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	<title>Salon Skurril</title>
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	<description>Man kann sagen, Kunst ist unnötig. Und man hätte recht. Kunst gehört nicht zu den überlebenswichtigsten Dingen, um die man sich kümmern muss, wenn man auf einer einsamen Insel gestrandet ist. Und doch sind es gerade diese kleinen Unnötigkeiten, die uns erst wirklich frei machen - einige sagen - zum Menschen. Und es muss nicht immer die ganz große Kunst sein. Im Salon Skurril werden alle Kleinigkeiten des Alltags gesammelt, die unsere wundervolle, bisweilen überraschende und irritierende Kultur hervorbringt.</description>
	<lastBuildDate>Mon, 22 Oct 2012 06:00:00 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
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		<title>Alles fließt &#8211; liquid orchestra</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Oct 2012 06:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martina Weisband</dc:creator>
				<category><![CDATA[Experiment]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Was passiert, wenn man politische Prinzipien von Beteiligung und Selbstorganisation auf ein musikalisches Konzert überträgt? Das Ergebnis ist ganz ähnlich. Es ist nicht schön - aber jedenfalls auch nicht langweilig. Und am Ende macht es tatsächlich sehr viel Sinn. <a href="http://blogs.faz.net/skurril/2012/10/22/alles-fliesst-liquid-orchestra-62/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Ich sitze selten in einer Kirche. Aber wann immer ich in einer Kirche sitze, passiert meistens soetwas Seltsames. Ich sitze mit dem Rücken zum Altar, die Bänke sind alle zur Mitte des Kirchenschiffs hin ausgerichtet. Der Raum ist groß und hell, mit weiß gestrichenen Wänden. Vier Violinen spielen. Die Frau neben mir sagt plötzlich: &bdquo;Nana. Nana. Nana. Nana. Nana.&#8221; Die ganze Bankreihe fällt ein: &bdquo;Nana. Nana. Nana. Nana.&#8221; Irgendwann ist der ganze Saal davon angesteckt. Die Violinen sind verstummt. Wir wiederholen alle die Silben. Wenn es vorher ein Durcheinander war, haben wir uns jetzt alle in der Tonhöhe auf ein halbwegs sauberes A geeinigt. Wir verstummen, dann beginnen hinter mir die Gitarren zu spielen, zum Takt eines Trommlers, der auf ein Stück der Berliner Mauer schlägt.  </p>
<p>Ich sitze in der Uraufführung des Liquid Orchestra &#8211; nein, ich bin Teil des Liquid Orchestra. Ich bin Teil eines Experimentes. Ich sitze in der Geburt von etwas Neuem &#8211; und es ist eine schmerzhafte Geburt.<br /> Dabei hatte der Abend so harmlos mit einer Podiumsdiskussion begonnen. Joerg Blumtritt, stv. Pressesprecher der Piratenpartei, Ines Pohl, Chefredakteurin der taz und Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des deutschen Kulturrates, diskutierten moderiert durch <a target="_blank" rel="nofollow" href="http://www.integralart.de/content/projekte/liquid-orchestra">Johannes Wallmann</a> über das abgehoben anmutende Thema: &bdquo;Zukunft &#8211; liquid und integral?&#8221;. Die Diskussion hob ab in ungeahnte Sphären und schrammte immer gerade an der Grenze dessen vorbei, was ich gerade noch gedanklich umreißen konnte. Trotzdem habe ich interessiert zugehört und mich heimlich auf die musikalische Umsetzung des zuvor politisch diskutierten gefreut. Das Konzept des liquid orchestra trägt den Gedanken der Partizipation und Selbstorganisation aus Politik in die Musik. Es ist eher ein Spiel, als ein Konzert. Ein Zusammenwirken aus Instrumenten, Publikum, Organisation, Chaos, Klang, Stille und Raum.</p>
<p>Der Saal ist unterteilt in fünf Gruppen. Jede Gruppe ist für die Initiierung und Variierung verschiedener Modi verantwortlich. Es gibt Refrain-Modi, die vokal ausgeführt werden und Silben oder kurze Floskeln beinhalten, die wiederholt werden, bis der ganze Saal sich auf eine Tonhöhe einpendelt. Und es gibt Couplet-Modi, die von verschiedenen Instrumenten ausgeführt werden. Ein wenig waren wir bei der Anleitung alle verloren, denn allein für das Mitglied des &bdquo;Publikums&#8221; gibt es sechs verschiedene Modi &#8211; vom reinen Summen, über verbalisierte Silben bis hin zu Floskeln wie &sbquo;achja&lsquo; &#8211; und diese auch noch in einer einfachen und einer komplexen Variante. Wann, wer, was tun sollte oder durfte, war vermutlich außer Gastgeber Johannes Wallmann den wenigsten klar. Vielleicht ein wenig, wie wenn man sich an der Politik beteiligen möchte. Auch die erscheint auf den ersten Blick einfach zu komplex. Wallmann selbst hat auch im Klangexperiment eine moderierende Rolle eingenommen, die Initiativen einzelner Teilnehmer genehmigen musste, ehe der Saal sie mit aufgriff. Er würde laut eigener Aussage auf so einen Spielmoderator in Zukunft am liebsten verzichten, doch in der experimentellen Phase war er sehr wichtig.</p>
<p>Und nun bin ich mitten drin in etwas&#8230; unbeschreiblichem. Zunächst muss man festhalten, dass Liebhaber des Ästhetischen in der Musik hier keine Freude haben dürften. Schön ist anders. Zunächst trauen sich nur einzelne Violinisten mit Tönen hervor, die noch schief und wackelig auf den Beinen stehen und nicht ganz zu einander passen. Wie ein durch seine Höhle schleichendes Raubtier schlängeln sie sich durch den viel zu großen Raum, wo alle angespannt lauschen. Von hinten kommen ein paar Gitarrentöne, doch sie verstummen wieder. Als höre man Instrumenten wie Tieren in ihrer natürlichen Lebensumgebung zu. Der Klangteppich schwillt an, als plötzlich durch die Zuschauer eine Unruhe geht. &bdquo;Nana. Nana. Nana.&#8221; Alles schaut gebannt zum Moderator, der mit der Hand auf die Initiatorin des Refrains zeigt. Die Geste bedeutet: &bdquo;Hier ist eine Anregung. Sie darf übernommen werden&#8221;. Mal summe ich, mal lausche ich den Trompetern und dem Chor, die beide von oben aus der Empore ihre Töne wasserfallartig auf uns herniederregnen. Nur wenige Teile des Konzerts klingen im klassischen Sinne schön. So spielt das Orchester immer wieder in plötzlicher Professionalität und entschlossener Einigkeit Vivaldi, der aber nach fünf Takten plötzlich abreißt und wieder in Stille stürzt. Gerlinde, die neben mir sitzt, hat Stifte dabei. Wir machen uns malerische Notizen zur Musik. Als ein junges Mädchen ein Gesangssolo hat, zeichnen wir sie beide, so sehr berührt sie uns. Dass das Spiel eine halbe Stunde dauert, bemerken wir nicht. Wir sind zu eingebunden in alles was vor und hinter, was um uns herum ist &#8211; in Streicher, Vokalisten, Mandolinen, Gitarren, Flöten, Klarinetten, Posaunen und auch einer computermusikalischen Bearbeitung, die hin und wieder wie ein Echo mit einer Aufzeichnung des zehn Minuten vorher Gespielten hinein bricht.</p>
<p>Das sind meine Notizen, auf dem Deckblatt des Programms:</p>
<p> <img alt="Bild zu: Alles fließt - liquid orchestra" title="lqoc"  src="/skurril/files/2012/10/lqoc.jpg" height="560" width="787" /></p>
<p>Später im Restaurant fragt ein Freund, der dazu gekommen ist, wie das Konzert war. Wir sind alle ratlos, was wir antworten sollen. Ich bemühe mich um eine Erklärung: &bdquo;Stell dir vor, du gehst in ein klassisches Konzert, bist aber total auf LSD. Danach machst du eine Reise in dein eigenes Gehirn, wo du mitten durch die LSD-Erinnerung an dieses Konzert läufst und es dir nochmal anhörst und selbst mit rein redest. So war das.&#8221;</p>
<p>Interessant ist, dass obwohl das Konzert live ins Internet gestreamt wurde, das Erlebnis selbst so bemerkenswert analog war, dass man einfach dabei sein musste, um es zu begreifen. Am Ende kam das heraus, was vermutlich bei Selbstorganisation und Partizipation oft eine Rolle spielt. Es war, von außen betrachtet, nicht schön. Es war auch nicht sonderlich professionell. Doch es war wahrhaftig, es blieb im Gedächtnis und es ließ einen mit dem befriedigenden Gefühl zurück, Teil von etwas sehr Besonderem gewesen zu sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Die Kunst der Anderen &#8211; Outsider Art</title>
		<link>http://blogs.faz.net/skurril/2012/10/02/die-kunst-der-anderen-outsider-art-58/</link>
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		<pubDate>Tue, 02 Oct 2012 06:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martina Weisband</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Psychiatrie]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Stellen Sie sich vor, sie schlendern als Tourist durch die Straßen von New York. Plötzlich spricht sie &#8211; wie es in New York leicht passieren kann &#8211; ein Fremder von der Seite an. Er ist schon älter, dunkelhäutig und sieht &#8230; <a href="http://blogs.faz.net/skurril/2012/10/02/die-kunst-der-anderen-outsider-art-58/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Stellen Sie sich vor, sie schlendern als Tourist durch die Straßen von New York. Plötzlich spricht sie &#8211; wie es in New York leicht passieren kann &#8211; ein Fremder von der Seite an. Er ist schon älter, dunkelhäutig und sieht arm aus. &bdquo;Hey, hey Sie!&#8221;, sagt er verschwörerisch und seine Stimme rutscht zu einem Flüstern herab: &bdquo;Ich habe hier etwas.&#8221; Er macht seinen fadenscheinigen Mantel ein Stück weit auf und holt einen kleinen Zettel heraus, den er auffaltet. Der Zettel sieht aus, als sei er schon oft aufgefaltet worden. So oft, dass seine Knickkante notdürftig mit Tesafilm geklebt worden ist. <br /> Auf dem Zettel befinden sich viele kleine, kryptische Symbole, mathematische Ausdrücke, Molekülketten. Es ist eine Formel. Mit dieser Formel kann man die Welt zerstören. <br /> Der Mann, Melvin &bdquo;Milky&#8221; Way ist sein Name, entwickelt viele solcher Formeln. Er besitzt damit die Macht, die Erde zu vernichten. Doch er tut es nicht. Er bewahrt sie. </p>
<p>Melvin Way hat in seiner späten Jugend Schizophrenie entwickelt. Darüber hat er seine wissenschaftliche Ausbildung abbrechen müssen und wurde auf Dauer obdachlos. Früher hätte man solche Zettelchen, die er fabriziert hat, wohl weggeworfen. Doch das tut man nicht. Sie hängen in Museen und werden verkauft, und zwar zu Stückpreisen von mehreren tausend Dollar. Way ist ein Repräsentant der sogenannten &bdquo;Outsider Art&#8221;. Den Begriff prägte 1972 Kunsthistoriker Roger Cardinal. Ursprünglich sollte er als englische Übersetzung für &bdquo;art brut&#8221; dienen, die naive, rohe Kunst von Laien und Autodidakten bezeichnet. Doch der Begriff Outsider Art gewann schnell an eigener Bedeutung und wurde speziell angewandt auf Künstler, die außerhalb der Gesellschaft standen, insbesondere solche aus psychiatrischem Kontext. Gerade Werke von &bdquo;seelisch Behinderten&#8221; waren lange Zeit gar kein Gegenstand der Kunst. Im besten Fall sah man ihre Herstellung als willkommene Beschäftigung der Patienten an, die dann für eine Weile ruhig waren. Die fertigen Arbeiten wurden entsorgt. Das ist auch heute noch in weiten Teilen der Fall. So sind viele Zeichnungen des inzwischen berühmt gewordenen Karl Burkhard, der 2001 starb, zerknittert. Das lag daran, dass er seine Bilder zwischen Matratze und Lattenrost verstecken musste, damit sie nicht von Pflegern in den Müll geworfen wurden. </p>
<p> <img alt="Bild zu: Die Kunst der Anderen - Outsider Art" title="Jeffries"  src="/skurril/files/2012/10/Jeffries.jpg" /><br /><i>Harold Jeffries &#8220;People Are Smiling When They Have Their Masks On&#8221;</i></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Einer der frühesten Versuche, die schöpferische Kraft von Psychiatrie-Patienten unter ihrem künstlerischen Wert zu betrachten, gelang durch die Sammlung Prinzhorn. Diese entstand in Heidelberg und beinhaltet Arbeiten, die bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zurück reichen. Das von Prinzhorn 1922 verfasste, illustrierte Buch &bdquo;Die Bildnerei der Geisteskranken&#8221; traf besonders bei Expressionisten und Surrealisten auf große Begeisterung und wird nach wie vor als die &bdquo;Bibel der Surrealisten&#8221; bezeichnet. Ein wichtiger Einflussfaktor der Outsider Art scheint ihre Inspirationskraft zu sein. </p>
