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West-östliches Sofa

West-östliches Sofa

Auf das ost-westlichen Sofa setzen sich Autoren nach Belieben, erzählen, berichten und plaudern, gehen einen Tee holen und machen anderen platz,

Der Tag des Zorns + updates +

| 164 Lesermeinungen

Ein Tag des Zorns soll es werden, wurde gestern nach der Rede von Hosni Mubarak empört in den Nachthimmel über Kairo getwittert. Aufstand, Militärputsch oder Fortgang der friedlichen Proteste - nach dem Freitagsgebet wird es sich zeigen. Wir bringen laufend aktuelle Analysen, Beiträge, Blogeinträge und Handybilder zu Ägypten.

Es Auf dem west-östlichen Sofa zur Krise in Ägypten versorgen Sie heute Andrea Diener (A.D.), Sophia Infinitesimalia (S.I.) und Don Alphonso (D.A.); einleitende Bemerkungen für dieses Projekt finden Sie hier, der gestrige Bericht über Israel ist hier, der vorgestrige Reisebericht über Nordafrika ist hier. Sie sind herzlich eingeladen, in den Kommentaren Links, Verweise und Beiträge zu hinterlassen.

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Aufräumarbeiten beendet. (D.A.)

No results for Umar Abd ar-Rahman

Steht bei Twitter, wenn man den Namen sucht. Bei Omar Abdel-Rahman und عمر عبد الرحمن sieht es auch nicht recht viel anders aus. Kurz vor Beginn dieses Blogs habe ich mit jemandem gewettet, dass es nicht zu einem islamistischen Umsturz kommt. Unter anderem auch deswegen. Omar Abdel-Rahman hat man bei dieser Revolution vergessen. Es gibt viele Verlierer dieser Revolution, es gibt viel zu viele Opfer und ein paar unsanft durchgerüttelte Geostrategen, die ein paar Tage brauchen werrden, bevor sie wieder so tun, als könnten sie die Welt erklären. Es gibt viele Gewinner, um die meisten Verlierer ist es nicht schade, keiner wird die Stützen des alten Systems vermissen, aber an Omar Abdel-Rahman hat keiner gedacht.

Wenn es früher in Ägypten zu Unruhen oder Attentaten kam, war Omar Abdel-Rahman oft genug derjenige, zu dessen Ehren man Menschen umbrachte, entführte, oder dessen Freilassung man forderte. Er ist DIE ägyptische Symbolfigur des islamistischen Terrorismus, und er wird bis zum letzten seiner Tage – nehme ich an – in einem amerikanischen Gefängnis sitzen. 

Diesmal wollte ihn keiner haben, befreien oder begnadigt sehen. Nichts davon zu sehen, bei Twitter. Auch nicht jetzt. Die Leute fotografieren ihre Kinder mit Handies auf Panzern und laden das ins Internet.

Der Westen hat diese Revolution politisch verloren, aber kulturell gewonnen.

 

Aufräumarbeiten 5 (D.A.)

„If you can’t kill it, bill it“ ist eine alte Weisheit aus der Sicherheitspolitik, die im Nahen Osten dem Westen viele bezahlte Freunde gemacht hat. Und wer weiss, wenn diese Freunde ihren Völkern auch etwas abgegeben hätten, wäre es vielleicht auch in Ägypten anders gekommen. Bahrein versucht es jetzt anders – 1000 Dollar für jede Familie, damit keiner auf die Idee kommt, zu demonstrieren.

Bahrein ist eine feine Geschichte: Die Einnahmen der konstitutionellen Monarchie aus dem Ölgeschäft werden in ein paar Jahren versiegen, der Tourismus- und Bauboom ist, wie in Dubai, abgeflacht, die Offshore-Banken der islamischen Welt haben sich auch ein paar Schiefer eingezogen, und das Elend in der arabischen Spekulation ist auch noch nicht vorbei. Dabei geht es dort recht westlich zu. Und dann ist da noch die amerikanische Luftwaffenbasis gegenüber vom Iran. Und die Iraner sehen in Bahrein das, was die Chinesen in Taiwan sehen: Ihr Eigentum, das sie gerne wieder hätten. Eine feine Geschichte, dieses Bahrein. Alles, was man sich wünschen kann.

 

Aufräumarbeiten 4 (D.A.)

