Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Darüber spricht man nicht.

| 16 Lesermeinungen

Die bessere Gesellschaft schätzt es nicht, wenn man durch ihre Gartenpforten linst, oder sich gar selber eine Einladung ausstellt. Insofern ist das Bemühen dieses Blogs in sich schon so unschicklich, dass ich Ihnen auch gleich nach dem Klicken erzählen darf, was einen in den Gärten, Hinterhöfen und Mülltonnen des Bürgertums erwartet, und wie gerade ich dazu komme, bei FAZ.net als fast vergilscher Reisebegleiter durch alle sieben Höllen- und Fegefeuerkreise dieser Klasse zu assistieren.

kleiderschrankIn every city, in every nation,
from Lake Geneva to the Finland station
Pet Shop Boys, West End Girl

Es ist früh am Morgen, und ich muss nach Frankfurt. Ich stehe auf und begebe mich zum Kleiderschrank. Mein Kleiderschrank dient meiner Familie seit 101 Jahren; 1907 hat mein Urgrossvater das Eichenmonstrum mit den schwarzglänzenden Schnitzereien in Nürnberg gekauft, mit der Bahn in die bayerische Provinzstadt bringen lassen, und in den kommenden Tagen war die bessere Gesellschaft hier, um den Schrank – aus Nürnberg! da, wo die Protestanten leben! Fast skandalös! – ausgiebig zu bewundern. So war das damals. Heute wäre es undenkbar.

Dass ich hier darüber schreibe, ist ein Tabubruch. Nach den Vorstellungen der Nachkommen dieser besseren Gesellschaft redet man darüber nicht. Und schon gar nicht öffentlich. Ab und zu werden Radiointerviews mit mir ausgestrahlt – dann geht meine Mutter in den Garten, jätet Unkraut und hofft, dass ich nichts sage, was den Nachbarn Anlass zu Getuschel gäbe. Man sagt hier auch nicht, dass man reich ist – man jammert nur über den Aufwand mit der Anlage KAP bei der Steuererklärung. Niemand hat jemals Geld in die Schweiz gebracht, solange es nicht aufkommt. Reich, das sind ohnehin immer nur die anderen. Etwa den Elektrohandel-Aufsteiger mit den Chromkapitellen an den Säulen seines Palladioverschnitts – köstlich, dieser Trottel, aber offiziell gibt es keinen Klassenkampf von oben. Dass sich der lokale Ölmogul als Betrüger erwies, dass der Playboy später auf der Strasse endete, sind Hinweise des Schicksals, bieder unter seinesgleichen zu bleiben; und wenn man vor hundert Jahren die besten Häuser in der Stadt hatte, wohnt man heute wieder zusammen – im Westviertel.

Westviertel sind immer gleich, vom Genfer See bis nach Finnland, die Grundstücke sind gross, ein See ist in der Nähe, und der Schulweg der Kinder führt nur durch das Viertel und vielleicht noch einen Park. Man kommt erst gar nicht mit Blockbewohnern in Berührung. Das gibt es dort nicht. Man bleibt unter sich. Jeder geht auf das Gymnasium. Wer es nicht schafft, kommt ins Internat. Studienwahl ist eine Sache der Mütter, am besten noch zu Grundschulzeiten. Ein Arzt ist immer noch ein Arzt, und wenn er später durchdreht und in der Station 36 landet – redet man nicht darüber. Die Versicherung zahlt den Schaden der zertrümmerten Wohnung.

Wenn ich nicht nach Frankfurt müsste, könnte ich auch an den Tegernsee fahren. Der Tegernsee ist landschaftlich grandios und ein riesiges Westviertel, eine chemisch reine Ansammlung der besseren Gesellschaft. Sogar die Wasserleichen sind hier gepflegt und schmuckbehängt. Bayerische Könige, Heinrich Himmler, Thomas Mann und Ludwig Erhardt, sie alle schätzten diesen See. Entsprechend hoch sind die Immobilienpreise, und sorgen für eine nachhaltige Auswahl der Zuzügler. Makler sagen lieber, dass es sich um eine gehobene Lage handelt. Auf Bayerisch: Kein Gschwerrl, nur mit den Fussballern muss man leben. Nicht öffentlich erwähnen sollte ich, dass der Erwerb meiner Wohnung einem gewissen Verkaufsdruck auf den vorherigen Besitzers geschuldet ist, der sich im grauen Kapitalmarkt verspekuliert hat. Momentan leidet die ganze bessere Gesellschaft unter der Wirtschaftskrise, im feinen Rottach-Egern tragen sie die Pelze des letzten Jahres auf, und ein wenig Botox reicht statt der teuren Rundumrenovierung auch. Aber das darf man nicht laut sagen.

