West-östliches Sofa

West-östliches Sofa

Auf das ost-westlichen Sofa setzen sich Autoren nach Belieben, erzählen, berichten und plaudern, gehen einen Tee holen und machen anderen platz,

Die Revolution ist kein Akt der Gewalt mehr

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Wundersames geschieht in Ägypten: Auf dem Tahrir-Platz findet eine koptische Messe statt, Hosni Mubarak macht bei Twitter Karriere, die Muslimbrüder wollen reden, und die Demonstranten wählen erst jetzt ihre Sprecher aus - aktuelle Links, Berichte und Informationen im Liveblog der FAZ

Auf dem west-östlichen Sofa versorgen Sie heute Andrea Diener (A.D.), Sophia Infitesimalia (S.I.) und Don Alphonso (D.A.); einleitende Bemerkungen für dieses Projekt finden Sie hier, der gestrige Tag ist hier zu finden, der 4. Februar ist hier nachzulesen, der 3. Februar  findet sich hier. Sie sind herzlich eingeladen, in den Kommentaren Links, Verweise und Beiträge zu hinterlassen.)


23:52 – 10 Geschichten – (D.A.)

Vom U-Bahn-Arbeiter bis zur Fitnessstudiobesitzerin – The Star hat 10 Demonstranten in Ägypten vorgestellt und nach ihren Motiven befragt. 10 sehr gelungene Porträits von Menschen in Zeiten, da sie oft nur als Masse dargestellt werden.

 

23.27 – Schlechte und ganz schlechte Geschichten – (D.A.)

Über die oft absichtlich schlechte Behandlung und Verfolgung von Journalisten während der Tage, als aus dem Aufstand fast ein Bürgerkrieg geworden wäre, gibt es viele Geschichten: Kameras wurden gestohlen, konfisziert und zerstört, Mitabeiter wurden ausgeraubt, eingesperrt und bedroht, und auch bekannte Pressevertreter wie Ayman Mohyeldin von Al Jazeera wurden festgenommen (15:20, inzwischen wieder auf freiem Fuss). Ein anderer wurde bei Dreharbeiten von einem Scharfschützen erschossen – nach Überzeugung seiner Frau, damit keine Berichte über die Kämpfe entstanden.

 

22:30 – Zornige junge Frauen – (D.A.)

Der Bildjournalist Matthew Cassel schreibt über seine Vorbehalte, im Orient Frauen zu photographieren.  Getan hat er es während der Aufstände trotzdem.

 

22:00 – Kentucky schreit Staats-TV knicken– (D.A.)

Glaubt jemand, dass die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz kostenloses Junkfood aus Amerika bekommen? Das ägyptische Staatsfernsehen sagt das nämlich:

State TV has been claiming that #Jan25 protesters get free KFC (Kentucky) meals delivered to them there. Apparently, that’s bad 😀

Zu gern hätte ich jetzt jemanden, der mir erklärt, warum ich an eine angebliche Absprache zwischen Oppositionellen und der Regierung in Ägypten glauben soll, von der das gleiche Fernsehen berichtet. Ich lese nämlich bei Twitter Aufrufe zum nächsten Millionenmarsch.

 

21:50 – Nadias Vater (A.D.)

Es ist die Revolution der Jungen, hört man oft. Aber das heißt nicht, daß den Alten alles egal ist, und schon gar nicht, daß sie Mubarak unterstützen. Das beweist eine der schöneren Geschichten der letzten Tage, nämlich die von Nadia El-Awadys Vater. Der alte Herr ist 73, nicht mehr allzu gut zu Fuß, aber wild entschlossen, am Sonntagmorgen auf den Tahrir-Platz zu gehen, wo seine Tochter schon seit Tagen protestiert.

„My 73-yr father wants to go to Tahrir tomorrow. Does any1 have a wheelchair we can borrow? He can barely walk but still wants to go“, twittert sie am Samstagabend. Ein Rollstuhl läßt sich dann nicht mehr organisieren, aber das hält die beiden nicht ab:Didn’t find one. We’ll take a taxi there. Walk slowly to gate. Get him thru crowds somehow thru gate.“

Und kurz darauf vermeldet sie: „Off to Tahrir to attend Christian mass. My father – a 73-yr-old ill, bearded conservative Muslim – is with me.“ Auf dem Platz findet sich auch ein Stuhl für den Herren, und der Tag beginnt mit der Sonntagsmesse. „Caught my dad tearing up at Christian mass“. Nach der christlichen Messe das muslimische Gebet: „Dad prayed the regular prayer sitting (he’s elderly) but stood up to pray for the souls of those who died for #egypt. #jan25