<p>Es ist gut, Werke der Kunst auch als solche zu erkennen. Wir dürfen aber auch nicht Gefahr laufen, sie unsachlich zu &bdquo;verkunsten&#8221;. Denn viele Schöpfer im klinischen Bereich betrachten sich selbst gar nicht als Künstler. Melvin Way lässt den Verkauf seiner Werke zwar zu &#8211; er besteht aber hartnäckig darauf, jeden Käufer eindringlich zu warnen, nie Gebrauch von seinen Formeln zu machen. Es ist für ihn ein essenzielles Anliegen und zeigt, dass es um weit mehr geht, als die Schöpfung von Werken. Es geht um die Bewahrung der Welt. Das darf man nicht einfach als Konzept-Kunst abtun. Denn die Botschaft geht weit über ein schönes Ausstellungsobjekt hinaus. Und entsprechend auch, was man daraus lernen kann.</p>
<p> <img alt="Bild zu: Die Kunst der Anderen - Outsider Art" title="Mazurek1"  src="/skurril/files/2012/10/Mazurek1.jpg" /><br /><i>Wayne Mazurek &#8220;New 2000 Camry LS Sedan&#8221; </i></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Im Prinzip ist diese Kunstrichtung gerade deshalb so interessant, weil die Menschen, die sie betreiben, in irgendeiner Weise am Rande der Gesellschaft stehen. Darum bevorzuge ich den Begriff gegenüber der &bdquo;art brut&#8221;, die eher auf vermeidlich mangelnden Feinschliff hinweist. Menschen, die an Grenzen stehen, zeigen die Grenzen erst auf. Sie definieren durch kontrastierendes Beispiel, was Norm ist, und lehren uns so über uns selbst. Gleichzeitig zeigen sie Wege, Tunnel aus der Norm heraus. Wonach viele Künstler streben, das gelingt ihnen ganz automatisch und meistens ungewollt: ihre Gedanken gehen andere Wege, finden andere Verknüpfungen und Assoziationen. Sie sprechen eine eigene Sprache. Man freut sich ja oft, wenn ein Mensch lernt, sich durch seine Kunst auszudrücken. Diese Kommunikation ist wichtig für ihn, und wir schauen milde darauf herab und sagen: &bdquo;Ist ja schön&#8221;. Doch wir sollten weiter gehen, als uns für jemanden zu freuen. Denn der Künstler hat nicht nur ein Bedürfnis nach Kommunikation. Die Gesellschaft hat ein Bedürfnis, ihm zuzuhören. Wir brauchen als Gesellschaft immer Hilfe dabei, uns wahrzunehmen, wie man morgens einen Spiegel braucht. Denn wenn man klar denkt &#8211; also normal &#8211; also so, wie alle &#8211; dann fällt es schwer, sich zu reflektieren. Reflexion passiert zumeist von außen. Es braucht also gerade die andersartigen Gedanken und ihre andersartige Kommunikation, um uns zu bereichern. Um uns Einsicht in unsere eigenen Fehler zu gewähren, oder um die Welt besser zu erklären, als wir es bisher vermocht haben. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p> <img alt="Bild zu: Die Kunst der Anderen - Outsider Art" title="Tauber"  src="/skurril/files/2012/10/Tauber.jpg" /><br /><i>Luke Tauber &#8220;Clara&#8217;s House &#8211; Market Square, Leipzig circa 1830&#8243; </i></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mir hat die Beschäftigung mit der Outsider Art in erster Linie gezeigt, wie fließend der Übergang von einer imaginierten Mitte der Gesellschaft zu deren Rändern eigentlich ist. Wie Kunst an sich schon der Versuch ist, über diese Grenzen hinaus zu gehen. Die Welt zu überwinden und in einen Kosmos der Form, der Farbe und des Ausdrucks einzutauchen. <br />Ich hoffe, ich konnte damit einen weiteren, winzigen Aspekt dieses Kosmos beleuchten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><i>Alle Bilder in diesem Artikel sind CC BY Art O.T.Grid. Wegen Lizenzsachen habe ich keine Bilder der Formeln von Melvin Way eingestellt, aber sie sind auffindbar. *hust*</i></p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Kunsttherapie &#8211; Die Sprache jenseits der Sprache</title>
		<link>http://blogs.faz.net/skurril/2012/09/19/kunsttherapie-die-sprache-jenseits-der-sprache-57/</link>
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		<pubDate>Wed, 19 Sep 2012 06:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martina Weisband</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Kunsttherapie]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Kunst erlernen ist, wie eine neue Sprache zu erlernen, wenn man eine so ungewöhnliche Welt in sich trägt, dass einfache Worte nicht mehr ausreichen. <a href="http://blogs.faz.net/skurril/2012/09/19/kunsttherapie-die-sprache-jenseits-der-sprache-57/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Assoziieren Sie mal frei zum Thema Kunsttherapie. Viele stellen sich darunter eine etwas esoterische Therapieform vor. Andere haben einen Therapeuten vor Augen, der aus der Geometrie von Bildern, aus ihrer Symbolsprache, aus winzigen formalen Anzeichen analytisch Rückschlüsse auf das Innenleben seines Klienten zieht. Wo Schlangen zu Penissen und Sonnen zu Müttern werden.<br /> Ich selbst hatte in meinem Leben verschiedene Einstellungen dazu. Als ich jünger war, wollte ich selbst kurzzeitig Kunsttherapeutin werden, weil es irgendwie naheliegend ist, wenn man sich ohnehin sowohl mit Kunst,&nbsp; als auch mit Psychologie beschäftigt. Später stahl sich in meinen Kopf das Klischee der Beschäftigungstherapie. Ich habe sie gleichgesetzt mit der Ergotherapie, die heutzutage in der Psychiatrie gängig ist und bei weitem nicht allen Patienten irgendwie nützlich dient. Die größte meiner Misskonzeptionen bestand aber darin, dass ich immer glaubte, es mit Patienten zu tun zu haben.</p>
<p>Es hat sich ergeben, dass ich zu der Eröffnung einer Ausstellung und zum Geburtstag der Kunstpraxis Soest eingeladen wurde und mich mit dem Thema näher beschäftigen konnte. Susanne Lüftner, die die Praxis gegründet hat und deren Sammlung ausgestellt wird, hat mich zu diesem Zweck schon mal in das alte Backsteinhaus in der Puppenstadt Soest eingeladen. Ich habe eine Welt kennen gelernt, die mich noch einen Schritt näher zum Verständnis von Kunst einerseits und der gesamten Gesellschaft andererseits gebracht hat.</p>
<p>Als wir aus dem Auto steigen, ist die Luft schon erfüllt von Pianoklängen, irgendwo von weit oben. Man hört, dass sie keine Aufzeichnung sind. &bdquo;Das ist nur Herr Braukmann, der wird bei der Eröffnung spielen. Der übt schon mal.&#8221; Wir gehen durch einen kleinen, magischen Garten, in dem eine schwarze Katze wohnt. Alles riecht nach Puder. Die Luft ist angenehm und beruhigend. Die &bdquo;Praxis&#8221; hat eigentlich nichts von einer Praxis, sondern ist tatsächlich eher ein Wohnhaus. Aber wie es in solchen Häusern übrig ist, ist jeder Fleck, jede Wand, jedes Regal voll von verschiedensten Kunstwerken, die völlig konkurrenzfrei neben einander existieren und die üblichen Elemente (Wände, Türen, Treppen) wieder spannend für das Auge machen. Frau Lüftner zeigt mir verschiedene Werke von Amateuren und Künstlern, die unter ihrer Anleitung gearbeitet haben. &bdquo;Das hier ist von Herrn Stief. Er häkelt ganz spannende Sachen. Zum Beispiel solche Biographischen Teppiche.&#8221; Sie rollt einen sechtzig Zentimeter breiten, gehäkelten Teppich aus, der mindestens fünf Meter lang ist. Ich hätte geschätzt, dass eine Frau ihn gemacht hat. In ihn sind mit bunten Wollfäden verschiedene Motive eingearbeitet. Die Buchstaben des Alphabets, verschiedene Namen, Frauengestalten, Autos, Straßen, Baukräne. Die Geschichte eines Menschen liegt gehäkelt zu meinen Füßen. Der Raum ist voll von Geschichten. &nbsp;Eine davon beeindruckt mich besonders, sie ist von Susanne Lüftner selbst. In einem großen Rahmen ist Leinenstoff eingespannt, in dem ein handtellergroßes, kreisrundes Loch prangt. Über die gesamte Leinwand ist um das Loch herum ein engmaschiges Netz aus Wollfäden gestopft. &bdquo;Umstopftes Loch&#8221;, heißt das. Es erinnert schmerzlich an den Alltag, der auch heute noch in Psychiatrien Realität ist. Es muss Wochen gedauert haben, dieses riesige, gleichmäßige Muster zu stopfen, in kleinteiliger Routinearbeit ohne jede Abwechslung. Und immer ganz vorsichtig um das Loch herum, ohne es zu kitten. <br />Hier hängen Werke, bei denen man sich nicht fragt, ob sie gut oder schlecht sind. Es sind einfach Werke. Sie erzählen Geschichten. Manche zugänglicher, manche weniger. Sie existieren, ohne sich dem Reglement einer Bewertung beugen zu müssen.</p>
<p>Das besondere an der Kunstpraxis Soest ist, dass nicht nur Menschen mit psychischen Störungen dort arbeiten, sondern auch ganz &bdquo;normale&#8221; Menschen, die einfach Interesse an Kunst und Ausdruck haben. &nbsp;Dort arbeiten gemischte Gruppen zusammen, oder Einzelpersonen. Von &bdquo;Störungen&#8221; spricht Susanne Lüftner generell nicht gern. Sie nennt Menschen manchmal &bdquo;die Anderen&#8221;. Das bedeutet, dass ihre Wahrnehmung oder Kommunikation anders funktioniert, als es der sozialen Norm entspricht. Eine etwaige Diagnose macht dabei keinen Unterschied. Die Grundannahme ist, dass das Seelenleben jedes Menschen einzigartig ist und sich Ausdruck sucht. Je ungewöhnlicher eine Seele dabei&nbsp; ist, desto schwerer ist es, sie in Worten und Alltagsgesten auszudrücken. &nbsp;Kunst ist seit jeher unser Ausdruck dessen, was wir mit diesen gewöhnlichen Mitteln nicht vermitteln können. Die psychische Kondition spielt dabei keine Rolle. Ab einer bestimmten Grenze ist jeder &bdquo;nicht normal&#8221;. Fast jeder fühlt sich unzulänglich, wenn er &bdquo;Ich liebe dich&#8221; sagt. Denn das Gefühl passt nicht in die Worte. Darum bemühen wir seit Jahrhunderten alle möglichen Kanäle, um das Gefühl zu vermitteln. Bildende, sprachliche und musikalische Kunst ergänzt uns da, wo Worte versagen. Sie ist eine Sprache jenseits der Sprache.</p>
<p>In Kunsttherapie geht es nicht darum, Werke aufzudröseln, auseinander zunehmen. Es ist genau das schädliche Verhalten, das uns in der Schule beigebracht wird und alle Kunst in unserem Leben auf immer zerstört. Vielmehr ist es das Nachfühlen der Emotionen, die in ihnen stecken. Das Verstehen. Der therapeutische Erfolg hier liegt in großen Teilen schon darin, dass ein Mensch sich endlich mitteilen kann. Wie ein Stummer, der Gebärdensprache lernt. Und ebenso wie mit der Gebärdensprache, dürfen wir nicht einfach bloß von Menschen erwarten, sie zu lernen. Auch wir müssen sie lernen, um zu verstehen. Wir müssen lernen, Kunst betrachten zu können. Fühlen zu können. Ohne sie auseinander zu nehmen.</p>
<p>Susanne Lüftner hat es geschafft, eine perfekte Atmosphäre dazu zu erschaffen. In ihrem Haus fühlt man sich wirklich frei, zu tun, was man will. Es gibt hier keine Denkverbote, keine Handlungsverbote, keine Bewertung und keinen Leistungsdruck. Es gibt nur Form, Farbe, Klang. Man kann sie vorsichtig erkunden und sich selbst dabei kennen lernen. Diese Umstände sind es, die verzweifelte Unternehmer händeringend zu erzeugen versuchen, wenn sie &#8220;Kreativität&#8221; fordern. In Wirklichkeit sind Inseln ohne Zwänge von Leistung heutzutage selten.</p>
<p>Die Fähigkeit, Kunst als Sprache zwischen verschiedenen Menschen zu verstehen, ist der erste Schritt zur Integration einer Gesellschaft. Deshalb sollte der persönliche Ausdruck weder in der Therapie, noch in der Politik oder Gesellschaft ein Randphänomen sein, sondern ein ebenso zentraler Punkt, wie es Sprache ist. Und genau deshalb ist auch die Kunstpraxis ein Ort, der sich gerade auch an die &bdquo;normalen&#8221; Menschen richtet, die hier viel lernen können.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a target="_blank" rel="nofollow" href="http://kunstpraxis-soest.de/neu/index2.htm">Die Eröffnung der Ausstellung &bdquo;ART IN PARADISE&#8221; findet am 30. September 2012 zum 18. Geburtstag der Kunstpraxis Soest statt.</a></p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Das Versagen der großen Schule</title>
		<link>http://blogs.faz.net/skurril/2012/09/03/das-versagen-der-grossen-schule-55/</link>
