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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Aufgeklärte Verachtung für katholischen Popanz

| 43 Lesermeinungen

Wir sind unterwegs nach Rom, und, wie es sich für distanzierte Beobachter gehört, sind wir auch in der Lage, die Niedrungen der kirchlichen Propaganda zu würdigen: All das, was in unseren Augen die finstere Zeit der Barock so schlimm und anders macht,als das lichtdurchflutete Idyll von Weisheit und Aufklärung, deren Teil wir als Reporter natürlich auch sind, betrachten wir kritisch und setzen es in Relation zu unseren himmelfern weiterentwickelten Epochen wahren Glücks und Fortschritts.

Glaube, um zu verstehen, und verstehe, um zu glauben!
Augustinus von Hippo

[von Don Alphonso] Endlich! Sonne! Schönes Wetter! Es funkelt der Schnee noch auf den Bergen, aber unten am See ist Frühling, die alten Tanten lächeln und freuen sich auf das nächste Lifting der winterschlaffen Haut, die Bräunungscreme ist ein nachgefragter Artikel, die Schwäne weisseln und die Blässhühner schiessen auf den Grund des Sees.

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Nicht anders werden auch wir, die Romreisenden, hinabgehen in die dunkelgrünen und schlammigen Urgründe des Untersuchungsgegenstandes, denn natürlich verbleiben wir nicht am Tegernsee, sondern begeben uns in einen wahren Abgrund des katholischen Aberglaubens und lassen ihm alle gebührende Verachtung des aufgeklärten 21. Jahrhunderts zuteil werden. Nach einer kurzen Fahrt über den Achenpass erreichen wir auch schon das österreichische Inntal, und dortselbst die Karlskirche von Volders.

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Auch Volders ist so eine barocke Sahneschnitte, direkt an der Autobahn nach Innsbruck gelegen, und tut in weiss und rosa mit vielen Kuppeln und Schnörkeln sehr unschuldig. Heiteres Barock, könnte man sagen, wüsste man nicht um die Geschichte dieses Baus: Ein Bollwerk der Gegenreformation auch sie, denn errichtet wurde sie auf eigene Kosten vom eifrigsten Verfechter der katholischen Sache im Inntal zu Zeiten des 30-jährigen Krieges: Hippolytus Guarinonius. Arzt, Gelehrter, Jesuit, Protestantenjäger, Antisemit. Niemand, den man heute noch als sozialverträglich einstufen würde. Die Kirche selbst ist einem anderen Extremisten geweiht: Dem Mailänder Erzbischof, Inquisitor, Hexenverbrenner, Gegenreformator und Pestheiligen Carlo Borromeo. Beide waren schon zu ihrer Zeit auch unter Katholiken nicht unumstritten, beide hatten ein Sendungsbewusstsein, das man heute, in aufgeklärten Zeiten, vermutlich mit dem Strafgesetzbuch kurieren würde. Das alles aber sieht man diesem Barockjuwel weder von innen noch aussen an.

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Innen nämlich wird der Aberglaube simpler Menschen aufs Schönste gefördert. So wie mit diesem Bild des Carlo Borromeo, der sich in der schlimmsten Pestzeit in verseuchte Gebiete wagt, in denen es für die Menschen keine Hoffnung mehr gibt, und mit Messen und Hostien den Menschen Rettung vor dem unabänderlichen Tod bringt, auch wenn sein Gefolge sich entsetzt die Nase zuhält. Darüber können wir natürlich nur lachen, in unserer eigenen Krisenzeit, denn wir haben keinen Aberglauben. Wir haben wissenschaftlich begründetes Vertrauen, vom Applaus der Medien überzeugt, wir glauben lieber den Wirtschaftsweisen und der Bundeskanzlerin, die in die von der Absatzpest betroffene Opelregion reist und dort den Betroffenen in schwefelgelben Hemden die Hand zur Rettung reicht, egal wie wenig manche unverbesserliche Ungläubige bereit sind, an die segensbringenden Kräfte der sozialen Marktwirtschaft zu glauben.

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Oder nehmen wir nur dieses Beispiel von Verniedlichung des Treibens des Katholizismus: Auf der Welt wurde gehasst und gefoltert, gebrannt und vertrieben, aber in der Kuppel von Volders findet man lichte Engerl, die einfach das Böse in seinen mannigfaltigen Erscheinungsformen in den Abgrund hinabstoßen, während darüber, nach erfolgreicher Schlacht, die Heiligen jubilieren. Da kann man sich nur schütteln in Zeiten wie den unseren, die problemlos mit diesen Subprimepapieren und anderem Giftmüll fertig werden, die man aus den Tempeln der Banken hinausschiebt zum Steuerzahler, auf dass in den Kuppeln der Türmen wieder frohlockt und mit schwarzer Tinte das Hosianna der Eigenkapitalrendite geschrieben wird. Und keiner muss natürlich darüber nachdenken, wie es überhaupt zu diesem Übel kommen konnte – ist halt passiert. Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen, sagt man in Bayern.

