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Die Kunst der Anderen – Outsider Art

02.10.2012, 08:00 Uhr

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Stellen Sie sich vor, sie schlendern als Tourist durch die Straßen von New York. Plötzlich spricht sie – wie es in New York leicht passieren kann – ein Fremder von der Seite an. Er ist schon älter, dunkelhäutig und sieht arm aus. „Hey, hey Sie!”, sagt er verschwörerisch und seine Stimme rutscht zu einem Flüstern herab: „Ich habe hier etwas.” Er macht seinen fadenscheinigen Mantel ein Stück weit auf und holt einen kleinen Zettel heraus, den er auffaltet. Der Zettel sieht aus, als sei er schon oft aufgefaltet worden. So oft, dass seine Knickkante notdürftig mit Tesafilm geklebt worden ist.
Auf dem Zettel befinden sich viele kleine, kryptische Symbole, mathematische Ausdrücke, Molekülketten. Es ist eine Formel. Mit dieser Formel kann man die Welt zerstören.
Der Mann, Melvin „Milky” Way ist sein Name, entwickelt viele solcher Formeln. Er besitzt damit die Macht, die Erde zu vernichten. Doch er tut es nicht. Er bewahrt sie.

Melvin Way hat in seiner späten Jugend Schizophrenie entwickelt. Darüber hat er seine wissenschaftliche Ausbildung abbrechen müssen und wurde auf Dauer obdachlos. Früher hätte man solche Zettelchen, die er fabriziert hat, wohl weggeworfen. Doch das tut man nicht. Sie hängen in Museen und werden verkauft, und zwar zu Stückpreisen von mehreren tausend Dollar. Way ist ein Repräsentant der sogenannten „Outsider Art”. Den Begriff prägte 1972 Kunsthistoriker Roger Cardinal. Ursprünglich sollte er als englische Übersetzung für „art brut” dienen, die naive, rohe Kunst von Laien und Autodidakten bezeichnet. Doch der Begriff Outsider Art gewann schnell an eigener Bedeutung und wurde speziell angewandt auf Künstler, die außerhalb der Gesellschaft standen, insbesondere solche aus psychiatrischem Kontext. Gerade Werke von „seelisch Behinderten” waren lange Zeit gar kein Gegenstand der Kunst. Im besten Fall sah man ihre Herstellung als willkommene Beschäftigung der Patienten an, die dann für eine Weile ruhig waren. Die fertigen Arbeiten wurden entsorgt. Das ist auch heute noch in weiten Teilen der Fall. So sind viele Zeichnungen des inzwischen berühmt gewordenen Karl Burkhard, der 2001 starb, zerknittert. Das lag daran, dass er seine Bilder zwischen Matratze und Lattenrost verstecken musste, damit sie nicht von Pflegern in den Müll geworfen wurden.

Bild zu: Die Kunst der Anderen - Outsider Art
Harold Jeffries “People Are Smiling When They Have Their Masks On”

 

Einer der frühesten Versuche, die schöpferische Kraft von Psychiatrie-Patienten unter ihrem künstlerischen Wert zu betrachten, gelang durch die Sammlung Prinzhorn. Diese entstand in Heidelberg und beinhaltet Arbeiten, die bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zurück reichen. Das von Prinzhorn 1922 verfasste, illustrierte Buch „Die Bildnerei der Geisteskranken” traf besonders bei Expressionisten und Surrealisten auf große Begeisterung und wird nach wie vor als die „Bibel der Surrealisten” bezeichnet. Ein wichtiger Einflussfaktor der Outsider Art scheint ihre Inspirationskraft zu sein.

Es ist gut, Werke der Kunst auch als solche zu erkennen. Wir dürfen aber auch nicht Gefahr laufen, sie unsachlich zu „verkunsten”. Denn viele Schöpfer im klinischen Bereich betrachten sich selbst gar nicht als Künstler. Melvin Way lässt den Verkauf seiner Werke zwar zu – er besteht aber hartnäckig darauf, jeden Käufer eindringlich zu warnen, nie Gebrauch von seinen Formeln zu machen. Es ist für ihn ein essenzielles Anliegen und zeigt, dass es um weit mehr geht, als die Schöpfung von Werken. Es geht um die Bewahrung der Welt. Das darf man nicht einfach als Konzept-Kunst abtun. Denn die Botschaft geht weit über ein schönes Ausstellungsobjekt hinaus. Und entsprechend auch, was man daraus lernen kann.

Bild zu: Die Kunst der Anderen - Outsider Art
Wayne Mazurek “New 2000 Camry LS Sedan”

 

Im Prinzip ist diese Kunstrichtung gerade deshalb so interessant, weil die Menschen, die sie betreiben, in irgendeiner Weise am Rande der Gesellschaft stehen. Darum bevorzuge ich den Begriff gegenüber der „art brut”, die eher auf vermeidlich mangelnden Feinschliff hinweist. Menschen, die an Grenzen stehen, zeigen die Grenzen erst auf. Sie definieren durch kontrastierendes Beispiel, was Norm ist, und lehren uns so über uns selbst. Gleichzeitig zeigen sie Wege, Tunnel aus der Norm heraus. Wonach viele Künstler streben, das gelingt ihnen ganz automatisch und meistens ungewollt: ihre Gedanken gehen andere Wege, finden andere Verknüpfungen und Assoziationen. Sie sprechen eine eigene Sprache. Man freut sich ja oft, wenn ein Mensch lernt, sich durch seine Kunst auszudrücken. Diese Kommunikation ist wichtig für ihn, und wir schauen milde darauf herab und sagen: „Ist ja schön”. Doch wir sollten weiter gehen, als uns für jemanden zu freuen. Denn der Künstler hat nicht nur ein Bedürfnis nach Kommunikation. Die Gesellschaft hat ein Bedürfnis, ihm zuzuhören. Wir brauchen als Gesellschaft immer Hilfe dabei, uns wahrzunehmen, wie man morgens einen Spiegel braucht. Denn wenn man klar denkt – also normal – also so, wie alle – dann fällt es schwer, sich zu reflektieren. Reflexion passiert zumeist von außen. Es braucht also gerade die andersartigen Gedanken und ihre andersartige Kommunikation, um uns zu bereichern. Um uns Einsicht in unsere eigenen Fehler zu gewähren, oder um die Welt besser zu erklären, als wir es bisher vermocht haben.

 

Bild zu: Die Kunst der Anderen - Outsider Art
Luke Tauber “Clara’s House – Market Square, Leipzig circa 1830″

 

Mir hat die Beschäftigung mit der Outsider Art in erster Linie gezeigt, wie fließend der Übergang von einer imaginierten Mitte der Gesellschaft zu deren Rändern eigentlich ist. Wie Kunst an sich schon der Versuch ist, über diese Grenzen hinaus zu gehen. Die Welt zu überwinden und in einen Kosmos der Form, der Farbe und des Ausdrucks einzutauchen.
Ich hoffe, ich konnte damit einen weiteren, winzigen Aspekt dieses Kosmos beleuchten.

 

 

Alle Bilder in diesem Artikel sind CC BY Art O.T.Grid. Wegen Lizenzsachen habe ich keine Bilder der Formeln von Melvin Way eingestellt, aber sie sind auffindbar. *hust*

 

Veröffentlicht unter: Kunst, Psychologie, Psychiatrie

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