Aber so feierlich bliebt es dann nicht. „Dad posing for camera giving peace and thumbs up sign. He’s REALLY enjoying this!“ Und: „My dad is having the time of his LIFE in Tahrir! Saying he finally smells freedom.“ Und er ist nicht der einzige, der sich die Revolution der Jungen vor Ort ansieht: „60 yr old man telling my dad: „Our generation freed Sinai. This generation is freeing #Egypt.“ Und den Jüngeren gibt er die ein oder andere Geschichtslektion mit auf den Weg: „dad talked to family and said: I’ve seen 3 Egyptian flags in my time. This 4th will say freedom, justice, equality“. Dann fängt es an zu regnen. Man hängt ihm eine Decke um, hält eine Flagge über seinen Kopf und redet weiter.

Hoffen wir, daß Nadias Vater recht behält, daß die guten, alten Zeiten wiederkommen: „My dad told me of a time when Muslims, Jews, and Christians in Egypt were just Egyptians.“ Das müssen die Zeiten gewesen sein, als man bei alten, bärtigen, konservativen Muslimen noch nicht automatisch an Terror dachte. (Daß ihre Töchter twittern, könnte in näherer Zukunft schon etwas an diesem Bild ändern.)

 

20:00 Schamlose Selbstvermarktung – (D.A.)

In Twitterstürmen – was sie bedeuten, wen sie betreffen, was sie erreichen, von Kairo bis Oberdollig. Im Geschwisterblog Deus Ex Machina

 

19:34 – Erschöpfung – (D.A.)

Ärzte, die sich auf dem Tharirplatz während der letzten Tage um die Verletzten und Kranken kümmerten, machen eine Pause.

 

18:55 -Ein Blick zu den Kollegen von der Zeit – (D.A.)

In dieser Analyse gibt es einen wichtigen Punkt, den man ab und zu erwähnen sollte: Die Frage nämlich, von welchem Friedensprozess zwischen Israel und seinen Nachbarn man eigentlich sprechen will. Das Wort Prozess intendiert, dass sich etwas ändert, aber an diesem Konflikt haben sich seit Präsident Clinton und der 2. Intifada alle die Zähne ausgebissen. Der Nahostkonflikt ist in letzter Zeit zu einem vergessenen Krieg geworden, der in viele vertrackte Kleinstkonflikte zerbrochen ist. Das betrifft nicht nur die Gegner Israels, sondern auch die israelische Parteienlandschaft und Gesellschaft mit ihren Skandalen und Partikularinteressen. Mir scheint es, als wäre der „Friedensprozess“ seit Jahren zu einer diffusen Phrase geworden, einer Worthülse für die Zeit zwischen kleineren und grösseren Auseinandersetzungen. (Sie merken vielleicht – ich rede vermehrt über Israel. Das hat Gründe, denn dieses Blog wird nächste Woche eventuell an die Levante ziehen)

Aber auch sonst ist es ein kluger Text der Zeit, der mehr auf die Chancen denn auf die Risiken der Entwicklung verweist.

 

18:12 – Darf ich Ihnen einen jüdischen Witz erzählen? – (D.A.)

Also, die kleine jüdische Prinzessin kommt nach Hause und sagt: Mama, ich muss mit Dir reden. Ich habe einen Freund. Mama: Oh, fein! Endlich! Prinzessin: Ja, aber er ist nicht jüdisch. Mama: Ach? Prinzessin: Und ausserdem ist er als hart arbeitender Journalist arbeitslos und ohne Einkommen, ausserdem ist er, also, um ehrlich zu sein, Österreicher und ich bin von ihm schwanger, im fünften Monat. Mama: Wunderbar! Das macht gar nichts! Ihr zieht zu mir und wohnt hier und bekommt mein Schlafzimmer! Priinzessin: Toll, dass Du so verständnisvoll bist! Und wo willst Du dannn schlafen? Mama: Oh, ich gehe in die Küche und hänge mich auf.

Ich kann nur hoffen, dass die iranischen Extremisten (die Jungs, die auf die islamische Weltherrschaft hoffen) inzwischen eine ordentliche Firewall gegen den Bilderdienst twitpic und ägyptische Geistliche haben, sonst sehe ich grossen Bedarf an Stricken im Grossraum Teheran.

 

17:44 – Das Vorleben des Vize (D.A.)

