Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Der billige Erwerb der Herrschaftslegitimation

| 58 Lesermeinungen

Irgendwann, wir sagen es nicht gerne, aber es bleibt keine andere Wahl, sind wir alle auf der Brennsuppe dahergeschwommen. Manche vor einer Generation, andere vor 200 Jahren, und wenn man nur tief genug gräbt, findet man immer den Ahnen, der auf der Scholle klebte und nicht ahnte, dass man später mit seinem Namen einen Notar, einen WHU-Studenten oder gar einen Arzt verbinden würde. Die natürlich alle bestrebt sind, sich von diesem Landmann abzuheben, und ich als Lieferant der Stützen der Gesellschaft bin dieser aufstrebenden Schicht gerne mit Nutzwert behilflich, einen ordentlichen Pfropfen aus Besitz in das Fallrohr hinunter zu den nach Gülle richenden Vorfahren zu schlagen.

„In Turin erwartet man mich“, sagte er. „Neureiche, unerträgliche Leute.“ Er betrachtete uns mit seinen matten Augen, lächelnd wie ein verschämtes Kind.

Cesare Pavese, Der Teufel auf den Hügeln

Sie kennen, auch wenn Sie es noch nicht ganz hinter die Mauer geschafft haben und in einem Viertel wohnen, das die Bezeichnung „Westviertel“ nur usurpiert, sicher die in Ihrer Staatspartei so beliebte Herrschaftsdoktrin, mit der man sich gegen die Zumutungen der Moderne wehrt: „Das war schon immer so“. Ein treffliches Argument zur Sicherung von Vorteilen und Macht, aber als Historiker muss ich Sie leider belehren: Es stimmt nicht. Sie können das nur sagen, weil die andere Seite meist zu dumm ist, die – oder namentlich Ihre – Vergangenheit, das „schon immer“ zu hinterfragen. Sie wissen schon, Sie sind noch nicht lang in der Stadt, deshalb sind Sie ja auch in einem suboptimalen Viertel, in dem man eigentlich nicht wohnt. Ihr Urgroßvater war ein Knecht, der sich mit einer Witwe den Hof erarbeitete, und davor waren Ihre Vorfahren eigentlich nichts, worauf man sich berufen könnte, wenn es um Ansprüche und Herrschaft geht. Auch die bessere Gesellschaft von heute war um 1900 meist noch in irgendeinem Kaff, und würde man diese Ihre Geschichte in unsere Zeit verlängern – wären Sie ganz sicher nicht angetan.

Ach so. Sie meinen, auch ich… nun, bitte, treten Sie ein, ich will das gar nicht bestreiten; dieses Gebäude hier ist zwar, wie sie der Bauinschrift entnehmen können, in seiner letzten Ausbauphase 409 Jahre alt, und meine Wohnung wurde sogar erst gegen 1720 eingebaut, aber es stimmt: Auch wir sind hier gerade mal 160 Jahre Besitzer. Aber auch wenn Zeitläufe, Erbgänge und Missachtung des Alten vieles an unseren Gütern verschwinden liessen, so kann ich Ihnen doch – unter all den anderen, neu zugekauften Antiquitäten – auch Reste des kleinen Glanzes meiner Familie zeigen:

Ich  Biedermeier, Du nix.

Sie müssen zugeben, 160 Jahre kontinuierliches Stadtbürgertum und Besitz, das ist schon was. Ich würde nicht sagen, dass es schon immer so war, aber: „In den letzten anderthalb Jahrhunderten haben wir“ – das kommt mir schon ab und an über die Lippen. Sie könnten mit solchem Beginnen bestenfalls fortfahren „noch ziemlich lange die Saumägde von Kösching gestellt, bis dann die alte, fette Erbin Eusebia Güllengruber…“ Das ist auch der Grund, warum Sie immer so einsilbig werden, wenn unsereins erklärt, wie teuer 1874 der Einbau des Fischgrätparketts war, dessen Rechnung wir natürlich auch noch haben. Sie dagegen haben nichts.

Außer einem alten Problem. Das der Herrschaftslegitimation. Sie waren nichts, Sie sind was geworden, mit Villa in diesem Viertel da draußen und Drittporsche. Falls doch jemand fragen sollte, worauf sich Ihre Ansprüche gründen, sind Sie verratzt wie der Ministeriale des 13. Jahrhunderts, dessen Großvater noch Leibeigener war. Jeder weitere Aufstieg ist schwierig, wenn der Ruch des Parvenüs anhaftet, und so floh man in die Fälschung: Man sexte die Vergangenheit auf. Mönche etwa leiteten aus der Kunst der ehrenwerten Heilslehrenfabrikation die Urkundenfälschung ab, und der Ministeriale suchte sich einen fahrenden Sänger, der zusammen mit dem Dorfpfarrer Belege fand, dass der alte Clanchef schon mit Karl dem Grossen Europa brandschatzte und beim Hoftag in Frankfurt für seine Dienste ein Schwert bekam, das heute noch dort hinten an der Mauer hängt. Eine gute Geschichte und ein Gegenstand, an den man glauben kann, so funktionieren Heilige, Bankentürme und mehr oder weniger auch das Gesichtslifting Ihrer Frau, und das können Sie mit Ihrer lahmen Geschichte auch machen. In Pfaffenhofen, jeden 4 Sonntag im Monat, wie viele andere Verteter der besseren Gesellschaft, die auf der Suche nach Relikten anderer Menschen sind, um sich deren Tradition anzueignen.

Bild zu: Der billige Erwerb der Herrschaftslegitimation

Ratzen, Kakerlaken und Flöhe sind die alleinigen Gattungen, denen Ihre Familie nach dem Ende des Paläolithikums jagend nachstellte, und das ist schlecht – wissen Sie doch, dass Trophäen und Wildfleisch früher zum besseren Leben dazu gehörten. Nicht nur, dass sich auf dem Antikmarkt alte Geweihe finden; nein, in Polen hat man den Bedarf längst erkannt und fertigt alles mögliche aus Leichenteilen nach. Sie sollten dabei jedoch auch Ihre Putzfrau einplanen. Mein Opa war Jäger, und wir haben eine Kiste von dem Zeug im Keller. Die Zwölfender sind die Hölle beim Abstauben, das will man sich nicht wirklich antun. Ich habe ja überlegt, ob das nicht was für den Tegernsee wäre, aber irgendwie, als Vegetarier, nein. Und auch zu Ihren weißen Einbauschränken passt das nicht ganz. Bei den H.s war es dagegen die perfekte Ergänzung mit den Eiche Rustikal, und dank SS-Opa auch glaubwürdig.

Ich Originalausgabe, Du Fälschung

Ich könnte ja Bücher empfehlen. Suchen Sie sich ein Spezialgebiet heraus, wie ich: Jesuitica aus der Druckerei, die bei uns im 18. Jahrhundert im Hinterhaus war, und als Gegengift französische Aufklärungsliteratur in Originalausgaben. Oh, ach so, Kirchenlatein ist nicht so Ihre Sache, und ihre Bibliothek ist der Festplattenrecorder. Nein, das würde Ihnen keiner abnehmen, da haben Sie natürlich recht.

