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Freunde und andere Feinde des Westens

05.02.2011, 08:05 Uhr  ·  Während die Proteste in Ägypten weitgehend ruhig und friedlich blieben, laufen die internationalen Verhandlungen zur Ablösung von Hosni Mubarak auf Hochtouren. Auf die Meinung der Demonstranten wird dabei nicht sehr geachtet, und nicht alle sind der Meinung, dass man möglichst schnell einen brutalen Diktator entsorgen sollte.

Von

Am west-östlichen Sofa versorgen Sie heute Andrea Diener (A.D.), Sophia Infitesimalia (S.I.) und Don Alphonso (D.A.); einleitende Bemerkungen für dieses Projekt finden Sie hier, der gestrige Tag ist hier nachzulesen, der 3. Februar  findet sich hier. Sie sind herzlich eingeladen, in den Kommentaren Links, Verweise und Beiträge zu hinterlassen.

 

22.00 – Wir warten auf den Rücktritt 2 (D.A.)

und bilden uns schon mal für den Nachruf fort. Irgendwie wird man ja erklären müssen, wie aus unserem guten, alten Freund in der Region so ein diplomatischer Problemfall werden konnte. Die eine Antwort lauten: Internet.

Ohne das Internet hätte man eine Notiz gebracht, in etwa so:

“Kairo. Am 25. Januar versammelten sich auf dem Tahrir-Platz in Kairo nach Polizeiangaben 50 Jugendliche, um gegen eine angebliche Gewalttat gegen einen sog. Blogger zu demonstrieren. Augenzeugen sprechen sogar von etlichen Tausend. Nach drei Stunden löste die Polizei die nicht genehmigte Demonstration mit Tränengas auf. Politische Beobachter halten es nicht für ausgeschlossen, dass die radikalislamische Muslimbruderschaft nun daraus Profit zieht. München. Das beliebte Starlet Paris Hilton stellte am Flughafen den neuen Dosenprosecco…”

Aber mit Internet konnte man sehen, hören und lesen, was da passierte. Man konnte es ignorieren und falsch einschätzen, man konnte es nachrichtentechnisch falsch behandeln – aber es war da und wurde lauter. So laut, dass es das Regime in den Fundamenten trifft. Ein Regime, und da kommen wir zur zweiten Antwort, warum es so weit kommen konnte; ein Regime, dessen Hirn sich weigert, sich mit den Veränderungen auch nur auseinander zu setzen. Hosni Mubarak schreibt kein Blog, er kommentiert nicht, er wird nicht retweetet. Er setzt auf die Kulturtechnik der Unterdrückung, die anderen haben das Internet. Jeder hat eine eigene Welt, die eine wird nicht mehr verschwinden, die andere riecht schon streng. Und wird auch nicht mehr umdenken, wie es dieser Beitrag von Elliot Abrams vom Council on Foreign Relation erklärt.

He thought Iraq could only be governed by a tough-minded general, the same formula he obviously liked and lived for Egypt.   The choice for Arab lands was a tough general, a clever king, or chaos.  None of this nonsense about democracy, not in the Arab world.  In this he took the view that President Bush abandoned in his Freedom Agenda– that the Arab world was not and would never be ready for democracy.

Und so kommt es dann, dass ein Wissenschaftler in dieses Netz nach so einer Analyse scheibt, dass ihn das Militär so schnell wie möglich absägen soll. (Und ein Journalist wertet. Ups. Tschulligung)

 

21.20 – Wir warten auf den Rücktritt (D.A.)

(Technische Bemerkung: Dieses Sofa basiert auf der normalen Blogsoftware und wird von zwei Orten aus bedient. Wenn wir uns überschneiden, kann es passieren, dass der eine eine Erweiterung abschickt und dabei den Text des anderen so schnell verschwinden lässt, wie man es sich für Diktatoren wünscht – und der Trottel nicht gespeichert hat. Deshalb nochmal das gleiche vom gleichen Trottel)

Während Hosni Mubarak seine alten Freunde im Westen spüren lässt, dass er wenig von ihren Plänen zu seiner Entsorgung hält, und statt dessen mit dem Rücktritt alter Getreuen das lustige Pharaospiel der geköpften Wesire aufleben lässt – während dieser orientalischen Zauberfestspiele ist viel Zeit, Stunden vielleicht, Tage oder Jahrzehnte, sich zu überlegen, wie es danach weiter gehen soll. Dabei spielt die Muslimbruderschaft eine wichtige Rolle (15.37), und über die gibt es bei Foreign Affairs fundierte Auskunft. Eine Auskunft, die ziemlich realpolitisch und flexibel klingt:

