungen bereichern wir durch unsere Phantasie. Aus der Amygdala machen wir ein Herz in der Hose und aus Endorphinen machen wir Schmetterlinge im Bauch. Das macht uns so besonders und erhaltenswert.

 

Veröffentlicht unter: Psychologie, Neurologie

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