Bild zu: Der billige Erwerb der Herrschaftslegitimation

Aber, wie wäre es mit Biedermeiermöbeln? Damit ließe sich das Erbe einer städtischen Tante erfinden, für 1000 Euro, geschenkt, damit kommt man bis 1830 runter. Die P.s haben das so gemacht, da entwickelte sich der Flohmarktfund über die Jahre hinweg zum Familienbesitz seit Generationen. Uh oh, vorsicht, nein, so dürfen Sie sich keinesfalls draufsetzen, so merkt man sofort den Parvenü. Die Lehne von Biedermeierstühlen ist dazu da, dass beim Sitzen exakt eine Handbreit Luft zwischen Rücken und Lehne bleibt. Nur so sitzt man elegant und hoch aufgerichtet, legt die Arme an und hält grazil Messer und Gabeln in den über dem Tisch schwebenden Händen – da fällt mir ein, Sie hängen doch immer mit dem Mund einen Finger breit über dem Suppenteller, in dem erst seit Kurzem das Krebsfleisch statt der Brennsuppe schwimmt? Stimmt, das geht gar nicht, dieser Tiefflug bei der Nahrungsaufnahme macht auch bei den P.s die schöne Geschichte der Erbgroßtante kaputt.

Ich Imari in Küche, Du Brennsuppe

Silber, Porzellan, Gläser, Kronleuchter, feine Möbel, das alles muss man pflegen, bei Imariporzellan gilt es, am Blauweiß teure japanische Ware von chinesischen Kopien zu scheiden, da kann man sich schnell Müll ins Haus holen, und überhaupt: Sie müssten ja etwas damit anfangen, um es zu zeigen und eine passende Geschichte zu erfinden. Das ist das Schwerste: Nicht nur exquisite Dinge haben, sondern auch adäquater Stil und richtiges Benehmen. Hier werden zwar viele Familien auf der Suche nach Legenden glücklich, aber Sie, nein, das schaut schlecht aus.

Bild zu: Der billige Erwerb der Herrschaftslegitimation

Vielleicht hilft Ihnen ja ein kostenloser Trick weiter: Sagen Sie einfach, wenn Sie bei jemandem wie mir eingeladen sind, Dinge wie „Wer hat denn heute noch Bleikristall“, „So ein Service von Tante Erna haben wir weggeworfen, was soll das sein, Meissen? DDR?“, „Ach was, Silber, Edelstahl ist viel schöner“, „Schlagen Sie doch den Stuck einfach runter, ich kenne einen Polen, der das schwarz macht“ und „Die Lampen da waren früher bei uns überall, aber die Putzerei war mir zu viel, wir haben sie in den Müll und Deckenfluter gekauft“. Doch, das höre ich öfters, und ich denke, das könnten Sie auch glaubhaft darstellen. Kein Mensch würde daran zweifeln, dass Sie so etwas mit alten Dingen tun, Sie, der Herr über Geschichte und Schicksale. Da haben Sie Ihre große Vergangenheit zum Nulltarif, fahren Sie heim und werden Sie glücklich, bleiben Sie der, der Sie sind und immer waren, wenn Sie im Brustton der Überzeugung, mit der Kraft vieler Generationen und den S*******-Schrank im Rücken und, vom Reichsparteitagslicht der goldenen, 249 Euro teuren Deckenfluter umschmeichelt, befehlen: Das haben wir schon immer so gemacht.

Niemand wird daran einen Zweifel hegen.

0

58 Lesermeinungen

  1. Köstlich ... :)

    Kenne das...
    Köstlich … :)
    Kenne das aus der eigenen Familiengeschichte, als Großvater selig seinerzeit als Pfarrer neben der Recherche für die üblichen Ariernachweisen auch gebeten wurde, wenn er schon über den Geburtsbüchern brütet, er doch den Stammbaum des einen oder anderen Honoratioren aufhübschen solle. Oder ganz tilgen, wenn das Aufhübschen nicht ginge …
    PS: Nur so als klene Anmerkung … es ist nicht wirklich motivierend, wenn beim Zurückblättern von einer Fehlermeldung, dass der Kommentar jetzt nicht gesendet werden kann, selbiger spurlos aus dem Kommentarfeld verschwunden ist.

  2. Wie kommt es, dass mir jeder...
    Wie kommt es, dass mir jeder ihrer Artikel völlig geschwollen vorkommt?

  3. Liebe Thea, Villon sagte...
    Liebe Thea, Villon sagte einmal sehr treffend, was auch auf mich zu beziehen ist:
    „Herr, alle Tiefen, alle Höhen
    Erröten kenn ich, und Erblinden
    Ich hab de Tod ins Aug´gesehen
    Mich selbst nur kann ich nicht ergründen“
    Wie sollte ich da Sie ergründen können? Ich nehme an, Sie kommen mit der ostentaiven Form und dem Mangel an Diskretion einfach nicht zurecht. Man würde das normalererweise so nicht sagen, aber der Zweck dieses Blogs ist es, genau das zu tun. Und wie man sieht: Sie lesen es ja trotzdem. Vielleicht, weil Sie sich ärgern, aber Sie beschäftigen sich damit. Damit ist meine Aufgabe erfüllt.
    Das mit dem Kommentar, werter Reinhard, ist in der Tat ärgerlich, und ich möchte mein Bedauern ausdrücken. Mir wurde versichert, dass die Technik mit Hochdruck daran arbeitet, und ich glaube, dass sie einen gute Arbeit machen werden.
    Die Fälschungsbemühungen in der NS-Zeit waren ja eher so eine Art Notwehr, und man muss konzidieren, dass mit dem Übersehen vielen Leuten geholfen wurde – selbst, wenn sie Parteimitglieder waren. Heute geht es ja mehr um die Glorifizierung einer Herkunft, die in aller Regel so langweilig und banal wie überall war. Man muss sich nur mal die Entwicklung der Städte im 19, Jahrhundert anschauen: Die meisten waren damals noch nicht mal beim Industriearbeiter angekommen. Es war alles sehr rural. Und das ist eben nicht sexy – gerade, wenn der Bauernhof in einer öden Gegend wie dem Donaumoss vor meiner Heimatstadt lag, wo man ohnehin sozial Deklassierte, entlassene Verbrecher und Leute aus Rheinland-Pfalz ansiedelte (bitte keine Anschuldigungen, das war damals eben so, das Donaumoss ist in Bayern das gewesen, was Australien für das britische Empire war)

  4. Gehört "Das war schon immer...
    Gehört „Das war schon immer so“ nicht zu den drei preußischen VErwaltungsregeln?
    1. Das war schon immer so.
    2. Das war noch nie so.
    3. Da könnte ja jeder kommen.
    Aber da gibt es sicher noch weitere Variationen.
    [Anmerkung: Ich habe den Kommentar auf der Admin-Ebene versehentlich gelöscht, hiermit trage ich ihn wieder nach. Don Alphonso]

  5. Ich würde meinen, dass es...
    Ich würde meinen, dass es sich dabei um sowas wie „universelle Strukturen“ der Machterhaltung handelt. Allein, wenn man aus Bayern komt, ist man dagegen entweder sehr abgestumpft oder sehr empfindlich, je nachdem. Die meisten bevorzugen es natürlich, es zu sagen und nicht, sich daran zu halten.

  6. Vermutlich wäre es...
    Vermutlich wäre es bloguntypisch, wenn man einen solchen Text vor der Veröffentlichung redigieren würde. Nötig wäre es allerdings.