Unsicherheit überschattet den Jubel in Ägypten! Jetzt bloss nicht zu viel tanzen, freuen, oder gar Revolution weiter machen! Bedächtig! Nichts überstürzen! Und das Thema, naja, also, so wichtig ist das auch nicht, Hauptsache, die Armee übernimmt jetzt das Kommando. Und wie man so eine Revolution macht, also, das sagen wir nicht.

Mubarak’s departure was celebrated by protestors in Tahrir Square, the epicenter of the protests, and practically all across the country, where people danced and sang, fireworks went off and cars honked. But behind the celebrations, there was a note of caution over how the transition would unfold and what direction it would take. „I am glad to hear that the president steps down,“ said a protestor. „But I am not sure what the county’s future will be after the military takes over power.“

So besonders toll ist so eine Revolution wirklich nicht. Meint Xinghua, die amtliche Nachrichtenagentur des nächsten Umsturzkandidaten Reiches der Mitte.

 

Aufräumarbeiten 3 (D.A.)

Ägypten aus 5000 Meilen Entfernung – ein Cartoon über die Revolution am Internet.

 

Aufräumarbeiten 2 (D.A.)

Mein Lieblingsbild (eines von vielen): Ein Mann, der unter den Ketten eines Panzers auf dem Tahrirplatz schläft, präsentiert das Siegeszeichen. Wer es gemacht hat? Womit? Keine Ahnung. Internet. Und das reicht.

 

Aufräumarbeiten 1 (D.A.)

„The reason why is the Internet will help you fight a media war, which is something the Egyptian government regime played very well in 1970, 1980, 1990, and when the Internet came along they couldn’t play it. I’m gonna talk a lot about this. I plan to write a book called ‚Revolution 2.0‘ that will say everything from the start, when there was nothing, until the end, and highlight the role of social media.“

Der Googlemitarbeiter und Revolutionsanschieber Wael Ghonim über das Netz, seine Zukunft und eventuell auch das, was in den nächsten Wochen kommt – niemand hat hier die Absicht, das west-östliche Sofa auf den Sperrmüll zu bringen.

 

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23:35 Das Ende (D.A.)

I celebrated the best day in my life with the best person in my life.. I AM HAPPY! #Jan25 #Egypt #Tahrir #Revolution #FreeEgypt

Oder?

@AnonymousRx plz, help lybia, 17 feb

Sechs Tage. Bis dahin.

 

22:43 Eine kleine, kalte Dusche (D.A.)

„Rafah“ ist ein Ortsname, den man in den nächsten Tagen und Wochen öfters hören wird. Rafah liegt im Gazastreifen. Die Israelis sagen übrigens „down in Gaza“, und wer die Region kennt, tendiert oft dazu, es ebenso auszudrücken. Rafah ist unten im Gaza, ganz unten. Direkt an der Grenze zu Ägypten. Es gibt dort den Grenzübergang, Rafah Border Crossing, reinster politischer Giftmüll des sogenannten Friedensprozesses im Nahen Osten. Völlig verrückte Location, wie aus einer Dystopie.


Größere Kartenansicht

Früher war es ein von der EU überwachter Grenzübergang zwischen Israelis und Ägyptern, aber seit die Hamas unten im Gaza den Ton angibt, haben die Ägypter die Grenze ziemlich gut abgesperrt. Die palästinensische PLO-Truppe, die dort sein sollte, existiert nicht. Und die Hamas wirft Ägypten vor, Israel zu unterstützen. Rafah ist der Ort, den Geostrategen vergessen haben. Und vergessen konnten, denn die Ägypter hielten dicht. Bis jetzt. Jetzt plant man seitens einiger junger Demonstranten in Ägypten, sich auch dieser Sache anzunehmen:

We are creating a facebook page for a joint Egyptian-Palestinian march to the Rafah Crossing next month. More news soon.

Und ein anderer sagt:

The test is too see if change has really happend, when we will see when Rafah crossing opens….. And be warned… If it doesn’t…..

Es gibt welche, die halten den Grenzübergang für das Tor zur Hölle. Allerschwerste israelische Sicherheitsbedenken. Hamas auf der einen Seite. Helden der Demokratie auf der anderen. Die beiden grössten Armeen des Nahen Ostens, beide unter Druck ihrer Bevölkerung. Ein Marsch. Sie verstehen, das Höllentor, down in Gaza. Fallout der Revolution. Wenn Sie gerade die Siegesfeiern abfilmen, können Sie gleich mal verlängern. Aber diesmal besser mit Schutzweste. Rafah ist nicht Kairo.

 

22:12 Eine kleine Bitte (D.A.)