Die Stützen der Gesellschaft hassen es zurecht, wenn dergleichen Probleme im Müll der modernen Medien plattgetreten wird, sie meiden TV-affine Unterschichten und das Geschrei der Moderatoren. Aber eigentlich sind sie gar nicht so unglücklich, dass sich viele in die Scheinwerfer drängeln, und für sie kein Platz in den Medien ist. Sie haben recht. Ich fahre los, ersetze den unerträglichen Mornigshowgockel mit der Missa Salisburgensis, und erreiche beim Agnus Dei Schloss Weissenstein bei Pommersfelden, wo ich in einem Café Torte kaufe. Gegenüber tuscheln rosa Tanten über den bedauerlichen Zustand der Welt und über neue Todesfälle.

Ich fahre weiter nach Frankfurt und gebe zu bedenken, wie unterhaltend das sein könnte, über das Wesen des Bürgertums zu schreiben, über die Veränderung, die Schattenseite und die Damasttischdecken, die über all das ausgebreitet werden, und über das Porzellan, an dem man sich festhält, wenn die Tochter sich scheiden lassen will. Das verschwiegene Bürgertum ist eigentlich ein grossartiger Gegenstand der Betrachtung, denn seit der Tante Jolesch und Bel Ami hat es nichts von seinem pittoresken Wesen verloren. Man ist im Frankfurter Verlagshaus sehr wohl der Meinung, dass man darüber reden sollte, und so werde ich in Zukunft ein Weblog FAZ.net schreiben, eines dieser neumodischen, aber amüsanten Internetmedien, mit dem schönen Namen „Stützen der Gesellschaft“.

Und hoffen, dass es die Nachbarn nicht erfahren.

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16 Lesermeinungen

  1. Hallo!

    Das hat ja noch...
    Hallo!
    Das hat ja noch gefehlt. Es soll so eine Postille geben, „Allgemeine Zeitung“ oder so ähnlich, die immer wieder durch ihre kultivierte Halbbildung und blasiertes Getue auffällt. Eine Art Kultur oder was? Darüber kann man nicht bloggen.
    Hakim ibn Absud

  2. Oder sind die auch...
    Oder sind die auch gekünstelt, diese „Stützen der Gesellschaft“?
    Was ist das? Es nennt sich Blog und haut den Reichen satt in die Fresse, auf ziemlich charmante Weise, so dass man glauben könnte/müsste – eigentlich, das ist so’ne richtige Promotion, für diese Klasse. – Ganz große Klasse.
    Oder es ist einfach nur Selbstironie von oben, ob des aufkommenden Klassenkampfes von unten? (Von wegen: da gibt’s doch schon Klassenkampf, den von oben – kein Platz mehr für den richtigen, ätsch! Clevere Strategie, sähe der FAZ ähnlich.)
    Oder es ist wirklich Realsatire, so wie es gesehen werden möchte, womöglich? Wenn der Künstler echt ist. Dann aber bitte, wo ist der Witz? Sollen die mir leid tun, oder soll’n sie mir über sein?
    Also soll ich Mitleid oder Wut bekommen?
    Ich bin eher für den guten alten Klassenkampf, den intelligenten, wenn’s möglich wäre. – Kein Mitleid, keine sinnlose Wut, Satire darf sein, aber nicht zuviel davon, denn die Leute soll’n das nicht für Theater halten, denn Klassenkampf ist eine Kriegserklärung. Und wer Krieg führt, sollte von seinen Feinden ernst genommen werden, und: einen kühlen Kopf bewahren. Und auch ich rechne nicht mit Mitleid, spüre aber oft die Wut. – Dann geht’s mir wieder gut.
    Ich verkaufe ja auch keine Eintrittskarten, sondern teile eigentlich nur Ohrfeigen aus, nach rechts, wie nach links. Bevorzugt nach links, denn die sind die Dämlichsten. Nach rechts muss man entlarven, nicht beschönigen, aber so, dass man nicht selber als der Entlarvte da steht – saublöd. Nach links darf man sich auch ein wenig amüsieren, denn die haben oft keinen Humor, diese „Genossen“, und ohne Humor läuft jede Revolution direkt in ihr Grab.
    Einen freundlichen Gruß, nach Bayern wahrscheinlich – ich komme auch von dort -, man merkt es an so gewissen grammatikalischen Eigentümlichkeiten (oder sind auch die gekünstelt?)
    Den Graf also mag ich, den Oskar Maria natürlich. Aber der ist ja schon tot.