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Im Eingangsbereich dann wirklich allerfinsterster Wunderglauben für die ganz Blöden: Der Stein des Gehorsams. Diesen armen, unaufgeklärten Würsten des 17. Jahrhunderts erzählte man die Legende, dass beim Bau der Kirche sich ein Brocken oberhalb des Weges beinahe gelöst und die Arbeiter darunter zerschmettert hätte, Hippolytus Guarinonius dagegen habe dem Stein im Namen des Herrn befohlen, stehenzubleiben – was dieser auch prompt tat. Später brachte man ihn in die Kirche, um den dummen Inntaler Bauern ohne Bildung zu erzählen, dass ein paar richtige Worte ausreichen, um eine Katastrophe zu verhindern. Und die glaubten das auch noch. Schwarze, schärzeste Zeiten, da man nur Phrasen und Worten solche Bedeutung zumass.

Wir setzen uns in den Sportwagen, schalten das Radio ein und vernehmen in den Nachrichten, dass nach Ansicht von allen Analysten und nach Meinung der in London zusammenkommenden Regierungschefs der G20 die Krise gemeinsam und erfolgreich gemeistert wird, dass die vereinte Kraft aller Nationen uns wieder zu Wohlstand und Wachstum führt, und mitnichten irgendwo ein System in sich zusammenstürzt und alles zerschlägt, was darunter ist, Arbeitsplätze, Firmen, Menschen, Schicksale, ganze Länder. Finden wir super! Und mit einem letzten, mitleidigen Blick auf die glücklicherweise längst ineffektiv gewordene Propaganda für zurückgebliebene Idioten fahren wir Aufgeklärten über den Brenner, nach Italien, wo mit Berlusconi der schönste Beweis für die Aufklärung von Politik und Gesellschaft des 21. Jahrhunderts und laut seiner Fernsehsender zum Besten des Landes an der Macht ist.

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43 Lesermeinungen

  1. Hä hä, dem ist ja nicht viel...
    Hä hä, dem ist ja nicht viel mehr beizustellen. Den Stein – passend in Schwarz – hätte manch Volksvertreter heute auch wieder gerne zurück! Berührt den Stein, glaubt an den Stein (egal ob meyer oder brück) er bringt Dein Glück zurück!
    Vielleicht sollte im Taumel der Ereignisse die SPD sich umfirmieren zur Stein Partei Deutschlands, wir machen sie alle Steinreich

  2. Vielleicht sollte man sich...
    Vielleicht sollte man sich Italien zum Vorbild nehmen.
    Einer der Aldi-Brüder sollte Bundeskanzler werden und der andere (wir sind ja Demokraten) könnte das ZDF und die Privaten übernehmen.
    Deutschland hätte die (zweit)schönsten Mädchen und man bräuchte nur noch zwei Bundesländer – ALDI-Nord und ALDI-Süd.
    Würde mir gefallen…

  3. Hosiannah, werter Don...
    Hosiannah, werter Don Alphonso! Die Analogien von heute zu damals und zurück sind trefflichst aufgepickst! Was den Menschen früher das Krötenbein bei Vollmond auf geweihtem Gottesacker, sind ihnen heute die so genannten homöopathischen ‚Kügelchen‘. Was ihnen früher der Alchemist, welcher Schweinemist zu blitzendem Edelmetall zu transformieren versprach, ist ihnen heute der Bankberater und Steuersparmodellverkäufer. Und was ihnen früher die fahrende Kartenleserin (oder für die Gebildeten der Kepler), ist ihnen heute der TV-affine Experte mit Sprechblasenattitüde, gern auch mal im Politikergewande daher kommend. Geglaubt nämlich wird immer – als Zustand des abwesenden Wissens…

  4. Dem ist nichts hinzuzufügen....
    Dem ist nichts hinzuzufügen. Danke- Obwohl das mit dem Stein wäre vielleicht zu schaffen.

  5. Die Iren (mehr papstkatholisch...
    Die Iren (mehr papstkatholisch als je ein Bayer sein wird ) haben sich sogar noch ihre alten Zweitaberglauben bis heute bewahrt, die heidnischen Ursprungs sind. Sie bringen es fertig, bei jeder Kirche/Plastikmadonnafigur ein Kreuzzeichen zu schlagen, aber gehen genauso hin zu heidnischen Orten, darunter ebenfalls Berührsteine (aber sehr unkatholische) und bringen Opfergaben dar: Gegen Ihre Arthritis, für einen guten Geschäftsabschluss, das sie den Mann kriegen, für oder gegen alles. Da liegen Schmuckstücke drin, Uhren, Püppchen, unglaublich.
    Der Aberglaube, Steine zu berühren ist viel älter als das Katholische. Wie man es von Weihnachten und Ostern eh weiß, haben sich heidnisches Gedankengut (Licht, Tag- und Nachtgleiche/Wende, mehr Fruchtbarkeit) unter katholischem Prunk bestens vermählt. Diese Unbefangenheit ist erstaunlich, wurden doch auf der Gegenseite viele wegen Ketzerei gejagt und getötet, die sich eben gerade nicht mit albernem Aberglauben, sondern um den christlichen Glaubenskern Gedanken machten, dummerweise öffentlich… Merke: Heidnischer Aberglaube ist harmlos, wird spielerisch reinvermanscht – echtes (oder eiferndes) Bemühen um DEN Glaubenskern aber ist und war hochgefährlich. So war die Kirche schon immer, ein echter Mainstream-Konzern.