  7. Ach, die Aura, was ist nur aus...
    Ach, die Aura, was ist nur aus ihr geworden? Unsere Jugendstillampe beachtet schon seit Jahren keiner mehr, dabei ist sie wirklich ein Erbstück. Aber alle finden, dass das billige Ikea-Geleucht so hervorragend in unser Wohnzimmer passt. Schande! Wirklich geachtet waren wir aber nur früher, als noch die holländische Notausgangslampe an der Wand hing: weißes „UIT“ in rotem Feld. Man soll halt nix ändern, sonst sind die Leut enttäuscht.

  8. Hartmann, Sie werden lachen,...
    Hartmann, Sie werden lachen, aber der Text wurde gestern Abend – nicht von der FAZ, sondern von einer Bekannten – gegengelesen, und entsprechende Fehler wurden entfernt. Sollten weitere Fehler verblieben sein, bedaure ich das natürlich, würde mich aber sehr freuen, wenn Sie mich mit der Nase darauf hinstubsen könnten. Im Kommentar jammern ist natürlich einfacher. Ich gebe übrigens auch zu, dass mein Manuskripte blutrot vom Lektorat des Verlages zurückkamen. Ja, ich mache Fehler.

  9. ...dunkler dung dem klüngel,...
    …dunkler dung dem klüngel, gut getroffen und gut formuliert…

  10. ...legt die Arme an und hält...
    …legt die Arme an und hält grazil Messer und Gabeln in den über dem Tisch schwebenden Händen – da fällt mir ein, Sie hängen doch immer mit dem Mund einen Finger breit über dem Suppenteller, in dem erst seit Kurzem das Krebsfleisch statt der Brennsuppe schwimmt? Stimmt, das geht gar nicht, dieser Tiefflug bei der Nahrungsaufnahme.
    Köstlich! Ein Teil unseres Einstellungsprozederes für neue Mitarbeiter (Branche hat sehr mit Kundenkontakt zu tun), ist ein Mittagessen mit ihnen. Mindestens 60% kann man dabei schon aussortieren. Kopfhaltung siehe oben, Ellbogen auf dem Tisch bzw. Unterarm vor dem Teller aufgestützt etc. etc. Übrigens ein Phänomen quer durch alle Klassen. Die schulische Bildung durchaus sehr gut bis exzellent, aber wie soll so jemand bei einem Geschäftsessen unsere Firma repräsentieren?

  11. sehr geehrter herr...
    sehr geehrter herr alphons,
    ich frage mich immer, warum ich ihre beiträge nicht mag. eigentlich ja eine ganz nette idee, dieser blog. trotzdem überkommt mich beim lesen ihrer texte immer ein unangenehmes gefühl, irgendwie kommt mir das alles sehr bekannt vor. und sehr deutsch. wo der verstorbene alan clark in seinem tagebuch „diaries into power“ über michael heseltine mit dem satz „the problem with michael is, that he had to buy all his furniture“ alles sagt, brauchen sie eine ganze kolumne. schade.
    und neben der fehlenden leichtigkeit kommt dann auch noch dieser seltsame zynismus dazu, der die apple-usenden, weiße prada-hemden-ohne-krawatte-tragenden, raleigh-rad-fahrenden, in medien, werbung oder sogenannten kreativberufen tätigen und in leeren weißen altbauwohnungen wohnenden sprösslinge besserer, meist nicht mehr wirklich wohlhabenden familien so auszeichnet, nach dem motto „natürlich stamme ich aus einer alten familie, habe natürlich früher grün gewählt und lehne natürlich den ganzen bürgerlichen habitus ab, schaue aber natürlich trotzdem auf den ungebildeten kleinbürger herab, der die feinheiten der zeichensprache (m)einer neuen oberschicht nicht erkennt und immer noch nach wohlstand, haus, mercedes und regelmäßigem sommerurlaub strebt, igitt, wie spießig.“
    wie gesagt, schade, aber vielleicht wird’s ja noch besser.

  12. <p>Sehr geehrter Herr...
    Sehr geehrter Herr Servatius,
    vielleicht, weil mein Autor ganz bewusst darauf verzichtet, in mir einen Charakter zu erfinden, den man mögen kann? Mein Autor sagt, dass er keine Lust hat, echte Familieninterna auszubreiten, oder den billigen Jakob der Sympathie zu schreiben, der die Stützen der Gesellschaft politisch korrekt kritisiert. Mein Autor sagt, ich solle Ihnen ausrichten, dass er mich als bissigen Vertreter einer Klasse konzipiert hat, der gleichzeitig ihr Kritiker und Verräter ist, und zugleich mehr Stütze des Systems, als er sich selber eingestehen möchte. Mein Autor, mit dem ich die Wohnung und das Leben, nicht aber das ganze Wesen teile, würde es normalerweise auch anders schreiben und sagen, aber er nutzt mich als Kunstfigur, um das, was hinter der Mauer vielewie es in etwa so denken und nicht so direkt sagen, zu überspitzen und so zu präsentieren, wie es kläne, würde man sich dort entschliessen könnte, wirklich darüber zu reden. Sie bekommen durch mich also keinen Freund, sondern einen Sklaven des Systems präsentiert, der sich darin um so mehr verstrickt, je mehr er dagegen aufbegehrt. Nachdem mein Autor das Ziel verfolgt, diese Gesellschaft, die nicht über sich reden möchte, deutlich und klar aufzuzeigen und zum eigenen Denken anzuregen, wäre ein netter, gefälliger Vordenker mit den extrem höflichen, leicht nahbaren Zügen, die der Autor selbst zu besitzen glaubt, eher kontraproduktiv. Das gibt es schon zu oft, das macht jeder. Niemand würde ernsthaft zugeben, Klassenkampf von oben zu betreiben, aber mein Autor meint, dass ich das mal probieren sollte – und wenn es dafür Schläge setzt, sitzt er daneben und lacht.
    Deshalb heisse ich ja auch Don Alphonso und nicht wie er.

  13. Herzlichen Dank für den...
    Herzlichen Dank für den gewohnt hervorragenden Artikel. Der zurechtgekauften Familenhistorie hinzuzufügen wäre dann nur noch die seit einiger Zeit um sich greifende Manie nach dem erfolgreichen erklimmen der wesentlichen Sprossen der sozialen Leiter noch das herbeizusuchen, was die wenigsten haben können: ein Titel, zumindest ein Titelchen. Der Erfolg der Stammbaumbegutachter und entsprechenden Rechercheure in den letzten 20 jahren gibt davon ein beredetes Zeugnis. Im Firmensitz einer aus Bayern stammenden Sippe stand ich, passenderweise auf dem Weg zur Toilette, perplex vor dem dort neu, jedoch verschämt, in einer Ecke prangenden offensichtlich frei erfundenen „Wappen“ der Famile, darauf deren zutiefst bürgerlichen Namen ein „von“ zierte. Das Wappen war geviertelt. Mit Helm und Rangkrone. Auf meine Frage „wo sitzt ihr denn?“ kam nach einer kleinen Weile die Antwort „auf dem Stuhl“. Herzhafter kann man kaum lachen.