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		<pubDate>Mon, 03 Sep 2012 06:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martina Weisband</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wenn in Deutschland ein Politiker niest, ist er vier Zeitungsartikel später todkrank. Wie Verzerrung und Zuspitzung in Massenmedien ihrer neuen Funktion widersprechen. <a href="http://blogs.faz.net/skurril/2012/09/03/das-versagen-der-grossen-schule-55/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn in Deutschland ein Politiker niest, ist er vier Zeitungsartikel später todkrank. Im fünften Artikel ist sein Nachfolger bereits gefunden. Wer sich als Laie einmal durch die Mühlen der öffentlichen Berichterstattung bewegt hat, weiß, dass sie ganz eigenen, interessanten Mechanismen folgt. &nbsp;Jeder, der mal in der Öffentlichkeit gesprochen hat, hat die Erfahrung gemacht, dass man durchaus auch bei großer Medienaufmerksamkeit ohne professionelle Strategien kaum die Kontrolle darüber hat, welche Botschaft man durchbringen kann. Ich habe Grafik 1 gezeichnet, um diesen Prozess zu veranschaulichen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a target="_blank" rel="nofollow" href="http://www.abload.de/img/pressenau2i.jpg"> <img alt="Bild zu: Das Versagen der großen Schule" title="presse"  src="/skurril/files/2012/09/presse.jpg" height="274" width="451" /></a></p>
<p>Kontrollverlust in der Presse ist nichts Schlimmes. Im Gegenteil. Kontrolle sollte natürlich nicht die Person oder die Firma haben, um die es gerade geht, sondern der Journalist. Nur so haben wir echte Pressefreiheit und sind nicht Opfer streitender Propaganda verschiedener Seiten. Das Problem ist eher, dass der Grund für Verzerrungen oft nicht journalistische Skepsis ist, sondern Vereinfachung. Talkshows, Zeitungsartikel, Dokumentation und Berichte wollen in erster Linie eines: Eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte mit einem Anfang, einem Höhepunkt und einem Schluss. Optimaler Weise mit einer Moral und einem Helden, mit dem man sich identifizieren kann, sowie einem Schurken. Für eine interessante Berichterstattung gelten da ähnliche Regeln wie für einen interessanten Roman. Ich muss viele Sachberichte davon ausnehmen, lediglich die Tendenz ist beobachtbar. Diesen Regeln möchte der Journalismus nicht nur folgen, weil sie einfach sind. Er möchte ihnen in erster Linie folgen, weil wir, die Konsumenten, das so wollen. Wir interessieren uns eben mehr für gute Geschichten, als für dröge Berichterstattung. Und wir zahlen Geld dafür. Die Vereinfachung potenziert sich noch dadurch, dass Medien sich voneinander informieren und so nur noch die Spitzen von der Spitze des Eisbergs berichten, während sie weitere Details und Kleinigkeiten hinzufügen, sodass Ereignisse wie durch &bdquo;stille Post&#8221; verzerrt werden.</p>
<p>Jetzt wäre auch das nicht an sich fatal. Dann hätten wir eben lauter schöne Geschichten in den Medien, ist doch auch gut. Zumal das meiste davon ja doch irgendwie stimmt. Vielleicht sind bestimmte Aspekte überbetont, aber alles in allem lügt die deutsche Presse ja seltenst. Da gibt es dann allerdings ein Problem. Und das liegt in der Funktion, die Fernsehen, Zeitungen, Zeitschriften und Radio erfüllen. In einer demokratischen Gesellschaft, wo ja Bürger über den Kurs der Ereignisse mitbestimmen sollen, sind sie fast die einzige Quelle für allgemeines Wissen und Lernen.</p>
<p>Als Kinder gehen wir in die Schule. Dort beschäftigen wir uns mit Lesen, Schreiben, Rechnen, wir lernen etwas Geometrie und etwas Physik. Wir können eine Lösung herstellen, wir&nbsp; lernen das Paarungsverhalten von Fröschen, die Einigungskriege und Hobbies der Menschen in England. Ob wir wollen oder nicht &#8211; und Himmel, wollen wir nicht! &#8211; lernen wir, was links und rechts von unseren üblichen Interessensgebieten geschieht. Ab dem Zeitpunkt, wo wir die Schule verlassen, wird tatsächlich fast unsere gesamte Allgemeinbildung über Massenmedien betrieben. Das ist ein Großteil dessen, was wir neu über die Welt lernen &#8211; und zwar während des überwiegenden Teils unseres Lebens. Das ist ein ziemlich heftiger Brocken. Im Prinzip sind die Nachrichten, die Talk- und Realityshows, das gmx-Portal, die Süddeutsche und diverse Hochglanzjournale unsere Schule für Erwachsene. Und auf deren Lehrplan steht ganz bestimmte Information. Nämlich die, die Sie, den Leser, interessiert. Ob es in Quoten, Klicks oder Auflagen gemessen wird, die Medienwelt ist durch und durch darauf abgestimmt, zu interessieren und zu gefallen. Und eigentlich wäre darin auch nichts Schlimmes. Ist doch gut, wenn man nicht gelangweilt wird, sondern das Spannendste mundgerecht vermittelt bekommt. </p>
<p>Aber stellen Sie sich mal für einen Moment eine Schule vor, die nach diesem Prinzip funktioniert. Die Lehrer sind ständig bemüht, herauszufinden, wofür sich die Schüler gerade interessieren und liefern ihnen genau diese Inhalte. Im Musikunterricht werden nur Songs von Justin Bieber gesungen. In Englisch geht es nur um die amerikanischen Wahlen und die Lächerlichkeit der republikanischen Kandidaten. Im Geschichtsunterricht werden nur die besonderen Knüller behandelt. Die Französische Revolution, mit all den rollenden Köpfen (illustriert durch eine barbusige Dame). Die Kreuzzüge. Langweiligere Episoden, wie die Reformation, werden ausgelassen. Damit kann man die Aufmerksamkeit des Lesers&#8230; äh&#8230; Schülers nicht so lange fesseln. </p>
<p>So absurd diese Vorstellung erscheinen mag, im Moment ist sie unsere Lebensrealität. Denn es ist zwar allgemein bekannt, dass der Mensch lernt, solange er lebt. Praktische Konsequenzen haben wir daraus aber bisher nicht sonderlich viele gezogen. Zunehmend größere Teile der Medienwelt sind auf den Überraschungseffekt, auf das Entertainment bedacht. Aber Alternativen gibt es einfach kaum.</p>
<p>Natürlich gibt es eigentlich durchaus Alternativen. Es existiert ja nun eine unglaubliche Zahl an Primärquellen auf der Welt. Und sie kommen in Mode. Denn eigentlich ist der Vormarsch der vielen kleinen Blogs und der &bdquo;social media&#8221; nichts Anderes. Wenn ich Positionen einer Partei kennen lernen will, kann ich ja immer auf ihrer eigenen Website gucken, wissenschaftliche Blogs bieten meistens gut fundierte Informationen mit Links direkt auf die Quellen und Gerüchte über Promis kann man heute leicht durch einen Blick auf ihren eigenen Twitteraccount kommentiert wissen. Das Problem ist nicht die mangelnde Verfügbarkeit der Quellen. Das Problem ist, dass das gesamte neue Medium Internet nicht die Rolle spielen kann, wie die klassischen Medien es tun. Denn ihr Nachteil besteht zwar darin, dass man sein Programm nicht so leicht selbst zusammenstellen kann &#8211; aber ihr Vorteil besteht darin, dass man sein Programm nicht so leicht selbst zusammenstellen kann. Dadurch, dass das Internet aktiven, auswählenden Konsum erfordert, baut es auch Filter. Klar, ich schaue nach, was mich interessiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich dabei in ein neues Themenfeld gehe, ist dabei aber sehr gering. Wenn ich mich für Fischerei interessiere, werde ich kaum durch Zufall erfahren, dass es Ausschreitungen in Syrien gibt und welche Hintergründe das hat. Solche Nachrichten bekomme ich zumeist aus Medien, die schon fertige Pakete geschnürt haben. Wie in der Schule eben. In der Schule setzt man sich gezwungenermaßen mit vielen Bereichen auseinander, um überhaupt erst die Übersicht gewinnen zu können, welche Bereiche es gibt. Ohne diese Ahnung kann man auch kein tieferes Interesse entwickeln.<br /> Die neuen Medien sind eine großartige Ergänzung der alten. Sie werden aber kein Ersatz sein. Denn gerade die größere Übersicht ist ein wichtiger Teil der Erwachsenenbildung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ich sprach mal mit einer Journalistin über den zunehmenden Boulevard in der Politik. <br /> &bdquo;Verstehen Sie&#8221;, sagte ich: &bdquo;Ich habe nichts gegen Boulevard. Wegen meiner können sich Menschen gern für Ehen und Kinder von Stars interessieren. Ich verstehe nur nicht, warum man gerade in der politischen Berichterstattung so viele unnötige Spitzen über Personen auffahren muss, warum gerade da so viel Klamauk stattfindet.&#8221;<br /> Sie nickte bedächtig und erzählte: &bdquo;Die Kollegen von der BILD schreiben ja immer gerne über das, was Merkel so isst. Und ich denke mir immer: &sbquo;Da interessiert sich doch kein Mensch für, ob Merkel bei ihrem Besuch in China jetzt Hackbraten oder Ente gegessen hat.&lsquo; Aber wenn die Leute, die gar nichts mit Politik zu tun haben, auf die Überschrift klicken, erfahren sie immerhin, dass Merkel in China war und was sie da wollte. Auch wenn Unwichtiges im Fokus steht. Das ist doch schon mal was, oder? Unsere Aufgabe ist es ja auch, Politik zu den Menschen zu bringen, die sich nicht dafür interessieren. Es ist ein bisschen wie Kindern heimlich Gemüse unterzuschieben, indem man es in einen Teigmantel tut.&#8221;</p>
<p>Genau bei diesem Satz habe ich aber den Fehler gefunden, der gemacht wird. Menschen werden wie Kleinkinder behandelt, Politik wie uninteressantes Gemüse. Ich meine, wir vergleichen Leser von Online-Portalen einerseits mit Kleinkindern, andererseits geben wir ihnen politische Macht in die Hand, indem wir Demokratie stärken? Da läuft was falsch. Wer Menschen als Kinder behandelt, wird auch kindische Reaktionen bekommen. Wenn wir mit Erwachsenen auch so umgehen, werden sie handeln wie Erwachsene. Wenn wir Menschen klar machen können, wie viel von jedem Einzelnen abhängt, wird er für Information dankbar sein, die er zur Erfüllung der Aufgabe dringend braucht.</p>
<p>Und hier muss ich mit dem Bild von Schule brechen, das ich ja selbst vorhin verwendet habe. Denn unter Schule stellen sich die meisten eben eine Zwangsinstitution vor, die faulen Kindern Wissen eintrichtert. Aber ich finde, dass weder Kindern, noch Erwachsenen etwas eingetrichtert werden sollte. Vielmehr brauchen wir eine gute Versorgung mit interessanten Informationen &#8211; nicht nur mit Entertainment &#8211; um den ganz natürlichen Lernwillen des Menschen zu fördern.</p>
<p>&nbsp;Erwachsenenbildung wird immer wichtiger und darum hoffe ich noch immer auf einzelne Fernseh- und Radiosender &#8211; ich denke hier natürlich besonders an die öffentlich-rechtlichen &#8211; , einzelne Zeitungen und Magazine, die bewusst in die Tiefe von Themen gehen und versuchen, sie realistisch darzustellen. Die sich für einen Beitrag mehr Zeit nehmen, als drei Minuten, was die Aufmerksamkeitsspanne des ominösen &bdquo;normalen Zuschauers&#8221; sein soll.&nbsp; Aufmerksamkeitsspanne verändert sich, je nachdem, was man konsumiert. Das ist ein dynamisches Konstrukt. Daher kann gerade das Fernsehen daran durchaus drehen. Auch, was die Häufigkeit von Themenwechseln betrifft, die Sprache, das Niveau &#8211; es gibt keinen natürlichen Stand, den der Zuschauer erwartet oder mit dem er ausschließlich zurechtkommen kann. Zuschauer werden geprägt durch das, was sie üblicherweise sehen.&nbsp; Gerade die Sender, die nicht auf Quoten angewiesen sind, sondern ohnehin gemeinschaftlich finanziert werden, könnten ruhig experimentieren. Auf schnellere Schnitte, große Überschriften, kürzere Themen und knalligere Effekte verzichten, um mal zu sehen, wie das wirkt. Sie sind es, die entspannte und vielschichtige Analysen zu komplizierten Fragen bringen können. Euro-Krise, Nahost-Konflikt, Energiewende. Das sind alles Dinge, die kaum jemand richtig versteht und zu deren Verständnis man auch nicht beiträgt, wenn man es in Zwei-Minuten-Beiträgen abhandelt. Man könnte es zumindest auf den Versuch ankommen lassen. </p>
<p>Auch Schulen arbeiten daran &#8211; und sollten noch viel mehr daran arbeiten &#8211; wie man Wissen interessant und spannend vermittelt. Das sollte auch im Journalismus bleiben, unbenommen. Nur auf Verfälschungen, unnötige Zuspitzungen und Polemisierungen können und müssen wir bei dieser breiten Bildung verzichten. Wir leben in einer vernetzten Welt. Wir sollten auch mehr damit arbeiten. Was spricht dagegen, Themen in Berichten übersichtlich, aber differenziert zu erklären und dann Links und Hinweise zu geben auf weiterführende Informationen? Teilweise wird das doch schon gemacht. Aber dann vielleicht bei Themen, die etwas relevanter sind, als die Herstellung von Eiscreme. </p>