  6. Aufklärung muß jeden Tag neu...
    Aufklärung muß jeden Tag neu erstritten, erarbeitet werden. Doch gibt es irgendjemand der die Krise rational betrachten kann? Im Sinne von wissenschaftlich?
    Mir scheint, als sei alles was ich bislang dazu gelesen habe lediglich Ausdruck der Innersten Verfassung und des Wertekanons der betreffenden Person.
    Ich z. B. bin für das absolute Nichtstun, den Bankenkollaps geschehen zulassen, da ich fest daran GLAUBE, daß sich im Nu wieder Banken bilden. Eben nur andere. Und das Geld vernichtet wird, das passiert ja sowieso. Schnell sieht man, daß dies eben viel mehr mit Weltbild, mit gedanken von Schuld und Sühne, als mit Rationalität zusammenhängt. Leider scheinen alle Professoren & Weisen auch nicht schlauer.
    Dennoch: Da es scheinbar nur Gefühltes aber wenig Gewußtes, viel Grundsätzliches aber wenig Spezifisches in dieser Krise zu geben scheint: Die Politik ist genau dafür da. Sie tun, wofür wir sie gewählt haben, so und nicht anders. Werteentscheidungen eben, im doppelten Sinn-

  7. Die Umstände der Errichtung...
    Die Umstände der Errichtung so mancher schöner Gebäude sind gewiss nicht immer rosarot wie die Fassaden des Barock. Auch z.B. Sacré Coeur in Paris des 19. Jrht. ruht auf den Knochen der Kommunarden. Uebriggeblieben ist heute allerdings nur die architektonische Qualität der barocken Ensemble, die mit ihrem Gegensatz zur Scheusslichkeit der Architektur des 20. Jahrhunderts alles andere (den Kontext ihrer Errichtung) vergessen lässt.

  8. Na also. Jetzt hat's mit den...
    Na also. Jetzt hat’s mit den alten Gemäuern und dem Zeitbezug ja doch geklappt.
    Geht doch. Der Herr – äh, der Don – muss nur wollen.
    … übrigens: Axel, nicht Alex – Danke!

  9. Vonwegen Aberglauben ,Don...
    Vonwegen Aberglauben ,Don Alphonso ! Psychologie ist das Wichtigste ! Das wußte man eben damals schon (übrgiens -weil der Angriff ja vehement gegen die Katholiken geht- das wußte man in allen Religionen und zu allen Zeiten) ! Und daß die heutige Wirtschaftskrise – nicht die Finanzkrise,die wurde natürlich gemacht- zum Teil auf mangelnde Psychologie zurückzuführen ist ,das weiß man doch jetzt auch.Jetzt,wo man kaufen müßte und die Nachfrage am Leben halten müßte,klammert sich jeder an seinen Beutel. Also : Etwas mehr Glauben ,bitte – und wenn es nur Aberglauben wäre.

  10. Naja… Kirche bauen ist wie...
    Naja… Kirche bauen ist wie Blog schreiben. Irgendwann fängt man an sich ’ne PR-Geschichte zusammenzureimen, damit genügend Leute kommen, um was in den Klingelbeutel zu schmeissen. Kirche ist nun mal der ideale Ort für Auslegungen der naheliegendsten Art. Allerdings wurde der letzte Groschen auch damals schon im Wirtshaus versoffen…

  11. Dies ist keine Wallfahrt, wie...
    Dies ist keine Wallfahrt, wie früher solche nach Kandelberg. Kein pralles Leben, keine Gruppenprozesse. Nur Steine werden besprochen. Dabei ist es doch ziemlich eng in so einer Barchetta. Hat Sie schon Reissaus genommen ?

  12. Bitte etwas mehr Verständnis...
    Bitte etwas mehr Verständnis für den Cavaliere, ist er doch schließlich die fleischgewordene säkuläre Erfüllung des alten Katholikentraums vom Scheitern der Aufklärung.

  13. Verehrter Don Alfonso !
    Welch...

    Verehrter Don Alfonso !
    Welch wundervolle Erinnerungen habe ich als ehemaliger Ministrant an die Düfte aus dem Weihrauchschwenker. Opium fürs Volk … zieht sich in Form von Riten und Bildern durch die Jahrtausende zum Zwecke der Machtgewinnung oder -Erhaltung.
    Als Bischöfe in Ostungarn versuchten eine Universität zu gründen und sich damit andeutete, daß sich in den entfernten Kleinstädten des Barock am Rand des Tellers der Geist der Modere einnisten könnte, verbot Maria Theresia „den intellektuellen Angriff“. Damals kämpften Bischöfe mit Aufklärung um die Macht und wurden erfolgreich durch Geld für mehr Deckengemälde besiegt. Bei der Einführung des Privatfernsehens wählte das sogenannte Establishment im Kampf um den Machterhalt die intravenöse Bannalisierung des Feierabends und … war erfolgreich. Die Zukunft wird uns mehr Bilder mit weniger Inhalt bringen. No doubt ! The Dome – als Religigone ! Freie unmanpulierte Gedanken nur noch möglich mit Tinnitus und Schlafhaube !

