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West-östliches Sofa

West-östliches Sofa

Auf das ost-westlichen Sofa setzen sich Autoren nach Belieben, erzählen, berichten und plaudern, gehen einen Tee holen und machen anderen platz,

Kairo als gelebte Dystopie

| 85 Lesermeinungen

Weder für Exdiktatoren noch für Twitterdemonstranten ist das Dasein leicht, Geld allein kann die Probleme der islamischen Welt nicht lösen, und der Blade Runner würde Kairo schätzen - Neue Analysen und Einblicke in eine Region am Rande des Zusammenbruchs

Auf dem west-östlichen Sofa versorgen Sie heute Andrea Diener (A.D.), Sophia Infitesimalia (S.I.) und Don Alphonso (D.A.); einleitende Bemerkungen für dieses Projekt finden Sie hier, der gestrige Tag ist an dieser Stelle, der 5. Februar ist hier zu finden, der 4. Februar ist hier nachzulesen, der 3. Februar  findet sich hier. Sie sind herzlich eingeladen, in den Kommentaren Links, Verweise und Beiträge zu hinterlassen.)

 

02:30 – Berechtigte Frage: (D.A.)

ShaimaStreet, denke ich, hätte da gern eine Antwort: So we aren’t ready for democracy? I guess we should be content to stay slaves at their feet?!

 

0:50 -Die Krisenherde gehen nicht aus (D.A.)

Wenn Ägypten so etwas wie der Mühlstein um den Hals der amerikanischen  Sicherheitinteressen im Nahen Osten ist, ist der Jemen das Bleigewicht an den Füssen. Schliesslich wissen wir dank Wikileaks, dass die USA mit geheimer Erlaubnis des Staatschefs im Jemen reichlich hektische Militäroperationen durchgeführt haben – wäre man zynisch, könnte man den Jemen als „Pakistan der arabischen Halbinsel“ bezeichnen. Eine recht gute Einführung in die Problematik der dortigen Aufstände, die den Krieg gegen den Terror sicher nicht erleichtern werden, hat Joshua Foust fürThe Atlantic geschrieben:

Seeing both pro- and anti-Saleh groups hold large rallies at the same time with fairly little violence is an encouraging sign that Yemen could come out of this national dispute without catastrophe. It’s not a revolution, and it won’t make for nearly as compelling TV as the uprising in Egypt, but it could bring important and bloodless progress to a part of the world that badly needs it.

Was in den lettzten Tagen angenehm aufgefallen ist: So, wie die Aufstände in der islamischen Welt weitgehendst ohne antijüdische Ausfälle auskamen (mit Ausnahme der ägyptischen Staatsmedien unserer westlichen Freunde), genauso haben sich die seriöseren Falken der Nahostanalyse auf Jahresurlaub begeben. Lange war das Metier, man verzeiehe mir die englische Formulierung, like shooting fish in a barrel: Es schien kein Problem zu geben, das man nicht mit der Dominanz einer Predatordrohne lösen konnte. An die dabei auch ausgelöschten Hochzeitsgesellschaften hat man sich mittlerweile gewöhnt; das „Nation Building“, das man vor 5 Jahren noch so gerne anführte, ist längst von der Agenda verschwunden, zu komplex waren die neuen Probleme, die man sich mit der Abschaffung alter Probleme im Irak und Afghanistan bekommen hat. Diese einfachen Lösungen reichen nicht mehr aus, wenn zur politischen Schlangengrube der Region nun auch noch soziale und demokratische Unruhen kommen. Als Falke kann man da im Krieg um die Aufmerksamkeit eigentlich nur verlieren. Allerdings sehen wir ihre Wiedergeburt als Anhänger einer „Die sind noch nicht reif für die Demokratie Bewegung“.

 

21:34 – Neue Realitäten (D.A.)