  14. "Er pendelt wahlweise zwischen...
    „Er pendelt wahlweise zwischen dem alten Stammsitz der Familie, einem ehemaligen Jesuitenkolleg in der reichen bayerischen Provinz, und dem Tegernsee, in dem selbst die Wasserleichen stets gepflegt und mit Schmuck zu finden sind. “ Einfach nur genial!! Ich mag diese Texte, wo nachzudenken man gefordet wird. Danke an den Don, ich hätte Sie beinahe verpasst, aber dieses obige Zitat lässt mich Ihnen mehr als wohlgesonnen weiterhin folgen :-)

  15. Es ist noch keine 40 Jahre...
    Es ist noch keine 40 Jahre her, da war Don´s Heimatstadt ein kleines, unbedeutendes Provinznest. Dank der vielen Neuzugänge, deren Kreativität und Fleiss zeigte man den Alteingesessenen Blickwinkel jenseits der Stadtmauer. Der gierige Trieb der Neubürger nach Wohnraum trieb sie in die Arme der Großbürger und Stadtbauern, welche sich ihre Moosflächen teuer versilbern ließen. Damit konnten sich diese weiter in ihren Altstadthäusern den Seilschaften und dem bilden bayer. Filzes widmen. Ihrem Nachwuchs vermachten sie übrigen Baugrund z.B. im Westviertel und zeigten ihm die Schönheit des neuentdeckten Tegernsees. Sofern man sich bei dessen Zeugung nicht mit neuem Blut mischte, entstand die ungeeignet blaue Blutgruppe des Stadtadels. Mit dieser lässt sich aber der Lebensstandard hinter der Mauer nicht aufrecht erhalten.

  16. Ach, was macht die Altbesitzer...
    Ach, was macht die Altbesitzer besser als die Parvenüs? Wo doch der Besitz der Ersteren auf dem Dung gepflanzt wurde, der aus den Körpern der Leibeigenen, der Mägde und Knechte entstand, die zum Wohle der Besitzenden ein kurzes Leben lang Fronarbeit verrichteten.
    (Um es mal analog zum Stil der Don’schen Beiträge auszudrücken)
    Mir fällt immer wieder nur ein: Krieg den Palästen, Friede den Hütten. Die Welt wird erst besser sein, wenn auch das letzte Stadtpalais zum Obdachlosenasyl und das letzte Haus am See zum Ferienhaus für Werktätige geworden ist.

  17. Als ich den ersten Eintrag...
    Als ich den ersten Eintrag gelesen hatte, waren ‚abgesofteter Rebellmarkt‘ und ‚Text läuft noch nicht ganz rund‘ meine unmittelbaren Empfindungen. Die Meßlatte dafür hing freilich dort, wo Don sie mir als langjährigem Leser seiner Texte selbst hingehängt hatte; im Vergleich mit der üblichen veröffentlichten Sprache sind bereits die ersten Einträge hier pures Gold.
    Jener erst Eindruck hielt einige Sekunden, dann griff die Korrekturinstanz ein, die mir sagte: Für den Autor ist alles neu: das publizistische Umfeld, die (potentielle) Leser-/Kommentatorenschaft, die Thematik zwar nicht als solche, aber doch in der hier beabsichtigten Darstellungsweise. Zudem sind beim Start Menge und Art der Kommentare kaum prognostizierbar. Mir war klar, dass der Autor erst würde sozusagen kalibrieren und in die neue Situation sich einfinden müssen. Ich ging davon aus, dass die Startphase ein halbes Dutzend Einträge umfassen würde.
    Doch bereits mit dem in jeder Hinsicht köstlichen Eintrag „Europa“ war die dontypische Sprachverfassung erreicht, die nur auf denjenigen „geschwollen“ wirkt, dem Dummdeutsch zur Norm ward. Und was die Absoftung betraf, sah ich rasch, dass gerade der Teil der Leserschaft, an den das Blog primär sich richtet, die Darlegungen so gar nicht als soft empfindet. Auch, dass bei Bingo der Bär steppt, der aber nicht Knut heißt, zeigt, dass da ein Nerv getroffen war und gewiß weiter getroffen wird.

  18. Genialer Post! Sehr schön :-)...
    Genialer Post! Sehr schön :-)

  19. buchtip: zur vertiefung des...
    buchtip: zur vertiefung des hier angesprochenen themas empfehle ich wärmstens: bernt engelmann, o wie oben.

  20. Die Fehleinschätzung der...
    Die Fehleinschätzung der Funktionalität einer Stuhllehne aus dem Biedermeier hat mich schon ein gerüttelt Maß an Nerven und einiges Geld gekostet. Hätte nie gedacht, mit welcher Verve ein wohlgenährter Jurist aus vermeintlich gutbürgerlichem Hause seine Kehrseite gegen das filigrane Schnitzwerk zu werfen weiß…mir treten beim Gedanken daran heute noch die Tränen der Fassungslosigkeit in die Augen.
    Ansonsten: Formidabler Artikel. Vielleicht für die Rebellen ohne Markt-Kundschaft ein wenig zu rundgelutscht. Aber da sehe ich mich ja in der Tradition der Großmama des Autors – „Kein Schaden so groß…“ :o)

  21. Selber zwar ein Freund von...
    Selber zwar ein Freund von möglichst einfacher Sprache, am liebststen „plain German“ finde ich den Text ganz und gar nicht „geschwollen“. Nicht alle Texte gewinnen, wenn man sie sprachlich reduziert.
    Sondern eher als augenzwinkerndes Stilmittel, die „Besseren“ (nennt meine Mama so)mit ihrem Geschraube zu beschreiben. Oder um moderne Aufmerksamkeitspannen auszutesten, hehe.
    Ab und an würde manchem Kritiker das Lesen von Kleist gut tun (Fontane muss nicht), statt n-tv-Schlagzeilen zu konsumieren.

  22. (Lieber Don Alphonso,)

    Seit...
    (Lieber Don Alphonso,)
    Seit kurzem bei faz.net, aber bereits eine feste Grösse in meiner täglichen Internet-Lektüre.
    Ihre Beiträge passen perfekt zur Blog-Form:
    Für eine Zeitung zu spezifisch und zu dialogorintiert.
    Für Äusserungen bloss im persönlichen Gespräch jedoch viel zu schade.
    Sehr gut, wie Sie hier neben Ihrem eigentlichen Blog ein weiteres Themenfeld erschlossen haben.
    (Mit besten Grüssen Oliver Kyrieleis)

  23. Meinen vorigen...
    Meinen vorigen Kommentarversuch hats „derbretzelt“ (sagt man das so in Bayern?), und ich verleihe nochmals meiner Neugier Ausdruck, was es denn mit der im Text genannten „Brennsuppe“ auf sich hat. Auf der mir bekannten bürgerlichen Speisekarte habe ich ein solches Gericht nicht gefunden. Ich meine mich aber zu erinnern, dass es eine Redewendung gibt, die darauf Bezug nimmt, wenn jemand „auf der Brennsuppn dahergschwomma is“. Für Aufklärung wäre ich dankbar.
    Und wenn wir schon mal dabei sind: Ich stelle fest, dass ich es durchaus genieße, aus dem Rebellmarkt bekannte Topoi hier in etwas anderem Kontext (und in einer anderen Tonalität) präsentiert zu bekommen. Gerne weiter so und mehr davon! Ich darf an dieser Stelle auch die besten Empfehlungen meiner Gattin übermitteln, sie hat sich bei der Lektüre dieses Beitrags köstlich amüsiert.