The Brotherhood has demonstrated that it is capable of evolving over time, and the best way to strengthen its democratic commitments is to include it in the political process, making sure there are checks and balances in place to ensure that no group can monopolize state power and that all citizens are guaranteed certain freedoms under the law. In the foreign policy domain, the Brotherhood rails against “U.S. and Zionist domination,” demands the recognition of Palestinian rights, and may one day seek to revise the terms of Egypt’s relationship with Israel through constitutional channels. The Brotherhood will likely never be as supportive of U.S. and Israeli interests in the region as Mubarak was. Yet here too, the best way for the United States to minimize the risk associated with the likely increase in its power is to encourage and reward judiciousness and pragmatism. With a track record of nearly 30 years of responsible behavior (if not rhetoric) and a strong base of support, the Muslim Brotherhood has earned a place at the table in the post-Mubarak era. No democratic transition can succeed without it.

Sicher, mit dem Stabilitätsanker war es lange Zeit einfacher. Dafür ist er jetzt etwas zu stabil.

 

20.39 – Immer schön in Zweierreihen (A.D.)

Gut, daß es Angela Merkel gibt. Immerhin war sie selbst schon einmal bei einer Revolution dabei und weiß, was es da zu beachten gilt. “Wenn Sie in einem solchen Umbruchprozess sind, dann kann es Ihnen gar nicht schnell genug gehen”, sagt sie ganz verständnisvoll. “Wir haben keinen Tag warten wollen, wir wollten die D-Mark sofort, wir wollten mit der Einheit nicht warten.” Kennt sie, weiß sie. Aber sie weiß es eben auch besser: “Die ganz schnelle Wahl als Beginn eines Demokratisierungsprozesses halte ich für falsch”. Strukturen sind wichtig.

Dabei ist im Moment kaum etwas in Ägypten so gut geregelt wie die Revolution. “Protesters who’ve been cleaning tahrir past few days should be placed on national comittee to clean #egypt. I’ve never seen Tahrir cleaner” twittert Nadia El-Awadi.

Und die Mobiltelefon-Aufladestationen sind auch bestens organisiert

 

20.22 – If you look up you will see something you don’t ever want to see (A.D.)

Und wie es zugeht in den Gefängnissen, das erzählen uns Nicholas Khulish und Souad Mekhennet in der New York Times. (Darin erfahren wir auch, was dem ZDF-Team so passierte.)

 

19.30 – Die Traditionen aus 1001 Nacht. (D.A.)

Es gibt die Geschichte vom grausamen Sultan, der seine Todesnachricht verbreiten liess, um dann jene festnehmen zu lassen, die sich freuten. Momentan wären diese Leute leicht zu finden (Tahrir-Platz), und so kann so eine Nachrichtenpanne vom Rücktritt vielleicht entstanden sein, damit man sieht, wer entsetzt ist und Mubarak anfleht, im Amt zu bleiben, Nun, ich habe bei Twitter nachgeschaut – das ist zwar nicht repräsentativ, aber ich sah da niemanden, der weinte. Erst als klar wurde, dass man da wohl etwas falsch verstanden hat, kam das Entsetzen.

Eine andere alte Geschichte ist das Festsetzen von Menschenrechtsaktivisten – The Arabist hat eine Liste von Personen, die sich aktuell wegen der Proteste in der Hand des Geheimdienstes befinden.

 

18.00 – Bei Wikipedia steht über Hosni Mubarak: (D.A.)

On February 5, 2011 Egyptian state media reported that senior members of the ruling party, including President Hosni Mubarak had submitted their resignations.

Manchmal wäre es nett, wenn man Diktatoren so leicht wie Wikipedia ändern könnte.

Edit: Das könnte einen Edit War auslösen:

Al Arabiya television retracts its report that President Hosni Mubarak had resigned as head of Egypt’s ruling party, says Reuters.

Man kann von Mubarak halten, was man will, aber es ist gut, dass sein Ende im Zeitalter des Internets kommt – man stelle sich vor, man hätte das in die gedruckte Zeitung gegeben…

 

17.14 – Von Menschen und ihren Forderungen (D.A.)