Wael Ghonim, einer der Initiatoren der Proteste gegen Mubarak, möchte etwas sagen, das der deutschen, euroäischen und amerikanischen Aussenpolitik nur so mittelgut gefallen dürfte:

Dear Western Governments, You’ve been silent for 30 years supporting the regime that was oppressing us. Please don’t get involved now

 

21:50 Doch nicht Kalif anstelle des Kalifen? (D.A.)

Gerade einmal 30 Sekunden hat Vizepräsident Omar Suleiman gebraucht, um etwas bleich nun doch den Rücktritt von Mubarak zu verkünden:

http://ismubarakstillpresident.com/

Mit einem Blick, der bei einer Wurzelbehandlung ohne Narkose nicht trauriger hätte sein können. Sprachs, verschwand, ward seitdem nicht mehr gesehen. Und es sieht auch nicht so aus, als hätte ihn jemand vermisst. Trotzdem macht gerade die Nachricht die Runde, er sei de facto kaltgestellt.

My dad tells me al Jazeera Arabic is explicitly saying Suleiman has been effectively been deposed.

Wenn das stimmt, hat sich der Westen bei der Nachfolgeregelung in Ägypten schwerst verwettet. Das wird nicht leicht, neue Freunde des Westens zu finden, zumal andere schon laut über eine neue panarabische Bewegung nachdenken.

 

21:40 Syrien schaltet um auf Al Jazeera (D.A.)

Zumindest bei den Bildern im Staatsfernsehen. Im Ton allerdings heisst es, die Ägypter hätten das „Camp-David-Regime“ gestürzt. Es ist die grosse Stunde der politischen Trittbrettfahrer.

 

21:33 Wir schalten um nach Tripolis (D.A.)

Joke I got on my mobile phone: ‚After „Victory Friday“ in Tunisia and „Liberation Friday“ in Egypt, Gaddafi has decided to abolish all Fridays.

 

21:01 Wir schalten um nach Frankfurt (D.A./A.D.)

Unglaubliche Szenen an der Hauptwache. Innerhalb weniger Minuten verwandelt sich die Demonstration in ein Freudenfest: Jungs tanzen, wedeln mit ägyptischen Flaggen, ein Ghettoblaster spielt Arab-Pop, eine junge Frau singt lauthals. Alles jubelt. Ein Schild: „Tahrir-Place Frankfurt“. Passanten nicken beifällig und gratulieren. Und zehn Meter weiter stehen die Iraner, beklagen die Folter politisch Gefangener, spielen Partisanenlieder und gucken traurig.

 

20:44 Xenophobie (D.A.)

Wir haben in den letzten Tagen ja oft genug über die Comical Alis des ägyptischen Fernsehens berichtet, die im Aufstand ein Werk amerikanischer, israelischer, palästinensischer und anderswie fremder Elemente erkennen wollten. Der Nahe Osten ist ein guter Nährboden für derartige Verschwörungstheorien, aber es ist nett, wenn uns Al Jazeera sagt, dass es nichts Schlimmes auf Dauer sein wird, und – da haben sie natürlich recht – auch andernorts ein gängiges Mittel unerfreulicher Gestalten ist:

First, one must – above all else – acknowledge that the political use of anti-foreign sentiment is hardly limited to Egypt. It is a tactic frequently used by right-wing politicians and political movements in many nations. For example, immigrants, legal or illegal, are the easiest scapegoat in US politics, where whipping up anti-immigrant fever is the newest wrinkle on race baiting, a primary weapon in the Republican Party’s arsenal since the 1960s. European politics are also driven by fear, in this case of Muslims and other formerly colonised people who now live in its midst. One might argue that the arrest, harassment and sometimes physical threats to foreigners in Egypt over the past few days is more locally intense than the structural biases against foreigners in Europe and the United States. But in the larger international context, it would be absurd to characterise Egypt’s anti-foreigner campaign as exceptional.

Ich denke, dass Fiiguren wie Sarrazin, Wilders und Strache nach diesem – ausgesprochen zivilen, mutigen und friedlichen – Aufstand in Ägypten zu den grossen Verlierern gehören. Einfach, weil gewissen Zerrbildern eine andere Realität entgegen gesetzt wurde.

 

20:04 Cairo 21 (D.A.)

Wenn ich Machthaber in Teheran oder Karthoum wäre, würde ich schleunigst diesen Bericht des Wall Street Journals mit dem Know How für einen Umsturz mit allen Mitteln blockieren lassen.

