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Das Versagen der großen Schule

03.09.2012, 08:00 Uhr  ·  Wenn in Deutschland ein Politiker niest, ist er vier Zeitungsartikel später todkrank. Wie Verzerrung und Zuspitzung in Massenmedien ihrer neuen Funktion widersprechen.

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Wenn in Deutschland ein Politiker niest, ist er vier Zeitungsartikel später todkrank. Im fünften Artikel ist sein Nachfolger bereits gefunden. Wer sich als Laie einmal durch die Mühlen der öffentlichen Berichterstattung bewegt hat, weiß, dass sie ganz eigenen, interessanten Mechanismen folgt.  Jeder, der mal in der Öffentlichkeit gesprochen hat, hat die Erfahrung gemacht, dass man durchaus auch bei großer Medienaufmerksamkeit ohne professionelle Strategien kaum die Kontrolle darüber hat, welche Botschaft man durchbringen kann. Ich habe Grafik 1 gezeichnet, um diesen Prozess zu veranschaulichen.

 

Bild zu: Das Versagen der großen Schule

Kontrollverlust in der Presse ist nichts Schlimmes. Im Gegenteil. Kontrolle sollte natürlich nicht die Person oder die Firma haben, um die es gerade geht, sondern der Journalist. Nur so haben wir echte Pressefreiheit und sind nicht Opfer streitender Propaganda verschiedener Seiten. Das Problem ist eher, dass der Grund für Verzerrungen oft nicht journalistische Skepsis ist, sondern Vereinfachung. Talkshows, Zeitungsartikel, Dokumentation und Berichte wollen in erster Linie eines: Eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte mit einem Anfang, einem Höhepunkt und einem Schluss. Optimaler Weise mit einer Moral und einem Helden, mit dem man sich identifizieren kann, sowie einem Schurken. Für eine interessante Berichterstattung gelten da ähnliche Regeln wie für einen interessanten Roman. Ich muss viele Sachberichte davon ausnehmen, lediglich die Tendenz ist beobachtbar. Diesen Regeln möchte der Journalismus nicht nur folgen, weil sie einfach sind. Er möchte ihnen in erster Linie folgen, weil wir, die Konsumenten, das so wollen. Wir interessieren uns eben mehr für gute Geschichten, als für dröge Berichterstattung. Und wir zahlen Geld dafür. Die Vereinfachung potenziert sich noch dadurch, dass Medien sich voneinander informieren und so nur noch die Spitzen von der Spitze des Eisbergs berichten, während sie weitere Details und Kleinigkeiten hinzufügen, sodass Ereignisse wie durch „stille Post” verzerrt werden.

Jetzt wäre auch das nicht an sich fatal. Dann hätten wir eben lauter schöne Geschichten in den Medien, ist doch auch gut. Zumal das meiste davon ja doch irgendwie stimmt. Vielleicht sind bestimmte Aspekte überbetont, aber alles in allem lügt die deutsche Presse ja seltenst. Da gibt es dann allerdings ein Problem. Und das liegt in der Funktion, die Fernsehen, Zeitungen, Zeitschriften und Radio erfüllen. In einer demokratischen Gesellschaft, wo ja Bürger über den Kurs der Ereignisse mitbestimmen sollen, sind sie fast die einzige Quelle für allgemeines Wissen und Lernen.

Als Kinder gehen wir in die Schule. Dort beschäftigen wir uns mit Lesen, Schreiben, Rechnen, wir lernen etwas Geometrie und etwas Physik. Wir können eine Lösung herstellen, wir  lernen das Paarungsverhalten von Fröschen, die Einigungskriege und Hobbies der Menschen in England. Ob wir wollen oder nicht – und Himmel, wollen wir nicht! – lernen wir, was links und rechts von unseren üblichen Interessensgebieten geschieht. Ab dem Zeitpunkt, wo wir die Schule verlassen, wird tatsächlich fast unsere gesamte Allgemeinbildung über Massenmedien betrieben. Das ist ein Großteil dessen, was wir neu über die Welt lernen – und zwar während des überwiegenden Teils unseres Lebens. Das ist ein ziemlich heftiger Brocken. Im Prinzip sind die Nachrichten, die Talk- und Realityshows, das gmx-Portal, die Süddeutsche und diverse Hochglanzjournale unsere Schule für Erwachsene. Und auf deren Lehrplan steht ganz bestimmte Information. Nämlich die, die Sie, den Leser, interessiert. Ob es in Quoten, Klicks oder Auflagen gemessen wird, die Medienwelt ist durch und durch darauf abgestimmt, zu interessieren und zu gefallen. Und eigentlich wäre darin auch nichts Schlimmes. Ist doch gut, wenn man nicht gelangweilt wird, sondern das Spannendste mundgerecht vermittelt bekommt.