Hillary Clinton deutet an, dass sie sich den Vizepräsidenten Suleimnan als Ubergangspräsidenten wünscht, damit alles gestattet voin dannen gehen kann.

Angela Merkel wünscht sich eine gewisse Phase des Übergangs und nicht gleich Neuwahlen.

Zu dumm, dass unhöflichen Demonstranten gerade ein umfassendes Programm veröffentlicht haben, demzufolge sie etwas anderes wollen:

•  The resignation of the entire ruling party, including the new vice-president Omar Suleiman, whom the Obama administration believes is best placed to oversee a transition of power.

• A broad-based transitional government appointed by a 14-strong committee, made up of senior judges, youth leaders and members of the military.

• The election of a founding council of 40 public intellectuals and constitutional experts, who will draw up a new constitution under the supervision of the transitional government, then put it to the people in a referendum. Fresh elections would then be held at a local and national level.

• The end of the country’s emergency law.

• The dismantling of the state security apparatus.

• The trial of key regime leaders, including Mubarak.

Sieht nicht so aus, als würden die wissen, was man von Freunden des Westens erwarten kann.

 

15:37 – Von Menschen und Ajatollah Chamenei (D.A,)

Gestern schreckte die Nachricht auf, der geistliche Führer des Irans habe erklärt, man werde die islamische Erleuchtung in Ägypten unterstützen. Weh uns! Die Muslimbrüder werden kommen und alles übernehmen und einen neuen Iran machen, oder ein neues Afghanistan, oder die Scharia einführen – halt nein, die wurde ja schon 1980 in Ägypten von Sadat eingeführt. Aber es scheint allen recht zu geben, die hinter den Unruhen einen drohenden islamistischen Umsturz wittern: Amerikanischen Rechtsextrem Konservativen, Silvio Berlusconi und all den Kommentatoren der westlichen Medien.

Nur an einer Stelle regt sich da ein gewisser Widerspruch:

Hamza stressed that the revolution is a peaceful one which calls solely for reform and a democratic civil state initiated by youths through the social networking service Facebook away from any Islamist groups.

He criticized allegations and reiterations by some countries that the uprising was Islamic and denounced claims by the Iranian Supreme Leader Mr. Khamenai that this was a sign of an Islamic Awakening inspired by the 1979 Islamic Revolution in Iran.

Hamza maintained that The Egyptian protests are not an ‘Islamic’ uprising, but a mass protest against an unjust, autocratic regime which includes Egyptians from all walks of life all religions and all sects.

Was? Dieser Hamza? Wer der ist? Ach so, das ist nur einer der führenden Funktionäre der Muslimbruderschaft. Das steht auch auf deren Website. Die ist sogar auf Englisch, damit man im Westen nachlesen kann, wann sie wieder vor Wien stehen werden oder was man ihnen sonst noch alles nachsagt. Für Orientanfänger sei hier kurz auf etwas verwiesen: Chamenei (Iran) = Schiit. Muslimbruder (Ägypten) = Sunnit. Man kann die Beziehungen dieser Gruppen durchaus mit Katholiken und Protestanten vergleichen – während des 30-jährigen Krieges. Wobei sie sich nun schon etwas länger nicht wirklich gut verstehen. Keine alten Freunde wie unsere Freunde des Wastens ™!

 

15.07 – Von Menschen und Kühen (A.D.)

Die Revolution kostet Ägypten bislang über 3 Milliarden Dollar, wird geschätzt. Klingt viel, kann die werte Präsidentenfamilie aber aus der Portokasse zaheln: Die Mubaraks haben schätzungsweise 40 Milliarden angespart. Al-Jazeera dröselt diese und andere Finanzfragen anschaulich auseinander

Eine beliebte Frage in solchen Zeiten ist auch: Was kosten Menschenleben? Immerhin diese Frage wurde jetzt offiziell beantwortet. “Government giving $900 to the families of those who died in #Tahrir. A cow costs $1,500 in Egypt.” twittert Amr Ramadan.

Und das Tal der Ahnungslosen liegt dieser Tage in China.

 

14.57 – You will be lynched today (D.A.)