Also, meine Herren, die Geschichte des aktuellen Vizepräsidenten Suleiman geht so: Er ist eben keiner von den bösen Inlandsgeheimdienstlern Ägyptens, die Ägypter foltern, sondern nur vom Auslandsgeheimdienst. Mubarak mag ihn, weil er ihm mit dem richtigen Panzermercedes mal das Leben gerettet hat. Ausserdem ist er schon länger ein wichtiger Mann im Hintergrund und auch bereit, isrealischen Interessen im Friedensprozess Rechnung zu tragen. Eher ein Bürokrat,dem man es durchaus zutrauen kann, den schwierigen Transformationsprozess zu gestalten. Taktiker und dem Westen bestens bekannt. Alles fein. Noch Fragen? Ja, der Herr da hinten?

Äh, also, ich habe da einen Artikel bei Propublica gefunden, und da steht schön belegt drin, dass dieser Herr Suleiman derjenige Chef des Gehimdienstes war, an den die Amerikaner ihre Folterungen outgesourced haben, und dabei auch falsche Beweise für den Kriegsgrund gegen den Irak erpresst wurden, Moment, also, da steht unter anderem:

According to the Senate report, al-Libi said he began to feed his captors false intelligence once American interrogators threatened to send him to a foreign government. He started talking, he said, but was sent to Egypt anyway. He later told the CIA that his Egyptian captors placed him in a box less than 2 feet square for 17 hours. Then, “when he was let out of the box, al-Libi claims that he was given a last opportunity to ‘tell the truth.’ ” He was struck down, he said, and finally “was punched for 15 minutes.” In another episode, he says he was beaten in a way that wouldn’t leave any marks.

Jaja, das sind also, da hat damals unter der Vorgängerregierung also Sie wissen ja, wie das damals war und Stabilität ist wirklich wichtig, irgend jemand muss dafür sorgen, dass die radikalen Islamisten, also, ja, die Dame dort hinten, was möchten Sie wissen?

 

17.00 – Bilder einer Austeilung (D.A.)

Eine hübsche Galerie der Protestkultur zwischen Witz und Zynismus hat Foreign Policy zusammengestellt.

 

16:20 – Microcosmos Tahrir (D.A.)

„Die haben zusammen gebetet!“ sagte vorhin Frau B.. Frau B,. das muss man wissen, kennt zwar ausser ihrer Putzfrau keinen Ausländer jenseits von Eichstätt (dahinter kommen schon die ersten Franken), fand aber, dass Sarrazin recht hat. Hätte man sich einen Muslimbunker bauen lassen können, wie im kalten Krieg einen Atombunker, dann hätte sie den längst zu Weihnachten bekommen. Und jetzt das. Gebete, Konzerte, Party, Picnic, Frauen, Kinder. An den Gerhard Polt mag man denken, als er im Russen und seinem geschleckten Eis merkt, dass das auch ein Mensch ist.

Und jetzt gedenken sie auch noch ihrer Toten und errichten ihnen ein Denkmal, wie ganz normale Menschen.

 

15:20 – Wo ist ein weiser Emir, wenn man einen braucht? (D.A.)

Die arabische Literatur ist voll von Geschuichten mit weisen Ratgebern, in denen sich ein kluger Denker einem Herrschenden andient, um ihn zu beraten (der Westen hat dafür den Hofnarren und heute FOX News, leider). So ein weiser Mann wäre jetzt eine feine Sache; er müsste zum Militär auf dem Tahrir-Platz gehen und sagen: „Liebe Brüder, sehet, dieser junge Pascha Ayman Mohyeldin, der trotz seines fehlenden Bartes so weit gereist ist und so vieles gesehen hat – dieser junge Pascha wird vom Volke geliebt, weil er bei Al Jazeera die Wahrheit sagt. Sie achten ihn, sie ehren ihn, er ist ihr Freund, ihre Hoffmung, ihr Glaube, dass man sie hört. Wenn Ihr, oh Brüder, ihn nun aber festnehmt, was werdet Ihr ernten? Das Volk wird sich seiner Stimme beraubt sehen und nur um so lauter schreien. Und weil sie auch mobile Gerätzschaften haben, werden es alle hören und mitbekommen, und selbst im exotischen Okzident, bei den schneebedeckten Bergen des Te-Gernzehs, wird ein ferner Chronist sagen, wie KRANK UND BESCHEUERT er es findet, dass Ihr, liebe Brüder, Euch jetzt auch noch den jungen Pascha Mohyeldin vornehmt, als ob es nicht schon genug böses Blut gäbe. Liebe Brüder, ist das weise?“

So jemanden bräuchte man, aber nein, statt dessen rauscht es gerade durch Twitter:

Al Jazeera correspondent @AymanM arrested by #Egypt military authorities.We call for his immediate release.#Tahrir #Egypt

 

13.55 – Araber haben keine Hörner (A.D.)