Aber stellen Sie sich mal für einen Moment eine Schule vor, die nach diesem Prinzip funktioniert. Die Lehrer sind ständig bemüht, herauszufinden, wofür sich die Schüler gerade interessieren und liefern ihnen genau diese Inhalte. Im Musikunterricht werden nur Songs von Justin Bieber gesungen. In Englisch geht es nur um die amerikanischen Wahlen und die Lächerlichkeit der republikanischen Kandidaten. Im Geschichtsunterricht werden nur die besonderen Knüller behandelt. Die Französische Revolution, mit all den rollenden Köpfen (illustriert durch eine barbusige Dame). Die Kreuzzüge. Langweiligere Episoden, wie die Reformation, werden ausgelassen. Damit kann man die Aufmerksamkeit des Lesers… äh… Schülers nicht so lange fesseln.

So absurd diese Vorstellung erscheinen mag, im Moment ist sie unsere Lebensrealität. Denn es ist zwar allgemein bekannt, dass der Mensch lernt, solange er lebt. Praktische Konsequenzen haben wir daraus aber bisher nicht sonderlich viele gezogen. Zunehmend größere Teile der Medienwelt sind auf den Überraschungseffekt, auf das Entertainment bedacht. Aber Alternativen gibt es einfach kaum.

Natürlich gibt es eigentlich durchaus Alternativen. Es existiert ja nun eine unglaubliche Zahl an Primärquellen auf der Welt. Und sie kommen in Mode. Denn eigentlich ist der Vormarsch der vielen kleinen Blogs und der „social media” nichts Anderes. Wenn ich Positionen einer Partei kennen lernen will, kann ich ja immer auf ihrer eigenen Website gucken, wissenschaftliche Blogs bieten meistens gut fundierte Informationen mit Links direkt auf die Quellen und Gerüchte über Promis kann man heute leicht durch einen Blick auf ihren eigenen Twitteraccount kommentiert wissen. Das Problem ist nicht die mangelnde Verfügbarkeit der Quellen. Das Problem ist, dass das gesamte neue Medium Internet nicht die Rolle spielen kann, wie die klassischen Medien es tun. Denn ihr Nachteil besteht zwar darin, dass man sein Programm nicht so leicht selbst zusammenstellen kann – aber ihr Vorteil besteht darin, dass man sein Programm nicht so leicht selbst zusammenstellen kann. Dadurch, dass das Internet aktiven, auswählenden Konsum erfordert, baut es auch Filter. Klar, ich schaue nach, was mich interessiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich dabei in ein neues Themenfeld gehe, ist dabei aber sehr gering. Wenn ich mich für Fischerei interessiere, werde ich kaum durch Zufall erfahren, dass es Ausschreitungen in Syrien gibt und welche Hintergründe das hat. Solche Nachrichten bekomme ich zumeist aus Medien, die schon fertige Pakete geschnürt haben. Wie in der Schule eben. In der Schule setzt man sich gezwungenermaßen mit vielen Bereichen auseinander, um überhaupt erst die Übersicht gewinnen zu können, welche Bereiche es gibt. Ohne diese Ahnung kann man auch kein tieferes Interesse entwickeln.
Die neuen Medien sind eine großartige Ergänzung der alten. Sie werden aber kein Ersatz sein. Denn gerade die größere Übersicht ist ein wichtiger Teil der Erwachsenenbildung.

 

Ich sprach mal mit einer Journalistin über den zunehmenden Boulevard in der Politik.
„Verstehen Sie”, sagte ich: „Ich habe nichts gegen Boulevard. Wegen meiner können sich Menschen gern für Ehen und Kinder von Stars interessieren. Ich verstehe nur nicht, warum man gerade in der politischen Berichterstattung so viele unnötige Spitzen über Personen auffahren muss, warum gerade da so viel Klamauk stattfindet.”
Sie nickte bedächtig und erzählte: „Die Kollegen von der BILD schreiben ja immer gerne über das, was Merkel so isst. Und ich denke mir immer: ‚Da interessiert sich doch kein Mensch für, ob Merkel bei ihrem Besuch in China jetzt Hackbraten oder Ente gegessen hat.‘ Aber wenn die Leute, die gar nichts mit Politik zu tun haben, auf die Überschrift klicken, erfahren sie immerhin, dass Merkel in China war und was sie da wollte. Auch wenn Unwichtiges im Fokus steht. Das ist doch schon mal was, oder? Unsere Aufgabe ist es ja auch, Politik zu den Menschen zu bringen, die sich nicht dafür interessieren. Es ist ein bisschen wie Kindern heimlich Gemüse unterzuschieben, indem man es in einen Teigmantel tut.”

