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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Das grosse Drängeln in Brixen

| 29 Lesermeinungen

Klassenschranken muss man manchmal erst verstehen. Alte Klassenschranken sind uns heute mitunter fremd, wir laufen durch den Kreuzgang von Brixen und denken, das sei einfach nur schön bunt und nett anzuschauen: In Wirklichkeit aber gehen wir Jahrhunderten von Abgrenzung, Ausgrenzung und Ellenbogengesellschaft auf den Leim. Wie heute auch noch.

Wir finden innere Ruhe bei denen, die wir lieben, und wir schaffen in uns einen ruhigen Ort für jene, die uns lieben.
Bernhard von Clairvaux

Bild zu: Das grosse Drängeln in BrixenBrixen ist das, was man vielleicht als „altehrwürdig“ bezeichnen würde; zusammen mit seinem Vorläufer, dem Bistum Säben ein paar Kilometer südlich, ist es eines der ältesten Bistümer des germanisch dominierten Raumes, und seit dem 10. Jahrhundert bis zum Jahre 1803 sind die Bischöfe nicht nur die geistlichen Herren Südtirols, sondern auch Territorialherren und gleichsam der Pfropfen im engen Hals der Brennerpasses. Wie üblich ermuntert so eine Lage im Gebirge nicht nur zum Gebet, sondern auch zu Zoll und Abgaben, zu Wegegeld und anderen Erlösen, etwa aus der Hilfe beim Überwenden von Pässen und Schluchten, was als Dienstleistung immer noch netter – und christlicher – als das Ausplündern durch die darüber und darunter ansässigen Wegelagerer und runtergekommenen Adligen ist. Die Geschäftsbeziehungen zwischen Bergbewohnern und Durchreisenden waren seit jeher reichlich einseitig, wie man im übrigen auch heute noch sieht, wenn man am Brenner Autobahngebühr entrichtet und damit das Recht erwirbt, auf einer drittklassigen Holperstrecke im Stau zu stehen. Der vielgerühmte kulturelle Austausch, dessen Spuren man in der Sachkultur so oft in den Bergen findet, war oft genug nicht wirklich freiwillig und von gewaltsamer Aneignung geprägt, und schneller beteiligte man sich am Bailout eines runtergekommenen Ministerialengeschlechts, als heutzutage eine Hypo Real Estate mit einem Hilferuf dem Steuerzahler am Beutel schneidet. Die geistlichen Herren von Brixen jedoch, denen Spenden und Ablässe, Taufen und Beerdigungen als Dienstleistungsbetrieb ein dauerndes und sicheres Einkommen garantierten, waren sich natürlich für solche allzu egoistischen Tätigkeiten zu schade. Offiziell.

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Inoffiziell hatten sie einen Kreuzgang rechts neben dem Dom. Dieser Kreuzgang entstand nach einem grossen Brand von 1172 im späten 12. Jahrhundert neu, und ist ein hübsches Besipiel für romanische Architektur: Kleine, feine Kapitelle auf den dünnen Säulen, Rundbögen, das typische Programm für einen Ort, da Kleriker im geistlichen Gespräch vertieft wandeln, ab und an nachdenkend vor einer Grabplatte stehen und sich der Vergänglichkeit des Diesseits erinnern, bevor das Glöcklein läutet und sie zur Messe eilen, wo sie Gott…

Man kennt dieses Bild der Geistlichkeit aus den Idealvorstellungen einen Bernhard von Clairvaux, aus den symbolistischen Romanen des 19. Jahrhunderts, vom stillen, giftmischenden Klosterbruder aus „Romeo und Julia“, aus Tausenden von Heimatfilmen und als Vorgänger des stillen Gelehrten, der in späteren Zeiten in die Bibliothek umzieht, und dennoch sein Leben ganz der Erkenntnis widmet. Kreuzgänge; Orte der Stille, der Einsicht und Reflektion. Und tatsächlich gibt es in Brixen auch eine Ecke des Kreuzgangs, der in jungfräulichem Weiss und unbefleckter Schlichtheit das Auge erfreut.