<p>Liebe Journalisten. Ihr macht einen großartigen, wichtigen Job. Ich würde nicht mal meckern, wenn ich neben übertriebenen Überschriften und Symbolbildern nicht auch wirklich gut analysierte, gut recherchierte und kritische Artikel gelesen hätte. Mehr davon! Wir brauchen euch und eure Möglichkeit, Geld, Recherchezeit und Lektorat in gute Berichterstattung zu stecken. Vergesst nicht, dass auf euren Schultern eine große Verantwortung liegt. Ihr seid die Lehrer der Erwachsenen. Ihr könnt uns Türen zu Wissen öffnen, von dem wir nicht wissen, dass es das gibt. Traut uns mehr zu. Hört nicht immer nur auf unsere Erwartungen. Vergesst nicht, dass wir letztlich das erwarten, was ihr uns vorsetzt. Was wir gewöhnt sind. Ihr könnt die Welt wirklich verbessern.</p>
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<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Schiffbruch mit Literaturkritiker</title>
		<link>http://blogs.faz.net/skurril/2012/08/20/schiffbruch-mit-literaturkritiker-54/</link>
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		<pubDate>Mon, 20 Aug 2012 06:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martina Weisband</dc:creator>
				<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Yann Martel hat vor einiger Zeit &#34;Schiffbruch mit Tiger&#34; geschrieben. Kritiker haben dazu etwas mit Religion geschrieben. Ich schreibe dazu etwas mit Glauben. Eine amateurhafte Literaturrezension. <a href="http://blogs.faz.net/skurril/2012/08/20/schiffbruch-mit-literaturkritiker-54/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Ich durfte neulich als eine der Ersten einen Blick auf eine neue Zaubershow eines Freundes werfen. In dieser Show ist er Mentalist und kann Gedanken uneingeweihter Zuschauer aufschnappen. Es gibt mehrere Etappen, in denen ein Erraten immer unwahrscheinlicher wird. Er las einfach Gedanken. Ich sprach später mit den Freunden, die er als Assistenten für seine Nummern gewählt hatte. Sie wussten ehrlich nicht, wie er das getan hatte. Als Wissenschaftlerin musste ich ihn natürlich nach dem Trick fragen, denn ich war ehrlich verblüfft und musste die Wahrheit erfahren. Doch er verlor kein Wort. Ich bemühte mich eine ganze Weile, die wunderschöne Illusion mit Hilfe meiner Logik zu zerbrechen. Ich ging jede Möglichkeit durch. Aber es wollte mir nicht gelingen. Zum Schluss entschloss ich mich, aufzugeben. Ich weiß zwar, dass er eigentlich nicht magiebegabt ist, sondern hauptberuflich als Anwalt arbeitet. Aber er kann eben auch Gedanken lesen.</p>
<p>Ein völlig anderes Thema ist das Buch von Yann Martel, über das ich schreiben möchte, obwohl es vor über zehn Jahren erschienen ist. Vermutlich haben Sie bereits davon gehört und es vielleicht auch gelesen. Es wurde kürzlich verfilmt, ich habe den Film aber nicht gesehen. Ich hasse es, dass ich die Gelegenheit verpasst habe, als es noch &bdquo;aktuell&#8221; war. Andererseits geht es darin um Glauben und das ist nun schon seit Langem nicht mehr aktuell. Das hier ist also die Rezension eines nicht aktuellen Buchs zu einem noch viel unaktuelleren Thema.&nbsp; Jeder, der findet, dass Literatur etwas Aktuelles anhaften sollte, sollte genau hier aufhören zu lesen.</p>
<p>Meine erste Begegnung mit &bdquo;Schiffbruch mit Tiger&#8221; hatte ich bei einem Spieleabend mit Wolf. Wir hatten alle gemütlich Bärenfang getrunken, gespielt und gesungen. Irgendwann legte Wolf seine Gitarre weg und sagte zu mir: &bdquo;Du musst ein Buch lesen.&#8221; Er drückte mir ein kleines, blaues Buch in die Hand. Es hieß &bdquo;Schiffbruch mit Tiger.&#8221; <br /> Er sagte: &bdquo;Das ist ein sehr gutes Buch.&#8221;<br /> Ich sagte: &bdquo;Cool. Worum geht es?&#8221;<br /> &bdquo;Um jemanden, der Schiffbruch erleidet. Mit einem Tiger.&#8221;<br /> &bdquo;Aha.&#8221;<br /> &bdquo;Naja, zuerst sind auch eine Tüpfelhyäne, ein Orang-Utan und ein verletztes Zebra im Boot.&#8221;<br /> &bdquo;Wirklich?&#8221;<br /> &bdquo;Ja. Aber die Hyäne tötet das Zebra und den Orang-Utan und der Tiger tötet die Hyäne.&#8221;<br /> &bdquo;Und das ist ein gutes Buch?&#8221;<br /> &bdquo;Der Junge ist übrigens praktizierender Hindu, Christ und Moslem. Und der Tiger heißt Richard Parker. &#8220;</p>
<p>Ich gebe zu, ich habe eine Schwäche für absurde Prämissen. Je absurder die Prämisse, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich etwas konsumiere. (Ich hätte sonst nie Geld ausgegeben für &sbquo;Pride and Predjudice and Zombies&lsquo;.) Ich habe dieses Buch also ohne Hintergedanken gelesen, ohne mich vorher mit den Kritiken befasst zu haben, im Zug und vor dem Schlafengehen, mit der Naivität eines Kindes. Genau so muss man es auch lesen, glaube ich.</p>
<p>An dieser Stelle muss ich die Handlung des Buchs wiedergeben und ich hasse diesen Teil immer. Aber sowas ist wirklich nützlich, wenn man verstehen will, worum es geht. Es geht tatsächlich um den Jungen Pi, der irgendwann in den 1950ern in Indien als Sohn eines Zoodirektors zur Welt kommt. Er entdeckt während seiner Kindheit drei Religionen für sich und lebt nach allen dreien, ohne das geringste Verständnis dafür, warum man sie trennen sollte. Irgendwann will die Familie nach Kanada auswandern und nimmt den halben Zoo mit. Ihr Schiff sinkt mitten auf dem Pazifik aus unerfindlichen Gründen und Pi kann sich in ein Boot retten. Leider gelingt dies auch einigen mehr oder minder gefährlichen Tieren, von denen nach einigen Tagen nur noch der Tiger übrig bleibt. Der Großteil des Buchs ist eine Schilderung der Erfahrungen, die Pi allein in einem Rettungsboot mit einem bengalischen Tiger in einem Überlebenskampf macht, der insgesamt 227 Tage dauert. Pi überlegt zuerst lange, wie er Richard Parker töten kann, um sicher zu sein. Dann beschließt er, den Tiger zu zähmen. Es ist eine von Entbehrungen, Verzweiflung und immer wieder neuer Hoffnung gezeichnete Reise.&nbsp; Er wird ausgezehrt, blind und halb wahnsinnig. Er begegnet mitten auf dem Ozean einem Franzosen, der ebenfalls in einem Rettungsboot sitzt und Hunger leidet und nach einem Angriff auf Pi von Richard Parker getötet wird.&nbsp; Er entdeckt eine wundersame Insel, die nur aus Algen besteht, aber einen Wald und Millionen von Erdmännchen beheimatet. Weil sie ihn mit allem versorgt, will Pi erst dort bleiben, doch er entdeckt, dass die Algen nachts fleischfressend werden und zieht weiter. Am Ende landet er in Mexiko und sein Tiger flieht in den Dschungel. Im Krankenhaus spricht Pi mit zwei Angestellten des japanischen Verkehrsministeriums, die nach der Ursache des Schiffbruchs forschen. Sie glauben ihm seine Geschichte nicht. Immerhin sind sie vernünftig. Und dann erzählt er zu ihrer Beruhigung eine andere Geschichte, in der keine Tiere vorkommen. In dieser Geschichte ist er mit einem Matrosen, dem Schiffskoch und mit seiner Mutter im Boot gelandet, woraufhin der Koch den Matrosen und seine Mutter tötet und er selbst den Koch. Das erscheint den Zuhörern glaubhafter. Pi stellt heraus, dass es für ihren Auftrag, nämlich die Ursache des Unglücks, keinerlei Relevanz hat, ob die erste oder die zweite Geschichte wahr ist. Und obwohl die japanischen Beamten Männer von Logik sind, erwähnen sie doch zum Schluss in ihrem Bericht den Tiger. Weil es irrelevant ist. Weil es einfach die schönere Geschichte ist. </p>
<p>Dieses Buch ist Vieles. Erst mal ist es ein gutes Abenteuerbuch, denn im Gegensatz zu einer religiösen Parabel werden Tiere hier nicht verniedlicht, verharmlost oder märchenhaft dargestellt. Auf dem Meer geht es nicht vorrangig um eine Beziehung zu Gott, sondern darum, was Salzwasser mit der menschlichen Haut anstellt und wie man überlebt. Es ist eine grausame Geschichte, aber eine spannende.<br /> Dann ist es natürlich ein Buch über den Glauben. Der Protagonist ist diffus gläubig, so gläubig sogar, dass Religionen an ihm haften bleiben, wie Flöhe. Er sieht Atheisten auch als Glaubensbrüder an, denn sie leben ja auch mit einer Vorstellung von der Welt. &nbsp;Nur Agnostiker mag er nicht, hätten sie doch den Zweifel zu ihrer Lebensphilosophie erhoben. Zweifel sei gut und richtig, aber wer an allem nur zweifle, verpasse das Beste an der Geschichte. <br /> Neben dieser einfachen Moral verfügt das Buch über sehr viele philosophische und theologische Andeutungen. So ist die Algeninsel natürlich eine Anspielung auf den Sündenfall. Solange Pi nicht erkundet, wo er da ist, ist er im Paradies. Erst als er in den Früchten eines Baums einen Hinweis darauf findet, dass mit der Insel etwas nicht stimmen könnte, muss er sie verlassen. Für einen Menschen, dessen Verstand ein Sezierwerkzeug ist, finden sich noch diverse andere metaphorische Kirschen. Man kann also sagen, dass vom jugendlichen Abenteuerromanleser bis zum älteren Theologen für jeden etwas dabei ist.</p>
<p>Lustig fand ich es, die <a target="_blank" rel="nofollow" href="http://www.perlentaucher.de/buch/yann-martel/schiffbruch-mit-tiger.html">Kritiken</a> zum Buch zu lesen. Die gehen mit eben jenem Sezierwerkzeug an das Werk heran und pflücken es teilweise auseinander. Sie schreien, dass das Buch nichts bietet, was Lessing nicht auch schon über die großen Religionen gesagt hätte, und zwar besser. Und dann kommen sie teilweise zu Schlussfolgerungen wie die Neue Züricher Zeitung und sprechen von &bdquo;postmoderner Remix-Religiosität[...], die sich an allem bedient, ohne Rücksicht auf Kontext, Tradition oder tieferen Sinn&#8221;. Und das ist eben überhaupt nicht der Punkt. Es geht in diesem Buch nicht um Religiosität. Es geht um Glauben. <br /> Das Problem am Glauben ist ja, dass er so schrecklich vorbelastet ist. Zum Beispiel wird er gleich assoziiert mit dem Glauben an den einen Gott und daran hängt sofort die Religion und daran hängen Ausbeutung, Kriege, Lügen und &nbsp;Ausgrenzung, die allesamt nichts mehr mit Glauben zu tun haben, sondern mit Politik, aber doch dem Glauben zugeschrieben werden. &nbsp;<br /> Wenn man also über Glauben schreibt, dann ist es wichtig, das alles eben abzustreifen. Keine Tradition, keine Kultur, keine Geschichte. Kein kohärentes Glaubenssystem, keine komplizierte Sprache. Nur das nackte Phänomen an sich, isoliert wie der Protagonist. Es ist in der heutigen Welt sehr schwer zu vermitteln, warum Glaube etwas Gutes sein soll. Schließlich streben wir nach Erkenntnis. Die traurige Wahrheit aber ist, dass wir die Erkenntnis nicht vollständig erreicht haben. Wir sitzen auch nur im Rettungsboot unseres Verstandes auf dem Ozean der Schöpfung und sind völlig verloren. Ich halte es für gut und richtig, dass wir unsere Umgebung erkunden, sie begreifen, kartographieren und aufzeichnen. Aber der Teil, der noch unentdeckt ist, sollte unserer persönlichen Zufriedenheit dienen. Das ist ein rein hedonistischer Ansatz. Nur aus dieser Zufriedenheit schöpfen wir die Kraft zum Erkunden und Begreifen. Wenn ein Elternteil von mir stirbt, kann mir niemand beweisen, was mit seinem Bewusstsein passiert. Hat das irgendeine Art von Relevanz? Nein. Und darum kann ich guten Gewissens daran glauben, dass es etwas Schönes sein muss. Weil es mir Kraft gibt. Auch die Kraft, anderen real zu helfen.</p>
<p>Glauben muss nicht mit Religion oder mit Gott zu tun haben. Er muss nichts mit Verblendung oder mit Leugnen von Tatsachen zu tun haben. Er schließt sich mit der Wissenschaft nicht aus. Glauben ist lediglich die Sicherheit, sich dort entspannt zu fühlen, wo man bisher kein Wissen haben kann. Die Fähigkeit, Kraft zu schöpfen, wo man sonst neurotisch an Fragen verzweifeln würde. &nbsp;Es ist der Mut, die weißen Stellen auf einer Landkarte mit bunten Wachsmalstiften zu füllen. Es ist die winzige, kindliche Freude daran, überzeugt zu sein, dass der eigene Anwalt Gedanken lesen kann.</p>
<p>Ich glaube, mehr wollte Herr Martel auch gar nicht sagen. Danke für die Erinnerung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Split Brain</title>
		<link>http://blogs.faz.net/skurril/2012/08/06/split-brain-52/</link>
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		<pubDate>Mon, 06 Aug 2012 05:46:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martina Weisband</dc:creator>
