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West-östliches Sofa

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Auf das ost-westlichen Sofa setzen sich Autoren nach Belieben, erzählen, berichten und plaudern, gehen einen Tee holen und machen anderen platz,

Stützen der west-östlichen Gesellschaft

| 171 Lesermeinungen

Wollen Sie nach Israel? Erwarten Sie dort spannende Aussagen der Jugend über die Umstürze in der arabischen Welt? Wie reagieren die jungen Juden auf die Generation Facebook auf dem Tahrir-Platz? Dann sollten Sie besser einfach fliegen und nicht lang herumtelefonieren, denn wenn ein Thema schon ins Nichts zerbröckelt, kommt wenigstens eine Woche Urlaub dabei heraus.

Jetzt fühl ich mich zuhause, und hier geh ich zugrund
Georg Kreisler, Ich fühl mich nicht zu Hause

 

Stellen Sie sich vor, Sie wohnen in einer der besseren Lagen Münchens, vielleicht in Grünwald, in Gauting, am Starnberger See oder im Blauen Land. Ihre Einkommensverhältnisse sind mehr als nur gesichert, aber Sorgen haben sie nicht, denn die Polizei passt auf, und Ihr Anwesen liegt hinter einer hohen Hecke. Ihr grösstes Problem ist es, die restlichen Verluste der Finanzkrise in ihrem Portfolio zu bereinigen. Sie holen die Zeitung – in dieser Region die Süddeutsche – pfeifen auf dem Weg zurück in die Wohnküche einen der Tageszeit angemessenen niedrigen Gassenhauer wie Wagners Siegfriedidyll, und trinken vor dem Espresso einen von Ihrer Haushälterin frisch gepressten Blutorangensaft. Dann blättern Sie zum Wirtschaftsteil. In den Bayernnachrichten sehen Sie den grossen Aufmacher: In Würzburg und in Regensburg ist die Hölle los, normale Bürger und andere Hartz-IVler demonstrieren gegen Skandale der gesamten Stadtverwaltung, die sich schamlos bereicherte und jetzt die Polizei auf Demonstranten hetzt, während sie mit der Staatsregierung einer Meinung ist, dass man jetzt bloss nicht zu schnell Neuwahlen machen dürfte, bei denen die Linksterroristen von der Linken auf 6% kommen könnten.

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Und wenn Sie sich an Ihrem Panoramafenster jetzt noch denken: Naja, Franken und Oberpfalz, das war bei denen noch nie anders, die armen Schweine, hoffentlich bleiben die dort, ist da nicht auch der Sohn von dem Bauern gelandet, der damals mit seinem Hof pleite ging, auf dem unsere Siedlung steht? Ja, ich glaub, der ist in Regensburg – wenn Sie zum Wirtschaftsteil weiterblättern und hoffen, dass Ihre Haushaltshilfe das Toast nicht zu dick mit Parmigiano Reggiano 36 Mesi stagionato bestreut – dann haben Sie ziemlich genau das Gefühl, das mir Anfang der Woche am Telefon vermittelt wurde, als ich in Israel herumtelefoniert und nach den Entwicklungen und veränderten Einstellungen in Ägypten und zur arabischen Welt gefragt habe.

Wenn man gerade westliche und israelische Politiker und sog. Sicherheitsexperten hört, könnte man fast glauben, mit dem Umsturz in Ägypten kämen ganz furchtbare Zeiten auf das Verhältnis von Israel und Ägypten zu. Zwei Dinge sind nicht zu bestreiten: Es gibt zwischen den Ländern einen Friedensvertrag von Camp David. Und die Ägypter haben sich in einer vermittelnden Position recht gut gefallen. Aber das betrifft nur die hohe Politik, ansonsten herrscht ein kalter Frieden. Es dominieren Gefühle, die man nicht allein mit alten Geschichten während des Unabhängigkeitskrieges erklären kann, wie den Angriffen der ägyptisch dominierten Muslimbruderschaft auf zivile Siedlungen südlich von Tel Aviv, oder die Attentate jüdischer Extremisten auf das arabisch geprägte Jaffa, an deren Denkmal heute Israelis a la berlinoise nach dem Picknick ihre Abfälle vergessen.