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Es ist diejenige Ecke, in der sich innerhalb des Kreuzganges auch profane Händler mit ihren Ständen aufhalten durften, Bettler, Chorschüler, Käufer, das ganze Plebs des Mittelalters. Diese jungfräuliche Ecke war so etwas wie der weltliche Teil, den man als Domherr über sich ergehen lassen musste, dort gab das Geld und der Pöbel den Ton an, denen überliess man eben eine Ecke, und dachte nicht daran, den Besuchern mehr als das – heute rein und vergeistigt erscheinende – Kalkweiss an Decke und Wand zu gönnen.

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Der restliche Kreuzgang, der den Klerikern vorbehalten war, ändert sein Aussehen schlagartig, wenn die Klassengesellschaft ihre Schranken senkte. Denn zuerst wurde der Kreuzgang mit einem gotischen Gewölbe überzogen, und danach wurde die Decke ausgemalt. Grob gesagt, verkaufte das Bistum Gewölbeteile an Kleriker, die einen Maler bezahlten, ihren Teil nach ihrem Gusto auszuschmücken. Für Kunsthistoriker ist es eine grosse Freude, innerhalb eines Kreuzgangs die Entwicklung der mittelalterlichen Malerei vom frühen 15. bis frühen 16. Jahrhundert nachvollziehen zu können, selbst wenn es ein, sagen wir mal, angesichts der Überfüllung eine leicht psychedelische Erfahrung ist.

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Den Stiftern ging es dabei durchaus um Selbstdarstellung. Es gab erkennbar keine Regeln, wie gross und wie dominant man sich selbst verewigen durfte, und durch die Zeit ist durchaus eine gewisse Steigerung der persönlichen Dominanz bei gleichzeitiger Reduzierung von Zurückhaltung und Demut festzustellen. Auf bayerisch gesagt: Man liess es krachen. Und zwar richtig. In der Selbstdarstellung und in dem, was man den Betrachtern sonst noch bot. Man musste das tun, man musste sich bei den Betrachtern einen Stammplatz ergattern und sich gegen die Konkurrenz durchsetzen, denn in der oberen Klasse herrschte ein Verdrängungswettbewerb: Alle paar Jahrzehnte, wenn der Kreuzgang wieder voll bemalt war und die alten Sponsoren auf den Grabdenkmälern Platz nahmen, verkaufte das Bistum die Gewölbe neu, für noch buntere, krassere und heftigere Bilder. Im 14. Jahrhundert reichte noch Rötelmalerei. Der Endzustand ist bunt wie unsere Werbewelt. Wer schreit, der bleibt.

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Es ist in gewisser Weise bezeichnend auch für unserer Rezeption der Vergangenheit, dass es ein falsch gemalter Elefant, das gerüsselte Pferd links, das ohne jeden logischen Zusammenhang gleich neben einer Grablege Christi anzutreffen ist, dieses wilde Gezappe und die Freude an krassen Darstellungen, der zertrampelte Elizier und der blutüberströmte Leichnam Christi – dass dieses von heutigen TV-Erfahrungen nicht weit entfernte Programm mit seiner Beliebigkeit immer noch erfreut, dem heutigen Menschen mit seinen schnellen Wechseln gar entgegenkommt und mitsamt der Werbung für die Sponsoren reichlich modern und zeitgemäss wirkt. Es wirkt, weil wir an mancherorts schemenhaft erkennbaren Rötelmalereien vorbeieilen, und damit den Chorherren in jeder Hinsicht recht geben. Auf die Ellenbogen kommt es an. Auch in der Oberschicht bekommt der Gewinner alles. Entweder man ist an der Spitze, oder man wird vergessen. 

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In der Ecke des Kreuzganges, von der aus der Weg in den Dom führt, und das am weitesten vom armen Pöbel der Händler entfernt ist, wird dann doch noch zu milden Werken für die Armen aufgerufen. Für die Bedürftigen, deren Bereich man kein Bild gönnte und sich lieber von nachfolgenden Generationen übertünchen liess, statt sein religiöses und privates Anliegen einer Schicht mitzuteilen, die man als nicht angemessen erachtete. Lieber unbekannt bleiben, als vom Pöbel beachtet. Das erklärt vielleicht auch, warum so viele reiche Leute der Gegenwart noch immer nichts mit Medien zu tun haben wollen. 