  24. Ärgerlich, ich weiss, Mark....
    Ärgerlich, ich weiss, Mark. So sorry. Mir ist es auch gerade passiert.
    Die Brennsuppe ist die billigste aller Suppen und war früher das Frühstück der Armen: Mehl und Wasser. Auf der Brennsuppe dahergeschwommen ist eine starke Beleidigung für den Gegner mitsamt seiner Sippe, drückt es doch aus, dass dieser Clan sich hauptsächlich vom Billigsten ernähren muss und sozial keinesfalls akzeptabel ist.
    Ob es mehr davon gibt, hängt ganz von der gastgebenden FAZ ab, an mir soll es nicht mangeln, und Mittwochs habe ich… nun, wir werden sehen. Prinzipiell bin ich aber sehr zufrieden.

  25. Ergänzung, wenn ich darf...
    Ergänzung, wenn ich darf (damit ist auch der Name „-brenn“ wörtlich erklärt):
    Brennsuppe geht mit einer „Einbrenn'“.
    Eine Einbrenn‘ ist eine Mehlschwitze. Die geht so: In einer heißen Pfanne ohne Fett/Butterschmalz 2-3 Löffel Mehl anrösten, bis es bräunlich wird. Dann kann man es in die Wassersuppe streuen. Das macht die Suppe sämig und klumpenfrei. Wo der Luxus in armen Haushalten am Ausbrechen ist , tun sie noch Butter oder Butterschmalz in das angeröstete Mehl, bevor es in die Suppe/Soße gekippt wird.
    In Zeiten von Dr. Oet–er Soßenbinder kennen immer weniger Leute diese Technik (und ihren Namen), Mehl klumpenfrei in Flüssigkeiten einzurühren und die Konsistenz zu „binden“. Das kreolische Gericht „Gumbo“ geht original mit einer solchen Mehlschwitze. Vielleicht lernen wir es über’s interkulturelle Kochen wieder :-)

  26. Rainer: "Ach, was macht die...
    Rainer: „Ach, was macht die Altbesitzer besser als die Parvenüs? Wo doch der Besitz der Ersteren auf dem Dung gepflanzt wurde, der aus den Körpern der Leibeigenen, der Mägde und Knechte entstand, die zum Wohle der Besitzenden ein kurzes Leben lang Fronarbeit verrichteten.“
    In unserem Fall waren es solche und solche. Einem Bäckermeister wird man wenig vorwerfen können, einem Steuereintrieber vielleicht mehr, aber prinzipiell ist Besitz nicht zwingend Unterdrückung und Ausbeutung. Der Unterschied ist in meinen Augen, dass der Neukauf einen Willen zur Demonstration hat, den man bei altem Besitz nur zeigt, wenn es mal wieder zu viel mit der Legitimation wurde. Heute ist das sowieso alles anders – alle Leibeigenen sind in Ostasien, und der neue Ausbeuter kauft sich Elektrodreck für 0% Jahreszins beim Discounter. Dagegen ist das Leben im Biedermeier von bemerkenswertem Ausgleich.

  27. Vielen Dank für das viele...
    Vielen Dank für das viele Lob.
    Jakarta, das Problem ist nicht zu lösen. Wer das nicht als Kind so gelernt hat, dass er es gar nicht anders kann, wird immer Probleme haben, es zu praktizieren. Besonders, wenn er dieses Wissen nur bei Geschäftsessen hervorkramt und daheim die Nudeln aus dem Topf isst. Das ist wie mit Sprachen: Entweder man ist Muttersprachler, oder man wird ohne Übung immer ins Stocken geraten. Wie sich das dann in der kommenden generation auswirkt, ist absehbar.
    Lebemann, es gibt in München ein Auktionshaus, das nie zu erwähnen vergisst, dass seine Lose aus Adelshäusern und grossbürgerlichen Familien stammen – selbst wenn man weiss, dass dort der Antiquitätenhandel seine unverkäuflichen Historismusschinken und die Galerien ihre Leipziger Schulabfälle (ein Thema in einer der kommenden Ausgaben dieses Magazins für die bessere Gesellschaft) in die Märkte drücken. Fragt man nach, wissen die Angestellten aber immer eine schöne Geschichte wahlweise von einer aufgelösten Sammlung, einem grossen Erbe und der Erbschaftssteuer, oder gar „eine Familie, die keinesfalls genannt werden möchte“, zu berichten. Die wissen, wie das geht, und was das Publikum zum Heben der Karte bringt.

  28. @Rainer

    Altbesitzer haben, im...
    @Rainer
    Altbesitzer haben, im Gegensatz zu Parvenüs, öfter eine humanere Gesinnung, zumindest nach meinen bisherigen Erfahrungen. Mir ist im Arbeitsleben ausnahmslos von den ersteren mehr Verständnis und Freundlichkeit entgegengebracht worden, als von den letzteren.

  29. Zitat: "Ratzen, Kakerlaken und...
    Zitat: „Ratzen, Kakerlaken und Flöhe sind die alleinigen Gattungen, denen Ihre Familie nach dem Ende des Paläolithikums jagend nachstellte“ Herrlich! Herzerfrischend! Alleine der Ausdruck „Ratz“. Ein ebenso wenig gehörter, schöner alter Ausdruck wie „blümerant“.

  30. Besuchen Sie uns in Bayern,...
    Besuchen Sie uns in Bayern, dortselbst kennt man nichts anderes auf Dachböden, in Ställen und für die Umschreibung der Personen, die im Lager des politischen Gegners weilen.

  31. Revue "Sofern man sich bei...
    Revue „Sofern man sich bei dessen Zeugung nicht mit neuem Blut mischte, entstand die ungeeignet blaue Blutgruppe des Stadtadels. Mit dieser lässt sich aber der Lebensstandard hinter der Mauer nicht aufrecht erhalten.“
    Ganz so ist es auch nicht. Normalerweise landen die Kinder, wenn sie in der Stadt bleiben, bei der grossen Firma. Das Haus in der Stadt ist fast immer verkauft, weil sich keiner mit „da oidn Kalupm“ rumärgern will. In meinem Alter betreiben das die wenigsten; es ist eher ein Hobby von steuervermeidenden Herren von 50+ Jahren. Und wenn die alte Oberschicht heute betteln müsste, hätte auch keiner was davon. Manche, das ist richtig, wären ohne Familie aufgeschmissen. Aber auch damit kann man leben, wie ich Ihnen noch erzählen werde.
    Blackisback, wenn man an einem Ort lebt, an dem jeder der besseren Gesellschaft angehört, kommen automatisch auch alle Verbrecher, Ehebrecher, Gehörnten und Schlawiner aus der besseren Gesellschaft. Die Fernsehserie Derrick lebt von dieser Konstruktion. Und niemand würde schlecht angezogen aus Berlin hierherfahren, um sich im Angesicht der Berge zu ertränken. Die einen mit Schmuck vor grandioser Landschaft hier, die anderen tätowiert in der Spree. Am Ende sind wir zwar alle tot, aber am See ist man anders tot als in der Spree.