  3. Alle Gute für das neue...
    Alle Gute für das neue Experiment – schön das die FAZ.net mit der „Stütze“ einen lesenswerten Trüffel erhält, der sich hoffentlich bald zum Juwel entwickeln wird.
    Big Up!

  4. Auch von mir noch einmal an...
    Auch von mir noch einmal an dieser Stelle ein „Glückwunsch“ und Aufzeigen, dass aber jetzt ein Blog mehr im RSS-Reader vermerkt wurde. Der „Schutzwall“ zeigt ja bereits deutlich die Richtung an. Interessant auch, dass am Stadttor Eingangs-Bereich KEINE Ampel für Fußgänger zu existieren scheint. Somit nur per Auto zu erreichen. Also den Spritpreis wieder auf 2,50 Euro hoch und dann vergeht auch dem „Pöpel“ die Lust, hinter den Schutzwall per Spritztour zu gucken …

  5. <p>Es gibt <a target="_self"...
    Es gibt dort durchaus eine Fussgängerampel, aber um zu Fuss zu dieser Ampel zu gelangen, muss man mit dem Auto zu einem gebührenpflichtigen Parkplatz und dann durch den Park laufen. Es ist aber ein sehr schöner Park. Mit Schwänen! Und Kunst im öffentlichen Raum!

  6. ein wunderbares projekt....
    ein wunderbares projekt.

  7. die Einschläge kommen immer...
    die Einschläge kommen immer näher. Gerade ist ein Fussballer (Torwart) in meine Nachbarschaft gezogen. Ich hatte immer Angst vorm Ball.

  8. Großartig. Ich hatte ja mit...
    Großartig. Ich hatte ja mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass ausgerechnet die FAZ sich mit dem Don zu so einem Projekt einigen könnte. Wunderbar – das wird die neue Stammzeitung in meinem virtuellen Café, sehr passend zu meinen Gästen… allesamt gestürzte Adlige… :)

  9. Wunderbar. Ich hätte es ja...
    Wunderbar. Ich hätte es ja nie für möglich gehalten, dass sich ausgerechnet die FAZ mit dem Don zu so einem Projekt einigen könnte – Respekt. Die Gäste meines virtuellen Cafés werden sich freuen… allesamt gefallene Adlige… :)

  10. Don Alphonso hat seine Despina...
    Don Alphonso hat seine Despina gefunden !

  11. <p>Nachdem ich hier ja gegen...
    Nachdem ich hier ja gegen meine Lebensdevise
    „Welch töricht Begehren!
    Die Wahrheit zu hören
    ist immer bedenklich,
    erfreulich wohl nie. „
    verstossen habe, werde ich hoffentlich viele Ferrandos und Guglielmos zu finden wissen.

