West-östliches Sofa

West-östliches Sofa

Auf das ost-westlichen Sofa setzen sich Autoren nach Belieben, erzählen, berichten und plaudern, gehen einen Tee holen und machen anderen platz,

Warum ich Araber liebe. Alle.

| 107 Lesermeinungen

Als ich mit Mitte zwanzig allein nach Marokko wollte, waren Freunde und Familie entsetzt. Araber! Die schicken statt der geschätzten Tochter irgendwann Kamele...

Als ich mit Mitte zwanzig allein nach Marokko wollte, waren Freunde und Familie entsetzt. Araber! Die schicken statt der geschätzten Tochter irgendwann Kamele nach Hause, und danach gibt’s nur noch Fotos von Ganzkörper-Zelten, und die Enkel bekommt man auch nicht zu sehen.

Gegen den Widerstand setzte ich mich durch. Gleich der erste Marokkaner, den ich kennenlernte, mein Vorgesetzter, spottete jeder Beschreibung von arabischem Machismo, und wurde allen Erwartungen an Klischees gerecht. Eitel und völlig von sich überzeugt, verbrachte er den grösseren Teil jedes Tages damit, wie ein Gockel durchs Büro zu stolzieren. Der Rest der Zeit ging für Selbstdarstellung und Wichtigtuerei drauf. Als einige Tage lang das Internet ausfiel und den gesamten Betrieb lahmlegte, wunderte er sich lautstark, warum niemand seine Kontakte spielen ließe, schimpfte auf die Kollegen, tätigte nach drei (!) Tagen selbst den notwendigen Anruf und gab dann ebensoviele Wochen lang damit an, wie souverän er die Situation gehandhabt hätte. Seine Ehefrau hatte in all den Dienstjahren noch niemand zu Gesicht bekommen, dafür fand er es völlig in Ordnung, fertig studierte Berufseinsteiger tagelang Ordnerrückenschildchen kleben zu lassen. Nie vorher oder nachher habe ich einen Vorgesetzten so ausgeprägt verabscheut und irgendwann auch verachtet. Er blieb allerdings die einzige negative Erfahrung.

And den Wochenenden schaute ich mir das Land an, Marrakesch, Fes, irgendwann auch eine Ecke des Rif-Gebirges. Am Busbahnhof bekam ich zum ersten Mal Angst. Die Destination war so abgelegen, dass sie nur noch auf Arabisch ausgeschildert war, also musste ich mich einem halbwüchsigen Bengel anvertrauen, der mir erst das Ticket besorgte und mich dann durch aufgeschnittene Maschendrahtzäune und über Trümmer und Müll hinweg in eine Ecke des riesigen, lärmenden Parkplatzes führte. Hier solle ich warten, der Bus käme irgendwann. Er spannte noch eine eine arabische Mutti mit Kopftuch ein, auf mich aufzupassen, und dann wartete ich in der prallen Mittagshitze. Sehnsüchtigen Auges bewunderte ich komfortabel klimatisierte Reisebusse, mit Angst hingegen verrostete Klapperkisten, bei denen sogar die Motorhauben zwecks besserer Belüftung offenstanden. Am Ende traf ich es mittelprächtig: für dortige Verhältnisse durchaus noch akzeptabler Komfort, aber natürlich kein Vergleich mit europäischen Standards.

Der Busfahrer schloss mich sofort in sein Herz, und platzierte mich gleich neben der Mutti in der ersten Reihe neben ihm. Ich hätte mir zwar lieber eine Reihe für mich gesucht, aber im Laufe der Fahrt begriff ich: neben der Mutti war ich definitiv gut aufgehoben, hatte die beste Aussicht und sicherlich tolle Erklärungen – hätte ich sie nur verstanden. Der Fahrer radebrechte auf Englisch, ich behalf mich mit freundlichem Lächeln, bewunderte Familienfotos meiner Nachbarin und nutzte die drei arabischen Wörter, die mir zur Verfügung standen. In den folgenden Tagen durchstreifte ich die Souks, plauderte mit Händlern, gabelte einen zahnlosen, 50-jährigen Marokkaner auf (oder er mich?), der mir die Stadt zeigte, etwas anhänglich zwar, aber am Ende doch immer nett, hilfsbereit, gastfreundlich. Ich bin nachts um vier in Casablanca und später auch in Ägypten allein auf der Straße gewesen, und habe mich nie bedroht gefühlt – im Gegensatz zum Frankfurter Bahnhofsviertel, wo man schon mittags manchmal Angst bekommen kann. Nordafrikaner mögen ihre Frauen lieber mit als ohne Kopftuch sehen und oftmals Machos mit konservativen Ansichten sein: mir sind sie meist mit einem gewissen Respekt begegnet.

Bild zu: Warum ich Araber liebe. Alle.