 

19:50 Vom Präsidenten zur Popkultur (D.A.)

Sieht so aus, als gäbe es neue Karrierechancen: Damn girl, you’ve got a Mubarak. (an ass that won’t quit)

 

19:22 Die Guten ins Töpfchen (D.A.)

„Dienstagheimflieger“ hat gute Chancen, sich zum journalistischen Schimpfwort zu mausern – für all die „Experten“, die Anfangs der Woche dachten, dass jetzt die Druck aus dem Kessel der ägyptischen Wut entwichen ist. Was diese mal schnell eingeflogenen Dropin-Dropout-Geostrategen nicht verstehen, sind die fundamentalen Probleme des Nahen Ostens: Mit 40% Jugendarbeitslosigkeit und drohendem Hunger gibt es immer einen Grund, zornig zu sein. Am Anfang der Woche hat mal einer der bekannteren ägyptischen Blogger seine Haltung als Intifada bezeichnet. Das ist der Kern: Intifada ist nicht eine Demonstration, sondern ein Lebensstil. Intifada ist immer. Und sie schert sich nicht um Einschaltquoten in Köln oder Buxtehude, oder um verkaufte Exemplare mit dem falschen Titelbild. Kleiner Trost für die Kollegen – auch Geheimdienste, Minister und Wissenschaftler lagen daneben. Kein Wunder, wenn Nicholas Kristof von der New York Times, der von Anfang an den richtigen Riecher hatte, jetzt spotten kann:

The narrative about how Arab countries are inhospitable for democracy, how the Arab world is incompatible with modernity — that has been shattered by the courage and vision of so many Tunisians and Egyptians. It’s also striking that Egyptians triumphed over their police state without Western help or even moral support. During rigged parliamentary elections, the West barely raised an eyebrow. And when the protests began at Tahrir Square, Secretary of State Hillary Rodham Clinton said that the Mubarak government was “stable” and “looking for ways to respond to the legitimate needs and interests of the Egyptian people.” Oops. So much for our $80 billion intelligence agency.

Und von der EU und ihrem Gewackel – allesamt Erstnächstewochefrühenstenshinflieger – redet man besser gar nicht.

 

18:32 Fragen Sie einen Spezialisten (D.A.)

Kluge Fragen zur Armee, Suleiman, der Nachfolge in Ägypten und diversen Problemen des Machtübergangs – ohne glewich zu behaupten, es schon immer gewusst zu haben – beim Arabist.

 

18:04 Heute Ägypten, morgen woanders (D.A.)

Während man auch in Jordanien vorerst nur vor der ägyptischen Botschaft feiert, treten auch schon die ersten Geschäftemacher auf,.

 

17:55 Systemmeldung (D.A.)

Uninstalling dictator … 100% complete ██████████████████████████████ #Egypt #Mubarakgone

 

17:45 Glückwunsch an Hosni Mubarak! (D.A.)

Rein historisch betrachtet ist Mubarak etwas ganz aussergewöhnliches gelungen: Nur den wenigsten Herrschern war es in Ägypten vergönnt, ihre Macht aufzugebem, und dabei am Leben zuu bleiben. Sei es, weil sie eines natürlichen Todes starben, oder weil sie unter ähnlichen Zuständen wie heute gewaltsam zu Tode kamen. Wer heute meint, die islamische Welt sei mittelalterlich, muss umdenken: Kein Haar wurde Mubarak gekrümmt. Einer der zivilisiertesten, höflichsten und gutbeschuhtesten Umstürze der Geschichte.

Bild zu: Der Tag des Zorns + updates +

So, zurück zu meinem normalen Blog und Kronleuchtercontent

 

17:22 Erste Glückwünsche aus der ganzen Welt gehen ein (D.A.)

Internet halt.

 

17:14 Das west-östliche Sofa sagt Danke (D.A.)

an die Leser und Kommentatoren. Wir arbeiten heute noch weiter, überlassen das Einordnungsgeschnatter der Gänseschar der Geostrategen und lesen uns wieder, bei Gaddafi, Chamenei, Assad, einer nach dem anderen, wir haben genug Webspace für Euch alle.

 

17:05 Mubaraks Rücktritt (D.A.)

Vielleicht haben ihm seine neuen Nachbarn beim Palast nicht gefallen. Ebenfalls zurückgetreten: Der Chef seiner Partei.

 

17:02 Mubaraks neue Nachbarn (D.A.)

Vor dem Präsidentenpalast wird das erste Zelt aufgestellt.

