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Kunsttherapie – Die Sprache jenseits der Sprache

19.09.2012, 08:00 Uhr  ·  Kunst erlernen ist, wie eine neue Sprache zu erlernen, wenn man eine so ungewöhnliche Welt in sich trägt, dass einfache Worte nicht mehr ausreichen.

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Assoziieren Sie mal frei zum Thema Kunsttherapie. Viele stellen sich darunter eine etwas esoterische Therapieform vor. Andere haben einen Therapeuten vor Augen, der aus der Geometrie von Bildern, aus ihrer Symbolsprache, aus winzigen formalen Anzeichen analytisch Rückschlüsse auf das Innenleben seines Klienten zieht. Wo Schlangen zu Penissen und Sonnen zu Müttern werden.
Ich selbst hatte in meinem Leben verschiedene Einstellungen dazu. Als ich jünger war, wollte ich selbst kurzzeitig Kunsttherapeutin werden, weil es irgendwie naheliegend ist, wenn man sich ohnehin sowohl mit Kunst,  als auch mit Psychologie beschäftigt. Später stahl sich in meinen Kopf das Klischee der Beschäftigungstherapie. Ich habe sie gleichgesetzt mit der Ergotherapie, die heutzutage in der Psychiatrie gängig ist und bei weitem nicht allen Patienten irgendwie nützlich dient. Die größte meiner Misskonzeptionen bestand aber darin, dass ich immer glaubte, es mit Patienten zu tun zu haben.

Es hat sich ergeben, dass ich zu der Eröffnung einer Ausstellung und zum Geburtstag der Kunstpraxis Soest eingeladen wurde und mich mit dem Thema näher beschäftigen konnte. Susanne Lüftner, die die Praxis gegründet hat und deren Sammlung ausgestellt wird, hat mich zu diesem Zweck schon mal in das alte Backsteinhaus in der Puppenstadt Soest eingeladen. Ich habe eine Welt kennen gelernt, die mich noch einen Schritt näher zum Verständnis von Kunst einerseits und der gesamten Gesellschaft andererseits gebracht hat.

Als wir aus dem Auto steigen, ist die Luft schon erfüllt von Pianoklängen, irgendwo von weit oben. Man hört, dass sie keine Aufzeichnung sind. „Das ist nur Herr Braukmann, der wird bei der Eröffnung spielen. Der übt schon mal.” Wir gehen durch einen kleinen, magischen Garten, in dem eine schwarze Katze wohnt. Alles riecht nach Puder. Die Luft ist angenehm und beruhigend. Die „Praxis” hat eigentlich nichts von einer Praxis, sondern ist tatsächlich eher ein Wohnhaus. Aber wie es in solchen Häusern übrig ist, ist jeder Fleck, jede Wand, jedes Regal voll von verschiedensten Kunstwerken, die völlig konkurrenzfrei neben einander existieren und die üblichen Elemente (Wände, Türen, Treppen) wieder spannend für das Auge machen. Frau Lüftner zeigt mir verschiedene Werke von Amateuren und Künstlern, die unter ihrer Anleitung gearbeitet haben. „Das hier ist von Herrn Stief. Er häkelt ganz spannende Sachen. Zum Beispiel solche Biographischen Teppiche.” Sie rollt einen sechtzig Zentimeter breiten, gehäkelten Teppich aus, der mindestens fünf Meter lang ist. Ich hätte geschätzt, dass eine Frau ihn gemacht hat. In ihn sind mit bunten Wollfäden verschiedene Motive eingearbeitet. Die Buchstaben des Alphabets, verschiedene Namen, Frauengestalten, Autos, Straßen, Baukräne. Die Geschichte eines Menschen liegt gehäkelt zu meinen Füßen. Der Raum ist voll von Geschichten.  Eine davon beeindruckt mich besonders, sie ist von Susanne Lüftner selbst. In einem großen Rahmen ist Leinenstoff eingespannt, in dem ein handtellergroßes, kreisrundes Loch prangt. Über die gesamte Leinwand ist um das Loch herum ein engmaschiges Netz aus Wollfäden gestopft. „Umstopftes Loch”, heißt das. Es erinnert schmerzlich an den Alltag, der auch heute noch in Psychiatrien Realität ist. Es muss Wochen gedauert haben, dieses riesige, gleichmäßige Muster zu stopfen, in kleinteiliger Routinearbeit ohne jede Abwechslung. Und immer ganz vorsichtig um das Loch herum, ohne es zu kitten.
Hier hängen Werke, bei denen man sich nicht fragt, ob sie gut oder schlecht sind. Es sind einfach Werke. Sie erzählen Geschichten. Manche zugänglicher, manche weniger. Sie existieren, ohne sich dem Reglement einer Bewertung beugen zu müssen.