Roger Cohen von der NY Times interviewt Mohammed El-Baradei. Der meint, Mubarak könne nicht bleiben, auch nicht übergangsweise. Das würde keinen zufriedenstellen. „It’s become an obsession, they need to see his back.“ Und es ist auch nicht einzusehen, daß man Leuten Demokratie vorenthält, weil sie in südlicheren Breitengraden leben als man selbst. „It is the heritage of Mr. Bush and company that these people are different. And that once Egypt ist changed into a democracy, it will immediately be taken over by the Mullahs.“ Das sei nicht der Fall. (Außerdem seien Araber ganz normale Menschen, sagt El-Baradei, die haben keine Hörner oder so.) Auch Israel hat nichts zu fürchten, meint er, denn nur mit einer stabilen Demokratie könne wirklich Frieden zwischen den Völkern wachsen.

Ansonsten der ganz normale Ausnahmezustand: „Saw two screaming matches in the streets near Tahrir over traffic: a good sign Cairo is returning to normal“, twittert Jonjensen.

 

13:21 – Live aus der Modewelt vor Ort (S.I.)

Keine Frage, die Idee einer Hochzeit auf dem Midan al-Tahrir elektrisiert die Medien, so ein Ereignis hätte Hollywood, und sogar Bollywood nicht schöner und ergreifender ausdenken können. Das Foto vom glücklichen Brautpaar mit einem einem Panzer im Hintergrund ist denn auch sehr aussagekräftig – in mehr als einer Hinsicht.

Die meisten Europäer meinen, das Kopftuch sei das wichtigste Accessoire für die Frau in einer muslimischen Gesellschaft. Ein Irrtm, wage ich zu behaupten.

Die jungen Frauen der gebildeten, vermögenden Oberschicht, die man in Kairo in den einschlägigen Clubs (ebenso wie in vergleichbaren Lokalitäten von Casablanca bis Beirut) sehen kann, haben sich von dem viereckigen Stofftuch ohnehin schon längst verabschiedet. Aber auch jenseits jener Schichten, deren Orientierung und Vorbilder im Norden und Westen liegen, und die sich diese Vorbilder auf Reisen selbst ansehen können, tut sich was. Da war zum Beispiel N., eine junge Ägypterin mit großartigen pädogigischen Fähigkeiten an einer Kairoer Sprachschule. Sie war eine hervorragende Lehrerin, engagiert, ehrgeizig im Beruf und dabei – so wie die meisten jungen Frauen in Europa – immer mit einem Auge auf ein erfülltes, nettes Privatleben im Kreise von Freunden und Familie. Das fand auch Ausdruck in ihrer Kleidung.

Stets bedeckte ein langer Rock die Füße, und stets trug sie ein Kopftuch – mit demselben modischen Anspruch, den die Bewohnerinnen westlicher Model-TV-Sendungen in Jeans, bauchfreien T-Shirts und Taschen und Gürteln ausleben. Das Kopftuch war immer tiptop gebügelt, passte entweder zum Rock, oder zur Handtasche und war meistens mit farblich abgestimmten Nadeln festgesteckt. Ebenso wichtig jedoch für die ägyptische Mode (und offensichtlich immer noch brandaktuell): das enganliegende, langärmelige T-Shirt. Diese hängen in Massen und in allen Farben in allen Läden – denn erst die Langarm-Shirts ermöglichen es jungen Frauen, all die kurzärmeligen, trägerlosen, bauchfreien Moden des Westens mitzumachen. Und, wie man sieht: mit langen Ärmeln drunter sind auch ausgeschnittene, weiße Brautkleider keine Verfehlung gegen die Religion mehr. Ganz ketzerisch könnte man die Debatte fortsetzen und mit dem Brautschleier weiterdenken – der sich bei uns als unabdingbares Accessoire erhalten hat, und irgendwo seine historischen Wurzeln hat. Auch wenn wir uns nicht gerne an Zeiten erinnern lassen, in denen Frauen selbstverständlich Kopftücher zum Kirchgang trugen, oder noch früher, als es regelrechte Kodizes für weibliche Kopfbedeckungen je nach Lebensstand gab.

