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Alles fließt – liquid orchestra

22.10.2012, 08:00 Uhr  ·  Was passiert, wenn man politische Prinzipien von Beteiligung und Selbstorganisation auf ein musikalisches Konzert überträgt? Das Ergebnis ist ganz ähnlich. Es ist nicht schön - aber jedenfalls auch nicht langweilig. Und am Ende macht es tatsächlich sehr viel Sinn.

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Ich sitze selten in einer Kirche. Aber wann immer ich in einer Kirche sitze, passiert meistens soetwas Seltsames. Ich sitze mit dem Rücken zum Altar, die Bänke sind alle zur Mitte des Kirchenschiffs hin ausgerichtet. Der Raum ist groß und hell, mit weiß gestrichenen Wänden. Vier Violinen spielen. Die Frau neben mir sagt plötzlich: „Nana. Nana. Nana. Nana. Nana.” Die ganze Bankreihe fällt ein: „Nana. Nana. Nana. Nana.” Irgendwann ist der ganze Saal davon angesteckt. Die Violinen sind verstummt. Wir wiederholen alle die Silben. Wenn es vorher ein Durcheinander war, haben wir uns jetzt alle in der Tonhöhe auf ein halbwegs sauberes A geeinigt. Wir verstummen, dann beginnen hinter mir die Gitarren zu spielen, zum Takt eines Trommlers, der auf ein Stück der Berliner Mauer schlägt.

Ich sitze in der Uraufführung des Liquid Orchestra – nein, ich bin Teil des Liquid Orchestra. Ich bin Teil eines Experimentes. Ich sitze in der Geburt von etwas Neuem – und es ist eine schmerzhafte Geburt.
Dabei hatte der Abend so harmlos mit einer Podiumsdiskussion begonnen. Joerg Blumtritt, stv. Pressesprecher der Piratenpartei, Ines Pohl, Chefredakteurin der taz und Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des deutschen Kulturrates, diskutierten moderiert durch Johannes Wallmann über das abgehoben anmutende Thema: „Zukunft – liquid und integral?”. Die Diskussion hob ab in ungeahnte Sphären und schrammte immer gerade an der Grenze dessen vorbei, was ich gerade noch gedanklich umreißen konnte. Trotzdem habe ich interessiert zugehört und mich heimlich auf die musikalische Umsetzung des zuvor politisch diskutierten gefreut. Das Konzept des liquid orchestra trägt den Gedanken der Partizipation und Selbstorganisation aus Politik in die Musik. Es ist eher ein Spiel, als ein Konzert. Ein Zusammenwirken aus Instrumenten, Publikum, Organisation, Chaos, Klang, Stille und Raum.

Der Saal ist unterteilt in fünf Gruppen. Jede Gruppe ist für die Initiierung und Variierung verschiedener Modi verantwortlich. Es gibt Refrain-Modi, die vokal ausgeführt werden und Silben oder kurze Floskeln beinhalten, die wiederholt werden, bis der ganze Saal sich auf eine Tonhöhe einpendelt. Und es gibt Couplet-Modi, die von verschiedenen Instrumenten ausgeführt werden. Ein wenig waren wir bei der Anleitung alle verloren, denn allein für das Mitglied des „Publikums” gibt es sechs verschiedene Modi – vom reinen Summen, über verbalisierte Silben bis hin zu Floskeln wie ‚achja‘ – und diese auch noch in einer einfachen und einer komplexen Variante. Wann, wer, was tun sollte oder durfte, war vermutlich außer Gastgeber Johannes Wallmann den wenigsten klar. Vielleicht ein wenig, wie wenn man sich an der Politik beteiligen möchte. Auch die erscheint auf den ersten Blick einfach zu komplex. Wallmann selbst hat auch im Klangexperiment eine moderierende Rolle eingenommen, die Initiativen einzelner Teilnehmer genehmigen musste, ehe der Saal sie mit aufgriff. Er würde laut eigener Aussage auf so einen Spielmoderator in Zukunft am liebsten verzichten, doch in der experimentellen Phase war er sehr wichtig.

Und nun bin ich mitten drin in etwas… unbeschreiblichem. Zunächst muss man festhalten, dass Liebhaber des Ästhetischen in der Musik hier keine Freude haben dürften. Schön ist anders. Zunächst trauen sich nur einzelne Violinisten mit Tönen hervor, die noch schief und wackelig auf den Beinen stehen und nicht ganz zu einander passen. Wie ein durch seine Höhle schleichendes Raubtier schlängeln sie sich durch den viel zu großen Raum, wo alle angespannt lauschen. Von hinten kommen ein paar Gitarrentöne, doch sie verstummen wieder. Als höre man Instrumenten wie Tieren in ihrer natürlichen Lebensumgebung zu. Der Klangteppich schwillt an, als plötzlich durch die Zuschauer eine Unruhe geht. „Nana. Nana. Nana.” Alles schaut gebannt zum Moderator, der mit der Hand auf die Initiatorin des Refrains zeigt. Die Geste bedeutet: „Hier ist eine Anregung. Sie darf übernommen werden”. Mal summe ich, mal lausche ich den Trompetern und dem Chor, die beide von oben aus der Empore ihre Töne wasserfallartig auf uns herniederregnen. Nur wenige Teile des Konzerts klingen im klassischen Sinne schön. So spielt das Orchester immer wieder in plötzlicher Professionalität und entschlossener Einigkeit Vivaldi, der aber nach fünf Takten plötzlich abreißt und wieder in Stille stürzt. Gerlinde, die neben mir sitzt, hat Stifte dabei. Wir machen uns malerische Notizen zur Musik. Als ein junges Mädchen ein Gesangssolo hat, zeichnen wir sie beide, so sehr berührt sie uns. Dass das Spiel eine halbe Stunde dauert, bemerken wir nicht. Wir sind zu eingebunden in alles was vor und hinter, was um uns herum ist – in Streicher, Vokalisten, Mandolinen, Gitarren, Flöten, Klarinetten, Posaunen und auch einer computermusikalischen Bearbeitung, die hin und wieder wie ein Echo mit einer Aufzeichnung des zehn Minuten vorher Gespielten hinein bricht.

Das sind meine Notizen, auf dem Deckblatt des Programms:

Bild zu: Alles fließt - liquid orchestra

Später im Restaurant fragt ein Freund, der dazu gekommen ist, wie das Konzert war. Wir sind alle ratlos, was wir antworten sollen. Ich bemühe mich um eine Erklärung: „Stell dir vor, du gehst in ein klassisches Konzert, bist aber total auf LSD. Danach machst du eine Reise in dein eigenes Gehirn, wo du mitten durch die LSD-Erinnerung an dieses Konzert läufst und es dir nochmal anhörst und selbst mit rein redest. So war das.”

Interessant ist, dass obwohl das Konzert live ins Internet gestreamt wurde, das Erlebnis selbst so bemerkenswert analog war, dass man einfach dabei sein musste, um es zu begreifen. Am Ende kam das heraus, was vermutlich bei Selbstorganisation und Partizipation oft eine Rolle spielt. Es war, von außen betrachtet, nicht schön. Es war auch nicht sonderlich professionell. Doch es war wahrhaftig, es blieb im Gedächtnis und es ließ einen mit dem befriedigenden Gefühl zurück, Teil von etwas sehr Besonderem gewesen zu sein.

 

 

Veröffentlicht unter: Musik, Experiment

 
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