Man muss die Jerusalem Post nicht wirklich mögen, die in den letzten Jahren durch sagenhafte Regierungstreue und Spielplatz für diverse israealische Entsprechungen der Tea Party aufgefallen ist. Ideologische Verbohrtheit Prädisposition macht nur selten gute Beiträge. Aber die Post ist ein guter Indikator für die Bereitschaft im Land, sich mit neuen Gegebenheiten abzufinden: Wenn etwa ein ganz normaler, von schrillen Tönen gänzlich freier Beitrag über die wirtschaftlichen Chancen von Reformen in Ägypten erscheint, kann man davon ausgehen, dass die Schlagzeile darüber – Netanyahu warnt EU-Parlamentarier vor einem iranischen Kippen Ägyptens – das Zeug für die Gäste ist. Und man sich ansonsten reibungslos auf die neue Lage einstellt.

 

20:24 – Tiefer geht’s nicht (A.D.)

Ich darf vermelden, ich habe den absolut niedersten Bodensatz an Ägypten-Berichterstattung gefunden. Herzlichen Glückwunsch, liebe Sun aus England, der Preis geht an Dich für das Betroffenheitsstück über den Märtyrertod des mubarakunterstützenden Heldendromedars namens „Michael Jackson“. Und nein, das verlinke ich hier nicht. Das müßt ihr selbst suchen.

 

18:44 – Wenn eine Meinung nicht reicht (D.A.)

kann man sich eine Meinung aus zwölfen heraussuchen. Das mir bis zu einem Hinweis von S.I. vollkommen unbekannte Blog 3 Quarks Daily hat gleich 12 Nahostexperten zu ihrer Meinung zu den Ereignissen in Ägypten befragt und Antworten bekommen. Und das in Zeiten, in denen andere das Umformulieren von Al Jazeera zur Kunst entwickelt haben. Was man da für qualitätsmediale Klickstrecken hätte dran hängen können! (Die hundert besten Halal-Biersorten)

 

17:53 – Der Fluch der Parteimumien (D.A.)

Eine Staatspartei ist – und das weiss jeder, der aus Bayern kommt – keine Partei, sondern der legale Arm einer in Kultur und Tradition weitgehend homogenen Gruppe. Bayern -> Berge -> Bier, so lauitet ein einfacher Nenner, hinter dem man sich scharen kann. Und mit den Traditionen, ob sie nun gut sind oder schlecht, zu brechen – nun, das ist nicht so einfach. Die Partei von Hosni Mubarak beispielsweise kann sich nicht sicher sein, dass sie bei kommenden Wahlen ohne Betrug und Unterdrückung weiterhin so famose Ergebnisse bekommt – aber wer gedacht hat, dass sie es dann vielleicht mal mit einer anderen Strategie versuchen könnte, hat sich Ahram Online zufolge schwer getäuscht.

(Abgesehen davon bin ich hingerissen von all den schönen Önlinequellen, die es inzwischen in der islamischen Welt gibt)

 

16:53 – Paul Amar jetzt auch bei der FAZ – (D.A.)

Sein exzellenter Beitrag über die Struktur der ägyptischen Gesellschaft – wir hatten ihn vorgestern verlinkt – ist jetzt auch bei FAZ.net und im Print erschienen.

 

16:20 – Die Gesichter der Toten im jüngeren zeitgeschichtlichen Vergleich – (D.A.)

Erinnern Sie sich an Neda Agha-Soltan? Das war die Iranerin, deren Tod durch eine – mutmasslich verirrte – Kugel die Proteste nach der letzten Parlamentswahl im Iran für internationales Aufsehen erregte. Allein in dieser Zeitung gibt es 10 Beiträge, die sich zentral oder am Rande mit diesem Fall beschäftigten. Die westliche Welt war damals voll der Hoffnung, dass die daraufhin erst richtig entbrannten Proteste das Mullah-Regime hinwegfegen würde – wie man weiss, kam es anders. Aber immerhin, es gab eine Märtyrerin, an der man die schrecklichen Untaten der Diktatur festmachen konnte.

Die 23-jährige Sally Magdy Zahran wurde gezielt von einem angeheuerten Mob aus dem Umfeld des ägyptischen Diktators Mubarak durch Schläge auf den Kopf umgebracht. Und führende Politiker des Westens wünschen sich einen geordneten Übergang.