  32. Grad sche is!...
    Grad sche is!

  33. Marcus und Nörgler, meine...
    Marcus und Nörgler, meine normalen Blogs sind ein Stamperl Schwefelsäure, deren Beträufelung auf Nichtwollende den Umstehenden gefallen mag. Hier möchte ich eher langsam mit Blausäure im Tee vergiften, statt bis auf den Knochen zu ätzen, und dafür muss Zucker in den Tee :-)
    Und schlimmer als jeder Jurist sind Kinder. Kinder, die mit einem Biedermeier-Pastetenheber aus dünnem Silber versuchen, die Pastete mit aller Gewalt zu erstechen. (Ich sage jetzt nichts weiter)

  34. Meine Herren, meine Damen,...
    Meine Herren, meine Damen, machen wir uns doch nichts vor! Kaum jemand in den besseren und allerbesten Kreisen ist – im Gegensatz zu seinen Vorfahren übrigens – noch imstande, eine schmackhafte Brennsuppe zu kochen.
    Ist es denn unnötig?
    In Zeiten eines finanzmarktkrisenbestimmten Lochfraßes von Vermögensgütern ist dieses Talent, also die Zubereitung einer schmackhaften und sogar von den Vorfahren geachteten Brennsuppe, wertvoll. Ach, wie schnell geht es abwärts, wenn die teuer gekauften Ostimmobilien und der drumherum gestrickte geschlossene Fond zum unverhofften Zuschussgeschäft mutieren, und das dann ausgerechnet im ungünstigsten Moment?!?
    Ich könnte, Interesse vorausgesetzt, ein Rezept anbieten, wie man mit Zutaten im Wert von lediglich 68 Cent gleich drei Pfund vorzüglichen Brötchenteig zubereitet, mit Geling-Garantie und vorzüglicher Kruste!
    Meine Herren! Meine Damen! Solches zu wissen, ist immer nützlich.
    (das war schon immer so)

  35. lieber don alphonso,
    jetzt...

    lieber don alphonso,
    jetzt machen sie doch mal halblang.sie haben also kinder zu besuch, und es gibt pastete und dazu einen pastetenheber.
    wo ist das problem?
    ich sehe es beim gastgeber-so weit.
    in einem sprachtest gibt es diese aufgabe:
    kinder sollen verschiedene konsonanten in hauptwörtern richtigstellen,z.b
    teeich=teppich, kaffeetanne=?????einfach für sie,klar=kaffeekanne.
    wer ausser ihnen,leidenschaftlichen sammlern und einigen bewohnern von seniorenresidenzen mögen noch die gute alte kaffeekanne kennen?
    genau-ich.und folge gerne zusammen mit meinen drei kindern ihrer einladung.
    noch eine frage: ist ihr autor nur eine kunstfigur,oder auch ihr foto?
    neugierig,
    frauholle

  36. Herr Sarrazin, Sie sind...
    Herr Sarrazin, Sie sind erkannt! Wenn ich schlecht und billig leben will, frage ich meine Muttar nach dem gefürchteten Haferschleim, der Luxusvariante der Einbrennsuppe.
    Liebe Frau Holle, man sagt, dass ostentative Kinderfeindlichkeit das beste Mittel zur Förderung der Kommentare ist, schalten sich dann doch der Vatikan, die junge Union und der Verband der Muttertiere zusammen und machen den Blogger rund und fertig für den Eisprung. Dennoch, nicht mal die echten Bilder, die allesamt selbst geschossen sind, sind so echt wie meine Aversion gegen jede Form vin Nachwuchs.

  37. lieber don alphonso, sie haben...
    lieber don alphonso, sie haben mich erkannt:es sind und bleiben die hormone.
    aber trotzdem: wenn doch alle ihre nachkommen den namen „ruhm“ tragen-und sie den nachwuchs nichteinmal im sinne von darwin an sich rankommen lassen wollen-was ist dann in ihrer guten kinderstube falsch gelaufen?
    kann es denn sein, dass sich die besten rhetoriker einfach nur nachwuchslos ins grab legen, aber beteuern, sie hätten alles prächtig gemacht,hätten sie kinder
    gezeugt,gehabt,erzogen?
    sind sie sich im klaren,dass ihr rosenthalesemble ebenso geistlos einen flohmarkt erreicht, und sich andere menschen die federn anhaften zu dessen „billigen erwerb“ sie alleine angestiftet haben!
    auf keinen fall möchte ich klagen:). doch stelle ich fest-
    wer so begabt in die historienkiste greift- sichert noch lange nicht ein fortkommen.
    herzlich
    frau holle

  38. ich kanns nur in ein paar...
    ich kanns nur in ein paar worten sagen: im letzten hemd sind alle gleich…

  39. Dieser Blog ist total öde....
    Dieser Blog ist total öde. Ein paar Sensibelchen die Ihr Sozialprestige scheinbar aus alten Möbeln ziehen, tauschen sich am Schluss noch über Kochrezepte aus. Jeder Lastwagenfahrer hat eine bessere Grundlage für sein Prestige (falls nicht bekannt: Der erhöhte Sitz). Politisch korrekt muss alles sein mit kleinen Abweichungen wird angegeben. Wen interessiert heute noch ob die Leute über den Tischen liegen das tun die damals dagebliebenen Ossis doch alle. Ggf. tun das auch die Kunden.

  40. Frau Holle, alles ist ein...
    Frau Holle, alles ist ein Kreislauf und muss irgendwann zurück auf den Markt, aber vielleicht mache ich ja einen Stiftung für Libertinage und atypische Beziehungen. Das wäre dieser traurigen Zeit zuträglich, und wer weiss, vielleicht profitiert dadurch dereinst Ihre Enkeltochter, die ebenfalls keine Lust auf Reduplikation und folgenschweren Sex hat. Es gibt jedenfalls eine wunderbare Tradition sog. „most eligible bacherlors“, die das auch bis zum Tode bleiben und nichts, aber auch gar nichts bedauern. Nachdem ich den Autor auch nur zu genau kenne, wie er mich auch, kann ich nur festhalten, dass ihm jede Eignung zu diesem Behufe durchwegs fehlt, aber man muss es als Ausgleich sehen: Auch von der Gesellschaft ausgestossene Geschiedene brauchen jemand, der sie ins Konzert, zu Feiern und in den Baumarkt begleitet.

  41. Rita, ich kenne einen sehr...
    Rita, ich kenne einen sehr traurigen Friedhof in Berlin/Neukölln, wo alle Gräber ungepflegt sind und die meisten bald wegen ausbleibender Zahlungen verschwinden werden. Und ich kenne den Friedhof hier, wo man einmal im Jahr im Sonntagsgewand einen Tag am Grab ist und sich dort mit anderen über die Gräber hinweg über die Verstorbenen unterhält. Der Zustand des Todes mag gleich sein, aber die Art des Zustandes ist sehr unterschiedlich.
    Cropper, es heisst DAS Blog. DAS Web Logbuch, DAS Weblog, DAS Blog. Das, Nicht der. Und trotz Ihres sparsamen Umgangs mit Kommata möchte ich Ihnen mitteilen, dass Prestige viele Quellen hat – wir werden sie hier alle besprechen, die lächerlichen Anlässe genauso wie die besten Gründe. Tischsitten gehören definitiv zur zweiten Gattung, denn wer sie nicht praktiziert und einfach in sich reinfrisst, zeigt zweierlei: 1. hat er keine Achtung vor den Menschen, die sich Mühe gaben, das Essen zuzubereiten. 2. hat er keine Achtung vor seinem Gegenüber, der ein Anrecht darauf hat, opttisch und akustisch nicht belästigt zu werden. In diesem Benehmen kommt also nicht nur ein Mangel an Erziehung, sondern vor allem ein Mangel an Charakter zum Ausdruck. Es ist mir egal, ob so jemand zuhause aus dem Topf frisst, aber unter Menschen hat er sich so zu benehmen, dass seine Umgebung ihn nicht als Beeinträchtigung empfindet. Unsereins stellt sich schliesslich auch nicht hin und schubst sein iPhone runter oder mit was sonst solche Leute ihre Arroganz begründen.