  14. Zwar ist die Zeit, in der man...
    Zwar ist die Zeit, in der man mit Katholikendresche noch reüssieren konnte, selbst in den Medien weitgehend vorbei. Aber ein paar Texter können sich eben vom 20. Jh. nicht lösen – war ja auch ihre beste Zeit. Brecht nannte so ein Alfonsgenöle die „Tapferkeit vor den Wehrlosen“ – und verachtete solches Gratisheldentum.

  15. Woolloomooloo, diese...
    Woolloomooloo, diese italienische Form der Mediendemokratie haben wir schon – das „Kaffeekränzchen“ unserer Vorstände der Medienkonzerne Mohn und Springer sowie des Bundeskanzleramts. Da brauchen wir gar kein ALDI und haben keinen Nord-Süd-Konflikt.

  16. Reiset in Frieden! Das schoene...
    Reiset in Frieden! Das schoene am eigentlichen Besitz ist ja seine Immobilitaet. Wir waere es denn, wenn wir (nur) die Bankentuerme enteigneten und saftige Mieten und Mautgebuehren einkassierten? Besser als jeder Credit Default Swap! Oder: Wie wuerden die Banker addieren, muessten sie ihre Geschaefte unter Tage betreiben? Machen wirs wie in dieser Pariser Bibliothek: Buecher und Geld in die oberen Stockwerke, Forscher und Banker unter die Wasserlinie!
    Don Alphonso auf dem Bittgang nach Rom? Moege er Einkehr halten auf dem Weg nach Sankt Jakob! Der Rest der Gesellschaft kann ja weiter Opels montieren, die keiner braucht.
    P.S. Die Moslems sind ohne Grossbanken an der Krise ganz gut vorbeigekommen. Sind eben eingefleischte Pilger.

  17. Servus, Don. Und ts, ts! Um...
    Servus, Don. Und ts, ts! Um des billigen Effekts willen trittst Du alle Weisheit mit Füßen, die Deine früheren Ergüsse auszeichnete. Zum Beispiel die eiserne Regel aller Historiker und Philosophen, dass Geschichte stets vor dem Hintergrund ihrer Zeit zu betrachten ist. Warum schmeißt Du Deine kürzlich so liebevoll geherzten Putti (von einem fernen Vorbesitzer eh aus einer Kirche gestohlen) nicht auf den Müll? Schließlich entstammen sie genau dem Geist, den Du heute sportlich zu geißeln geruhst: einem tiefen, innigen Glauben, der auch die großen Kathedralen der Welt erbaut hat — mit Methoden, an denen heutige Architekten sich sämtliche Jacketkronen und Kräne ausbeißen würden. Ein Großteil der Bücher in Deiner so gerne geschilderten Bibliothek wäre ohne Christentum nie geschrieben worden, und vermutlich wären viele unserer Vorfahren ohne die Kirche Analphabeten geblieben.
    Vatikan- und Papst-Bashing sind nicht zum erstenmal in, aber es ist unter Deiner Würde, hier den willfährigen Populisten zu geben. Mal im BWL-Jargon ergründet: Eine Firma, die trotz so vieler Mörder, Gangster, Hurenböcke, Nepotisten im Management 2000 Jahre unbeschadet überlebt hat … die muss doch eine konkurrenzlose Substanz und USP haben, oder?
    Und über die Inquisition gibt es mittlerweile Bücher von etablierten Historikern, die diese Zeit ganz anders sehen, bislang unwidersprochen — es sei denn, Du bist auch hier im Besitz der zeitgemäß angepassten Wahrheit.
    Hasta la vista!

  18. Protest.
    Na das ist ja zur...

    Protest.
    Na das ist ja zur Zeit die Mode: alten und neuen Glauben einander gegenüber zu stellen. So hübsch es sich macht: es ist grottenfalsch.
    Der Unterschied ist so schwer nicht. Religion wird verkündet (nur von oben). Um Wirtschaft wird gestritten und sich bemüht (auch von unten).
    Zwar bemüht sich der moderne Religiöse auch um etwas, nämlich um eine ihm passende, möglichst wenig anstössig erscheinende Auswahl der Glaubenssätze und auch jeder andere um eine andere ihm besser passende, aber die werden immer noch verkündet von heiligen Büchern und anderen mit Heiligenschein.
    Es war durchaus angenehm zu sehen, daß der Hausherr des Blogs, sich zwar auf der richtigen Seite der wirtschaftlich Irrenden wähnt, aber ein glückbringendes Rezept für Alle zu haben, nicht vorgibt. Was im Klartext heisst: jeder Beteiligte möge das eigene Hirnschmalz, vor anderen Dingen wenns geht, investieren.
    Die Welt hat schon etliche verschiedene Marktgesetze gesehen und, ob es uns passt oder nicht, auch wir haben unsere nicht mit den Steinen aller Weisen aufgebaut. Manager werden abgesägt und gerade heute werden Klimmzüge gemacht, die vor kurzem noch Phantastereien waren. So sieht menschliches Bemühen aus.
    Zwar wird man etlichen Schlaumeiern hier draussen geduldig erklären müssen, wieso sie trotz ihres heilbringenden Wissens nicht nach London eingeladen wurden, aber so sieht menschliches Bemühen aus: drinnen Arbeit, draussen die Geräusche.
    Arbeit und Bemühen mit religiösem Ausstieg in eine andere Welt zusammen in einen Sack zu stecken, dagegen muss man protestieren. Gnadenlos. Egal was man vom einen und vom anderen hält.