Alte Freunde des Westens ™ und Stabilitätsanker ™, denen man nach Ansicht der Bundeskanzlerin eine gewisse Zeit für eine friedliche Transformation lassen sollte, bei der Öffentlichkeitsarbeit für die Regierung Mubarak gegenüber einer Bloomberg-Reporterin:

In less than a minute, a mob of about 40 civilian men surrounded our car, banging on the vehicle and grabbing our bags. They looted 1500 Egyptian pounds ($256) worth of medical supplies and 800 pounds worth of food and drinks, uninterested in our explanation of whom it was for.

I held onto my backpack, with my Egyptian ID card, as a group of 20 men tried to tear it from me. We managed to get back into the car and sped toward downtown. As we were driving away, one of the mob smashed a side window with a metal rod.

 

14:40 – Keine Waffen mehr für die Freunde des Westens ™ (D.A.)

Gestern erst schon beendete die deutsche Regierung Waffenlieferungen nach Ägypten, schon Ende Januar preschte die französische Regierung mit einem ähnlichen Entschluss vor. Ohne das laut zu verkünden, denn erst heute wurde die Bestimmung bekannt. Einem alten Freund des Westens ™ keine Waffen mehr zu geben, ist die eine Sache. Sich von ihm öffentlich zu distanzieren, eine andere.

 

14.00 – Ein Stückchen Alltag (S.I.)

Ägyptische Freunde haben jetzt neue Facebook-Bilder. Ich weiß, daß sie die letzten Tage auf dem Midan al-Tahrir verbracht haben, tagelang sammelten sich besorgte Kommentare von Freunden unter den ersten enthusiasistschen Ankündigungen vor über einer Woche. Die Stille war beängstigend, bis diese Woche das Internet zurückkam. Und jetzt folgen die Bilder dazu.

Bis gestern waren es junge Männer, modisch aufgebrezelt für eine Party. Jetzt sind sie hemdsärmelige Demonstranten mit Rucksack, die Protestwaffe Handy hochgereckt in der Hand.

Mein privater Informationskanal verrät aber noch weitere Neuigkeiten: in Zamalek beseitigen freiwillige die Folgen der Zerstörung. Jeder kennt mittlerweile von unzähligen grobkörnigen Fotos die etwas trostlosen, sandfarbenen Häuser rund um den Tahrir Platz, die zertrampelten Grünflächen in der Mitte. Die dunklen Fenster wirken wie kleine Löcher in den großen Klötzen und die ein oder zwei architektonisch ansprechende Gebäude gehen unter zwischen Stacheldrahtbarrikaden und Panzern.

Kairo hat aber auch eine andere Seite, und wohl einer der schönsten ist Zamalek, auf der Insel Gezira. Die Villen im Kolonialstil sind nicht schmutzigbraun wie der Wüstensand, sondern eher grauweiß, gepflegt, restauriert, von üppigen Gärten umgeben. Es sind Villen für wenige Parteien, nicht wie die großen Klötze, die der Autor Al-Aswani so eindrücklich in seinem Buch “Der Yakoubian Bau” beschrieben hat. Schöne Villen. Teure Villen. Die Straßen sind von Bäumen gesäumt, auf Zamalek sind der teuerste Sportclub der Stadt, die beste Pizzeria und viele schöne Restaurants. Nach allem, was man hört, waren solche Stadtteile in den letzten Tagen wie ausgestorben, aber offenbar kehrt die Normalität zurück. Jemand  twittert, daß Leute wieder in Cafés sitzen und die Polizeipräsenz wie immer ist. Und dazwischen, offenbar, Freiwillige, die Müll einsammeln und Ordnung schaffen.

Ob das allerdings ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, vermag bisher noch keiner zu sagen.

 

13.45 – Neue Freunde der neuen Freunde des Westens ™ (D.A.)

“Die ganz schnelle Wahl als Beginn eines Demokratisierungsprozesses halte ich für falsch”, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

Erstaunlich. Ich frage mich ja, was man 1989 zu einem Bundeskanzler gesagt hätte, der mit folgendem Zitat aufgefallen wäre: “Die ganz schnelle Wahl des ZKs der SED und der Volkskammer der DDR als Beginn eines Demokratisierungsprozesses halte ich für falsch.”

Weil, wenn man diese Weisheit laienhaft in die realpolitischen Zustände übersetzt, könnte man auch sagen: “Erst mal weiterwurschteln mit unseren nicht ganz unkorrupten alten Freunden des Westens ™ finden wir wie unsere amerikanischen Freunde und besonders Berlusconi alternativlos”.