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Das Problem der Gegenwart sind nicht die mal heissen, mal kalten Kriege von 1948 bis 1973, sondern die Natur des Friedens danach. Frieden ist ein tolles Wort, aber der gelebte Frieden der Völker ist etwas anderes als zwei Hände schüttelnde Politiker. Zu den Besonderheiten des nahöstlichen Friedensprozesses gehört es, dass ein Despot wie Mubarak konziliant zwischen der arabischen Welt, Israel und den USA wandelt, aber seine Glaubwürdigkeit auf der arabischen Strasse durch – und das ist keine Übertreibung – Nazipropaganda gegen Juden in den staatlich kontrollierten Medien aufrecht erhält. Der Friede unter den Völkern ist eher so wie der Friede zwischen Amerikanern und Iranern – man führt keinen Krieg, aber man weiss, dass die anderen einen hassen. Man wohnt nebeneinander, aber man hat kein nachbarschaftliches Interesse. Die Abschaffung des Judenhasses in Ägypten galt der Weltpolitik als ein „Nice to have“, solange die durch eine gemeinschaftliche Ideologie stabile Diktatur die „Must Haves“ der Verhandlungen offen hielt. Erst die Friedensverträge, dann erst die Annäherung, war die Idee hinter solchen Abwägungen. Und nun stürzt Mubarak, das Staatsfernsehen behauptet noch mal, die Juden steckten hinter den Unruhen, die Welt ahnt langsam, was für ein Monster von Regime aus Opportunismus da gefüttert wurde, und ich soll bei meinen jungen israelischen Freunden fragen, was sie von den Unruhen in Ägypten halten.

„Wenig, aber komm runter, wenn sie das zahlen, surfen geht prima, ich sag dann schon was. Was brauchst Du?“ „Nix. Das ist immer das gleiche bei denen.“ „Puh.“ „Du, wir haben hier gerade einen grossen Skandal wegen der Besetzung an der Spitze der Armee, und Liebermann hätte gern einen starken Mann an der Staatsspitze, da spielt Ägypten keine grosse Rolle.“ „Ach ja, ich erinnere mich, Sie sind der junge, wütende Mann aus Deutschland, damals im Van Leer Institut… ja, also, ich bin schon noch Chef unserer ägyptisch-israelischen Gruppe und meine Privatmeinung, also, das ist schwierig, weil unsere ägyptischen Partner, also, die würde ich jetzt nur ungern vergraulen, weil, wie Sie sich vorstellen können, die haben jetzt schon gewisse Befürchtungen, also, denen würde ich nur ungern in den Rücken fallen, obwohl Mubarak ja wirklich….“ Das Thema bröselt weg wie der Glaube, alle Muslime würden nur darauf warten, die Kopten umzubringen.

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Wäre ich nach Israel geflogen, hätte ich mich wieder in Jaffa einquartiert. Jaffa hat nicht nur den besagten Surfstrand und einen wunderbaren Flohmarkt für alles vom Teppich bis zur Kücheneinrichtung, und die famose arabische Bäckerei, es hat auch den Ort, der idealtypisch für die normalisraelische Haltung gegenüber ihrer Region steht. Der Legende zufolge soll der Felsen, auf dem Jaffa ins Mittelmeer ragt, jener Ort sein, an dem die Königstochter Andromeda einem Ungeheuer überlassen werden sollte, das das Land verwüstete. Der griechische Held Perseus erschlug das Untier, rettete die junge Dame, und nahm sie zur Frau. „Andromeda Hill“ heisst denn auch eine der teuersten Gated Communites des Nahen Ostens, und in meinen Augen ist diese an den Felsen klebende Siedlung mit höchster Sicherheit und einer abgrenzenden Mauer gegen Jaffa ein Israel in Israel: Reich im Vergleich zum Rest des Landes, sauber geputzt und nicht runtergekommen wie grosse Teile der Art-Deco-Bauten in Tel Aviv, wo der zionistische Traum zerfällt. Allein die architektonischen Dekore sind ein wenig Orient, aber ansonsten könnte es überall in der westlichen Welt sein.

Andromeda Hill, da möchte man sein, und gerettet sein von all dem Elend, dem Schmutz, der Armut und den Regimes des Nahen Ostens. Nur noch die Auswanderung aus Israel könnte einen noch weiter wegbringen, als Andromeda Hill. Dahinter ist das andere, das Alte, das Verkommene, das einfach nicht so pittoresk aussehen will, wie es in der Begeisterung für die Fremde den Anschein hatte. Jaffa ist an der Spitze reich und hat, nach hinten hinaus, enorm viele Sozialprobleme.