Wie soll ich sagen: Berufsrisiko eines Kulturhistorikers. Zeitgeschichtliche Vergleiche sind weniger magenumdrehend, wenn sie nicht ganz so jung sind.

 

15:32 – Brotpreise, Hunger und Gewalt (D.A.)

Gestern sorgte die Behauptung des ägyptischen Fernsehens für Erheiterung, die Demonstranten bekämen köstenlose Verpflegung von Kentucky Fried Chicken. Nun gibt es ja überall genügend irre Verschwörungstheorien (bitte nur klicken, wenn Sie sich sicher sind, dass Sie den Blogger auslachen wollen), aber in Ägypten bedeutet es nicht, dass die armen Demonstranten mit Junkfood abgespeist werdem. Es wird nicht nur eine westliche Verschwörung unterstellt, sondern auch das angeblich luxuriöse Leben hervorgehoben: Amerikanisches Fastffod ist für den durchschnittlichen Ägypter unerschwinglich. Armeren Schichten werden so – und das gar nicht mal ohne Erfolg – die Ziele der Proteste als Idee einer kleinen, reichen, verwestlichten Jugend vorgeführt.

Und über das Essen sollte man in Ägypten besser nicht scherzen: Das Land hat bei weitem nicht genug Flächen, um die Bevölkerung zu ernähren. Es ist der weltgrösste Weizenimporteur, und der Preis des Getreides ist – bedingt durch die Suche nach alternativen Anlagemöglichkeiten während der Finanzkrise – momentan auf dem höchsten Niveau. Für die armen Massen des Landes entscheidet sich mit dem Getreidepreis, ob sie satt werden, oder hungern. Da hört man nicht gerne, dass andere das Essen kostenlos geliefert bekommen. Beim Council of foreign Relation gibt es zu diesem Thema ein sehr aufschlussreiches Interview mit der Spezialistin des Think Tanks:

In the Middle East, it’s a very special set of grains that is essential in the [region’s] diet. If prices skyrocket, then you get a real sense of anger and injustice. A lot of governments have dealt with this problem by creating subsidies or price controls that try to somehow hold the pricing down through artificial mechanisms. But eventually, very few governments can really get away with it because they just can’t afford it. You can’t keep track and compete with the global pricing mechanisms.

Und diese anderen Länder – die sollten genau schauen, was in Ägypten passiert.

 

14:57 – Ein Pinguin! Mit rotem Schal! – (D.A.)

Auf dem Tahir-Platz! Ich weiss, dass es albern ist, aber formal erkläre ich ihn zum Beispiel für die Verwestlichung des Nahen Ostens, und es gibt traurige Bilder genug.

 

14.15 – Big in Aserbaidschan (A.D.)

Ein unaufgeregter und informierter Artikel kommt vom Islamwissenschaftler Matthew Gray aus Australien. Er holt weit aus und geht erst einmal dreißig Jahre zurück:

At first Mubarak was to have been different. He was unlike Sadat, though both were military men. He was relatively unknown, he appeared shy, and he promised a period of stabilisation and a presidency of only two terms. He would not act like Sadat, who built palaces for himself and faced down violent protests in 1977 – the last before the current ones to threaten the survival of an incumbent president.

Und dann wurde doch alles anders, wie wir heute wissen. Dass heute kaum einer Mubaraks Reformversprechen über den Weg traut, ist vor diesem Hintergrund kein Wunder. Gray ist allerdings optimistischer als viele andere, was die Zukunft des Landes betrifft:

Mubarak is on borrowed time. The most he can do is cling to power until September, as he is trying to do. That might just work, if he can wear down the protestors and keep them as divided as possible. Regardless of when he goes, his main interest is in leaving the country with as much of his dignity and family money intact as possible. He probably does, also, truly want to leave the country stable, and have elections follow his departure, if mostly for the sake of his legacy. Any such elections are hard to predict because victory would rely on support bases yet to be built, and negotiations yet to take place.