In einer einsamen Seitenstrasse, in die ich mich einmal unvorsichtigerweise begeben hatte, das Telefon in der Hand, versuchten einige jugendliche Rowdies, mir das Handy zu klauen. Nach dem ersten Schrecken stürzte ich laut schreiend hinter den Dieben her, und eh ich mich’s versah versperrten ihnen Autos den Weg, Passanten kreisten sie ein und eroberten mein Handy für mich zurück. Fürsorglich nahmen mütterliche Damen mich in den Arm, reichten bärtige Herren mir Tee, boten junge Männer an, mich bis zur Straße zurück zu begleiten. In Deutschland hingegen hätte ich schreien können bis zur Heiserkeit: mein Telefon hätte ich dennoch nicht wiedergesehen.

Touristen aus Djerba oder Sharm-el-Sheikh berichten oft nach der Heimkehr aus dem Tauch- oder Golfurlaub, sie hätten sich wie wandelnde Geldbeutel gefühlt. Das ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Es gibt weit mehr kaputte als funktionierende Taxameter (vor allem, wenn es dem Fahrer so besser passt) und ganz ohne volkswirtschaftliche Bildung beherrscht selbst der kleinste Unternehmer das Konzept der Preisdiskriminierung: Einheimische kennen die üblichen Preise und zahlen gerade so viel, wie angemessen ist. Ausländer hingegen sind informationell im Nachteil und außerdem weitaus zahlungswilliger – da kann man auch das Vierfache verlangen. Ähnliches gilt auf den Souks und manchmal auch in Restaurants oder Imbissbuden. In den ersten Wochen merkt man gar nicht, wie man über den Tisch gezogen wird (hat allenfalls eine dumpfe Ahnung), aber mit immer mehr Ortskunde ist man zunehmend verärgert, je bewußter einem die Preisdifferenzen werden. Bevor man jedoch vor Frust überschäumt, gibt sich das Phänomen von selbst. Irgendwann sehen die Einheimischen, daß man kein grüner Tourist mehr ist, und die Aufschläge werden moderater. Die Restdifferenz kann man dann großzügig als tätige Entwicklungshilfe betrachten und zufrieden sein. So oft ich jedoch über Taxifahrer geschimpft habe, so nette Erfahrungen habe ich auch gemacht. Taxifahrer, die mir ihre Karte gaben, damit ich sie abends anrufen könne, wenn ich mal wieder als junge Dame allein unterwegs sei: besser, jemanden zu haben, den man kennt! Taxifahrer, die warten, bis man im Haus verschwunden ist (in Deutschland eine aussterbende Höflichkeit). Imbissbudenbesitzer, die die Töpfchen mit Baba Ghannoush und Tabbouleh besonders voll machen für ihre geschätzte Stammkundin aus Deutschland. Hostelbesitzer, die sich überschlagen haben im Bemühen, mir aus Verlegenheiten herauszuhelfen.

Die ausgeprägte Fürsorglichkeit für die eigene Familie und der Zusammenhalt unter Nachbarn und Freunden sind allgemein bekannt – sie erstrecken sich aber auch auf den wohlmeinenden, vorurteilsfreien Besucher, so er sich aus den Bettenburgen in Touristikzentren hervorwagt. Ich vermag nicht zu sagen, ob das typisch arabisch ist, oder vielleicht eher orientalisch, oder sogar afrikanisch. Ich habe mich aber in nordafrikanischen Städten keinen Moment jemals verängstigt oder eingeschüchtert gefühlt, sondern willkommener und aufgehobener als in London oder Hamburg. Franzosen rümpfen die Nase, wenn man den Subjonctif nicht beherrscht – Araber hingegen begeistern sich über jedes falsch ausgesprochene Wort ihrer Sprache aus dem Munde eines Ausländers. New Yorker haben nicht mal Zeit für eine Orientierung auf dem Stadtplan – in Nordafrika ging man bis zur nächsten Kreuzung mit. Vielleicht bin ich voreingenommen: ich bin immer freiwillig in solche Länder gereist, mit einem offenen Geist und mehr Neugier im Gepäck als Kleidung im Rucksack – und das kam immer zu mir zurück.

Bild zu: Warum ich Araber liebe. Alle.

Offiziell sitze ich heute in meinem Büro und arbeite. Tatsächlich bin ich jedoch im Geiste in Kairo, wünschte, ich wäre vor Ort, aber so kann ich den Ägyptern nur meine Stimme geben und für ihr couragiertes Unterfangen von Herzen Erfolg wünschen.

Von S.I.

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Heute zur Abwechslung mal in anderem Format, wollen wir Ihnen trotzdem einige Links nicht vorenthalten:

Den Tagesüberblick von gestern (aufopferungsvoll live bis Mitternacht) gibt es hier.

Die FAZ über den wachsenden Reformdruck, der gestern wider jede Erwartung doch wieder offensichtlich wurde.

Die FAZ über Journalisten – und hier eine Perspektive von live vor Ort.