  12. "Halte die Menschen stets im...
    „Halte die Menschen stets im Ungewissen, wiege sie nie in Sicherheit.
    Wirke eher schuldig als allzu unschuldig. Zumindest musst du mit Geschick beständig sein, ich meine, man darf nie eindeutig wissen, ob du es sein wirst, und nicht einmal, ob du es bist.“
    Pierre Carlet de Chamblain de Marivaux

  13. Monsieur Gueule en...
    Monsieur Gueule en Saint-Émilion
    Bordeaux Vieux zeigt schwarzverdreckte Stuckfassaden und, wo es bröckelt, hellgelben Stein. Die Tympanon-Statuen der Kirche St. Croix, anschauliche Saintonge-Romanik, sind sehr zernagt: langgestreckte Figuren, Falten kreisen deko¬rativ die Kniescheiben ein, wie fein die Steinmetzen aus dem schweren Material die Gewandfalten gestalten konnten. Den Himmelwärts-Blick der Heiligen haben die Ver¬letzungen in Fratzen verwandelt, einäugig ist Herodes, stumpfnasig die schöne Eva geworden. Groteske Figuren mit verzogenen Mäulern sind die Laster Avarice, der Geiz, und Luxure, die Verschwendungssucht. Ausgerechnet gegenüber im Gour¬met-Restaurant Aquitaine finden die Reisenden diesen Typus wieder: Monsieur Gueule macht seinem Namen Ehre. Er hat einen Charakterkopf. > …. ta Gueulle< kürzen die Franzosen wie die Engländer ab >shut up< - >halts Maul! < Fermez votre gueule! Großmaul. Monsieur Gueule hat einen Bauernkopf, der sitzt ohne Hals dicht auf dem Bullen-Nacken. Aber das Maul. Sein Maul klafft wie eine Schublade. Ein Wunder, dass er kauen kann. Die breiten Oberzähne hacken auf die Unterkiefer. Sein Lächeln enthüllt Goldzähne, aber als er seinen Vin Lussac Saint-Émilion prä¬sentiert: >voyez sa belle couleur rubis< und von seinem Château Haute Bellevue schwärmt, wird er liebenswert. Er weist auf das Etikett: nadelfein grau auf Hellgelb ist das weite Weinfeld im Hügelland eingezeichnet, mittendrin das Schloss unter Zyp¬ressen. Unten rechts Wappen unter Fürstenkrone, goldene Lettern >C haut B< im bordeauxroten Schild mit weißem Fries aus Kreuzen, gehalten von Fabel-Delfinen. >Cette région est situé au Nord-Est de Saint-Émilion.< Vom gedrungenen Uhrenturm schlägt es drei Uhr, als sie über die vibrierende "Golden-Gate-sur-Garonne" in die berühmten Bordeaux-Weinfelder hineinfahren. Weiden und Felder, auf den Hügeln graue Fermes und Kirchen, Türme dreimal so hoch wie das Dach und spitz wie Nadel. Winzer und Winzerinnen bei der Ernte. Pomerol, die größten Châteaux, die teuersten Weine, dann folgt St. Émilion, Feld an Feld, Château an Château, Weingut an Wein¬gut - nach der Einsamkeit des abgelegenen Weinguts überraschen die Menschen¬mengen. Monsieur Gueulle flieht auf das Château eines Freundes. St. Émilion "Réserve de l'Ancètre" Raymond Dusselaud (1829) Vigneron Ayon-Tour-Figeac - ¬das Porträt dieses Gründers im Medaillon ähnelt dem Patron: Sein Gesicht unter der Stirnglatze ist oval, Stirn gewölbt und kindsglatt, die Nase hat die Spitze resolut ge¬senkt. Ein Bauer von St. Émilion, der Herr ward. Sein Bauernhof wurde Château.

  14. Gefällt mir bisher ganz...
    Gefällt mir bisher ganz ausgezeichnet, jetzt noch etwas mehr Schärfe, bitte.
    Die alleinige Verheißung der finanziellen Kernschmelze ist nicht realitätsnah genug, um die FAZ-Leser wirklich zu verunsichern. Erkläre ihnen bitte, dass die Banken grade ihre Renten und den zahnersatz ihrer Kinder und Enkel verbrennen;-)

  15. So etwas in der Art kommt...
    So etwas in der Art kommt morgen früh. Am Beginn hat man immer etwas zu viel Themen, aber das renkt sich dann ein.

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