				<category><![CDATA[Neurologie]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Split-Brain-Patienten werfen philosophische Fragen nach dem Bewusstsein des Menschen auf. Sind wir Menschen einfach große Maschinen, gesteuert von einem rechenzentrum unseres Gehirns, oder sind wir mehr? <a href="http://blogs.faz.net/skurril/2012/08/06/split-brain-52/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn ich die Überschrift so schreibe, klingt sie nach einem guten Titel für einen Horrorfilm.</p>
<p>Aber in Wirklichkeit will ich einfach aus der fantastischen Welt dessen berichten, was ich studiere.</p>
<p>Wir sind uns irgendwo alle einer eigenen Persönlichkeit und einer  eigenen Willenskraft bewusst. Wenn wir Handlungen vollführen,  Entscheidungen treffen, ja nur eine Bewegung tun, scheint uns unser  Organismus, Geist mit Körper, einheitlich.</p>
<p>Physiologisch sieht die Sache anders aus und wir fragen uns: Was zur  Hölle ist eigentlich unsere Persönlichkeit und zu wie weit sind wir nur  Maschine?</p>
<p>Ich schneide dieses Thema auf Ebene eines interessanten Gedankens an:  Was ist, wenn man unsere beiden Hirnhälften in der Mitte trennt?  Das  ist nicht unrealistisch und wird bei Epilepsie-Patienten gemacht, um ein  Übergreifen der Krankheit von einer auf die andere Hemisphäre zu  verhindern. Dabei wird das <i>Corpus callosum</i> durchtrennt, also  grob gesagt die Nervenverbindung zwischen den Hemisphären.  Damit steht  jede Gehirnhälfte auf eigenen Beinen, es findet kein Austausch mehr  statt. Interessant ist: Nach nur einigen Monaten nach der Operation  zeigen die Patienten keinerlei äußerliche Auffälligkeiten. Sie haben  keine Behinderung, noch eine Einschränkung.  Nur experimentell kann das  Hindernis sichtbar gemacht werden:</p>
<p> <img alt="Bild zu: Split Brain" title="tumblr_5F00_l7mbpokt1x1qb6etto1_5F00_400"  src="/skurril/files/2012/08/tumblr_5F00_l7mbpokt1x1qb6etto1_5F00_400.gif" /></p>
<p>Die Versuchsperson sieht in der linken Gesichtshälfte, die mit der  rechten Hemisphäre korrespondiert, einen Schlüssel. Mit der linken Hand,  die von dieser Hemisphäre gesteuert wird, kann sie einen Schlüssel  greifen. Sie kann aber nicht benennen, was sie da gegeriffen hat, weil  das Sprachzentrum in der linken Hemisphäre lokalisiert ist.<br /> Andersherum ist es genauso: Die Person kann das Wort Ring lesen und  sprachlich wiedergeben. Die linke Hand der Person könnte aber nicht nach  einem Ring greifen, weil die von der rechten Hemisphäre kontrolliert  wird, die garnichts von einem &#8220;Ring&#8221; weiß. Diese beiden Prozesse können  übrigens <b>gleichzeitig</b> ablaufen, ohne dass sie einander stören. Diese Person ist plötzlich fähig, zweifache Aufmerksamkeit aufzubringen.</p>
<p>Die Einheit des Körpers ist nur Täuschung. Der Patient hat gelernt,  seine kontralaterale Körperseite einzuschätzen und auf sie einzugehen.  Aber er besitzt<b> zwei</b> getrennte Willen! In den Tagen und  Wochen direkt nach der Operation ist es deutlich. Die Bewegungen sind  unkoordiniert, oft kann die rechte Hand die linke nur kontrollieren,  indem sie sie festhält. Die linke Hand und insgesamt die linke  Körperhälfte werden oft als fremd empfunden und unmöglich kann der  Patient benennen, was seine linke Körperhälfte tut (weil sie ja von der  rechten Hemisphäre gesteuert wird, während das Sprachzentrum in der  linken ist).</p>
<p>An dieser Stelle stellt sich eine tief philosophische Frage nach dem  Bewusstsein. Im Lexikon der Neurowissenschaften sind zu dieser Frage  folgende Thesen angegeben:</p>
<p>1) Das Bewußtsein ist bei Split-Brain-Patienten nicht geteilt, weil  die Hemisphäre ohne Sprachfähigkeit (in der Regel die rechte) nicht  bewußt ist.<br /> 2) Das Bewußtsein wird nur unter den experimentellen Randbedingungen geteilt, ist aber im Alltagsleben eine Einheit.<br /> 3) Das Bewußtsein wird die ganze Zeit geteilt.<br /> 4) Das Bewußtsein ist geteilt, aber nur in einer Weise, die deutlich  macht, daß auch unter normalen Bedingungen ständig zwei Bewußtseine in  einem Kopf lokalisiert sind.<br /> 5) Keine dieser Interpretationen paßt zu den Tatsachen, und deshalb  müssen wir unsere Annahme aufgeben, daß eine scharfe Trennung zwischen  einem Bewußtseinsstrom und zweien getroffen werden kann.</p>
<p>Es ist kaum möglich, hier wissenschaftlich eine Antwort zu finden und eine der Thesen auszuwählen.</p>
<p>Ich persönlich bin, da ich das Gehirn die in letzter Zeit intensiv studieren musste, inzwischen zu einem maschinenhaften Bild  unserer Funktionsweise gekommen. Bewusstsein ist ein Neuronensturm im  Gehirn. Liebe, Angst, Philosophie, Gott, Kunst, Faulheit und Vorfreude  auch. Das erdet, wenn man anfängt, es zu begreifen, sehr. Doch nach einer Weile relativiert sich diese Sicht von selbst. Denn es gibt noch genug, was wir nicht verstehen. Es ist eben keine Dampfmaschine, sondern ein komplizierter, biologischer Computer. Wir haben riesige weiße Stellen auf der Landkarte unseres Verstehens. Die kalte, wissenschaftliche Sicht auf den Menschen als Maschine muss schließlich irgendwann zerbrechen, wenn man nach dem Studium dieser Bücher mit ihren lateinischen Fachbegriffen&nbsp; raus geht, an einem sonnigen Nachmittag, um mit einem geliebten Menschen ein Eis zu essen. Vielleicht sind es nur die Wärmerezeptoren, das lymbische System und mein Präfrontalkortex. Vielleicht macht mich auf dieser Welt wirklich nichts anderes glücklich, als Serotonin und Dopamin. Aber das Eis ist kühl und dahinten fliegt ein Vogel und das Leben ist ein Abenteuer. </p>
<p>Kuriositäten aus der Wissenschaft bringen uns dazu, über uns selbst nachzudenken und weitergehende Fragen zu stellen. Aber ihrer ungeachtet, bleiben wir trotzdem Menschen mit Bewusstsein und Gefühlen, und empfinden und sehen Schönheit in Dingen. Einfache, kalte Erklärungen bereichern wir durch unsere Phantasie. Aus der Amygdala machen wir ein Herz in der Hose und aus Endorphinen machen wir Schmetterlinge im Bauch. Das macht uns so besonders und erhaltenswert.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Finger weg von Religion?</title>
		<link>http://blogs.faz.net/skurril/2012/07/23/finger-weg-von-religion-51/</link>
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		<pubDate>Mon, 23 Jul 2012 06:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martina Weisband</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erziehung]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Ist der vermittelte Glaube der Eltern manipulative Einflussnahme auf Kinder? Wie ist ein Kind eigentlich, wenn man es gar nicht manipuliert? Die Autorin denkt über Religion nach und stellt einige steile Thesen auf. <a href="http://blogs.faz.net/skurril/2012/07/23/finger-weg-von-religion-51/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Also gut, jetzt wird es etwas schwierig. Das Ding ist, dass ich eigentlich ziemlich viele Ideen hatte, worüber ich aus der Welt der Kunst schreiben möchte. Mir sind auch einige rein kulturell-zwischenmenschliche Dinge eingefallen, die ich unbedingt berichten muss. Aber in den letzten Wochen bin ich kaum dazu gekommen, mich damit zu beschäftigen.<br />In den letzten Wochen habe ich viel über Religion diskutiert. Anstoß war die mir inzwischen überdrüssig gewordene Beschneidungsdebatte. Da ging es viel um Grundrechtsabwägung, Menschenrechte und elterliche Freiheit &#8211; alles Argumente, die ich mit großem Vergnügen gesammelt und abgewogen habe. In der ganzen Debatte aber vernahm ich ein dünnes Stimmchen, das sich als Unterton heraus stellte, den ich immer lauter und lauter hörte. &nbsp;Und mir kam ein Gedanke: Wenn wir über die Unversehrtheit von Kindern sprechen würden, dann hätten wir doch eigentlich alle schon vor 10 oder 20 Jahren aufschreien können. Vielleicht geht es um mehr. Viele der Stimmen, die ich in der Debatte vernommen habe, fragten nicht nach Kindern. Sie fragten nach Religion.</p>
<p>Die Vertreter dieser Richtung äußern sich verschieden. &bdquo;Das ist ein guter Schritt, man sollte auch die Taufe von Babys verbieten&#8221;, sagen sie. Oder: &bdquo;Kein Elternteil darf seinem Kind seine Religion aufzwingen.&#8221; &nbsp;Die plötzliche Empörung vieler Menschen, die lebhaft an der Beschneidungsdebatte teilnehmen, hängt vor allem damit zusammen, dass hier körperliche Veränderungen aufgrund der Religion passieren. Und vielen geht es gar nicht um die körperliche Veränderung dabei &#8211; wie das Taufe-Argument zeigt, dass ich mir nicht ausgedacht, sondern wirklich oft gehört habe. Es geht darum, ob Eltern das Recht haben, ihr Kind in ihren &bdquo;Irrglauben&#8221; zu zwingen. </p>
<p>Darum will ich heute überhaupt nicht auf Beschneidung eingehen, dieser Artikel hat gar nichts damit zu tun. Es ist wirklich nur der Auslöser meiner Gedanken. Die Beschneidung ist besonders, weil sie tatsächlich einen physischen Eingriff darstellt. Sie ist daher nochmal anders zu bewerten. Ich will aber nur über den psychischen Eingriff einer religiösen Erziehung sprechen. Die Argumente gegen religiöse Beeinflussung von Kindern finden wir überall. Auch, wenn es um Säkularisierung oder um Schule geht, gibt es immer wieder jene, die Kinder dringend vor Religion und damit der fremden Einflussnahme beschützen wollen. </p>
<p>In meiner Generation in Deutschland erscheint mir Atheismus eine Standardeinstellung zu sein. Wir leben in Zeiten, in denen die Wissenschaft als Welterklärungsmodell absolut ausreichend ist und alles, was nicht direkt wissenschaftlich nachgewiesen ist, allgemein erst mal als Humbug abgetan wird. Wer an die Wissenschaft glaubt, ist wirklich frei. Ich finde das als Wissenschaftlerin natürlich in gewissem Rahmen gut. Dinge beobachten und beweisen (beziehungsweise das Gegenteil widerlegen) ist, was wir tun. Wenn es beispielsweise um Medizin und Gesundheit geht, überlasse ich mich ungern reinem Glauben. Ich möchte Medikamente bekommen, deren Wirkung nachgewiesen wurde. Obwohl ich gläubig bin. Ebenso geht es den meisten anderen Gläubigen, die ich so kenne. Niemand davon betet bloß zu Gott, wenn er eine Lungenentzündung hat. Man geht zum Arzt und lässt sich Antibiotika verschreiben. Ich finde es auch gut, wenn Gesetze, die für alle gelten, nicht vom Glauben Einzelner beeinflusst sind. Das gibt jedem die Freiheit, zu glauben, was er will. Gott (oder Götter) und die Religion spielen eher in anderen Lebensbereichen eine Rolle. Vor allem dort, wo es die Traditionen und die Werte betrifft, mit denen ein Mensch so lebt. Religion bietet uns eine Orientierung an, was richtig und was falsch ist. Sie kann Hoffnung geben, wenn es gerade sonst nichts gibt, an das man sich halten kann. &bdquo;Jemand da oben wacht über mich, weist mir meinen Platz zu. Die Welt ist noch in Ordnung, ich werde schon nicht untergehen.&#8221; Ich habe von vielen Personen gehört, bei denen der Glaube alles war, was zwischen ihnen und Verzweiflung über ein schweres Unglück stand. </p>
<p>Einige Gläubige treiben es auf die Spitze. Sie verweigern ihren Kindern notwendige medizinische Eingriffe oder verurteilen andere Menschen, weil sie nicht denselben Glauben teilen. Ja, einige extrem wenige töten auch für ihren Glauben. Aus meiner bescheidenen Lebenserfahrung muss ich sagen, dass es ein wirklich kleiner Teil der Gläubigen ist. Trotzdem sind es gerade diese &bdquo;Fanatiker&#8221;, die den neuen schlechten Ruf der Religion prägen. Religion wird assoziiert mit Homophobie, Xenophobie, Rückständigkeit, Wissenschaftsfeindlichkeit und viel anderem Mistzeug. So gesehen verstehe ich jeden, der sagt: &bdquo;Ich möchte nicht, dass schon kleine Kinder in diese Schiene gelenkt werden&#8221;. Religion ist allerdings nicht das Einzige, was teilweise furchtbare Eltern mit furchtbaren Lebensanschauungen produziert. Wenn eine fanatische Mutter ihr Kind auch nicht taufen dürfte &#8211; ich bezweifle, dass dieses Kind mit einer völlig angepassten Lebensanschauung heranwachsen würde. Und, nur weil es Fanatiker gibt, dürfen wir nicht dem Großteil der Menschen einen Glauben verbieten.</p>
<p>Die vernünftigeren Religionskritiker sagen: &bdquo;Okay, Religion muss nicht schlimm sein, aber der Mensch soll sich mit 14 Jahren selbst dafür entscheiden können. Kinder sind viel zu leicht zu beeinflussen und zu manipulieren.&#8221;</p>