  42. Mir dünkt, dass für Herrn...
    Mir dünkt, dass für Herrn Cropper Tischsitten sogar sehr achtenswert sind – hingegen verachtet er großartige Rezepte, und zwar rundweg. Außerdem fühlt er sich in unserem Kreis nicht wohl. Und überhaupt: Es ist ihm öde. Es spricht somit wenig dagegen, wenn wir ihn auf höfliche Weise, ja, zartfühlend bedauern.

  43. vielen Dank für das hier...
    vielen Dank für das hier höflich ausgesprochene zarte Bedauern. Leuten mit Problemen bei Artikel und Kommata sind wahrscheinlich noch mehr zu bedauern als Leute mit schlechten Tischsitten, jedenfalls in DAS Blog? War das jetzt richtig? Mein Scanner sagt nein.

  44. Ach Cropper, auch der Dativ...
    Ach Cropper, auch der Dativ von „das“ lautet „dem“, nicht nur der von „der“.

  45. stöhn, dem "letzten hemd" ist...
    stöhn, dem „letzten hemd“ ist nach seinem ableben der friedhof doch wohl völlig egal, lediglich die überlebenden haben damit probleme…
    tand, tand ist das gebilde von menschenhand, so sprach schon Fontane

  46. Jeder Erbschleicher wird das...
    Jeder Erbschleicher wird das gerne bestätigen und sich bereit erklären, anderen diese last abzunehmen.
    Soweit ich weiss, lebte auch Fontane nicht in einer Tonne.

  47. Der ? DAs Blog?, Die Blog...
    Der ? DAs Blog?, Die Blog wohl kaum; aber warum nicht. Lieber Don Alphonso, das Geschlecht (Genus) von Kunstwörtern zu entscheiden, ist knifflig. Eine Lösung ist, es autoritär zu entscheiden und die Andersgläubigen abzustrafen. Aber ich möchte dem sich nicht wehrenden Cropper zur Seite springen. Der Blog klingt auch nicht schlecht. Ein bißchen Hilfe bei der Entscheidung gibt vielleicht: was hat sich durchgesetzt, ähnliche Wortbildungen, Abstammung vom Lateinischen etc. Zum Trost für Cropper und andere Zweifler: häufig gibt es neben der Haupt- eine Nebenvariante.

  48. fontane musste immerhin den...
    fontane musste immerhin den sozialen abstieg des vaters (wg. spielschulden) verkraften, was ihm wohl nahelegte, sich mit der bürgerlichen gesellschaft seiner zeit kritisch auseinanderzusetzen.
    hier könnte nebenbei mal über die vorteile „gesicherter armut“ und das, was nachhaltiger luxus wäre, nachgedacht werden.

  49. Schoen dass man nicht Alles...
    Schoen dass man nicht Alles vormachen kann. Ich amuesiere mich immer wieder wenn das Moechtegern-Establishment und das Neureichtum bei unseren Parties, zu denen mit dem Hinweis „Black Tie“ eingeladen wurde, mit schwarzen Krawatten auftaucht, den Butler mit Vornamen oder „Herr“ Hayes anspricht, nicht weiss wie man nach dem Dinner korrekt den Port weiterreicht oder ins stottern geraet ueber die korrekte Ansprache von Sir Rocco Forte. Wie schoen zu beaobachten dass man mit Geld oder klugen Spruechen weder Stil, Bildung oder einen Stammbaum kaufen kann.

  50. Bourdieu hat gut...
    Bourdieu hat gut herausgearbeitet, was unter „gesellschaftlichem Schliff“ oder auch „habitus“ zu verstehen ist: man hat ihn oder man hat ihn nicht…
    Und wer ihn hat, benutzt ihn zu gerne als abgrenzungsinstrument gegenüber den möchtegerndazugehörenden… wer wäre man denn sonst?

  51. Im Kern nutzt jeder seine...
    Im Kern nutzt jeder seine Selbstdefinition als Abgrenzungsinstrument, und die Akzeptanz seiner Selbst zur Klassendefinition. Manchmal ostentativ wie bei den Rappern, manchmal unmehrkbar wie bei den Laien der Mariannischen Kongregation. Das Besondere an unseren Zeiten ist, dass Bürgertum als vergleichsweise grosse Gruppe kein übergreifendes Moralsystem hat; nachdem ich „die alte Zeit“ als Kind einer konservativen Region noch kenne, sehe ich heute eine Welt, in der multipolare Interessencluster dominieren. Irgendwann in den späteren 80ern, frühen 90erh hat sich etwas verändert, weshalb heute die reine Teilung in Bürger gegen den Rest nicht mehr funktioniert. Statt dessen sehen wir Klassenkampf von oben, Warlords und Verflachungstendenzen ehemals wichtiger Bereiche – ich sage nur Küche. je mehr man darüber nachdemkt, desto komplexer wird es.

  52. der mauerfall hatte der...
    der mauerfall hatte der globalisierung einlass geboten. damit war schluss mit dem lustigen geschützten leben der ober- und mittelschicht in der schneekugel unter den fittichen vom dicken kohl.
    warum aber küche? die küche ist das zentrum der physischen reproduktion und damit etwas wesentliches… um komplexität auszudrücken wohl OK, nicht aber, um verflachung zu brandmarken.

  53. Das Bürgertum geht in...
    Das Bürgertum geht in Deckung, hat Angst, eine offene Flanke zu bieten, sich angreifbar zu machen. Man will nicht als neoliberal, konservativ, zu wenig grün
    verschrieen werden. Der Begriff „Leitkultur“ ist suspekt. Entsprechend vorsichtig laviert auch unsere Politik: im Umgang mit Piraten, Drogenanbau, Terroristenabwehr etc. Wir sind dann überrascht, wenn unsere Nachbarn – Frankreich, England – entschiedener Position beziehen. Allerdings haben sie auch eine andere Vergangenheit.
    Für uns spielt der Zeitpunkt der Wiedervereinigung auch hinein, auf komplizierte Art und Weise.

  54. Die Küche ist heute doch...
    Die Küche ist heute doch längst der Hort der Mikrowelle geworden, der Fertiggerichte und des schnellen Essens runter vom billigen Teller. Das ist ein Paradigmenwechsel, weil mit dem Verlust des Könnens Kinder nachfolgen, die absolut keine Tradition mehr haben. Man kann vieles an Kohl und dem Ende des Ost-west-Konflikts festmachen, aber die Probleme sind meines Erachtens umfassend und nicht mehr zu bewältigen. Das Bürgertum wie es war stirbt aus. Im prinzip finde ich es aber gar nicht schlecht, dass der Staat die Abrissbirne – wie etwa im Vereinigten Königreich – beiseite lässt.

  55. so what?...
    so what?