  19. Und offensichtlich...
    Und offensichtlich unausrottbar. Die Widersprüche sind auch nicht weniger geworden. Es wird trotz Aufklärung immer noch fröhlich gemordet und gefoltert. Der Apfel im Paradies hat eben nicht geholfen. Die Erkenntnisse seitdem sind gering. Und wir brauchen nicht zu den Iren gehen, Auch bei uns glauben Leute an ihr Sternzeichen, lesen Horoskope. Neulich habe ich einen ausgebildeten Mediziner und Betriebswirt getroffen. Der wusste, das er niemals krank würde. Das hat ihm seine Seherin gesagt.
    Er lebt inzwischen von Hartz 4, Seine Zahnarztpraxis ist pleite, Ob die Seherin das auch vorausgesehen hat weiß ich nicht. Aber sie hat dabei geholfen

  20. Glauben, das ist ein schönes...
    Glauben, das ist ein schönes Thema. Man muss nur ganz fest daran glauben, dann wird ein untermotorisierter Fronttriebler auch zum Sportwagen. ;-)

  21. @Gratishelden: Vielleicht...
    @Gratishelden: Vielleicht hülfe es ja auch, statt nur der Überschrift den ganzen Text zu lesen. Vielleicht sollten sie das mal in aller Ruhe und Gelassenheit machen und sich dann nochmals überlegen, auf wen hier eingedroschen wird. Und damit’s nicht allzu schwer wird noch ein Hinweis: Vielleicht vorher die Bedeutung des Wörtchens „Ironie“ nachschlagen.

  22. Der Deutsche kommt vom Geiste...
    Der Deutsche kommt vom Geiste her
    Ein schweres Thema all zu leicht abgehandelt. Auch wenn es hipp scheint, dem Benedikt den barocken Rauschgoldengel abzunehmen und ihn dementsprechend zu verhöhnen, so ist das genau eine der Rollen, die er spielt. Mit Bravour. Und sie gefällt ihm. Er gefällt sich darin. Er ist durch und durch ein Jesuit. Er beherrscht sogar die Dialektik des Klassengegners. Er lässt die Piusgesellschaft den Part des orthodoxen Glaubenskrieger spielen – dazu hat er sie heim ins himmlische Reich geholt –, während er die Rolle des modernen, um nicht zu sagen postmodernen Theologen spielt, mit starken theoretischen, gar wissenschaftlichen Attitüden. Dabei polarisiert er nur bis zu einem gewissen Punkt (er prüft den Gegner, er schmeckt ihn sozusagen, andere lässt er dann kämpfen, für sich und gegen sich), dann spielt er den Harmlosen, den gütigen Vater, den missverstandenen, wenn nicht gar noch einmal den geprügelten Stellvertreter Gottes auf Erden, qua den wiedergeborenen Sohn Gottes, den eigentlichen. Seine Weltanschauung passt in diese weltanschauungslose Welt. Die Religion, so wie er sie vorgibt, kann sich jeder ausmalen wie er will, die Hauptsache abrahamitisch sei sie (und wem das nicht gefällt, für die gibt es die Piusbrüder). Selbst dem Islam bietet er die Annäherung an, nachdem er ihn „probierte“. Er spielt den Dalai Lama des Westens. Gleichzeitig aber organisiert er die gesamte Reaktion um die katholische Kirche, die politische Reaktion. Denn das ist seine eigentliche Rolle. Die Medicis könnten diesbezüglich sein Vorbild sein. Nur ist er nicht der Hohepriester der Renaissance, sondern des Barock. Die Macht liegt schwer, nicht leicht in seiner Hand. Und er ist auch ein deutscher Papst, voll in deutschem Solde. – Daher auch ein Recht der deutschen Kanzlerin auf Kritik seiner Heiligkeit. „Wir sind Papst“, war keine euphorische Überhöhung, sondern voll realistisches Gefühl deutscher Massen. Nationalistischer Massen. Mit ihm probieren die Deutschen ihr „Come Back“ auf höheren Stufen, auf höchsten gar, wenn auch zunächst noch dialektisch und solchermaßen hegelisch-transzendental gewendet auf außerpolitischen Sphären. Der Deutsche kommt vom Geiste her. Warum mal nicht vom Höchsten.

  23. "Wie gerne wär ich mitgewallt...
    „Wie gerne wär ich mitgewallt – ihr Pfarr wollt mich nicht haben; so muss ich seitwärts durch das Tal als räudig Schäflein traben“. Nun, Euer Liebden, während Ihr mit hoffentlich fescher Begleitung gen Italien zieht, und begierig der kommenden Genüsse harret, bedenket dabei wohl, dass es nicht die einfachen Leute mit ihrer Frömmigkeit sind, die Verderbnis und Leid über die Welt gebracht haben. Spottet also nicht über ihren Glauben und geniesst die lieblichen Lande der Welschen.