<p>Und genau an diesem Argument, das ich wirklich verstehen und nachvollziehen kann, muss ich ansetzen. Denn es ist das Argument der Bewahrung eines &bdquo;natürlichen Zustandes&#8221;.<br />Dahinter steckt der Glaube, dass ein Kind auf die Welt kommt und nur, wenn es möglichst unbeeinflusst von seiner Umwelt ist, sein eigentliches Wesen entfalten kann. Dazu ist folgendes zu sagen: Glaubt ihr wirklich, das aus einem Kind, das in einem völlig einflussfreien Raum aufwächst, etwas werden kann? Natürlich nicht! Ja, Menschen verfügen über gewisse genetische Veranlagungen, die aber erst in Wechselwirkung mit der Umwelt zu Handlungen, Gedanken und Charaktereigenschaften werden. Und dabei prägt das arme Kind praktisch alles. Angefangen bei der Farbe der Zimmerwände, über die Lautstärke der Umgebungsgeräusche, die Fütterungsroutine und die Beinfreiheit.&nbsp; Der Beeinflussungsprozess endet genau mit dem Tod der Person. Und zwar ob wir wollen, oder nicht. Die Mutter kann dem Kind erzählen, dass es Gott gibt, und das Kind würde es glauben. Militante Atheisten würden jetzt natürlich schreien, dass sie ihm dann Lügen erzählt. (Kann sein; ich könnte jedenfalls nicht beweisen, dass es nicht so ist.) Andererseits &#8211; wenn sie ihm erzählt, dass die Sonne abends schlafen geht, ist das auch eine Lüge. Auch, dass der Donner kommt, weil Wolken gegeneinander knallen &#8211; und sogar, dass das Schaf &bdquo;määh&#8221; macht. Wir erzählen unseren Kindern jede Menge Dinge, damit sie die Welt verstehen lernen. An viele davon glauben wir dann als Erwachsene. Zum Beispiel halten viele es für eine wissenschaftliche Tatsache, dass das Flugzeug fliegt, weil die Luftstrecke oberhalb des gewölbten Flügels länger ist, als die unterhalb, und das Flugzeug durch den so entstehenden Unterdruck nach oben gezogen wird. Habe ich in der Schule gelernt. Stimmt aber nicht, ist eine Vereinfachung. Ich bin übrigens auch gezwungen, das zu glauben, was mir Wissenschaftler erzählen, weil ich in Physik so mittelgebildet bin und nicht alles selbst beweisen kann. Aber es steht in einer Veröffentlichung und darum glaube ich es. Glaube ist also ganz normal und keineswegs schrecklich. </p>
<p>Der Glaube an Gott geht meistens mit einem bestimmten Wertesystem einher, um das es eigentlich primär geht. Denn ob es einen Gott gibt, oder nicht, beeinflusst mein Leben nicht direkt. Wohl aber, was Gott von mir für ein Verhalten erwartet. In den meisten Religionen kann man alle Gebote und Verhaltensregeln im Wesentlichen mit &bdquo;Sei kein Arschloch&#8221; zusammenfassen. Die Grundwerte der großen Religionen entsprechen meistens auch den gesellschaftlichen Werten: Teilen, sich gegenseitig kümmern, lieben und das Leben wertschätzen. Und ehe die empörten Kommentare sich ergießen: Ja, Extremisten aus allen Glaubensrichtungen gehen darüber hinweg und können Religion pervertieren. Das können sie aber auch mit Wissenschaft, Politik, Erziehungsstilen und wirklich Allem tun. Ein Prozentsatz an&#8221; Arschlöchern&#8221; existiert. Zu sagen, dass das ausschließlich in der Religion begründet liegt, wäre ein unreflektiertes Vorurteil. Ich kann nicht beweisen, dass es da keine Korrelationen gibt. Aber wieder: Der Großteil der Gläubigen ist einfach friedlich und für mich zählt das.</p>
<p>Wenn Eltern also ein Kind religiös erziehen, geben sie ihm einfach ihr Set an Werten mit. Und welche Eltern tun das nicht? Bildet sich irgendjemand ein, dass man ein Kind neutral und wertfrei erziehen kann? Es gibt keine Neutralität im menschlichen Umgang. Irgendwas vermitteln wir immer. Zumeist durch unser Vorbild. Es ist manipulativ, wenn ich meinem Kind beibringe, dass es mit anderen teilen soll. Es ist manipulativ, wenn ich es als Belohnung für das aufgeräumte Zimmer streichle oder ihm zu guten Noten gratuliere. Wenn Eltern einem Kind vermitteln, selbstständig zu denken, ist es egal, ob sie ihm gleichzeitig von Gott erzählen oder nicht. Das Kind wird das im Erwachsenenalter schon selbst reflektieren. Wenn Eltern nicht in der Lage sind, einem Kind das selbstständige Denken zu vermitteln &#8211; dann hätte es auch nichts gebracht, wenn sie es von Religion ferngehalten hätten. Selbstständig denken könnte es trotzdem nicht.<br />Wenn man also religiöser Erziehung unterstellt, sie sei autoritätsgläubig, konservativ und wissenschaftsfeindlich, müssen wir uns die Frage stellen, ob es besser wird, wenn autoritätsgläubige, konservative und wissenschaftsfeindliche Eltern ihr Kind ohne Taufe und das Wort &bdquo;Gott&#8221; großziehen.</p>
<p>Wenn wir ein Kind ohne Glauben erziehen wollten, dürfte es auch nicht an das Grundgesetz glauben. Es dürfte nicht blind an die moralischen Vorstellungen unserer Gesellschaft glauben, sondern müsste sie für sich selbst konstruieren. Kurz gesagt: Das wäre eine Katastrophe. Normen sind eben keine Fakten. Es gibt keine moralische Neutralität. Es gibt keinen &bdquo;natürlichen Zustand&#8221;, bei dem wir das Kind belassen können. <a target="_blank" rel="nofollow" href="http://www.psychology48.com/deu/d/waisenkinderversuche/waisenkinderversuche.htm">Ebenso wenig, wie es eine natürliche Sprache gibt, die Kinder sprechen, wenn man ihnen keine beibringt</a>. Die Frage ist nicht, <i>ob</i> wir Kinder prägen, sondern nur <i>wie</i>. </p>
<p>Ich finde es sehr schwierig zu erwarten, dass ein atheistisch erzogenes Kind plötzlich und von ganz allein mit 18 Jahren zu irgendeiner Religion seiner Wahl findet und von ganzem Herzen an sie zu glauben beginnt. Es geht hier nicht um einen Livestyle, es geht um wirklichen Glauben. Den kann man sich nicht aussuchen und einkaufen, wie im Supermarkt. Glaube hängt immer eng mit dem zusammen, wie wir von unserer Umwelt geprägt wurden und was wir infolge dessen für richtig und für falsch erachten. So oder so ist er nicht unsere völlig selbstständige und unabhängige Wahl. Ich bin selbst in einem atheistischen Haus aufgewachsen und scheine hier eine Lanze für die Religion zu brechen. In Wirklichkeit möchte ich aber nur dafür plädieren, dass Eltern diesen sehr privaten Aspekt selbst entscheiden dürfen.<br />Eltern geben im Leben ihrer Kinder eine ganze Menge vor. Sie entscheiden, ob sie das Kind früh bilden und fördern oder nicht. Sie wählen den Kindergarten und bestimmte Impfungen, sie entscheiden, ob sie umziehen und das Kind seiner Freunde berauben, ob es Antidepressiva oder Ritalin bekommt, wie lange es aus bleiben darf, wie gut es aufgeklärt wird und über so Vieles mehr, was möglicherweise traumatische Folgen hat. Aber wir lassen es zu. Denn Eltern beeinflussen ihre Kinder nun mal. Und weil sie meistens das Beste für ihr Kind im Auge haben, sind viele von uns gar nicht so schlecht geworden. Den Rest erledigen Freunde, Schule, sonstige Umwelt.</p>
<p>Ich bin froh, dass wir in einer Gesellschaft leben, die Religion zur Privatsache erklärt hat und nicht per Gesetz durchsetzt. Die Neutralität von Bildungseinrichtungen, Gesetzgebung, Gerichten und Öffentlichkeit finde ich sehr wichtig. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass wir wirkliche Wahlfreiheit haben, was wir glauben wollen und ob überhaupt. Jeder kann für sich entscheiden, was ihn am glücklichsten macht und erraten, was sein Kind vermutlich am glücklichsten macht. Das müssen Atheisten genauso entscheiden, wie religiöse Eltern. Wir leben damit, dass Eltern bei diesen Entscheidungen Fehler machen. Aber wir tolerieren das, weil die Alternative dazu zentralisierte Erziehung wäre, was eine reichlich beängstigende Vorstellung ist.</p>
<p>Ob Gott Bestandteil der Erziehung ist, oder nicht, sollte eigentlich gesellschaftlich keine Rolle spielen und im Ermessen der Eltern liegen. Man bräuchte vor Religion keinerlei Angst zu haben, solange Eltern ihren Kindern gleichzeitig Toleranz, eigenständiges Denken und generelle Sei-kein-Arschloch-Mentalität vorleben. <i>Das </i>ist das Wichtigste. Und ich<i> glaube</i>, dass die meisten das nach besten Möglichkeiten versuchen. </p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Das Team und der Zen</title>
		<link>http://blogs.faz.net/skurril/2012/07/02/das-team-und-der-zen-50/</link>
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		<pubDate>Mon, 02 Jul 2012 06:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martina Weisband</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Mit anderen zusammen zu arbeiten ist für Kreativität manchmal fast unerlässlich. Aber es ist anstrengend. Wie es zumindest leichter wird, verrät die Kunst. Die Notiz einer Erfahrung. <a href="http://blogs.faz.net/skurril/2012/07/02/das-team-und-der-zen-50/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Dieser Text beginnt als Karriere-Buch und verliert dann die Bodenhaftung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Obwohl uns Schule, Fachbücher und Coaching-Seminare darauf vorbereiten, stehen wir alle doch irgendwann vor dem gewaltigen Problem, das wir in einem Team arbeiten müssen. Das ausgelutschte Wort &bdquo;Team&#8221; bedeutet hierbei irgendeine Gruppe von Menschen, die mit verschiedenen Erfahrungsschätzen zusammengetrommelt werden, um irgendeine Art von Aufgabe zu erfüllen. Teams sind zurzeit der letzte Schrei der Businesswelt und entsprechend kommt man kaum darum herum, irgendwann mit Wildfremden an einem Strang zu ziehen. Aber nicht nur im Beruf &#8211; überall kann Teamarbeit uns plötzlich anfallen. In der Politik, in Vereinen, im Hobby, beim Sport oder in der Familie.</p>
<p>Unabhängig davon, dass Gruppenarbeit en vogue ist und im kreativen Bereich tatsächlich bessere Ergebnisse erzielt &#8211; zur Arbeitsteilung manchmal sogar einfach unverzichtbar ist &#8211; sind Teams anstrengend. Es ist einfach so. Meistens sind sie anstrengend.</p>
<p>Der Kern des Problems liegt darin, dass die verschiedenen Arbeitspartner unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen sind. Durch eine geschickte Vorauswahl aus sich ähnlichen oder sich gut ergänzenden Charakteren kann man das Gros an Problemen vermeiden. Hat man aber niemanden, der so geschickt wählen kann &#8211; oder ist die Gruppenzusammensetzung durch nicht planbare Faktoren bedingt &#8211; so müssen manchmal Menschen zusammen arbeiten, die einfach nicht mit einander können. Das liegt nicht daran, dass es schlechte Menschen sind, oder dass sie uneinsichtig sind. Sie sind einfach in ihrer Persönlichkeit inkompatibel. Während sich solche Personen normalerweise gut aus dem Weg gehen können, arbeiten sie hier an einer Aufgabe und treffen dabei manchmal ihre gegenseitigen Schwachpunkte. Erschwerend kommt hinzu, wenn das Ziel der Arbeit als wichtig bewertet wird und Uneinigkeit darüber herrscht, auf welche Weise es am besten erreichbar ist. Dann baut sich Frust auf, es wird gestritten, fremdgeschämt und gelästert. Ich wage zu behaupten, dass jeder irgendwann in so einer schwierigen Gruppe war. Auch ich bin nicht ganz um solche Situationen herum gekommen und mir hat Kunst geholfen.</p>
<p>Sollten Sie sich in einer Gruppe befinden, in der auch jemand ist, auf den Sie gar nicht klar kommen, haben Sie mehrere Möglichkeiten. Die erste natürliche Reaktion liegt darin, die andere Person korrigieren zu wollen und ihr zu beweisen, dass sie im Unrecht ist. Wenn das funktioniert, ist das phantastisch, es&nbsp; handelt sich dann dabei allerdings nicht um das oben beschriebene Phänomen. Bei letzterem verhält sich die Sache eher so, dass die betreffende Person sich nicht nur als störrisch erweist, sondern auch noch in der frechen Überzeugung ist, es selbst richtig zu machen und Sie für dumm zu halten. Denn Tatsache ist, dass wir alle Gefangene unseres Weltbildes und unserer Erfahrungen sind. Jeder von uns kann sich täuschen, während er absolut überzeugt ist, &nbsp;im Recht zu sein. Es gibt Pessimisten, die immer das Beste im Leben verpassen und Optimisten, die sich manchmal überschätzen und Fehler begehen. Es gibt Ungeduldige, die unsauber arbeiten und Perfektionisten, die nie fertig werden. Alle haben irgendwann recht und irgendwann unrecht und es gibt leider kein Handbuch dazu. </p>