Oder soll es heissen: “Setzt Euch mal unter eine Palme, vergesst einen Moment die Jahrzehnte der Diktatur, nehmt einen Keks, die EU zahlt, und knobelt das mal in Ruhe aus, oder werft eine Münze für Gesetze und zieht Stöckchen für Ämter, weil Parlament, Armee, Polizei, Oligarchen und so, och nö, so wichtig ist das alles nicht.”

Nun – ich weiss es natürlich auch nicht. Leider war es ein Vortrag in Müchen auf der Sicherheitsoderwasdavonübrigistkonferenz, Nachfragen sind da nicht üblich. Allerdings muss man Frau Merkel zu Gute halten, dass in der DDR Mao nicht gelehrt wurde, der einmal so treffend sagte

Die Revolution ist kein Festessen, kein literarisches Fest, keine Stickerei. Die Revolution ist ein Akt der Gewalt.

(Wenigstens bei den Demonstranten in Kairo hatte der grosse Vorsitzende einmal ein wenig unrecht – kaum Akte der Gewalt)

 

13.10 - Was noch zu zu tun ist (A.D.)

Wir wollen ja alle, dass Mubarak zurücktritt. Doch bevor er das tut, hat er noch einiges zu tun. Die Verfassung ändern, zum Beispiel, denn sonst kann es keine freien Wahlen geben. Tritt er sofort zurück, übernimmt der Parlamentssprecher seine Stelle: Fathi Surur, ein harter Hund. Den will keiner. Tritt er langsam zurück (sagen wir, er begibt sich aus gesundheitlichen Gründen ins befreundete Ausland), wird er von seinem Vizepräsidenten Omar Suleiman ersetzt. In beiden Fällen kann der, der an seine Stelle tritt, das Parlament nicht auflösen. Ein wenig Hintergrund dazu gibt es hier.

Desinformation überall. Nur die staatliche Zeitung scheint sich mittlerweile der Wahrheit anzunähern: “State owned Newspaper front page headline reads: “Hundreds of thousands in Tahrir asking for change” – !” twittert Sarahngb

Die Armee würde gern die Barrikaden abbauen. “The army is trying so hard to *look* neutral but we know they can’t wait to find an excuse to take us down. Not giving them that.” twittert Mosa’ab Elshamy.

Und nochmal Humor aus Ägypten.

 

11.50 – Mubarak soll seine Herrschaft in Heidelberg verlieren (D.A.)

oder in München oder wo er sich hierzulande sonst traditionell medizinisch betreuen lässt – das zumindest berichtet die NY Times unter Berufung auf nicht weiter genannte ägyptische Kreise.

Administration officials said that among the ideas that had been discussed were suggesting to Mr. Mubarak that he move to his home at Sharm el Sheik, the seaside resort, or that he embark on one of his annual medical leaves to Germany for an extended checkup.

Ich wage zu behaupten, dass diese Kreise bereits in Heidelberg waren – man muss schon sehr viel Herz verloren haben, wenn man seine gebrauchten Diktatoren auf diese Art und Weise in der 1. Welt entsorgt – bei Twitter werden schon Alternativen angeboten.

According FOCUS Mubarak seeks asylum in Germany. I think he will be better off at Gitmo or Hague.

Unfein. So geht man mit Freunden des Westens ™ nicht um. Allerdings soll Gorleben in dieser Jahresze

 

11.10 – Paranoia an der Arbeit (D.A.)

just called a hostel downtown on behalf of a journo.said they aren’t accommodating journos

schreibt der Journalist bb_aisha aus Kairo über seine Bemühungen, einen Kollegen unterzubringen (siehe 9:40). Da kommen aber wirklich böse Erinnerungen auf. Vielleicht haben sie ja bald auch passende Schilder: “Journalisten müssen leider draussen bleiben”, “Hunde, Presse und Pressehunde verboten”, “Journalistenfreies Hotel”. Nichts ist unmöglich, bei den Freunden des Westens ™.

 

10:30 – Stabilitätsanker der Region (Copyright G. Westerwelle) (D.A.)