 

16:55 Hosnis letzte Getreue (D.A.)

Evangelikale Amerikaner auf Abwegen, die riesige Pro-Mubarak-Demos sehen.. (Es wird grotesk, das ist ein gutes Zeichen)

 

16:43 Strassenumfrage (D.A.)

Und während die Sonne über dem Nil untergeht, gehen dem umzingelten Staatsfernsehen die Themen aus, also geht man hinunter und macht die Belagerung zum Thema. Das sind so die kleinen Nettigkeiten am Rande.

 

16:22 Spät, aber immerhin (D.A.)

Auch Medien haben ihre Gewohnheiten. In den letzten 50 Jahren wurden aus den exotisch reizvollen Betenden in Moscheen verdruckste Attentäter und bärtige Internetbombenbauanleitungsausdrucker, und weite Teile der Medienlandschaft sind in den ersten Tagen mit dem vollen Vokabular des War on Terror an die islamischen Aspekte des Aufstände in Nordafrika herangegangen. Bei der – zugegebenermassen nicht gerade gut beleumundeten – Muslimbruderschaft setzte das grosse Umdenken erst ein, als einer ihrer führenden Köpfe in der New York Times ganz kluge Sachen schrieb, was man sich so vorstellt. Das hatte nichts mehr mit den Militanten zu tun, die 1948 jüdische Siedlungen niederbrannten und israelische Busse beschossen, und so den zweifelhaften Ruf der Bruderschaft als militante Islamisten begründeten. Nach all den muslimischen Irrungen und journalistischen Wirrungen ist es erfreulich, wenn langsam vernünftige Stimmen bei der Beurteilung der Anderen die Oberhand gewinnen.

 

16:13 Kommunikationsprobleme (D.A.)

Armee zum Volk: Bitte zurück zum normalen Leben.

Volk zu Armee: OK, wir gehen heute aufs Amt.

 

15:44 Ägyptische Hashtag-Lehren für Iran und China (D.A.)

Wenn Du als Machthaber lesen musst, dass Dein Palast alle paar Sekunden als Hashtag #prespalace bei Twitter auftaucht, kommt Besuch, und Du solltest die Präsidentenmaschine betanken, bevor der Hashtag #presplane dazukommt.

Team of volunteer doctors arrived at #prespalace. Place already becoming another #tahrir!

 

15:15 Gerade recht für Nachrufe (D.A.)

Wer einmal mit Kulturstiftungen zu tun hatte, weiss, wie überlegen demokratische Systeme den Dilktaturen sind: Während abgewählte Demokraten dort immer noch ein Auskommen finden, Vorträge halten und Freundschaftsbesuche bei anderen Stiftungen in guter Lage machen, wird man einen echten Ex-Diktator kaum invitieren, um über den Schönheitbegriff bei Tizian oder die Verantwortung junger Journalisten für die Wahrheit zu sprechen. Damit fallen für Ex-Diktatoren wichtige Einnnahmequellen weg. und sie sitzen verbittert in Saudi-Arabien und müssen auch noch lesen, dass bei Foreign Policy auf sechs Seiten für alle wenig informierten Journalisten jenes Material zusammengetragen wird, das ihnen den schönen, glänzenden Lack des Nachrufs zerkratzt. In einer Demokratie hätte man längst den Medienanwalt losgeschickt, aber von Saudi-Arabien aus ist das nicht so leicht.

 

auch um 14:23 darf man nicht „Ratten“ sagen (D.A.)

Denn weder Paläste, noch Luxusanwesen können sinken, und Flugzeuge sind keine Schiffe. Am Präsidentenpalast vermisst man gerade ein paar Demonstranten:

Not a single chant at pres palace. Posh upper middle class tires easily. We NEED tahrir lot here!

Derweilen ist nicht klar, wo sich Mubarak überhaupt aufhält. Laut Al Arabiya (die inzwischen auch die Kunst des unvorteilhaften Photos gelernt haben) wird er eher in einem Luxusdomizil auf dem Sinai vermutet, oder schon in einem Flugzeug auf dem Weg zu einem unbekannten Ziel.  Beobachter gehen aber davion aus, dass Den Haag oder Guantanamo eher unwahrscheinliche Zielflughäfen darstellen.

Nachtrag: Hilfe ist auf dem Weg zum Palast: we r trying to send u professional chant leaders from tahrir 🙂 hold on

 

13:47 „Ratten“ darf man nicht sagen (D.A.)