Und welche Rolle spielt dabei Omar Suleiman? Das beantwortet uns twitternd Ali Abunimah: „Having Suleiman lead „democratic reform“ in Egypt is like having a former KGB agent do it in Russia. Oh. Wait. Putin.“

Und Mubarak bleibt immerhin ein Trost: Er ist Big in Aserbaidschan.

12:15 -Es wird sehr journalistisch (D.A.)

Kulturhistorisch betrachtet – immer unter der Annahme, dass das aktuelle Regime in Kairo tatsächlich auch Geschichte ist, und es nur noch nicht verstanden hat – wird die Frage spannend sein, was für eine Art Diktatur dort am Werk war. Es gibt Foltergeheimdienste wie im Iran, aber zumindest in den grossen Städten westliches Leben für die Privilegierten. Es gibt eine klare Dominanz der Armee in der Politik, aber das ist in einigen Demokratien nicht anders, in denen die Streitkräfte das Land einigen – Israel als bestes Beispiel. Es gibt Wahlen, aber die sind nicht fair und nicht Ausdruck des Volkswillens. Es gibt eine kleptokratische Elite, die das Land unter sich aufteilt, und ein Nebeneinander eines patriarchalischen Beamtensystems mit Staatsbetrieben, und einen wenig kontrollierten Raubtier-Kapitalismus mit Korruptionskomponente. Es ist daher schwer, die Erfahrungen aus dem Niedergang des Ostblocks auf Ägypten zu übertragen. Ein Bekannter aus Israel meinte gerade am Telefon: „Das übliche nahöstliche Elend – alle Probleme auf einem Haufen“.

Teil dieses Elends ist das ägyptische Staatsfernsehen, das spätestens seit der letzten Intifada immer wieder für Ärger zwischen Israel und Ägypten, mitunter auch mit den „westlichen Partnern“ gesorgt hat: Immer dann, wenn es um Juden ging, waren Inhalte zu sehen, die hierzulande sofort den Verfassungsschutz auf den Plan gerufen hätten. Ein Antisemitismus mit einer folkloristischen Komponente war eines der Werkzeuge, mit denen von den inneren Problemen abgelenkt wurde. Wenn man so will: Dem Westen drohte das Regime mit der Muslimbruderschaft, der eigenen Bevölkerung mit der jüdischen Weltverschwörung. Und so passt es auch, wenn bislang verbreitet wurde, die Demonstranten seien von Israel, Zionisten und Amerikanern unterwandert.

Allerdings gibt es in diesem Ägypten der Paranoia auch eine nach unseren Vorstellungen aufgeklärte und junge Zeitung namens „Almasry Alyoum“, die sich in den letzten Jahren zu einem Gegenpol zu den staatlich gelenkten Medien entwickelt hat, und auch vor harten Themen nicht zurückschreckt. Das Prinzip ist das gleiche wie bei Al Jazeera: Themen bringen, für die andere zu feige sind, und die die Menschen trotzdem – oder gerade deshalb – interessieren. Dabei entstehen dann solche Geschichten: Wie das Staatsfernsehen in Ägypten von Al Jazeera an die Wand gedrückt wird:

But now, state TV seems to be losing ground. In addition to the defection of Amin and al-Nakash, some characterize the channels‘ coverage of Friday’s massive, peaceful protests as more reflective of the truth on the ground, and less beholden to the agenda of denial. Whereas last week state television may have chosen to broadcast touristic shots of an untouched rural Egypt, or the loud declarations of Mubarak supporters, on Friday, they panned the masses of protesters occupying Tahrir.

These concessions, Pintak asserts, may have more to do with practicality than ideology. „If I’m a top official at state TV, I’m looking at my own future. I’m looking at the political tea leaves, which way is the wind blowing, and which direction I’m set to blow in.

Sehr feines Stück der ägyptischen Kollegen. Könnte man hier bei uns nicht besser machen.

 

11.45 – Es wird antijournalistisch (A.D.)

Mehrere Journalisten berichten, sie dürfen nicht mehr auf den Tahrir-Platz, ohne sich vorher beim DesInformationsministerium zu akkreditieren. Ungut. Die Berichterstattung sieht dann so aus: Al-Jazeera, Al-Arabija und Staatsfernsehen im Vergleich.