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29 Lesermeinungen

  1. Dieser Blog nutzt die...
    Dieser Blog nutzt die Projektionsfläche „Katholische Kirche“ ja allenfalls gewohnheitsmäßig. Aber da es nun nach Rom geht und die Versuchung zur weiteren Katholikenhatz wohl unwiderstehlich ist, ein kleiner Hinweis: Der Versuch, sich durch Kirchenschelte als toller Hecht zu präsentieren, taugt im 21. Jh. nicht mehr. Man beweist Gratismut, weder droht eine Fatwa noch der empörte Ausschluss aus der selbstvergewissernden Gemeinschaft toller Hechte. Noch der ärmste Feigling kann kostenlos auf die Kirche einpöbeln – und nur solche tuns überhaupt noch. Statt sich mit Gratisheldentum augenzwinkernder Zustimmung zu versichern (ein Prantl würde dem DonAlphonso die Füße küssen, aber kann das ein Ziel sein?), schlage ich etwas Selbstreflektion vor: „Würde ich Schreiber das, was ich über die Katholiken schwadroniere, über eine andere Religionsgemeinschaft zu schreiben wagen? Fehlt mir der Mut (und das ist regelhaft der Fall), soll mir nicht zumindest der Anstand bleiben, kein Ersatzobjekt zu wählen, um mich daran billig übers eigene Zagen zu trösten?“ Ok, hier im Blog wird Anstand eher als kleinbürgerlicher Kitsch verstanden, aber Gratisheldentum passt auch nicht ins Bild. Oder inzwischen doch etwas.

  2. Oh wow, zwei Berichte an einem...
    Oh wow, zwei Berichte an einem Tag, da soll wohl Goethe selbst Konkurrenz gemacht werden??
    Egal es ist informativ und erheiternd, das alleine genügt.
    „Lieber unbekannt bleiben, als vom Pöbel beachtet.“ Klingt nett, was bedeutet das im Umkehrschluß für uns Blogger am Ende auch für Sie werter Don? Sind wir mit unserem inneren Trieb zur Selbstdarstellung also gar nicht so elitär wie wir es gerne hätten?
    Ihnen weiterhin und der sympathischen Beifahrerin (oder lassen Sie sie ans Steuer?) alles Gute und frohe Fahrt.

  3. @Kostenlos: Es ist doch wohl...
    @Kostenlos: Es ist doch wohl eher so, dass es hier nicht um Kirchenpöbelei geht, vielmehr wird – sozusagen über Bande gespielt – der Gegenwart ein Spiegel vorgehalten. Und zwar höchst elegant. Kitsch, Gratismut, Pöbelei kann ich beim besten Willen nicht erkennen!
    @Don Alphonso: DIE Plebs, bitte, bitte, bitte …

  4. Nur kein Unmut @Kostenlos. Als...
    Nur kein Unmut @Kostenlos. Als Bajuware wird er die Katholischen nicht nur verdammen. Don leidet halt wie viele andere unter der unsäglichen Arroganz der je nach Zeitabschnitt herrschenden weltlichen oder kirchlichen Eliten. Mir geht es ebenso und ich bin schon gespannt, wie es weiter in Richtung der ewigen Stadt geht. Eines ist sicher, wir werden schönere Bauwerke als die hochgepriesene Berliner Protzarchitektur zu sehen bekommen. Don beschreibt halt sehr unterhaltsam die nicht zu verkennenden Analogien der jeweils herrschenden Elite. Das rüttelt natürlich an einer Stütze der Gesellschaft, aber er hätte ja auch nach London fahren können…

  5. es gibt einen unterschied...
    es gibt einen unterschied zwischen dem (das pleb, dachte ich auch, sowieso) plebs und den medien – den gefühlten, heutzutage.
    „warum so viele reiche Leute der Gegenwart noch immer nichts mit Medien zu tun haben wollen.“ kann ja auch der natur zum schutz der privatshäre dienen. das hat der und das plebs, wenn der bild nicht schreit, auch. leichter, ja.
    selten sehe ich, aber ich sehe tv. mal von wem abgesehen, dessen firlefanz mich nicht irgendwas interessiert, freue ich mich auf rom. (auf phoenix lief gerade der 3. von drei teilen: „das imperium der päpste“ zu ende).
    neugierig verbleibend