Denn Ägypten ist ja ein Land und nicht ein Schiff, das sinkt. Aber trotzdem, der ehemalige Finanzminister Youssef Boutros Ghali hat  Ägypten via Flugzeug und VIP-Lounge verlassen. Und zwar ohne TV-Ansprache. Über etwaige Goldschätze im Gepäck wurde nichts bekannt. Die Hisbollah im Libanon wird schon wissen, was sie an ihm bekommt.

(Nebenbei, das nur so unter uns: Nach den Problemen der schönen Schweiz mit Schwarzgeld gilt der Libanon als heisser, nicht ganz so auffälliger Tip der Steueroptimierungsbranche. Solider als Albanien, billiger als die Bermudas.)

 

13:14 The wait is killing me (D.A.)

Ein – für mich nicht ganz unbedeutender – Nebensaspekt ist die Frage, was passiert, wenn es in eine harte Diktatur umschlägt. Was passiert dann mit all den Blogger, Twitterern, den Leuten, die sich bei Facebook einsetzen und Bilder ins Netz stellen. Sie alle machen das offen, sie alle sind recherchierbar, das System kann ihren Aufenthaltsort finden und sie auf die ein oder andere Art ausschalten – wie das geht, haben der Iran und China bereits vorgeführt, und dann, nicht zu vergessen, gibt es auch in Ungarn solche komischen Ideen. Wenn man sieht, wie schnell Wörter wie Mubarak, Tahrir oder 25jan auftauchen, ahnt man: Das müssen Zigtausende sein, die sich aktiv beteiligen. Wenn die Geheimdienste nicht gerade andere Sorgen hätten, könnte man damit eine ganze Generation ausforschen. Insofern finde ich die Anspannung beim Blogger Sandmonkey mehr als nachvollziehbar:

If you take all of those factors into consideration, the situation starts looking intensely ominous. If the regime and the army has split, we could see major fighting and bloodshed today. If the Army is with the President, then they will all turn their guns on the Protesters, who are determined not to live under Mubarak rule for one extra day. It also means that he put on the line the future of the transitional government with Omar Suleiman in charge, because Suleiman’s fate seems intensely intertwined with the President now. This has become a fight for survival: it’s either the regime or the people. The bad news is, the regime has all the weapon and organization. The good news is, the people are determined and increasing in numbers and the army might step in and save us all unnecessary bloodshed.

Für Aktivisten wie Sandmonkey geht es um alles.

 

12:56 Sender und sendende Empfänger (D.A.)

Eines der vielen wunderbaren Rätsel des neuen Orients entsteht über der Frage, was wohl den Mitarbeitern des staatlichen Fernsehsenders durch den Kopf gegangen sein mag, als sie die Aufzeichnung der Rede von Mubarak einlegten. War da einer, der sich dachte: „Weise ist das nicht“? Dauerte es so lange, weil der Senderchef vielleicht erst noch seine Unterlagen durch den Reisswolf drehen wollte? Wie auch immer, über ausbleibende Publikumsreaktionen muss man sich dort nun nicht mehr beschweren:

AJE now showing scene outside state TV, which is „surrounded“ by protesters and programming disrupted, many staffers at TV have quit.

Früher besetzte man bei Umstürzen die Waffenlager. Dann besetzte man die Waffenlager und die Radio- und TV-Stationen. Heute besetzt man nur noch die TV-Stationen.

 

12:22 Freitagsgebet auf dem Tahrir-Platz (D.A.)

Der Platz füllt sich

Die Menge wächst an

Und dann das Gebet

 

11:55 Machtvakuum im Vergleich (D.A.)

Eine Sache ist wirklich erstaunlich: Bisherige Umstürze in der arabischen Welt waren immer mit Namen verknüpft, und entzündeten sich, wenn Mächtige ihre Rivalitäten offen und mit Gewalt auslebten. Der Nahe Osten war keine Region, in der man die Frage nach der Herrschaft erst mal beiseite legte, abwartete und den Entwicklungen zu sah; da war immer jemand schnell bereit, die Gunst der Stunde zu nutzen, und die anderen beiseite zu drängen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein sind Worte wie „gestürzt“ (der ägyptische König 1952 durch Nasser), „erobert“ (Sadat als Nassers Nachfolger) und „ermordet“ (ebenfalls Sadat) gängige Mittel der Machtübernahme. Und nun bröckelt das System Mubarak, und keiner greift so richtig zu. Dazu gibt es zwei Analysen