 

10:45 – Es wird antizionistisch (D.A.)

Hier läuft seit Tagen nebenher die Suchanfrage „Tahrir“ und „Mubarak“ bei Twitter, einfach, um das Stimmungsbild zu erkennen. Einerseits macht es irgendwie so gar nicht den Eindruck, als würde die Demokratiebewegung nach Hause gehen wollen – vielmehr entwickelt sich der Platz eher zu einer Art Demondtrationssiedlung, oder einem Forum. Inzwischen gibt es dort Raucher- und Nichtraucherzonen, eine gewisse Versorgungsinfrastruktur, trockene Schlafplätze unter Panzerketten, Zelte, und auch eine Art Krankenhaus. Es macht alles einen – unter Berücksichtigung der Umstände – zivilisierten Eindruck.

Auf der anderen Seite ist dann unter vielen Dutzend Twittermeldungen, die sich Mubaraks Abgang mit mehr oder weniger deutlichen persönlichen Konsequenzen wünschen, dann plötzlich so eine Einlassung:

Go google news and enter ‚Mubarak exil‘ – leave now you zionist butcher of children!

Mit der Aufforderung, das weiter zu verbreiten. Da kommt natürlich einiges zusammen, Zionisten, Kindermörder, ein Schritt ist es nur bis zu den Ritualmorden… sollte die Stimmung nun doch kippen, und all den Ängsten recht geben? Ein Blick auf den Autor: Herkunft München. Na denn. Die nächsten 15 Tweets sind wieder sauber.

 

10:11 – Heute morgen bei AJE (S.I.)

Interviews mit den Reichen und Schönen von Kairo. Grüne Wiesen, idyllische Terrassen mit Sitzgruppen, ein Polopferd passiert im Hintergrund. Im Vordergrund erklären etliche gutgekleidete Personen, dass Mubarak der Vater ihres Landes sei, er habe wirtschaftlichen Aufschwung ermöglichst, Stabilität, sei ein Held des Volkes, man halte an ihm fest. Und so weiter.
Al-Jazeera fasst zusammen: solange diejenigen, die Geld und Macht in Händen halten, können die Demonstranten mit Handys und Facebook fuchteln, solange sie wollen: Mubarak wird nicht gehen.

 

9:30 – Internationale Reaktionen (D.A.)

Verloren in Kairo: Mit Amnesty International unterwegs in der ägyptischen Hauptstadt.

Despite the happy ending for us, we are incredibly concerned about the account that  our colleagues gave us of the military compound where they were held in the custody of the armed forces which they could see was overflowing with detainees. They had heard the screams of individuals clearly being beaten. Yet again, despite all the promises of reform, change and accountability, beatings and abuse continue to be the treatment reserved for detainees.

Mir persönlich drängt sich ein Eindrücke auf. Cairo, das ist Bladerunner City. Eine gelebte Dystopie, die beste Chancen hat, zum Leitbild des 21. Jahrhunderts zu werden. Ein autokratisches Regime. Ein sich verselbstständigender Sicherheitsapparat. Sicherheit für die Reichen, Anarchie für die Armen. Darüber die Satelliten eines Senders aus einer anderen Nichtdemokratie der Region. Panzer im urbanen Kontext. Willkommen im 21. Jahrhundert. liebe Replikanten.

Das alles hat natürlich vielerlei Ursachen: Bevölkerungswachstum, wirtschaftliche Probleme, Kleptokratie, und ein Westen, der zwar zur Hilfe bereit ist, aber an den Gegebenheiten scheitert, wie das amerikanische National Public Radio berichtet

It is true that, since 1975, USAID has provided a total of $28 billion in economic and development assistance to Egypt. But, while on the micro-level many of these programs have been well-designed, and enjoyed a measure of success, on a macro-level, the facts permit only one conclusion: on its own terms, U.S. military aid to Egypt has been a success, but U.S. development aid to Egypt by any objective measure has been an abject failure.