In jedem Fall ist bei der Braut, wie  auch damals bei der jungen Lehrerin, der modische Ausdruckswille offensichtlich. Ebenso wie ein eigener Kopf, eine gewisse Emanzipation und Anspruch auf ein vernünftiges Leben. Trotz Kopftuch.

 

12.55 – Bring your radical Islamists – (D.A.)

Die radikalislamistische Muslimbruderschaft (Sie wissen schon, diese bärtigen Bombenleger, die den Nahen Osten destabilisieren) schreibt auf Ihrer Website:

Protesters prepare for ‚Martyrs‘ Sunday‘ surrounding the square’s administrative complex and holding a Coptic mass

Wie sagt man nicht so schön: We don’t invent reality, we link it. Es wird spannend sein zu sehen, wann die westlichen Medien so auf „Radikalislamisch“ zu verzichten beginnen, wie sie bei Mubarak schon auf „Partner des Westens“ verzichtet haben.

Mehr Destabilisierung, ja gar Zusammenbruch bei der Le Monde Diplomatique. Und Robert Fisk vergleicht die Literatur über Diktatoren aus dem südlichen Hinterhof der USA mit der Realität auf dem östlichen Hinterhof des Westens.

 

12:45 – Bring your Laptops (A.D.)

Heute ist der Tag der Märtyrer, derjenigen, die bislang Opfer der staatlichen Gewalt wurden. Es gab einen christlichen Gottesdienst, danach haben die Muslime gebetet. Außerdem haben heute die Banken wieder geöffnet, und langsam kehren auch die Geschäftsleute wieder zurück. Um drei Uhr soll es ein Rockkonzert geben.

Auch Sandmonkey meldet sich wieder und meint, neben Decken und Medikamenten ist es langsam  an der Zeit, auch Klapptische mitzubringen, Laptops und Papier und eine Partei zu gründen: „create the grassroots organization to take back the parliament and presidency in the next elections. Once sufficient votes and seats have been obtained, the party will amend the constitution to promote civil liberties, plurality, and truly democratic elections.“  Sandmonkey meldet sich auch im AdVerve-Podcast zu Wort. 

Weitere Bilder gibt es im Flickr-Stream von Mona Seif. Sie bloggt auch sehr anschaulich vom Tahrir-Platz.

 

12:12 – Journalistische Tretminen des Nahen Ostens (D.A.)

In den Kommentaren und anderrnorts gibt es ab und zu Hinweise auf die Verbrechen an Kopten, und damit verbunden auch die Mutmassung, dass ein schneller Wandel wie eine Revolution ein Ende der koptischen Kultur bedeuten könnte. Für erfahrene Nahost-Reporter ist das Thema recht gängig, und beileibe nicht versteckt oder verschwiegen – es ist oft einfach ein Problem der Quellen und derjenigen, die sie für ihre Zwecke nutzen. Nur mal ein Beispiel:

News of an Islamist massacre of two Christian Coptic families has emerged from Upper Egypt with the return of Internet connections to the country, after a one-week Internet blackout imposed by the troubled regime. The massacre took place on Sunday afternoon (January 30) at the village of Sharona near Maghagha, in Minya province, and is being reported by AINA, the Assyrian International News Agency.

Krass! Massaker! Ab ins Content Management System! Klingt im ersten Moment alles recht seriös, eine arabische Quelle und eine israelische Seite, die es gefunden und publiziert hat. Aber die seriös wirkende Seite „Israel National News“ ist nichts anderes als ArutzSheva (Kanal 7) und damit das Mediennetzwerk der radikalen, israelischen Siedler, deren zentrales Anliegen die Botschaft ist, man könnte den Arabern nicht trauen. Wenn etwas bei Arutz Sheva steht, würde ich immer erst einen Haken, einen Dreh, eine Intention vermuten, und mich anderweitig schlau machen. Mit einem flauen Gefühl im Magen, weil man es durchaus gern bringen würde. Und dann leider oft feststellen muss, dass andere, dirchaus seriöse Quellen der Weiterverbreitung nicht wissen, was Arutz Sheva ist. Im Westen weiss man, dass man besser nicht alles glauben sollte, was bei FOX News läuft, Aber in Krisenzeiten ist der Nahe Osten seit je her voll mit „Parachutern“ auf der Suche nach einer heftigen Geschchte. Früher musste man noch hinfleigen, heute reicht das Internet und der Praktikant, aber die Unkentnis der Quellenlage kann mehr als nur problematisch sein.