Einmal von Rainer Hermann in der FAZ

Und einmal von Slavoj Zizek im Guardian

 

11:00 Der Iran geht auf Nummer sicher (D.A.)

und stört anlässlich seiner eigenen Revolutionsfeiern die Sender des Auslands, die es wagen könnten, etwaige kritische Berichte abzusetzen: BBC, Voice of America und Deutsche Welle werden so daran gehindert, irgendwelche Aufmüpfigkeiten ägyptischder Machart zu fördern, so sie es denn wagen sollten. Was die iranischen Machthaber im Übrigen nicht davon abhält, die Ägypter als natürliche Verbündete zu sehen, wie man beim Council on foreign Relation nachlesen kann. Ungeachtet übrigens der verärgerten Absagen, die sich die iranischen Schiiten bei den ägyptischen Sunniten eingefangen haben.

 

10:00 Internationale Reaktionen (D.A.)

Echter Nutzwert: Bei The Arabist hat man sich die Mühe gemacht, alle an der Revolte mehr oder weniger freiwillg beteiligten Gruppen in einem Diagramm mitsamt ihrer Beziehungen aufzuzeichnen. Das pdf kann man sich auch ausdrucken und an die Wand hängen, falls Namen fallen, die man nicht kennt. Es ist kompliziert.

Einfacher macht es sich der New Yorker, und schreitet voran zum historischen Vergleich. Hosni Mubaraks (Irha! Irha!) gestrige Rede wird neben eine unter ähnlich dramatischen Umständen entstandenen Rede des amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson (hey, hey, LBJ, how many kids have you killed today) von 1968 gestellt. Dabei fallen dem Betrachter einige erstaunliche Ähnlichkeiten in Pathos und Wahl der Argumente auf. Unnötig zu sagen, dass die Geschichte für Johnson nicht gut ausging.

Und noch einmal der New Yorker: Ich warte seit Tagen darauf, dass jemand sich die Mühe macht, im Werk des Literaturnobelpreisträgers Nagib Machfus zu blättern und zu überlegen, was wir aus seinen Werken über die aktuelle Situation, für deren Vordenker man ihn halten darf, lernen können. Es ist eine kleine Schande, dass Machfus schon fast wieder zu den Vergessenen gehört, aber David Remnick ist so freundlich, an das Buchregal zu gehen, und zu schreiben:

In 1983, the great writer of Cairo, Naguib Mahfouz, published “Before the Throne,” a novella in which Egyptian rulers over five millennia, from King Menes to Anwar Sadat, stand before the Court of Osiris, and answer for their deeds. The divinities Osiris, Isis, and Horus assess the record of triumph and brutality and determine who is worthy of immortality. Mahfouz failed to include the last of the pharaohs: Muhammad Hosni Sayyid Mubarak.

Ich bin mir sicher, der spöttische Beitrag hätte Machfus gefallen.

 

9:00 Heute in der FAZ (D.A.)

Die ägyptische Armee fordert mal wieder die Rückkehr zum normalen Leben

Ein feiner Beitrag über den Nil, die Lebensader Ägyptens

Ein Portrait des ägyptischen Verteidigungsministers General Hussein Tantawi

Und ein Portrait der Öffentlich-Rechtlichen, die wiederum Mubarak abbilden

 

8:00 Eine kleine, persönliche Bemerkung (D.A.): Man hat es im Nahen Osten manchmal mit einer Liebenswürdigkeit zu tun, die einen schlichtweg überwältigt. Umgekehrt hat man es aber auch ab und zu mit Fehlgeleiteten zu tun, die jede FPÖ-Versammlung wie einen Philosophenkongress erscheinen lassen. Und manchmal kommt beides zusammen. Es gibt beispielsweise sagenhaft freundliche jüdische Siedler, aber sie finden, bei der Übernahme des alten Landes Israel könne man in der Bibel lernen, wie man so etwas macht (das war früher Usus, aber heute nennt man das Ausrottung und landet dafür hoffentlich in Den Haag). Das sagen einem die nettesten Menschen der Welt in einem Nebensatz. Als wäre es ganz normal.