Genau bei diesem Satz habe ich aber den Fehler gefunden, der gemacht wird. Menschen werden wie Kleinkinder behandelt, Politik wie uninteressantes Gemüse. Ich meine, wir vergleichen Leser von Online-Portalen einerseits mit Kleinkindern, andererseits geben wir ihnen politische Macht in die Hand, indem wir Demokratie stärken? Da läuft was falsch. Wer Menschen als Kinder behandelt, wird auch kindische Reaktionen bekommen. Wenn wir mit Erwachsenen auch so umgehen, werden sie handeln wie Erwachsene. Wenn wir Menschen klar machen können, wie viel von jedem Einzelnen abhängt, wird er für Information dankbar sein, die er zur Erfüllung der Aufgabe dringend braucht.

Und hier muss ich mit dem Bild von Schule brechen, das ich ja selbst vorhin verwendet habe. Denn unter Schule stellen sich die meisten eben eine Zwangsinstitution vor, die faulen Kindern Wissen eintrichtert. Aber ich finde, dass weder Kindern, noch Erwachsenen etwas eingetrichtert werden sollte. Vielmehr brauchen wir eine gute Versorgung mit interessanten Informationen – nicht nur mit Entertainment – um den ganz natürlichen Lernwillen des Menschen zu fördern.

 Erwachsenenbildung wird immer wichtiger und darum hoffe ich noch immer auf einzelne Fernseh- und Radiosender – ich denke hier natürlich besonders an die öffentlich-rechtlichen – , einzelne Zeitungen und Magazine, die bewusst in die Tiefe von Themen gehen und versuchen, sie realistisch darzustellen. Die sich für einen Beitrag mehr Zeit nehmen, als drei Minuten, was die Aufmerksamkeitsspanne des ominösen „normalen Zuschauers” sein soll.  Aufmerksamkeitsspanne verändert sich, je nachdem, was man konsumiert. Das ist ein dynamisches Konstrukt. Daher kann gerade das Fernsehen daran durchaus drehen. Auch, was die Häufigkeit von Themenwechseln betrifft, die Sprache, das Niveau – es gibt keinen natürlichen Stand, den der Zuschauer erwartet oder mit dem er ausschließlich zurechtkommen kann. Zuschauer werden geprägt durch das, was sie üblicherweise sehen.  Gerade die Sender, die nicht auf Quoten angewiesen sind, sondern ohnehin gemeinschaftlich finanziert werden, könnten ruhig experimentieren. Auf schnellere Schnitte, große Überschriften, kürzere Themen und knalligere Effekte verzichten, um mal zu sehen, wie das wirkt. Sie sind es, die entspannte und vielschichtige Analysen zu komplizierten Fragen bringen können. Euro-Krise, Nahost-Konflikt, Energiewende. Das sind alles Dinge, die kaum jemand richtig versteht und zu deren Verständnis man auch nicht beiträgt, wenn man es in Zwei-Minuten-Beiträgen abhandelt. Man könnte es zumindest auf den Versuch ankommen lassen.

Auch Schulen arbeiten daran – und sollten noch viel mehr daran arbeiten – wie man Wissen interessant und spannend vermittelt. Das sollte auch im Journalismus bleiben, unbenommen. Nur auf Verfälschungen, unnötige Zuspitzungen und Polemisierungen können und müssen wir bei dieser breiten Bildung verzichten. Wir leben in einer vernetzten Welt. Wir sollten auch mehr damit arbeiten. Was spricht dagegen, Themen in Berichten übersichtlich, aber differenziert zu erklären und dann Links und Hinweise zu geben auf weiterführende Informationen? Teilweise wird das doch schon gemacht. Aber dann vielleicht bei Themen, die etwas relevanter sind, als die Herstellung von Eiscreme.

Liebe Journalisten. Ihr macht einen großartigen, wichtigen Job. Ich würde nicht mal meckern, wenn ich neben übertriebenen Überschriften und Symbolbildern nicht auch wirklich gut analysierte, gut recherchierte und kritische Artikel gelesen hätte. Mehr davon! Wir brauchen euch und eure Möglichkeit, Geld, Recherchezeit und Lektorat in gute Berichterstattung zu stecken. Vergesst nicht, dass auf euren Schultern eine große Verantwortung liegt. Ihr seid die Lehrer der Erwachsenen. Ihr könnt uns Türen zu Wissen öffnen, von dem wir nicht wissen, dass es das gibt. Traut uns mehr zu. Hört nicht immer nur auf unsere Erwartungen. Vergesst nicht, dass wir letztlich das erwarten, was ihr uns vorsetzt. Was wir gewöhnt sind. Ihr könnt die Welt wirklich verbessern.

 

 

 

Veröffentlicht unter: Gesellschaft, Medien

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