Nach meinen Erfahrungen sind mir deshalb klar subjektive Blogeinträge, die aus ihrer Färbung keinen Hehl machen, erheblich lieber als Extremisten, die es gelernt haben, sich hinter einer seriösen Formulierung zu verstecken.

 

11:55 – Die Liste der Opfer (D.A.)

Von rund 300 Toten der Demontrationen und ihrer versuchten Niederschlagung spricht die UN – in Ägypten hat man sich nun daran gemacht, wenigstens die Namen der Opfer zu sammeln. Die Namen der Täter findet man darin nicht.  Mit denen kann man ja einen langsamen Reformprozess einleiten. Im Internet kursiert ein Video mit einer angeblichen Hinrichtung in Alexandria, das ich hier eigentlich nicht verlinken möchte. (Mit Dank für die Hilfe der Kommentatoren)

 

11:43 – Das koptische Gebet in Kairo (D.A.)

Coptic Christian prayer services did take place on Tahrir Square after all. So many tried to dismiss it, saying it was impossible

schreibt Dima Khadid über ein aussergewöhnliches Ereignis: Schon seit Tagen macht es bei Twitter die Runde, koptische Christen würden einen öffentlichen Gottesdienst auf dem Tahrir-Platz planen. Für ein Land, in dem die Scharia gilt, ist das alles andere als eine selbstverständliche Sache. Aber diesmal eben doch möglich, wie Alexander Marquardt von ABC berichtet:

In Tahrir, coptic priest and imam together on shoulders of protesters before coptic service.

Andere twittern, die Koptren würden sich wie Schafe ihre Schlächter selbst suchen.

 

11:35 – Von Obama lernen heisst siegen lernen (D.A.)

Wenn das einmal mit dem Change funktioniert hat, könnte es doch auch in Ägypten klappen, denkt ahoi polloi.

 

11:25 – Der neue Star bei Twitter (D.A.)

Man musste gestern Abend nur mal kurz den Namen Mubarak bei Twitter suchen und sich schnell einen Tee machen – dann sah das gleich so aus:

Bild zu: Die Revolution ist kein Akt der Gewalt mehr

Tausende vin Wortmeldungen. Das schaffen selbst Paris Hilton und Sarah Palin nicht. Auch eine Karriere. Allerdings eine, die oft in Zusammenhang mit Guantanamo und La Hague gesehen wird. Von anderen Dingen ganz zu schweigen.

 

10:55 – Der Tag des Verlangens (D.A.)

Die Verhandlungspositionen der Muslimbrüder, von ihnen selbst ins Internet geschrieben:

12 :05 MB calls for guarantees of release of recently detained activists during the protests

12 :03 MB calls for immediate investigations of all responsible in the country’s corruption holding all responsible accountable 

12 :02 MB calls for freedom to form assemblies to express demands and opinions without oppression

12 :01 MB calls for equal opportunities to all political parties in the media and the halting of the State TV’s efforts to distort facts

11 :59 MB calls the formation of a national coalition transitional government

11 :56 MB calls for guarantees of transparent parliamentary elections under judicial supervision

11 :09 MB insists all political prisoners charged unjustly be released

11 :07 MB demands guarantees for peaceful protests

11 :05 MB demands immediate elimination of Emergency Law

11 :04 MB rejects outside intervention

11 :01 MB begins landmark talks with Vice President

Und noch mehr. Das ist einiges. Besonders für ein Land wie Ägypten. Für manche wird es überraschend sein, aber sie verlangen keine Steinigungen.

 

10.11 – Der Tag des Lebens (D.A.)

Ich habe das Bild lange und genau angeschaut und denke, dass es kein Hoax mit Photoshop ist – ein Brautpaar auf dem Tahrir-Platz.

Edit: Es ist doch ein Hoax (Danke an die Kommentatoren!)

 

9:00 – Internationale Reaktionen (D.A.)

Al Jazeera stellt die Frage, wo eigentlich die Vereinten Nationen bleiben.