Bild zu: Der Tag des Zorns + updates +

Beim Wunsch nach jener Ausgewogenheit, die für diese Arbeit hier nötig ist, möchte ich offen zugeben, dass Hosni Mubarak nach meiner Auffassung gestern noch gewöhnungsbedürftiger war. Der Siedler sitzt in seinem Betonloch und hasst die Vorstellung, dass der neue Tempel noch immer nicht die Moschee auf dem Tempelberg ersetzt hat, sein Wunsch speist sich aus relativer Machtlosigkeit, und wird dadurch in gewisser Weise nachvollziehbar. Aber ein Mubarak, der ernsthaft glaubt, die ihn hassenden Demonstranten als Töchter und Söhne ansprechen zu können, der zu sich selbst keine Alternative sieht und glaubt, er könnte nach all dem, was er für Ägypten getan hat, einen lockeren Lebensabend in einer seiner Villen verbringen, während sein Volk den nächsten Diktator bekommt, der gleich mal rät, nicht mehr Al Jazeera zu gucken – das begreife ich nicht mehr. Beim Siedler weiss ich wenigstens, was er will. Aber diese Leute? Wollen die einen Bürgerkrieg? Eine Komikertruppe aufmachen? Glauben die das, was sie sagen? Dem Siedler ist klar, er bekommt Probleme, wenn er seine Vorstellungen auslebt. Aber die beiden Potentaten gestern scheinen das nicht zu merken.

Dafür, liebe Leser, werden wir es heute sehen. Oder, wie El Baradei schrieb:

We shall continue to exercise our right of peaceful demonstration and restore our freedom & dignity. Regime violence will backfire badly

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164 Lesermeinungen

  1. Reuters: An Egyptian army...
    Reuters: An Egyptian army officer who joined protests in Cairo’s Tahrir Square said on Friday 15 other middle-ranking officers had also gone over to the demonstrators.

  2. Ich frage mich, ob die...
    Ich frage mich, ob die seltsamen Manöver gestern abend vielleicht nur darauf abgezielt haben, daß das ägyptische Staatsfernsehen Bilder jubelnder Mengen auf dem Tahrir-Platz bekommen konnte. Alle freuten sich und jubelten wie beim Fußballspiel. Das können sie jetzt für die daheimgebliebenen 76 Millionen Ägypter (oder wie viele das in Wahrheit sind) immer als ‚Reaktion‘ einspielen.
    Das ist zwar ein bißchen sinnlos, weil es wohl genug Leute mit Internet, Mobiltelefonen, und Satallitenfernsehen gibt, daß niemand wirklich auf das Staatsfernsehen als einzige Informationsquelle angewiesen ist. Aber das wissen vielleicht die alten Männer, die das Sagen haben, noch nicht.-

  3. Vielleicht war das mit dem...
    Vielleicht war das mit dem Geldüberweisen schwieriger als erwartet.

  4. Vielleicht hat ihnen ja noch...
    Vielleicht hat ihnen ja noch niemand die Existenz einer Fernbedienung verraten. „Wie ein Elektroschockgerät, Hosni, nur mit mehr Knöpfen.“

  5. Das Problem bei vielen...
    Das Problem bei vielen arabischen Potentaten ist, dass man Hotels, Ferienanlagen, Geschäftshäuser und von öffentlichen Aufträgen profitiernde Firmen nicht mal eben überweisen kann.

  6. Seit heute Nacht findet eine...
    Seit heute Nacht findet eine gewaltlose Blockade des staatlichen Fernsehens statt. Bewundernswert. Die Proteste scheinen weitgehend gewaltfrei zu bleiben, fast ein Wunder nach den Reden von M+S gestern (bei denen ja selbst wir Zuschauer im Ausland ausrasteten …)

  7. erinnert irgendwie an...
    erinnert irgendwie an zeitgenossen wie mappus und westerwelle und schäuble und… (endlose aufzählung sämtlicher politiker). keiner will sie, außer vielleicht ihren lobbyisten, aber sie drängen sich immer wieder auf. wie lebenswichtig gerade jetzt eine berufsarmee ist, kann man an ägypten sehr gut studieren.

  8. W. Ghonim hat soeben auf...
    W. Ghonim hat soeben auf Twitter wieder die richtigen Worte gefunden: „Dear President Mubarak, your dignitiy is no longer important, the blood of Egyptians is. Please leave the country NOW.“

  9. Er ist wohl...
    Er ist wohl abgedüst.
    .
    ibjenn RT @ArabRevolution: Osama Ghazali Harb tells BBC that Hosni Mubarak is in UAE already! via @mohmd_alhodaif #Egypt #Jan25 #Tahrir

  10. Gestern Abend wollte Mubarak...
    Gestern Abend wollte Mubarak m.M.n. nur Zeit gewinnen – er wird wahrscheinlich nie wieder nach Cairo zurückkehren.

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