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Wer es sich leisten kann, arbeitet sich nicht mehr an einem Nahen Osten ab, der weltenfern von den Idealen ist, die Theodor Herzl einst mit einem neuen Land beschrieb, in dem das westliche Vorbild seiner Zeit die darüber erfreuten Araber kulturell beglückte. Diese Tradition des Zionismus gibt es nicht mehr, man hat sich mit den Realitäten abgefunden, und wenn man sieht, was die Ägypter über Juden sagen, ist man vermutlich froh um die Mauer hinter der Siedlung, die nächsten Mauer zur Westbank und zum Gaza und zu Ägypten. Da fährt jetzt keiner nach Kairo und geht auf den Tahrir-Platz, um den Wandel zu erleben. Viel zu gefährlich, und selbst wenn: Die Polizei sucht gezielt Juden, um ihnen die Verschwörungstheorie anzuhängen. Keiner mag die Juden. Man hat keinen Krieg, das ist alles, und das reicht auch.

Natürlich kann man auch andere Meinungen hören. Netanjahu ist besorgt um die Regierung seines alten Freundes des Westens Suleiman und hofft auf ein baldiges, muslimbruderschaftloses Ende der Revolte, Uri Avneri von Gush Shalom bittet seine Landsleute, sich doch nicht als Luxusressort im Dschungel zu sehen, die Jerusalem Post macht sich Sorgen um die Wirtschaft, und die Haaretz macht sich wie immer ausgewogene Gedanken. Die wirklich wichtigen Faktoren sind längst jenseits des alten Kriegfriedens zwischen Israel und Ägypten, Bevölkerungsexplosion, Armut, Umverteilung, Nahrungsmittelkrisen, Weltwirtschaftspolitik. Es gab eine Zeit, in der man das Verhältnis von Staaten noch mit Armeen klären konnte. Das sind die mythischen Zeiten Israels, der David, der sich gegen Goliath wehrt.

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Ich habe die Reise abgesagt. David lacht mich dafür aus, wenn er heute in Jaffa Wellenreiten geht, bis die Sonne hinter der ummauerten Enklave von Andromeda Hill verschwindet, und sich eine neue Finsternis über dem Nahen Osten erhebt. Aber dort oben, unterhalb dessen, was vom alten Jaffa und all den Träumen vom malerischen Orient übrig geblieben ist, lässt es sich gut aushalten.

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Natürlich sind Sie auch heute herzlich eingeladen, Links, Verweise und Informationen zur aktuellen Lage im Nahen Osten in den Kommentaren zu veröffentlichen – morgen ist Freitag, wir erwarten so einiges an Ereignissen, und pflegen das dann entsprechend ein.

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171 Lesermeinungen

  1. Dafür interessiert man sich...
    Dafür interessiert man sich bei Al Jazeera für Israel:
    .
    http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/02/201128131221271956.html

  2. Wieder etwas Lesenswertes von...
    Wieder etwas Lesenswertes von Paul Amar:
    http://www.jadaliyya.com/pages/index/586/why-egypts-progressives-win
    Und auch etwas erhellend-verdunkelndes über Suleiman:
    http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/02/201127114827382865.html

  3. Oh, und hier sind noch ein...
    Oh, und hier sind noch ein paar geopolitische Sottisen – Saudi-Arabien steht notfalls bereit, Mubarak zu stützen, falls die USA es nicht mehr tun.
    .
    http://www.haaretz.com/news/international/saudi-king-told-obama-he-d-fund-mubarak-if-u-s-halted-egypt-aid-1.342462
    .
    Auch das sind echte Freunde des Westen, freundiger als der Westen selbst. Vielleicht haben sie auch nur keinen Platz mehr für weitere Exildiktatoren.

  4. Danke für den hervorragenden...
    Danke für den hervorragenden Beitrag, Chapeau!
    .
    Etwas, was ich hier
    http://www.chrismartenson.com/blog/egypts-warning-are-you-listening/52575
    fand ist unabhängig vom – hoffentlich freiheitlichen – Ausgang aller Bestrebungen der mutigen Ägyptischen Bevölkerung denn doch beunruhigend, welchem -ismus oder -kratie der Einzelne anhängen mag:
    The relentless math:
    Population 1960: 27.8 million
    Population 2008: 81.7 million
    Current population growth rate: 2% per annum (a 35-year doubling rate)
    Population in 2046 after another doubling: 164 million
    Rainfall average over whole country: ~ 2 inches per year
    Highest rainfall region: Alexandria, 7.9 inches per year
    Arable land (almost entirely in the Nile Valley): 3%
    Arable land per capita: 0.04 Ha (400 m2)
    Arable land per capita in 2043: 0.02 Ha
    Food imports: 40% of requirements
    Grain imports: 60% of requirements
    Net oil exports: Began falling in 1997, went negative in 2007
    Oil production peaked in 1996
    Cost of oil rising steeply
    Cost of oil and food tightly linked
    Wer auch immer die Zügel in die Hand bekommt, der hat mächtig zu tun.
    Hoffen wir das Beste.