Die bange Frage, die sich hier im Zusammenhang mit dem „langsamen Veränderungsprozess“ stellt, den man sich im Westen wünscht: Wenn das schon unter den brutal stabilisierten Verhältnissen von Mubarak nicht funktioniert hat, wie soll es dann unter den ungleich schwierigeren Zuständen eines neu organisierten Ägyptens besser laufen? Spätestens dann wird man sehen, ob die Politiker, die Beihilfen im Gegenzug für einen geordneten Übergang versprechen, wirklich wissen, was sie tun. Mubarak sollte das alles nicht mehr weh tun, sollte man meinen, aber Scott Hornton weist bei Foreign Policy auf eine Veränderung der kulturhistorischen Bewertung von Diktatoren hin: Die hätten es heute nicht mehr so leicht, wenn sie erst mal ausser Amt und in Unwürden sind:

So why is Mubarak trying to squeeze a few more months out of his three-decade career in office and avowing his intentions to stay in Egypt rather than packing for the Riviera? It may be because exile isn’t what it used to be; over the last 30 years, things have gotten increasingly difficult for dictators in flight. Successor regimes launch criminal probes; major efforts are mounted to identify assets that may have been stripped or looted by the autocrat, or more commonly, members of his immediate family.

 

9:00 – Aktuelle Beiträge bei FAZ.net (D.A.)

In der Nacht blieb es auf dem Tahrir-Platz ruhig, aber die Demonstranten wollen bleiben

Über das komplexe Verhältnis voin Regime und Muslimbruderschaft in Ägypten

In Tunesien will man von der Partei des Ex-Machthabers Ben-Ali nichts mehr wissen

Twitter in Zeiten von Empörung und Aufstand – was es wirklich bringt

Bild zu: Kairo als gelebte Dystopie

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85 Lesermeinungen

  1. Schön dass das Kollektiv das...
    Schön dass das Kollektiv das Sofa noch ein bisschen weiter besetzt hält (die Silberkannen rosten ja nicht …)
    Ich habe keine Idee, wie das für Ägypten nun weitergehen wird, aber betrachte es weiterhin als eine große Chance. Meine Sorge, dass das regime jetzt unter Ausschluss der Öffentlichkeit den Protest mundtot machen wird, bleibt aber. Egal- anstatt zu spekulieren, schicke ich noch ein paar links, die ich interessant fand.
    Zunächst ein link zu einem Hintergrund-Bericht über ein anderes Kollektiv, diesmal vor Ort bzw. an der Front: http://english.aljazeera.net/news/middleeast/2011/02/201126194730350605.html
    Und dann muss ich den amerikanischen Medien ein bisschen Abbitte tun, denn nachträglich habe ich einige angenehm unvoreingenommene Berichte im Netz entdeckt, speziell über die Ereignisse am 2./3. Februar. (Hoffe die links funktionieren noch):
    http://www.time.com/time/video/player/0,,775055482001_2045880,00.html
    http://www.time.com/time/video/player/0,,776462684001_2046304,00.html
    http://www.msnbc.msn.com/id/26315908/vp/41398817#41398817
    PS: Sorry für die Bemerkung zum Backwaren-Kopfschmuck – habe zu spät gemerkt, dass das Foto ncihts mit Ägypten zu tun hatte.

  2. Die Entdeckung des Arabers als...
    Die Entdeckung des Arabers als Mensch schreitet auch andernorts voran. Der SPON hat spontan ein launiges Soft-News-Item über Karneval in Syrien. Da merkt auch noch der letzte Kölner, daß da ‚Leute wie wir‘ leben, und nicht nur brüllende Bartträger in langen flatternden Hemden:
    http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,743384,00.html

  3. Gestern abend, Al jazeera...
    Gestern abend, Al jazeera Live-Blog:
    9:34pm Protesters set set up smoking and non-smoking areas in Tahrir Square….