  24. Der Vergleich zwischen früher...
    Der Vergleich zwischen früher und Heute passt. Zwar fühlen sich die Leute „aufgeklärt“ – aber genau genommen ist nichts anders, niemand ist weiter.
    Nur das die Menschen heute weniger haben als früher. Oh, natürlich haben die Menschen heute mehr Geld und Luxus, aber wenn man sie so meckern hört dann stellt man fest das es allen so schlecht geht und es den Menschen früher offensichtlich viel besser ging. Komisch, woran liegt das?

  25. "Was wir verstehen, möge die...
    „Was wir verstehen, möge die Liebe fügen; was wir leben, möge in gemeinsamer Anstrengung atmen – nichts, was auseinanderstrebt, ist sicher“ (Quod sapimus coniungat amor; quod vivimus, uno conspiret studio: Nil dissociabile firmum est). Was hier fast wie das säuselnde Generalprogramm der Weltregierung G-20 sich ausnimmt, schrieb der Augustinus-Zeitgenosse Prudentius (um 400 n.C.) in seinem glühenden Glaubensepos „Psychomachia“ über den Kampf von Fides und Concordia gegen die Häresie. Schon damals höchst aggressiv, die junge Staatskirche im Römischen Reich gegenüber Abweichlern, denen die Lanze in den Rachen gestoßen wurde, die Körper zerstückelt, wilden Tieren vorgeworfen und in Kloaken versenkt – allegorisch, versteht sich. Der Kampf der Tugenden mit den Lastern (nach Prudentius) war einer der meist abgeschriebenen, kommentierten und auch bildlich illustrierten Texte des Mittelalters – der Klerus sah in ihm das ideologische Grundgesetz der kämpfenden Kirche. Neu im 16./17. Jh. ist aber nicht deren Militanz, sondern das Triumphgeheul, das sich auch im Deckengemälde von Volders allegorisch niedergeschlagen hat. Als man den Florentiner Religionsrevoluzzer Savonarola hinrichtete, unterlief dem Kardinal, der die Anklageschrift vortrug, der Lapsus von der „Ecclesia triumphans“ – worauf ihn Savonarola verbesserte: „Ecclesia militans – Triumph steht ihr nicht zu“. In der späteren Gegenreformation sahen die Erzpapisten das dann schon erheblich anders. Man lasse sich nicht durch die süßlichen Bilder des Barocks (inclusive tutti Putti für Mutti) täuschen – in der eigenen Wahrnehmung waren Carlo Borromeo und Hippolyt Guarinoni auf der Seite der Sieger, wenn auch erst im besseren Jenseits. Heuchelei wider besseres Wissen (wie bei der G-20-Schäkerei)?! Popanzgetue? Ich fürchte, da würden wir die berufenen Gladiatoren Jesu falsch einschätzen. „Wer sich selbst nicht imponiert, der imponiert auch nicht anderen“ (Spät-Jesuit Helmut Kohl).

  26. Nicht viel zu sagen zu diesem...
    Nicht viel zu sagen zu diesem Beitrag, ohne ihn off topic zu zerreden. Daher heute nur: Bitte weiter so und mehr davon.

  27. Woolloomooloo, das wäre für...
    Woolloomooloo, das wäre für niemanden ein Spass. Da ist mir die immer noch bessere, alte BRD sehr viel lieber. Italien ist ganz grässlich.

  28. Ephemeride, ich sage es mal...
    Ephemeride, ich sage es mal so: Wer als Kulturhistoriker an nichts ausser die menschliche Unfähigkeit zu Lernen glaubt, wird nicht enttäuscht.

  29. Vroni, as Unglück dieses...
    Vroni, as Unglück dieses Steines ist ja, dass er erst gar nicht dazu kam, zu berühren. Und heute ist er zu hoch in der Kirche eingebaut, als dass man ihn berühren könnte. Er gehört eher in die lange Reihe der Reliquien, der gestifteten Nierensteine und böse Zähne, die man manchmal an Wallfahrtsorten findet.

  30. auxtroisglobes, Ich glaub,...
    auxtroisglobes, Ich glaub, dazu müsste man erst mal ausreichend Informationen haben. Der Gedanke, es einfach mal drauf ankommen zu lassen und zu hoffen, dass es dann schon irgendwie von selber wieder wird, wäre mir definitiv zu riskant. Was wäre, wenn es nicht zu neuen Banken käme, einfach weil zu viel Geld verloren ging?