  5. Danke! Im letzten Link von der...
    Danke! Im letzten Link von der Asia Times im Text wird die Sache mit der Nahrung aufgeschlüsselt – hübsch heftig. Aber man muss auch sehen, dass es in Ägypten ein wichtiges Verteilungsproblem gibt. Das könnte ein paar Probleme lindern
    .
    Immerhin, im öffenlichen Verkehr ist Mubarak schon weg.
    .
    http://yfrog.com/h6cd3nyj

  6. A propos Haaretz: Nicht alle...
    A propos Haaretz: Nicht alle da unten sind jetzt ganz verstört, weil es so gemein ist:
    .
    When the tank invades our lives, stones must be thrown at it; the infuriating stability of the Middle East must be wiped out.
    .
    http://www.haaretz.com/print-edition/opinion/the-middle-east-does-not-need-stability-1.342381
    .
    Das würde ich gern mal in einer deutschen Zeitung lesen.

  7. @ Don
    .
    Mubarak (auf...

    @ Don
    .
    Mubarak (auf ägyptisch: Kuhstall – abgeleitet von muuh‘ bar’acke) dürfte ohnehin das Auslaufmodell par excellence sein.
    .
    Sollten aber die vorgenannten Zahlen auch nur in der Tendenz stimmig sein, dann ist eine Linderung durch bessere Verteilung schlichtes Pflasterkleben auf einem Krebsgeschwür.
    .
    Solche Zahlen gemahnen eher an eine Idealvoraussetzung für dauerhafte bürgerkriegsähnliche Zustände bzw./und dann rustikale Diktatur(en).
    .
    Ohne massive externe Hilfe schiene Stabilisierung eher schwer. Hoffentlich sind die Saudis auch zukünftig so spendabel.
    .
    Die Frage aber bliebe: was kommt dann?
    .
    Hope for the best, expect the worst, take what comes.

  8. Demokratie sehen wir in der...
    Demokratie sehen wir in der islamischen Welt vor allem dann, wenn wir Scheuklappen tragen. Ganz wundervoll zeigt uns das hier Herr Schirrmacher, der von den Malediven berichtet. Dort lebt die islamische Demokratie vorbildlich! Sagt er. Und meint das wohl sogar ernst. Ja, ist das wirklich so? Aber sicher, man muss nur ausblenden, dass sie an die richtige Religion gebunden ist. Für Christen gilt sie auf Schirrmacher Traummalediven nicht, und Konvertiten verlieren Bürgerrecht und – Leben. Wenn wir sagen: Demokratie ja, aber nicht für Ungläubige oder Apostaten, dann ist Demokratie im Islam vielleicht denkbar. Aber, liebe gute Menschen: Ist das wirklich Demokratie? Im Ernst?

  9. Lebemann, es gibt insofern...
    Lebemann, es gibt insofern eine gewisse Hoffnung, als sich in wohlhabenderen muslimischen Ländern teilweise die Bevölkerungsentwicklung stabilisiert hat (man müsste meine Kollegin Sophia fragen…). Bürgerkireg? Eher Verteilungskriege. Kein Wunder, wenn jetzt die Reichen alles ausser Landes schaffen. Man hört das vielleicht nicht gern, aber der Islam könnte gerade bei solchen Problemen durchaus mässigend sein.
    .
    Lindi, und was sollen wir dann bitte mit 1/4 der Welt5bevölkerung tun? Man kann sie nicht ausweisen. Sie sind da. Man muss versuchen, mit ihnen zu leben. Sie einfach nur anzufegen ist ein wenig billig.

  10. Schauen Sie, Lindi, auf so...
    Schauen Sie, Lindi, auf so etwas hoffe ich:
    .
    http://twitpic.com/3y27iw
    .
    Da gibt einer kostenlose Sprachkurse auf dem Tahrirplatz. Das finde ich gross.

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