  4. Ich drehe gerne mal die Dinge...
    Ich drehe gerne mal die Dinge rum, oder setze sie in einen anderen Kontext. Da wird mir einiges klarer (das Zurückverkaufen von Ägypten an die alten Mächte im Namen des „langsamen Übergangs“ nervt und irritiert mich grade gnadenlos…):
    .
    Ich überlege gerade, ob die hohen US- und Europa-Vertreter sich auch so anstellen würden, würde das chinesische Volk friedlich auf einem Platz sitzend per Laptop und Facebook seine Diktatur abschütteln wollen. Erster Gedanke: Nein. Aber dann: doch, Ja sie würden sich ebenfalls so anstellen. Irgendwas von total anderer Kultur murmeln und behaupten, dass ja so viele verschiedene Gruppierungen dabei wären, die man in ihrem echten Demokratiewillen so schlecht abschätzen könne.
    .
    Weil die US und Europa in ihrem tiefsten Herzen trotz wärmster Sonntagsreden ihrer Hauptdarsteller in ihren Ursprungsländern auch keine echte Demokratie wollen und haben, sondern bestenfalls eine Demobürokratur. In der allein schon die Furcht von Perspektivlosigkeit und Arbeitslosigkeit sehr gute Druckmittel sind, damit der bürgerliche Mittelstand nicht auf die Straße geht und vor Scham die Klappe hält. (Habe heute gelesen, wie wenig die Leiharbeiter hier bei uns verdienen, mein lieber Scholli! …). Oder wenn ich sehe, was aus Italien geworden ist: ein korruptes Regime eines eitlen, alten Popanzes.
    Einmal alle vier Jahre ein Kreuz für Selbstdarsteller machen, mehr will man auch von oben nicht von uns. Trotz schönster Reden.
    .
    Denn: Demokratie ist schön, macht aber viel Arbeit. Und ist lästig, wenn man in Ruhe Pfründe verteilen oder alte Freunde belohnen will.
    .
    Mein Herz ist bei den demonstrierenden Ägyptern. Vielleicht zeigen sie UNS ja, wie Demokratie geht: indem man sich zivilisiert trifft, sich an Abmachungen hält, und den anderen in seinem Anderssein gelten lässt. Mögen sie nicht nachlassen, denn im Moment versucht man gerade mit Pseudo-Offerten und Taktiken, den Schwung aus ihrer Bewegung zu nehmen. Tunesien ist auch noch nicht ausgestanden.

  5. Sethos, Sie meinen "Die...
    Sethos, Sie meinen „Die Entdeckung des Arabers als Christ und Säufer“. Andernfalls lesen Sie den maximalbeknackten Artikel (soll auch in „Geo“ stehen) nochmal genau.

  6. Mei, oisr Orson Welles m...
    Mei, oisr Orson Welles m Orientt – Die mediale Falafelküche des letzten Grosswesirs hat mal wider zur Folge auch stark gesüssten Tee zu trinken…

  7. @ Sterne: christliche Araber...
    @ Sterne: christliche Araber sind auch Araber. Ägyptische Kopten sind auch Ägypter, wie wir gestern eindrucksvoll gesehen haben. Und ja, der Artikel ist ‚maximalbeknackt‘ und deckt damit auch die Perspektive der kanrnevalsfeiernden christlichen Säufer in Bayern und im Rheinland ab.
    Das ist ja der Sinn der Übung.-

  8. Zur Abwechslung einmal etwas...
    Zur Abwechslung einmal etwas von Wikileaks:
    http://213.251.145.96/cable/2007/05/07CAIRO1417.html
    SUBJECT: PRESIDENTIAL SUCCESSION IN EGYPT.

  9. @Vroni (11:08): Nichts...
    @Vroni (11:08): Nichts hinzuzufügen. Man stelle sich die Reaktion der herrschenden Kreise vor, wenn die Leute für ihre berechtigten Forderungen auch hierzulande auf die Straße gingen …
    Es wird in der nächsten Zeit in Ägypten auch darauf ankommen ob es gelingt, die zu erwartenden Repressionen sofort und umfassend öffentlich zu machen.

  10. Vroni: Wenns denn wenigstens...
    Vroni: Wenns denn wenigstens „schönste Reden“ wären – aber nicht mal das können die.

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