  31. Lieber Don, jaja, aber die...
    Lieber Don, jaja, aber die Information hat ja niemand. Und so fallen wir zurück auf unsere ureignesten Ideen von Schuld, Sühne und wie-die-Welt-funktoniert. Das wollte ich vor allem sagen, daß alle rationalen Ansätze derzeit versagen.
    In meiner Paralellwertung der Laiensphäre gibt es zwei Möglichkeiten:
    1) Es würden nicht alle Banken untergehen, sondern nur soviele, bis die Blasenzeche bezahlt ist. Es sind ja nicht alle Werte Luftwerte, und die Luft muß sowieso raus.
    2) Wenn doch, gibt es eine Währungsreform mit Komplettentschuldung für alle, wäre ja nicht volkommen neu. Eine gewisse apokalyptische und jugendliche Rentnerphobie schwingt hier bei mir mit. Tabula Rasa für kommende Generationen! Hah! Ich beobachte mich selber, wie mir das gefallen könnte, doch der VErstand sagt, daß dies ein unglaublicher Sündenfall wäre. Huch, schon wieder religiöse Lehnwörter.
    Ehrlich gesagt denke ich, daß 1) zutrifft, aber sämtliche Banker keine Lust haben, auszuprobieren, wer übrigbleibt. Weil es keiner weiß. Und deswegen üben die Weltbanker, aus Angst und Unwissen diesen massiven Druck auf die Regierungen aus. Oder gar auf die Wirtschaft? Erpressen die uns? Was weiß ich schon.
    Ach, noch ein anderer Gedanke: Die Wirtschaftswissenschaften sollte man nicht zuviel geißeln. Wenn eine Seuche ausbricht, zweifeln wir ja nicht die Medizin als Wissenschaft an; machen alle nur noch Telephonreiki. Genau so aber reagieren unsere Salonmarxisten.

  32. Don, wenn sie ein anderes Buch...
    Don, wenn sie ein anderes Buch mehr im Stil dieses Artikels schreiben, würde ich mich sehr freuen. Aus dem Artikel heraus, kann ich nichts prüfen, aber es hört sich toll an. Bzw. ich weiss nicht ob der Glaube und die Macht soviel ausmachen. Wahrscheinlich ja. Leider ist das ziemlich an der Existenz vorbei. Aber, wie ich schon gesagt habe, ich bin jedezeit bereit, Ihren Ansprüchen auf Aufklärung und Wissen nachzukommen.

  33. Man kann solche Probleme auch...
    Man kann solche Probleme auch einfach weginflationieren. wenn eine Billion nur noch 10 Euro wert ist, hat sich das mit den Schulden ganz von allein geregelt. Bitter, aber es geht.

  34. Arathorn, man könnte...
    Arathorn, man könnte Aberglauben auch einfach als Gipfel der Psychologie bezeichnen: Wie bekommt man ein ganzes Volk dazu, sich blöd zu verhalten? Antworten erteilt jeder private Fernsehsender.

  35. "Antworten erteilt jeder...
    „Antworten erteilt jeder private Fernsehsender.“ – Antwort erteilen auch die Politik (die Pestheilige Sankt Merkel etwa – großartig!) und die Wissenschaft, der Rat der Wirtschaftsweisen aus dem Morgenland etwa. Das, finde ich, kommt in Ihrem Beitrag aufs Schönste zur Geltung. Neoliberalismus, der Aberglaube der Postmoderne.

  36. bluecotton, ich versuche nur...
    bluecotton, ich versuche nur zu verstehen, was Glauben ausmacht.Ich gebe mir reichlich Muehe, aber die Kirchengeschichte laesst mich nicht.
    .
    wivo, bitteschoen, aber den gleichen Text haette man auch fuer Herrn Honecker schreiben koennen. E£s ist nicht neoliberal, es ist menschlich, selbst wenn die C-Parteien sich so einen Beitrag wirklich verdienen.

  37. Kalle Blomquist, man kann...
    Kalle Blomquist, man kann alles so runterbrechen, aber man darf nicht uebersehen,mit welcher Kunstfertigkeit das in Volders geschieht. Das ist keine PR, da sind echte Ueberzeugungstaeter am Werk. Wie auch bei einem guten Blog.

  38. No. 6, das Zauberwort der...
    No. 6, das Zauberwort der Inhaltevermittlung der Zukunft heisst „Biblia Pauperum“. So viel Text wie noetig, so krass wie moeglich.
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    Gratishelden, wenn das Genoele jetzt jeden Tag unter verschiedenen Namen kommt,fliegt es raus. Auch hier sagt der Beitrag mehr ueber unsere Zeit, als tatsaechlich ueber die Vergangenheit. Wenn Sie mir aber eine fehlerhafte Darstellung nachweisen koennen, dann sagen Sie es. Ich bin nicht dafuer verantwortlich, dass die katholische Kirche zur Zeit der Gegenreformation unerfreuliche Dinge tat.

  39. Driver, wie man es nimmt: Bei...
    Driver, wie man es nimmt: Bei einem Rohoelpreis von unter 60 kommt auch der iranische Geistliche unter finanziellen Druck Es haengt alles zusammen, und der Stick legt sich sanft um alle Haelse, wenn auch das Schwert vorbeipfeift.