<p>Irgendwann kommt die Einsicht, den Anderen nicht überzeugen zu können. Dann wird aus &bdquo;Ich korrigiere ihn&#8221; ein &bdquo;Er ist einfach dumm und schadet dem Projekt&#8221;. Aus unserer natürlichen Neigung, solchen Menschen aus dem Weg zu gehen, entsteht der Wunsch, diesen Menschen auf irgendeine Weise aus der Gruppe zu kriegen. Das ist natürlich ein Weg, den man gehen kann. Manchmal ist es der einzige Weg, der bleibt. In vielen Situationen ist es aber auch ein Fehler.</p>
<p>Wenn ein System lebendig, anpassungs- und leistungsfähig sein soll, dann braucht es Spannung. Es braucht Diversität und Konflikte, es muss zumindest genau so komplex sein, wie das Problem. Das ist einleuchtend, wenn wir uns konkrete Beispiele ansehen.</p>
<p>Dreht man gemeinsam einen Film, spiegeln die unterschiedlichen Mitwirkenden die unterschiedlichen späteren Zuschauer wieder. <br /> In Parlamenten repräsentieren die unterschiedlichen Parteien unterschiedliche Bürger des Landes.<br /> Bei Ausflugsplanung stehen Meinungsverschiedenheiten für verschiedene Freizeitwünsche, die erfüllt werden wollen. <br /> In allen diesen Fällen ist es gut, diese sich widersprechenden Seiten dabei zu haben. Nur daraus können zufriedenstellende Resultate geboren werden, vor allem aber ist das der Hort von Kreativität. Denn Kreativität entsteht nun mal leider nie aus Frieden. Kreativität braucht Chaos und Chaos braucht Komplexität und Reibung. Nehme ich alle Elemente aus dem System, die mich persönlich stören, dann habe ich nur mich übrig und bin auch nicht klüger als vorher. Neues entsteht genau am Reibungspunkt dessen, was vorher unvereinbar war.</p>
<p>Das Blöde ist, dass Reibung, so produktiv sie auch sein mag, für die Beteiligten selbst selten angenehm ist. Was also mache ich mit einer Situation, in der ich gezwungen bin, mit &#8211; aus meiner Sicht &#8211; blöden Menschen zusammen zu arbeiten?</p>
<p>Ich steige aufs Dach. </p>
<p>Es muss nicht unbedingt ein Dach sein. Es muss nur ungewöhnlich genug sein. Man kann auch in ein Schwimmbad gehen, oder auf einen Berg. Es geht darum, in einer Krisensituation einen ungewöhnlichen Ort aufzusuchen und der Situation zu entfliehen. Es geht um das Überschreiten von Grenzen. Wenn eine Grenze überschritten wird, verwandelt sich die Welt, sie wird abstrakter. Das versteht nur, wer schon mal über einen Bauzaun geklettert ist oder einen Fremden geküsst hat oder mit Kinderspielzeug gespielt hat. Wenn man die Rahmen der gewohnten Welt verlässt, sieht man die Welt klarer. Ich gehe also an irgendeinen Ort, an dem ich mich normalerweise nie aufhalten würde. Am besten einen Ort mit einer höheren Lage. Um die Dinge überblicken zu können. Das ist billige Symbolik, aber so funktioniert die menschliche Psyche nun mal. <br /> Der erste Schritt dort besteht darin, mir dort das oben Beschriebene zu vergegenwärtigen. Also: Was ist mein Ziel? Warum sind das meine Mitstreiter? Vertreten sie möglicherweise jemanden und tragen sie zur Komplexität meines Teams bei?<br /> Was unterscheidet ihr Weltbild von meinem? Und: Will ich damit leben?<br /> Während ich mir diese Gedanken mache, überkommt mich meistens eine Wahrnehmung, die sich als Perspektivflash beschreiben lässt. Ich sehe den Himmel über mir, die Erde unter mir; ich weiß, dass das Leben ungeachtet des Erfolgs des Projekts weiter geht. Ich erinnere mich daran, dass das Leben nie perfekt war und wir es trotzdem alle so weit gebracht haben. Plötzlich werden die Gruppe und das Projekt klein unter mir. An dieser Stelle kann ich anfangen, künstlerisch mit meinen Problemen zu spielen. Ich kann mir mich und meine Mitarbeiter als verschiedene Märchenfiguren vorstellen, ich finde Entsprechungen in literarischen Figuren. Das Wichtigste &#8211; ich kann über sie und über mich lachen. <br /> Manchmal greife ich sogar zum Stift und zeichne Karikaturen oder fantasievolle Darstellungen. Egal, wie man es macht, es geht darum, große emotionale Distanz zu gewinnen. </p>
<p>Für ein schwieriges Team gilt die Regel: Je weniger ernst und verbissen man an ein Projekt geht, desto besser wird es. Weil es dann leichter fällt, das Anderssein des Anderen zu akzeptieren. Weil die Kommunikation sich entspannt und an Aggressivität verliert. </p>
<p>Letztlich &#8211; dachte ich, als ich mal wieder auf einem Dach saß &#8211; machen wir mit darstellender Kunst und Literatur seit Generationen nichts Anderes. &nbsp;Wir verfälschen und übertreiben Menschen und Ereignisse, um Distanz zu ihnen zu gewinnen. Wir pressen sie in Bilderrahmen, um sie überblicken zu können. Durch die Betrachtung aus der Ferne kommunizieren wir mit den Dingen und lernen, sie zu akzeptieren. </p>
<p>Es ist trotzdem schwer, Reibung zu ertragen. Aber mit diesem Mittel erkenne ich einen Sinn in der Reibung und habe ein Instrument, mich von ihr zu distanzieren. Ein Instrument zu haben, gibt dem Menschen immer Selbstvertrauen. Und Selbstvertrauen hilft auch wieder in einem produktiven Umgang mit Anderen. So kann Kunst ein triviales Problem des grauen Arbeitslebens lösen.&nbsp; Das ist eine schöne Verbindung, die ich bloß erwähnt wissen wollte.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Aufmerksamkeitsspanne. Dreckmist.</title>
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		<pubDate>Mon, 18 Jun 2012 06:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martina Weisband</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Während unser Leben schneller wird, nimmt die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne ab. Das ist politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich schlecht. Ausnahmsweise ist nicht nur das Internet Schuld und diese Warnung ist nicht konservativ. <a href="http://blogs.faz.net/skurril/2012/06/18/aufmerksamkeitsspanne-dreckmist-49/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><b>Während unser Leben schneller wird, nimmt die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne ab. Das ist politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich schlecht. Ausnahmsweise ist nicht nur das Internet Schuld, und diese Warnung ist nicht konservativ.</b></p>
<p>Auch während ich diesen Artikel hier tippe, habe ich nebenbei drei Tabs offen, auf die ich hin und wieder umschalte. Erstens lese ich Nachrichten, zweitens habe ich eine Seite mit lustigen Bildern und drittens chatte ich mit einem Kumpel. Vielleicht ist es die räumliche Nähe (alles auf demselben Bildschirm), die mir weis macht, es sei gar nicht so schlimm, mal umzuschalten. Aber Tatsache ist: ich kann eben nicht mehr anders. Für mich, wie für viele andere meiner Generation, ist Multitasking zum normalen Stil geworden. </p>
<p>Ich bin ja normalerweise ein Mensch, der sehr über die Vorzüge und Chancen des Internets redet. Ich meine, wir haben hier mal eben eine Technik geschaffen, mit der wir den Raum überwunden haben. Zumindest kommunikativ. Ohne mich jetzt in die Einzelheiten zu vertiefen, hat das enormes Potential für unsere Gesellschaft. Aber wenn ich etwas lobpreise, muss ich auch objektiv auf die Gefahren schauen. Es gibt nun mal keine Lösungen, die nicht selbst neue Probleme generieren. Was ist also das Problem, das mit unglaublich schneller und flächendeckender Kommunikation und Information einher geht? Wir schalten sehr schnell um. Von Einem auf das Andere. Von Nachrichten auf Comics, von Freunden auf Kollegen, von Freizeit auf Arbeit und zurück. Es gibt nicht mehr so richtig getrennte Orte, an denen wir eine einzige Handlung vollziehen. Und es gibt so viel Interessantes, durch das man sich unterbrechen lassen kann! Das führt dazu, dass der Mensch es gewöhnt ist, seine Konzentration in kürzeren Zeiteinheiten umzuschalten. Und das verringert unsere Gewohnheit, uns länger auf etwas zu konzentrieren, sodass es uns zunehmend schwer fällt. </p>
<p>Böses Internet. </p>
<p>Obwohl, ehe es mal wieder das Internet war, sollten wir vielleicht noch einmal genauer hinschauen, was in den gewohnten Teilen unserer Gesellschaft passiert. Ich hatte zum Beispiel im letzten Jahr etwas mehr mit Medien zu tun. Mit diesen ganz alten, also Fernsehen, Radio und Zeitung. Wenn dort Beiträge geplant wurden, habe ich mich regelmäßig darüber beschwert, dass man so ein komplexes Thema wie Sozialpolitik zum Beispiel nicht in einem so kurzen Beitrag abhandeln kann.</p>
<p>&bdquo;Ja, das wissen wir auch&#8221;, antwortete mir dann üblicherweise der Autor: &bdquo;Aber im Fernsehen können Sie nichts Längeres bringen. Nach drei Minuten haben wir den Zuschauer verloren, dann schaltet der ab&#8221;. Machen Sie sich mal den Spaß und messen Sie die Länge von Beiträgen in den Nachrichten. Komplexe Inhalte werden in Sekunden erklärt. Unnötig zu sagen, dass das fast immer völlig unzureichend ist, und dass sich Experten regelmäßig die Fußnägel hochrollen, wenn sie einen Beitrag über ihr Fachgebiet im Fernsehen sehen. </p>
<p>Wenn wir uns die klassischen Medien ansehen, haben wir auch hier immer kürzere Artikel, größere Überschriften, mehr Bilder, schnellere Themenwechsel. Unsere gesamte populäre Medienlandschaft gleicht einer freiassoziativen Gedankenkette. Wir schreien sehr viel an der Oberfläche herum und gehen selten in die Tiefe. Für viele ist es sogar schon ungewöhnlich, ein Buch zu lesen und dreihundert Seiten lang bei einem Thema zu verweilen.</p>
<p>Das Resultat daraus ist, dass wir als Gesellschaft kaum noch in der Lage sind, über komplexe Themen zu diskutieren. Wir beobachten das in allen Bereichen, zum Beispiel in der Wirtschaft. Weil man daraus eben keinen zehnminütigen Beitrag drehen kann, werden wirtschaftliche Themen auch in den Nachrichten mit fast mystifizierenden Ausdrücken abgehandelt, ohne Einblick in das wirkliche Problem zu gewähren. Sonst müsste sich der Zuschauer auch viel zu viel merken. Bei allen Forderungen nach mehr Demokratie ist es aber höchst bedenklich, dass die breite Masse nicht mehr eine halbe Stunde bei demselben Thema verharren kann.</p>
<p>&bdquo;Wir müssen eben darauf achten, dass die Leute mit der Aufmerksamkeit dabei bleiben. Da darf man nichts zu Langes machen&#8221;, sagte man mir auch beim ZDF.&nbsp; Beim ZDF! Das ist öffentlich-rechtliches Fernsehen, das nicht einmal auf Einschaltquoten angewiesen ist! Medienmacher, ob nun neue oder klassische, richten sich nach einem ominösen Zuschauer und trauen ihm bestimmte Dinge zu und bestimmte nicht. Und dabei wird ein wichtiger Prozess ausgelassen: Nämlich dass Medienkonsum diesen selben Zuschauer ja auch formt. </p>
<p>Wenn ich mit wenig Aufmerksamkeitsspanne rechne und darum kurze Beiträge produziere, gewöhnt sich mein Leser daran, und seine Aufmerksamkeitsspanne sinkt. Es ist ein Teufelskreis.</p>
<p>Und Sie fragen jetzt: Aber was tun, oh aufgeregte Blogautorin? Es ist ja nun kein neues Problem!</p>
<p>Aus einem Teufelskreis kann man an mehreren Stellen aussteigen, und zwar dann am besten gleichzeitig. Auf Seite des Konsumenten kann man seine Aufmerksamkeitsspanne bewusst trainieren. Zum Beispiel, in dem man sich von einer Tätigkeit mal gezielt nicht ablenken lässt. Indem man mehr Bücher liest. Indem man lange Texte kurzen vorzieht. Nur ein Browserfenster parallel offen haben. Beim Essen mal nicht fernsehen, sondern nur essen. Oder nur fernsehen. Auf jeden Fall dem Wort &bdquo;nebenbei&#8221; eine kleinere Bedeutung im Leben zukommen lassen.</p>
<p>Von Seite der Medien zähle ich da vor allem auf die Öffentlich-Rechtlichen. Die könnten sich eigentlich mal mit etwas Chuzpe aus dem Diktat der schnelllebigen Konkurrenz hinausstehlen und wieder mehr Sendungen mit Anspruch produzieren. Wieder in die Tiefe gehen. Und einfach mal sehen, wie das ankommt. Schaden kann es kaum, aber vielleicht sehr viel retten.</p>