Bis vor ein paar Wochen reichte es im Journalistenberuf, Ägypten als Partner und Freund des Westens zu kennen. Unschöne Berichte gab es immer mal wieder, aber der Jahresbericht von Amnesty International ist hierzulande noch schneller vergessen, als der Armutsbericht der Bundesregierung. Und man muss fairerweise sagen, dass auch die amerikanischen Geheimdienste nach eigenem Eingeständnis von den Protesten in Tunesien und Ägypten überrascht wurden. Trotzdem ist die Berichterstattung hierzulande nicht nur bei ARD und ZDF mitunter miserabel und schnell zusammengestöpselt, und dieses Blog hier möchte nicht verhehlen, dass es aus dieser Not eine Tugend macht. Und es ist hocherfreulich, wenn ein Kommentator auf derartig erhellende Beiträge wie den des Politologen und Ägyptenspezialisten Paul Amar hinweist: Amar macht sich die Mühe, die komplexe UnSicherheitsarchitektur und die verschiedneen Fraktionen des ägyptischen Machtapparates zu erklären:

But each police, military and security institution has its own history, culture, class-allegiances, and, often its own autonomous sources of revenue and support as well. It would take many books to lay this all out in detail; but let me make a brief attempt here. In Egypt the police forces (al-shurta) are run by the Interior Ministry which was very close to Mubarak and the Presidency and had become politically co-dependent on him. But police stations gained relative autonomy during the past decades. In certain police stations this autonomy took the form of the adoption of a militant ideology or moral mission; or some Vice Police stations have taken up drug running; or some ran protection rackets that squeezed local small businesses. The political dependability of the police, from a bottom-up perspective, is not high. Police grew to be quite self-interested and entrepreneurial on a station-by-station level. In the 1980s, the police faced the growth of “gangs,” referred to in Egyptian Arabic as baltagiya. These street organizations had asserted self-rule over Cairo’s many informal settlements and slums. Foreigners and the Egyptian bourgeoisie assumed the baltagiya to be Islamists but they were mostly utterly unideological. In the early 1990s the Interior Ministry decided “if you can’t beat them, hire them.” So the Interior Ministry and the Central Security Services started outsourcing coercion to these baltagiya, paying them well and training them to use sexualized brutality (from groping to rape) in order to punish and deter female protesters and male detainees, alike. During this period the Interior Ministry also turned the State Security Investigations (SSI) (mabahith amn al-dawla) into a monstrous threat, detaining and torturing masses of domestic political dissidents.

Der Beitrag ist gespickt mit erstklassigen Informationen über das Räderwerk, das jetzt durch die Protesten nicht mehr wie gewohnt funktioniert. Und wenn Sie sonst heute nichts anderes mehr tun: Lesen Sie diesen Beitrag. Danach werden Sie über schnell eigeflogene Krisenreporter und daheim bleibende Globalinterpreten leise lächeln.

 

9:40 - Paranoia, Fremdenhass, Extremismus präsentiert Ihr freundlicher Staatsfunk (D.A.)

Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man die Medienpolitik der letzten Saddamtage im Irak mit den absurden Staatsnachrichten der auslaufenden Mubarakherrschaft vergleichen. Allein, es ist traurig, und die Ägypter haben keinen, der in die legendären Fussstapfen des komödiantischen Naturtalents von Comical Ali treten könnte. Statt dessen verbreitet das Fernsehen laufend Behauptungen, die Demonstrationen seien vom Ausland, und/oder dem Mossad, und/oder der Hamas, und/oder Al Jazeera und/oder so ziemlich alles was opportun erscheint aufgehetzt, gesteuert und infiltriert – 60% der Demonstranten etwa seien Ausländer. Welche Folgen das hat, beschreibt die ägyptisch-britische Journalistin Sarah Carr in ihrem Blog aus Kairo sehr präzise als “Media Wars“:

The worst thing about this is how very un-Egyptian it is. Much is made of the legendary Egyptian hospitality, and for good reason. Egyptians take care of their guests. Which is not to say that xenophobia or racism doesn’t exist, and doesn’t exist in its worst forms. But very generally speaking I’ve felt safer and more looked after in Egypt than anywhere else in the world.

The descent into murky hatred coincides with a concerted state media campaign against foreigners and sinister “foreign agents” who are behind the Tahir protests, a continuation of previous campaigns against foreigners which have targeted e.g. Palestinians, religious minorities, gays, Shias…etc. State media is an extension of the regime. Add this to a security vacuum and the withdrawal of the police and a desperate regime and uncertainty and you get this, another highly convenient instance of manufactured discontent.