Historisch betrachtet ist diese Frage hochinteressant, denn seit ihrer Grundung hat die UN jede Menge Arbeit im Nahen Osten verrichtet – und es war beileibe nicht das Rascheln eines zusammengefalteten Papiertigers. Der Nahe Osten ist immerhin die Region, in der es mit Resolutionen gelungen ist, Kriege zwischen Israel und seinen Nachbarn mitzubeenden. Die UN haben den sehr fragilen Freiden zwischen Israel und Ägypten mit Truppen gesichert. Das Argument der äusseren Nichteinmischung kann in einer Zeit kaum gelten, da der Regierungswechsel in Ägypten mit grosser Selbstverständlichkeit von den Ländern des Westens ausgehandelt wird. Den Bedeutungsverlust der UN sieht man vielleicht wirklich daran, dass erst einem arabischen Sender das grosse Schweigen auffällt.

Al Jazeera selbst wird auch nicht gerade unkritisch gesehen. Frank Rich schreibt in der New York Times einen reichlich wütenden Beitrag über Medien und Medieninkompetenz in den USA und in der arabischen Welt, und die daraus resultiernden Missverständnisse:

Unable to watch Al Jazeera English, and ravenous for comprehensive and sophisticated 24/7 television coverage of the Middle East otherwise unavailable on television, millions of Americans last week tracked down the network’s Internet stream on their computers. Such was the work-around required by the censorship practiced by America’s corporate gatekeepers. You’d almost think these news-starved Americans were Iron Curtain citizens clandestinely trying to pull in the jammed Voice of America signal in the 1950s — or Egyptians desperately seeking Al Jazeera after Mubarak disrupted its signal last week.

Da bekommt jeder, was er verdient. Ähnliches – mit Blick auf die Akteure der Demonstrationen und ihren neu entstehenden, politischen Strukturen – erwartet  auch Robert Fisk im Independent.

Sitting on filthy pavements, amid the garbage and broken stones of a week of street fighting, they have drawn up a list of 25 political personalities to negotiate for a new political leadership and a new constitution to replace Mubarak’s crumbling regime.

 

8:00 – Aktuelle Beiträge bei FAZ.net (D.A.)

Rainer Hermann über die Motivation der arabischen Jugend, gegen ihre Eliten aufzubegehren.

Die Muslimbrüder setzen sich etwas von der Demokratiebewegung ab und wollen mit den alten Kräften verhandeln

Für deutsche Firmen und ihre Mitarbeiter im nur scheinbar sicheren Ägypten ist die Lage eher unerfreulich

Die Explosion einer Gaspipeline zwischen Ägypten und Israel ist Anlass zu Spekuluationen

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74 Lesermeinungen

  1. ...kein Akt der Gewalt mehr,...
    …kein Akt der Gewalt mehr, aber doch ein Akt der Verzweiflung:
    https://spreadsheets.google.com/lv?authkey=CLT_xkU&hl=%20en&key=to1CuqGTONV4Bu6ywvxID1Q%20&toomany=true

  2. @DA und Co.
    Ich möchte mich...

    @DA und Co.
    Ich möchte mich für den Arbeitseinsatz und die Informationen bedanken. Man hat hier das Gefühl, dass man vernünftige Informationen erhält, soweit dies in der instabilen Lage überhaupt möglich ist. Und dass nicht die „Schere im Kopf“ die Arbeit bestimmt.

  3. Die Saat ist...
    Die Saat ist bereitet:
    http://www.youtube.com/watch?v=qGbxWlDWVR4

  4. Die Moslems und Christen beten...
    Die Moslems und Christen beten abwechselnd auf dem Tahrir-Platz und wollen die Protestbewegung – oder sollten wir doch sagen: die Revolution? – aufrechterhalten (siehe AJ live unter http://english.aljazeera.net/watch_now/). Gleichzeitig rücken die alltäglichen Nöte und Bedürfnisse der Bevölkerung wieder mehr in den Vordergrund. Dazu bei Reuters ein bisschen Hintergrund (http://www.reuters.com/article/2011/02/03/us-egypt-divided-idUSTRE7125NY20110203).
    Man beachte auf dieser Seite auch das Foto des Kopfpolsters mit Verwendung von Backwaren …
    Wir werden sehen, ob das Regime nun im Hintergrund seinen Macht- und Unterdrückungsapparat wieder zum Einsatz bringen kann oder ob aus den Verhandlungen doch eine wirkliche Veränderung zum Guten entstehen wird. Persönlich finde ich es gut, dass die Muslimbruderschaft sich nun mit klaren Forderungen an den Gesprächen beteiligt – interessanterweise hat El Baradei die Teilnahme aber verurteilt.