<p>Tatsächlich sind weder das Problem, noch die zaghaften Lösungsvorschläge neu. Ich komme mir selbst wie eine Konservative vor, wenn ich das schreibe. Die warnen schließlich seit Jahrzehnten vor einem Verfall der kognitiven Fähigkeiten zugunsten der schnellen Information. Aber ich bin eben nicht konservativ. Ich gehöre zu der Generation dieser ominösen &bdquo;jungen Leute&#8221;, die alles gleichzeitig wollen und die ständige Angst kennen, irgendwas zu verpassen. Ich möchte selbst Vieles verändern, ich möchte einzelnen Menschen mehr Freiheit und mehr Verantwortung in die Hände legen, ich möchte sie informieren, ich möchte, dass alle Menschen über wichtige Gesetze mitentscheiden. Und gerade WEIL ich nicht will, dass alles beim Alten bleibt, möchte ich die Informationslandschaft qualitativ bereichern. Natürlich will ich, dass Menschen, die über Gesetze abstimmen, diese auch gelesen haben. Ich warne hier nicht vor einem Verfall der Zivilisation. Ich fordere gerade alle Veränderer, alle Progressiven auf, ihre Vision der Zukunft zu formulieren und die Bedingungen dafür zu schaffen. Und dazu gehört die schnelle Information genau so wie die Fähigkeit, als Gesellschaft über komplizierte Themen zu sprechen. Bisher erlebe ich, dass jeder meiner Freunde das Problem kennt und auch Witze darüber macht, aber wenig ernsthafte Bemühungen, es anzugehen. Und weil diese Frage von der politischen Richtung unabhängig ist, könnten wir sie mal auf einem ernsthafteren Level diskutieren, als bisher. Also wirklich die Einflussmöglichkeiten auf Rundfunkanstalten nutzen, uns überlegen, wie Schule auf so ein Problem reagieren muss, und vor allem verbalisieren und darauf aufmerksam machen. Und zwar ohne Weltuntergangsstimmung. </p>
<p>Wenn Sie diesen Text bis hierher gelesen haben, müssen Sie kein Stück stolz auf sich sein. Er war nur drei Seiten lang. Drei Seiten sind eigentlich nichts. Aber machen Sie sich nichts daraus und malen Sie nicht den Teufel an die Wand. Die Zukunft wird ganz großartig! Wenn wir nur sehenden Auges hingehen. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Was die Jugend im Wald tut</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Jun 2012 06:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martina Weisband</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[<p>Ich bin wieder da. Jeder Muskel in meinem Körper tut mir weh, als ich den schweren Seesack in die Ecke wuchte. Meine Füße sind an einigen Stellen etwas blutig und der Saum meines Kleides ist vor Gras-, Erd- und Weinflecken &#8230; <a href="http://blogs.faz.net/skurril/2012/06/11/was-die-jugend-im-wald-tut-48/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Ich bin wieder da. Jeder Muskel in meinem Körper tut mir weh, als ich den schweren Seesack in die Ecke wuchte. Meine Füße sind an einigen Stellen etwas blutig und der Saum meines Kleides ist vor Gras-, Erd- und Weinflecken ganz bunt. Das Wasser, mit dem ich meine Hände wasche, färbt sich dunkelgrau. Ich würde gern ausruhen, aber ich muss vorher noch einen Artikel schreiben. Diesen Artikel. </p>
<p>Die Frage, der ich darin nachgehe, ist, warum ich mir das eigentlich antue. Warum schleife ich mehr als 30 Kilogramm Gepäck auf eine Pferdewiese irgendwo im Niemandsland,&nbsp; um dort ein Wochenende lang in einem kalten Zelt zu wohnen, seltsame Gewandung zu tragen, Holz zu hacken und zu spülen und das alles in einem Zeltdorf voller eigenartiger Menschen?&nbsp; Die kurze Antwort ist: weil ich LARPer bin. Aber mit kurzen Antworten wollen wir uns nicht aufhalten. Wie Menschen ihre Freizeit verbringen, sagt schließlich viel über die Gesellschaft aus. </p>
<p>LARP &#8211; &bdquo;Live Action Role Play&#8221; &#8211; ist ein inzwischen verbreitetes Hobby, über das man schon mal gestolpert sein mag. Im Prinzip ist es mit Improvisationstheater zu vergleichen, bloß ohne Zuschauer. Jeder der Teilnehmer sucht sich seine Rolle selbst aus und spielt in einer Welt und in einem Kontext, die von den Organisatoren und der Spielleitung grob vorgegeben wird. Das kann in der Zukunft sein, in einer postapokalyptischen Welt, in der realen Welt mit mystischen Ergänzungen; das&nbsp; verbreiteteste Konzept ist aber eine mittelalter ähnliche Welt mit Fantasy-Elementen, also mit Elfen, Zwergen und Magie. Je nach Setting werden passende Spielorte gesucht. Schlösser oder Wälder werden vorbereitet, um die Wirklichkeit für einen Abend, ein Wochenende oder eine ganze Woche zu vergessen. </p>
<p>Es gibt viele Gründe, warum sich dieser Zeitvertreib stetig wachsender Beliebtheit erfreut. Einer der Anreize sind die vielen verschiedenen Komponenten und Beschäftigungen, die es in sich birgt.<br />Erstens: Man kann Handwerker sein. Obwohl es Kostüme zu kaufen gibt, schneidern, nähen und basteln sich die meisten Spieler Teile ihrer Ausrüstung und Gewandung selbst. Ob es darum geht, ein spieltaugliches, sicheres Schwert aus einem Fieberglaskernstab, Schaumstoff und Latex herzustellen, oder ein Kleid zu entwerfen und zu nähen, oder eine Flasche mit Leder zu verkleiden, damit sie ins Ambiente passt &#8211; es ist viel Raum zum Gestalten und zum Arbeiten, schon lange vor Beginn der eigentlichen Veranstaltung. <br />Zweitens: Man kann &nbsp;Autor sein. Als Spieler muss man sich Gedanken machen, welchen Charakter man spielt, wie seine Vorgeschichte ist, wie seine Persönlichkeit ist, was er kann, was er nicht kann und was er will. Die Spielleitung arbeitet beständig an der Hintergrundwelt &#8211; welche magischen Gesetze gelten, welche Kreaturen gibt es? Auch muss ein Handlungsfaden erstellt werden, der die Spieler einbindet. Zum Beispiel eine Bedrohung durch eine feindliche Armee, einen Magier oder höfische Intrigen. Ein guter Handlungsfaden und gute Charaktere halten viele Jahre.<br />Drittens: Man kann Schauspieler sein. Ein großer Teil von LARPern mag es, sich in einer Schlacht mit Schaumstoffwaffen zu prügeln oder Rätsel zu lösen. Doch darüber hinaus ist immer auch der Anreiz gegeben, seinen Charakter einfach möglichst überzeugend darzustellen. Wenn man einen Adeligen spielt, möchte man die Anwesenden schon durch seine Präsenz dazu bringen, einen zu respektieren. Einige Charaktere können nicht einmal Kämpfen und mischen sich nicht in den Plot, also in die Grundhandlung, ein. Sie sind da, um ihren eigenen Zielen nachzugehen, oder einfach, um anderen Freude zu bereiten. Denn beim LARP sind alle Schauspieler &#8211; aber es sind eben auch alle Zuschauer. <br />Viertens: Man kann Politiker sein. Die meisten Charaktere werden über viele Jahre bespielt. Die Hauptzeit des LARP ist natürlich im Sommer, wenn man gut draußen spielen kann. Im Jahr gibt es bei passionierten LARPern viele Veranstaltungen, die sie mit demselben Charakter, oft im Rahmen derselben Hintergrundwelt, besuchen. Meist ist eines der Ziele der persönliche Aufstieg des Charakters. Man tritt in Beziehungen, man versucht, an Geld zu kommen und manchmal an Macht. Damit wird das Spiel zum Testplatz für eigene Fähigkeiten &#8211; Überzeugungskraft, &nbsp;kaufmännisches Geschick und strategische Planung. Ich glaube sogar, dass dieses Hobby beruflich gut weiterbringen kann, weil man mutiger ausprobieren kann, wozu man in der Lage ist. Erfahrungen aus verschiedensten Situationen nimmt man immer mit.<br />Fünftens: Man ist Sportler. Ich schreibe bewusst nicht &bdquo;Man kann Sportler sein&#8221;. Ich glaube nicht, dass es da eine Wahl gibt. Wenn man Fantasy-LARP macht, macht man das meistens in der Natur. Und meistens an der frischen Luft. Und meistens eben mit viel Gepäck. Ob es Märsche sind, oder nur das Wasserholen zum Geschirrspülen &#8211; man ist auf Achse. Das gilt ganz besonders für Männer und einige Frauen, die sich das alles in einer vollen Rüstung antun. Fitnesscenter sind ein Witz dagegen. <br />Sechstens: Man kann Kind sein. In unserer Kindheit waren wir alle Rollenspieler. Wir waren Cowboys und Indianer, Räuber und Polizisten, Prinzessinnen und Ritter. In gewisser Weise setzen wir das auf höherem Niveau einfach nur fort. </p>
<p>Es gibt beliebte Erklärungsversuche, laut denen LARP eine Form des Eskapismus aus einer immer mehr mit Anforderungen beladenen Welt darstellt. Man sieht Spieler dabei als vom Leben überforderte Menschen, die sich in eine alternative Welt und in andere, mächtigere Selbstkonzepte flüchten, um sich potenter zu fühlen. Wenn an dieser Sicht etwas dran ist, dann ist sie jedenfalls nur ein Teilaspekt. <br />Es ist auffällig, dass gerade in einer Zeit, die immer technikbegeisterter, immer vernetzter und komfortabler ist, gerade Themen auf dem Vormarsch sind, die scheinbar rückwärtsgewandt, unbequem und untechnisch sind. Auf dem Buchmarkt ist das Fantasy-Genre im letzten Jahrzehnt auf fast 8% des Marktanteils gewachsen. Die Popularität des Herrn der Ringe, Harry Potter und (man vergebe mir an dieser Stelle) zuletzt Twilight scheinen für eine Sehnsucht nach dem Fantastischen und Unerklärlichen zu stehen. Welchen Stellenwert nimmt das in einer Welt ein, die mit ihrer Wissenschaft doch im Gegenteil erklärungswütig ist? Warum trennt sich gerade meine junge Generation freiwillig für eine ganze Woche von Internet, Facebook und fließend Wasser? </p>
<p>Ich glaube, die einfache Antwort ist: Erholung. Erholung bedeutet in erster Linie Wechsel der Tätigkeit. Ein Wanderer sitzt, wenn er sich erholt, während ein Büroangestellter zur Erholung eher spazieren geht. &nbsp;Wenn ein großer Teil des Lebens darin besteht, ständig über alles informiert zu sein, virtuell mit allen zu sprechen, zig Emails zu beantworten, zu sitzen und zu arbeiten, dann ist die natürlichste Form der Erholung das genaue Gegenteil. Also ein technisch eingeschränktes Leben mit der Möglichkeit der Konzentration auf eine einzige Aufgabe, körperliche Betätigung und Umgang mit realen Dingen. Um letzteres zu verstehen, führe man sich einfach folgende Szene vor Augen. </p>
<p>Ich beantworte in der Woche mehrere hundert Emails, habe einen Termin am anderen und das meistens, ohne aus meinem Bürostuhl aufzustehen. Am Wochenende habe ich eine Aufgabe &#8211; versorge als Mitglied des Trosses deine Soldaten. Allein für ein einfaches Essen bedeutet das: am Sonnenstand abschätzen, wann Zeit für das Mittagessen ist, Holz sammeln und zerkleinern, Wasser holen, rohe Zutaten mit einfachsten Mitteln zu Unmengen von Eintopf verarbeiten. Das ist anstrengend und man bekommt schwarzen Dreck unter die Fingernägel und Flecken auf die Kleidung. Aber das ist Teil des Reizes. Alles ist stofflich, greifbar. Ich habe Zeit, ohne Ablenkung einer Beschäftigung nachzugehen. Und wenn ich esse, weiß ich, was in diesem Essen alles drin ist, bis hin dazu, wie der Ast aussah, in dessen Hitze das Essen gegart wurde. Ein solches Verständnis geht uns bei Mikrowellengerichten vollkommen ab. Wir sind auf LARP in einer Welt, die wir wirklich verstehen können. </p>
<p>Aus einer anderen Perspektive, nämlich der des Soldaten, hat es auch etwas Natürliches. Hier ist LARP die gesellschaftlich akzeptierte Form von Lösung von Konflikten durch Gewalt. Wenn mir etwas nicht passt, habe ich mein Schwert. Die meisten Spieler sind dabei im wahren Leben sehr friedfertig und es gelten immer strenge Sicherheitsvorschriften. Gerade darum ist es ein so gutes Ventil, etwaige Aggression in einem geregelten Umfeld mit Spaß auszuleben. Das Kampftraining ist dabei eine Steigerung des Körperbewusstseins. Wie bewegen sich meine Arme und Beine, wo ist mein Schwerpunkt, wie viel Kraft kann ich aufbringen? Im modernen Leben geht uns dieses Bewusstsein ohne Sport verloren. Grundschulkinder können oft nicht mehr rückwärts laufen, weil es ihnen an Erfahrung mit ihrem Körper fehlt.</p>
<p>Im Jahr 2012 ist unsere kulturelle Evolution unserer biologischen Evolution sehr weit voraus. Unser Körper ist für ein anderes Leben gemacht, als wir es haben. Im Rollenspiel kehren wir freiwillig für eine Weile auf den technischen Stand zurück, mit dem wir biologisch gut zurechtkommen, der für den Körper und den Geist gesund ist.&nbsp; Dadurch erholen wir uns.</p>
<p>Ich schreibe das alles auch, weil ich mich immer so freue, wenn Menschen mit Problemen auf produktive, kreative Weise umgehen. Es gibt schließlich auch gefährlichere Wege, der Überforderung des Alltags zu entkommen. Mit Freunden Sport in der Natur zu machen, und dabei auch noch kreativ und schauspielerisch zu sein, ist mit Sicherheit einer der besseren. Es lohnt sich sehr, es einmal zu probieren.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/skurril/author/weisband/">Martina Weisband</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/skurril">Salon Skurril</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
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