Robert Fisk vom Independent berichtet von neuen Andrang gestern, was auch erklärt, warum Protestierer auf Twitter nach einem weiteren Midan al-Tahrir rufen – er kann die Massen nicht mehr fassen.

Hier eine Antwort auf die spannende Frage: wieviele sind es denn nun, die sich auf dem Tahrir auf die Füsse treten?

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107 Lesermeinungen

  1. Eine sehr schöne Geschichte!...
    Eine sehr schöne Geschichte! Das Kollektiv braucht eine Pause, verständlich. Trotzdem ein wenig schade, dass die lebendige Form der letzten Tage nicht weitergeführt wird, ist doch in der SZ online gerade zu lesen, dass Suleiman nun die Geduld mit den Demonstranten verliert (http://www.sueddeutsche.de/politik/unruhen-in-aegypten-suleiman-verliert-die-geduld-mit-den-demonstranten-1.1057401), und vor meinem geistigen Auge sehe ich beifälliges Nicken der Stabilitäter. Es bleibt spannend, der Westen bleibt untätig, verrät sehenden Auges seine eigenen Ideale, somit sich selbst, und pokert würdelos daheim um lächerliche Dinge. Man sehnt sich schon nach Kohl, der zumindest einen Riecher für den Mantel der Gechichte hatte. Soweit ist es gekommen. Man möchte austreten.

  2. Deshalb bleiben die Despoten...
    Deshalb bleiben die Despoten so lange an der Macht. Weil der Revoluzzer von Welt nur im Geiste rebelliert. Und seine Stimme für das couragierte Unterfangen der anderen erhebt. Und natürlich die Daumen drückt. Inschallah! Härrlich, härrlich, wie gefährlich.

  3. Eine sehr gelungene, wenn auch...
    Eine sehr gelungene, wenn auch im Hinblick auf Mitteleuropa mE verkürzte Darstellung, aber alles in allem auf jeden Fall auch mein Eindruck! Wer sich vorurteilsfrei und ohne westliche Überheblichkeit nur etwas auf die Suche nach dem Schlüssel zur Seele „eines Arabers“ macht, dem wird sehr häufig auch mit großer Herzlichkeit und Offenheit begegnet. Und zwar ausnahmslos, Mann wie Frau.

  4. Curzio, wir werden im Laufe...
    Curzio, wir werden im Laufe des Tages sicher weitere Links und Kommentare druntersetzen… insofern verfallen wir sicher nicht in völlig Lethargie.
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    hansgeier333, gefährlich ist das allerdings:
    http://abcworldnews.tumblr.com/post/3089328425/weve-compiled-a-list-of-all-the-journalists-who

  5. So wünsch ich mir die Welt......
    So wünsch ich mir die Welt…

  6. Genau diese Erfahrungen habe...
    Genau diese Erfahrungen habe ich auch gemacht. (Allerdings in Frankfurt. Gibt hier genug Araber.)
    Curzio, der Artikel von gestern wird weiter aktualisiert. Insofern: Wir bleiben dran, vielleicht nur etwas entschleunigter.

  7. Toller Beitrag, hat mich kurz...
    Toller Beitrag, hat mich kurz vergessen lassen, dass ich im Büro bin. Sicherlich sind wir Araber anders und unsere Länder nicht überall schön und sauber, aber eins kann man uns nicht nehmen. Die Herzlichkeit, mit der wir gerne Fremde begegnen. Jetzt aber ran an die Arbeit

  8. Hadschi Halef Omar, um so...
    Hadschi Halef Omar, um so differenziert zu sein, wie notwendig, bräuchte man ein Buch, kein Blog. Und es wäre ein langes Buch.
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    I.S, danke. Sauber wird eh überbewertet und landschaftliche Schönheit gibt es reichlich. Wenn nicht gerade tote Kühe im Nil am Boot vorbeitreiben.

  9. Liebe Sophia, es ist schon...
    Liebe Sophia, es ist schon erstaunlich, wie leicht man als Deutsche(r) durch pure Freundlichkeit zu beeindrucken ist. Aber es stimmt, was Sie von Marokko berichten; ich habe da ähnliche und durchweg angenehme Erfahrungen gemacht.
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    Ihre kleine Geschichte war eine Wohltat in diesem Strudel von Nachrichten. Wer ist gut, wer ist böse? Was ist „der Westen“, was „der Osten“? Es scheint keine große Rolle mehr zu spielen.
    Hoffentlich schlagen die sich nicht weiter die Köpfe ein; das ist alles, was ich mir wünsche.

  10. Herzlichen Dank für diesen...
    Herzlichen Dank für diesen schön geschriebenen Artikel.
    Wenn es nicht so platt wäre, dann würde ich sagen: Es geht doch „die Mensche wie die Leut'“… In ärmeren Ländern habe ich immer das Gefühl, dass die Kommunikation menschlicher ist. Die Leute erscheinen weniger von sich selbst besessen.
    Aber ich muß zugeben: Ich habe weder Gaza noch Kabul gesehen…

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