  5. Endlich einmal etwas...
    Endlich einmal etwas Vernünftiges und auf deutsch:
    http://www.zeit.de/2011/06/Arabien-Revolution?page=all

  6. Hier noch ein versehentlich...
    Hier noch ein versehentlich gelöschter Beitrag von „fionn“
    .
    On-topic. Here’s a story about a sofa. Some years ago, there were six of us who went to a sports event in the countryside south-west of London.
    .
    We had booked a table at a nearby restaurant, a new one but highly recommended in restaurant reviews. The restaurant was in a lovely old English house (18th century Georgian) and we were shown into a sitting room where we could have a pre-dinner drink. Three of us sat down on a sofa, the others on chairs. The maitre d‘ (who was also the owner) quickly came over to us sitting on the sofa and said „Only two people are allowed to sit on this sofa“ „Why is that?“ asked the man who was our host (the man in our group who had invited us all for the dinner). The maitre d’/owner replied „Because the sofa is an antique“. So our host got off the sofa and sat on a chair. Then we went into the dining room and when it was time to order a pudding, three of us chose the profiteroles au chocolat. But the maitre d’/owner said „I’m sorry but there is only one portion of profiteroles left“. Then our host (he had a good sense of humour) said to the owner „No problem, bring us a pack of cards and we will cut to see who gets the profiteroles“.

  7. Dieser Witz kursiert laut El...
    Dieser Witz kursiert laut El País (http://www.elpais.com/articulo/reportajes/Luchando/cambio/elpepusocdmg/20110206elpdmgrep_1/Tes) in arabischen Blogs: „Obama bittet Mubarak, er solle eine Abschiedsrede halten. Mubarak fragt: wer geht?“

  8. Ich bekomme langsam den...
    Ich bekomme langsam den Eindruck, der Nahe und Mittlere Osten ist nicht deswegen so gewaltsam und rückständig, weil seine Bewohner die falschen Sarrazin-Gene oder -Religionen haben, oder das Klima dort so unkommod ist – sondern weil letztlich wir, also Mächte wie USA und Europa, die rückständigen Verhältnisse dort intrigant, finanziell, im Hinterzimmer zementieren und zementiert haben, um der Stabilität willen. Sarrazins Ideologeme sind eher die Lügen, mit denen man uns das schmackhaft und plausibel macht(e). Meine Abneigung gegen FDJ-Merkel/IM-Erika mit ihrer „verschwundenen“ Stasiakte, der Havemann-Geschichte, Papa Kohl, und was da noch so alles höchst dubios ist, ist jedenfalls gestern noch einmal um ca. 100% angestiegen. Ich schäme mich für sie und ich empfinde zunehmend das dringende Bedürfnis, mich bei den Ägyptern für sie zu entschuldigen, bzw. zu sagen, „hey – ignoriert die Alte einfach! Machen wir hier auch.“, o.ä.
    .
    Dieses ganze verlogene „die Ägypter-müssen-aber-selbst-entscheiden“-Sonntagsreden für die Kameras, während man ihnen gerade hintenrum wieder den alten Diktator mitsamt seinem Folterchef aufdrücken will. Despicable, disgusting. Genauso Clinton. Man könnte auf die Idee kommen, dass nicht nur Mubarak langsam mal seine Sachen packen sollte.

  9. Das Brautpaar ist kein Hoax....
    Das Brautpaar ist kein Hoax. Daß die beiden das vorhaben, ging gestern schon auf Twitter herum.

  10. @Hässliche Videos
    ich werde...

    @Hässliche Videos
    ich werde hier auch keine Links angeben, manchmal reicht ja auch die Fantasie ich habe inzwischen min. 2 Videos gesehen, in denen Fahrzeuge offensichtlich absichtlich in Gruppen von Demonstranten fahren. Eine Szene davon nachts, ein weißer teuer wirkender Van mit verdunkelten Scheiben, mind. 8-10 Opfer. Das Video aus Alexandria. Ein ähnliches, vom Balkon gefilmt, in dem sich, nachdem Schüsse fallen, die meisten Demonstranten in Nebenstraßen und Läden flüchten. Ein Demonstrant aber geht langsam auf die Polizsten zu und ruft etwas, hält demonstrativ die leeren Hände vom Körper. Die Beobachter rufen ihm angstvoll etwas zu. Er bleibt ca. 10m vor den Polizisten stehen, sagt irgendwas unhörbares. Dreht sich um und will wieder zu den Anderen gehen, ein Schuss fällt, er bricht zusammen und bleibt reglos liegen. Panik, Klagerufe. Ende des verwackelten Videos.

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