  40. Blaesshuhn, man sollte...
    Blaesshuhn, man sollte wenigstens ein wenig tiefer begruenden statt nur behaupten: „mit Methoden, an denen heutige Architekten sich sämtliche Jacketkronen und Kräne ausbeißen würden“ – aber bitte. Es ist eine nette Legende, dass man heute mittelalterliche Baukunst nicht nachbauen koennte. Siehe das Buechlein der fialen Gerechtigkeit und anderes. Es gibt Tonnen Forschung dazu, und so toll war mittelalterliche Architektur auch nicht. In ein paar Tagen bringe ich mal ein Beispiel fuer ein Projekt, das an der Logistik scheiterte.
    „Ein Großteil der Bücher in Deiner so gerne geschilderten Bibliothek wäre ohne Christentum nie geschrieben worden, und vermutlich wären viele unserer Vorfahren ohne die Kirche Analphabeten geblieben.“ – dann haette man eben andere Buecher geschrieben. Noch in der Renaissance galt man als wichtiger gelehrter, wenn man 100 Buecher kannte – andere Kulturkreise waren da weitaus gebildeter, besonders, wenn man sich wirklich mal mit diesen Buechern auseinandersetzt. Das Christentum tendierte lange Zeit dazu, altbekanntes immer neu zu mischen.
    „Vatikan- und Papst-Bashing sind nicht zum erstenmal in, aber es ist unter Deiner Würde, hier den willfährigen Populisten zu geben.“ – pardon, ich wuerde wirklich dazu raten, den Text nochmal genau zu lesen. Sobald ich mit solchen „Bashing“-Unterstellungen ankomme, nehme ich den Populismus an. Ansonsten bitte ich um Selbstreflektion und Nichtfortschreibung solcher ueblen Nachredenummern aus des Papstes Mottenkiste.
    „Eine Firma, die trotz so vieler Mörder, Gangster, Hurenböcke, Nepotisten im Management 2000 Jahre unbeschadet überlebt hat … die muss doch eine konkurrenzlose Substanz und USP haben, oder?“ – Unbeschadet? Unter welchem Stein muss man die letzten 200 Jahre verbracht haben, um das zu behaupten? Und wie wenig Ahnung von Kirchengeschichte darf man haben, um sowas zu schreiben? Bis man ueberhaupt von einem gefestigten Papsttum sprechen kann,muss man in die nachottonische Zeit gehen, und das Christentum „as we know it“ hat heute praktisch nichts mehr mit der Religion aus der Zeit vor 1800 zu tun. Man kann heute einen Johannes Chrysostomos nicht mehr ernsthaft debattieren, und wenn man schon die Frage nach der Dauerhaftigkeit stellt: Es gibt haufenweise mehr oder weniger primitive Religionen, die sehr lange funktioniert haben. Oft sagt das mehr ueber Retardierung und Unterdrueckung aus, als ueber die Faehigkeit, Menschen zu erfreuen. Und da muss ich erst gar nicht mit den Cevennenkriegen anfangen, sonst sind wir gleich wieder beim altbekannten „Populismus“-Vorwurf. Es staende den Anhaengern des Christentums gut zu Gesicht, wenn sie erst mal den eigenen Tempel mit all seinen baufehlern als gegeben und diskutierbar hinnehmen wuerden – ich schreibe hier ja auch nicht unkritisch ueber meine Gesellschaftsschicht.

  41. @Don Alphonso: "Es ist nicht...
    @Don Alphonso: „Es ist nicht neoliberal, es ist menschlich“: Sie haben schon recht – aber lassen Sie mir doch das Vergnügen …

  42. Gibt es da nicht die Fabel vom...
    Gibt es da nicht die Fabel vom Esel und vom Fuchs beim sterbenden Löwen?
    Kann ich mich also im Vollbewusstsein meiner Aufgeklärtheit zurücklehnen?
    Nein.
    Das Beitrittsgebiet ist, egal was ein paar Pfäffinnen und Pfaffen dazu sagen, heidnisch, nein, der richtige Ausdrück dafür ist areligiös. Leider hat dies nicht zu verstärkter Aufklärung und Selbstbestimmtheit geführt.
    Ohne Gott und ohne Staatsratsvorsitzenden will der ideelle Gesamtossi eigentlich das: Einem Führer hinterhermarschieren und in der Masse bläken.

  43. Lieber Don Alphonso,
    vielen...

    Lieber Don Alphonso,
    vielen Dank für Deine ausführliche Replik. Ich war unterwegs, weshalb ich sie erst jetzt vor die trüben Pupillen bekomme: Teilweise touché für Deinen Degen, teilweise den meinen nicht pariert. Wir betrachten ja auch ein riesiges Feld, das den Bereich einiger knuspriger Sätze weit überschreitet.
    Wir werden noch Grund genug finden, einander beizupflichten oder zu widersprechen.
    Zu Thema heutiger Architektur nur so viel, und den klassizistischen Nachbau alter Vorbilder hatte ich gar nicht im Sinn: Das gesamte, einst hochgepriesene Berliner Regierungsviertel, eh schon von Grund auf hässlich, dissonant und stillos konzipiert, ist nach lumpigen zehn Jahren großteils baufällig und muss für Hunderte Millionen repariert (nicht bloß renoviert) werden. Garantien sind ausgelaufen, die meisten Baufirmen nicht mehr vorhanden, und der Steuerzahler darf blechen. Was ein schräges Licht nicht nur auf zeitgenössische Architekten wirft, sondern auch auf staatliche Auftragsvergabe und Bauaufsicht.
    Ich wiederhole, mit Verlaub: Kathedralen wie Chartres, Notre Dame oder der Kölner Dom würden diese Legostein-Ästhetiker schon vor Fertigstellung des ersten Gewölbes unter sich begraben — wegen der Anmaßung, wegen erbärmlicher Ausbildung, wegen mangelnden Glaubens.
    Servus, und bis bald!

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