Immerhin gibt es auch weiterhin Humor. Auf die Nachricht, man habe gestern auf dem Tahrirplatz Agenten des Mossad und der Hamas (!) festgenommen, reagiert Shaimastreet auf Twitter:

So they caught the Hamas guys&the Mossad guys in Tharir. Yes of course along w/the Israeli shark that killed tourism in Sharm

Der Staatssender unserer Freunde des Westens hatte beim letzten tödlichen Haiangriff vor dem Sinai nicht ausgeschlossen, dass der Hai von Israel auf Ägypten angesetzt wurde.

 

9:00 - Die alten Eliten zaudern (D.A.)

The Arabist, eine von ausländischen Journalisten betriebene Webseite mit Blick auf die arabische Welt, hat einen Aufruf von Vertetern der alten ägyptischen Elite übersetzt, die gerade zwischen den Demonstranten und der Regierung von Hosni Mubarak laviert. Nachdem der Aufruf in einer ägyptischen Tageszeitung erschien, ist er natürlich mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen. Nachdem aber von 80 Millionen Ägyptern nur ein kleiner Teil demonstriert, kann es auch sein, dass manche eher zu so einer moderaten – und ihre Privilegien nicht antastenden – Haltung neigen, die nicht auf einen radikalen Bruch hinausläuft:

1.The President must delegate to his Vice President the responsibilities of managing the transitional period that began yesterday and will be completed by the end of the president’s current term.
2. The Vice President must agree to the following: dissolve the Shura Council and People’s Assembly and form a legislative committee consisting of constitutional experts and independent judges who will prepare for the necessary constitutional amendments.
3. Form a government of experts and independent figures that are accepted by the public to administer executive operations during this transitional period.

Trotzdem: Auch das sind neue Töne, die vor einem Monat undenkbar gewesen wären.

 

8:00 - Internationale Reaktionen (D.A.)

Proteste und Medienberichte sind das eine – Realpolitik des aufgeklärten Westens ist das andere. Ein Musterbeispiel für die Beständigkeit und Zuverlässigkeit der US-Administration sind die Militärhilfen für Ägypten, für deren Einstellung man in Washington bislang keinerlei Anlass sieht. Da kann man zwischen Rize, Bush, Obama und Clinton die Nehmerhand nicht umdrehen:

The White House sees the Egyptian military as the key to removing Mubarak, regarded as a necessary first step towards implementing substantive political and economic reforms. Cutting aid would risk alienating them.

Mit den Generälen wird gerade über die Szenarien nach Mubarak verhandelt. Passend dazu hat Salon.com eine hübsche Galerie mit den verbliebenen amerikanischen Freunden von Hosni Mubarak. Darunter sind auch einige, die direkt in Ägyptens Komikertruppe Staats-TV auftreten könnten:

The Egyptian demonstrations are the reprise of Iran’s 1979 radical revolution. Thus, America must stand with her ally Egypt to preserve an imperfect government capable of reform; and prevent a tyrannical government capable of harm … This is not a nostalgic ‘anti-colonial uprising’ from within, of all places, the land of Nassar. Right now, freedom’s radicalized enemies are subverting Egypt and our other allies.

Mit Abscheu werden McCutter und andere deshalb die Weigerung der New York Times zur Kenntnis nehmen, den guten, alten Freund Mubarak doch etwas pfleglicher zu behandeln. Statt dessen wird weiterhin dargestellt, wie man sich so einen stabilen Partner in der Region im Alltag der Folter vor Auge führen muss (wenn man gerade von der Polizei grundlos eingesperrt wurde, wie es Reportern der Times geschah):

But our discomfort paled in comparison to the dull whacks and the screams of pain by Egyptian people that broke the stillness of the night. In one instance, between the cries of suffering, an officer said in Arabic, “You are talking to journalists? You are talking badly about your country?”

Immerhin hat Deutschland seine Waffenlieferungen an Ägypten gestern eingestellt.

 

7:00 - Aktuelle Beiträge bei FAZ.net (D.A.)

In Ägypten bringen sich die Nachfolger von Mubarak in Stellung

Konstanze Kurz über Unterdrückungs- und Überwachungstechnologie angesichts der jüngsten Ereignisse

Wolfgang Günter Lerch kommentiert die Problematik des Wandels in Ägypten

Rainer Hermann über Isnogud Geheimdienstchef und Vizepräsident Suleiman, den altneuen starken Mann

Bild zu: Freunde und andere Feinde des Westens

 

 
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