Das besondere an der Kunstpraxis Soest ist, dass nicht nur Menschen mit psychischen Störungen dort arbeiten, sondern auch ganz „normale” Menschen, die einfach Interesse an Kunst und Ausdruck haben.  Dort arbeiten gemischte Gruppen zusammen, oder Einzelpersonen. Von „Störungen” spricht Susanne Lüftner generell nicht gern. Sie nennt Menschen manchmal „die Anderen”. Das bedeutet, dass ihre Wahrnehmung oder Kommunikation anders funktioniert, als es der sozialen Norm entspricht. Eine etwaige Diagnose macht dabei keinen Unterschied. Die Grundannahme ist, dass das Seelenleben jedes Menschen einzigartig ist und sich Ausdruck sucht. Je ungewöhnlicher eine Seele dabei  ist, desto schwerer ist es, sie in Worten und Alltagsgesten auszudrücken.  Kunst ist seit jeher unser Ausdruck dessen, was wir mit diesen gewöhnlichen Mitteln nicht vermitteln können. Die psychische Kondition spielt dabei keine Rolle. Ab einer bestimmten Grenze ist jeder „nicht normal”. Fast jeder fühlt sich unzulänglich, wenn er „Ich liebe dich” sagt. Denn das Gefühl passt nicht in die Worte. Darum bemühen wir seit Jahrhunderten alle möglichen Kanäle, um das Gefühl zu vermitteln. Bildende, sprachliche und musikalische Kunst ergänzt uns da, wo Worte versagen. Sie ist eine Sprache jenseits der Sprache.

In Kunsttherapie geht es nicht darum, Werke aufzudröseln, auseinander zunehmen. Es ist genau das schädliche Verhalten, das uns in der Schule beigebracht wird und alle Kunst in unserem Leben auf immer zerstört. Vielmehr ist es das Nachfühlen der Emotionen, die in ihnen stecken. Das Verstehen. Der therapeutische Erfolg hier liegt in großen Teilen schon darin, dass ein Mensch sich endlich mitteilen kann. Wie ein Stummer, der Gebärdensprache lernt. Und ebenso wie mit der Gebärdensprache, dürfen wir nicht einfach bloß von Menschen erwarten, sie zu lernen. Auch wir müssen sie lernen, um zu verstehen. Wir müssen lernen, Kunst betrachten zu können. Fühlen zu können. Ohne sie auseinander zu nehmen.

Susanne Lüftner hat es geschafft, eine perfekte Atmosphäre dazu zu erschaffen. In ihrem Haus fühlt man sich wirklich frei, zu tun, was man will. Es gibt hier keine Denkverbote, keine Handlungsverbote, keine Bewertung und keinen Leistungsdruck. Es gibt nur Form, Farbe, Klang. Man kann sie vorsichtig erkunden und sich selbst dabei kennen lernen. Diese Umstände sind es, die verzweifelte Unternehmer händeringend zu erzeugen versuchen, wenn sie “Kreativität” fordern. In Wirklichkeit sind Inseln ohne Zwänge von Leistung heutzutage selten.

Die Fähigkeit, Kunst als Sprache zwischen verschiedenen Menschen zu verstehen, ist der erste Schritt zur Integration einer Gesellschaft. Deshalb sollte der persönliche Ausdruck weder in der Therapie, noch in der Politik oder Gesellschaft ein Randphänomen sein, sondern ein ebenso zentraler Punkt, wie es Sprache ist. Und genau deshalb ist auch die Kunstpraxis ein Ort, der sich gerade auch an die „normalen” Menschen richtet, die hier viel lernen können.

 

Die Eröffnung der Ausstellung „ART IN PARADISE” findet am 30. September 2012 zum 18. Geburtstag der Kunstpraxis Soest statt.

 

Veröffentlicht unter: Kunst, Psychologie, Kunsttherapie

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