  56. Dieser Beitrag ist nicht ganz...
    Dieser Beitrag ist nicht ganz uninteressant, gerade für jemanden, der in der DDR geboren wurde, aber den bewußten Teil seines Lebens im wiedervereinten Deutschland verbracht hat, dabei Abkömmling einer reichen Industriellenfamilie ist. Da fällt auf, daß selbst nach Kriegszerstörungen, Plünderungen der Sowjets und der Deutschen, Enteignungen, eiligen Besitztransfers zu nach Westdeutschland geflüchteten Verwandten in den Fünfzigern sowie Verkäufen (und Schenkungen) wegen Platzmangels noch viel übrig geblieben ist, was in einer bayrischen Kleinstadt offensichtlich bereits alten Standesdünkel begründen würde, seien es Biedermeier- und andere alte Möbel, eine nicht unbeträchtliche Sammlung an Büchern, die vor dem ersten Weltkrieg gedruckt wurden, sowie Meißner Porzellan und – für mich selbstverständlich – der Flügel im Wohnzimmer, an dem ich wie mein Großvater Schubert-Sonaten spiele (auch das ein Thema, das bei Gelegenheit berücksichtigt werden sollte: In einen richtigen Haushalt gehört doch wohl mindestens ein Piano!).
    Wenn man möchte, kann man daraus schlußfolgern, wie es denn mit der eingesessenen Oberschicht einer Don Alphonso-Figur in einer bayrischen Kleinstadt aussah, davon ausgehend, daß in der Relation weit mehr übriggeblieben sein dürfte: Nun, aus der Perspektive einer lange vergessenen Zeit vor ca. 100 Jahren war es dort wohl eher ärmlich! Verwunderlich ist es nicht, wenn man sich nicht, wie diese Figur und die von ihr repräsentierte Gesellschaftsschicht, geschichtsvergessen zeigt, war doch zu jener Zeit Bayern das Armenhaus Deutschlands und ist nur durch die Tatsachen nach oben gelangt, daß das Ruhrgebiet wirtschaftlichen Ausgleich schuf und daß vormals reiche Landstriche unter der Herrschaft der Sowjets zu bluten hatten; so daß ebenjene Gegenden, wenn man möchte, die Hauptlast der deutschen Kriegsschuld zu zahlen hatten und noch heute zu tragen haben, zugunsten der Kriegsgewinnler wie Bayern. Man betrachte die erhaltene bürgerliche Architektur der „Gründerzeit“ in Berlin, Leipzig oder Dresden und vergleiche sie mit derselben in Nürnberg, München oder Frankfurt, und es erschließt sich, wo der alte bürgerliche Reichtum war und wo die alten Parvenüs sich heute mit fraglichem Recht und sehr verkürzter Geschichte gegenüber den neuen aufplustern.
    Nicht, daß ich damit die sozialen wie intellektuellen Zustände im heutigen Ostdeutschland beschönigen wollte, mir ist bewußt, daß ich zu sehr wenigen gehöre, nur das historisch blinde Bild der Don Alphonsos mißfällt mir doch. Nebenbei ist noch zu bemerken, daß man wohl kaum davon ausgehen kann, daß gerade und ausgerechnet in der „rustikalen“ bayrischen Provinz bessere Eßmanieren herrschen sollten (erst recht, wenn man mehr als 20 Jahre zurückginge) als in anderen ländlichen Gegenden – das ist wirklich nur noch albern!

  57. "Verwunderlich ist es nicht,...
    „Verwunderlich ist es nicht, wenn man sich nicht, wie diese Figur und die von ihr repräsentierte Gesellschaftsschicht, geschichtsvergessen zeigt, war doch zu jener Zeit Bayern das Armenhaus Deutschlands und ist nur durch die Tatsachen nach oben gelangt, daß das Ruhrgebiet wirtschaftlichen Ausgleich schuf“
    Na na. Ah geh. Die Stadt, aus der ich komme, war kein Kuhkaff und auch keine Kleinstadt, sondern eine der wichtigsten Städte des Landes, mit reichlich früher Schwerindustrie und im Kern recht ordentlichem Wohlstand, und der Tennisplatz lag gleich hinter dem Nachbarscollegium. Ganz sicher kein zurückgebliebenes Armenhaus. Dito der familiäre Bestand, es gibt nicht viele Menschen in diesem Land, die ein mariannisches Collegium ihr eigen nennen. Ich kann bei Bedarf auch mal die Biedermeier-Ranftgläser und Sektkelche der Familie herzeigen, oder die nicht kleine Geldtruhe, oder die Dienstbotenzimmer, und dass hier nichts von Tasteninstrumenten steht, hat nichts damit zu tun, dass meine Eltern es bei mir nicht versucht hätten.
    Generell jedoch bin ich der Ansicht, dass sich der Parvenü vor allem durch Ahnungslosigkeit auszeichnet und sich dergestalt zum Trottel macht, gewisse Regionen zu diskreditieren und darüber zu vergessen, dass Hauptmanns Weber nicht in Oberbayern zu verorten waren, und die Arbeitsbedingungen in den Kohlegruben des Ruhrpots auch noch was anderes als Reichtum hinterliessen. Es war bei uns halt die gute alte Zeit der Privatiers. Man hat gearbeitet, man hat verdient, man hat sich zur Ruh gesetzt. Nichts grandioses. Aber uns hat´s gelangt. Bei uns wollte keiner a General links zwo drei vier fünf mit Kriegsschuld wern, Rest siehe Kreisler.

  58. Nun, um welche Stadt es sich...
    Nun, um welche Stadt es sich bei Don Alphonso handelt, habe ich nicht recherchiert; sicherlich gab es überall Familien, die einen gewissen Wohlstand angehäuft haben. Dennoch war in der Gesamtschau Bayern durchaus nicht Zentrum des Wohlstands, auch wenn man das gern so darstellen möchte, weil es heute so ist. Es geht eben in der Geschichte auf und ab, vorhersehen kann man das kaum, lenken auch eher wenig; man sollte nur nicht ganz vergessen, daß es eben auch manchmal abwärts geht. Die Krisen, mit denen zu rechnen ist, werden zwar nicht das Ausmaß und die Geschwindigkeit dessen erreichen, was die Weltkriege anrichteten, aber es wird kommen und gehen; so daß eines Tages die Nachkommen der Neureichen von heute sich an die familiäre Vergangenheit klammern werden und sich über die Parvenüs erregen (sofern ihnen dieses Wort dann noch bekannt ist).
    Im Übrigen hat man auch in Preußen und Sachsen gearbeitet und verdient, sich zur Ruhe gesetzt, ohne daß jeder nach Krieg geschrien hätte; da sollte man keinen Unterschied machen. (Und warum war die „Hauptstadt der Bewegung“ einer solchen Theorie nach dann nicht in Berlin, sondern eher im Süden Deutschlands zu finden?) Die Kriegsschuld betrifft sicherlich keine einzelne Region (und nimmt keine einzelne Region aus), die Lasten hat der Lauf der Geschichte eben verschieden verteilt. Ich will auch nicht „ungerecht“ sagen, weil Geschichte sich nach solchen Kategorien richtet.
    P.S.: Das mit den Tasteninstrumenten war auch nur eine allgemeine Anregung (die musische Bildung des Bürgertums betreffend), keine Kritik am vorliegenden Text. Sektkelche und verwandte Dinge sind übrigens auch noch vorhanden (trotz aller Umstände) – aber darauf kommt es eben nicht allein an.

Kommentare sind deaktiviert.