  6. Verehrter Don Alfonso !
    Bei...

    Verehrter Don Alfonso !
    Bei Brixen denke ich an Dietrich von Bern und Wieland den Schmied, aber nicht an irgendwelche verschnotterte Selbstdarsteller und LowEndMäzene. Brixen steht für ehrliches Mittelalter – damals als Musik und Schwerter noch mit der Hand gemacht wurden und der lokale Bischof noch den Don gab. Ritter, Hexen und Quacksalber. Selbst das letzte Mönchleich in Brixen könnte es im Messerstechen noch locker mit einem Hellsangel von heute aufnehmen. Das halbseidene Geschäft hat sich in den letzten 1000 Jahren da nicht weiterentwickelt.
    Und bunte Bilder wurden allenfalls gemalt wenn die Sinne mal wieder von Burgunder und Minne verwirrt waren.
    Stand die junge Maid
    Rot im roten Kleid
    Wer ihr Kleid berührt
    Hat die Glut gespürt, eia !
    Wie das Röslein rot
    Hat sie hell geloht
    Antlitz hat geglüht
    Roter Mund geblüht, Eia
    Eine vergleichbare Stimmung und so viel Durchgangsverkehr wie damals in Brixen findet man heute nur noch in Miami oder Vegas.

  7. Kostenlos,erklaeren Sie mir...
    Kostenlos,erklaeren Sie mir bei Gelegenheit,was anonzmes Trolltum mit Anstand zu tun hat, dann kriegen Sie vielleicht auch eine Antwortauf Ihre reichlich banalen und nur begrenzt von Analysefaehigkeit gepraegten Antworten – vielleicht erklaere ich Ihnen dann sogar, warum Texte wie der da oben gar nicht „die“ Kirche als Gegenstand haben, sondern Eliten.

  8. Black Jack, ich kenne diese...
    Black Jack, ich kenne diese Haltung, teile sie aber teilweise nicht, und den Rest lasse ich eine Kunstfigur machen. Vielen Dank fuer die guten Wuensche.

  9. wivo, es hat keinen Sinn,...
    wivo, es hat keinen Sinn, manche sind erkenntnisresistent (spassigerweise Leute mit Hang zur Erkenntnistheologie)
    .
    dhaxel, das Problem waere bei London, dass man an die Stuetzen nicht rankaeme. Aber in Kirchen sind sie einfach vorhanden und greifbar, sie wollen durchaus, dass man mit ihnen spricht. Und genau das tue ich, auch wenn denen meine Antworten nicht gefallen moegen.

  10. Kopfschuetteln, ich denke, es...
    Kopfschuetteln, ich denke, es geht weiter als das: Der Oeffentlichkeit wird ein gewisses Schaustuetzentum geliefert: Bohlen, Dschungelcamp, Adabeis. Das treibt die Illusionen in eine ganz bestimmte Richtung, waehrend diejenigen, um die es wirklich gehen koennte, ganz zufrieden mit der Fehleinschaetzung sind, lange bevor der Mob die „falschen“ Haeuser anzuendet.

  11. No. 6, fuer wirkliches...
    No. 6, fuer wirkliches Lottermittelalter bieten sich vor allem Paris und Rom an. Villonsche Diebe und aretineske Meuchler sind immer noch verdorbener, als so ein ehrlich wuetender Bauernbursch in Kutte oder ein betrunkener Fuhrknecht. Raue Berge, raue Maenner, aber kein Verbrechen um seiner selbst.

  12. Verehrter Don Alfonso !
    Vielen...

    Verehrter Don Alfonso !
    Vielen Dank für Ihr Verständnis ! In eben diesen Hohlweg sollten Sie der vorausgehenden Kutsche folgen. Doch seien Sie getrost. Ihre Mitreisenden gehören zu den 80 %. Angehörige der Gruppe der 20% warten im z.Z. im Wald – und sind überwältigt vom Erfolg ihrer letzten Aktion.

  13. Soange es nujr hohle Wege und...
    Soange es nujr hohle Wege und keine Hohlen Gassen sind, an deren Ende ein Papstfreund… na Sie wissen schon. Momentan fuerchte ich aber lieber die Nachfahren der Freunde von Caravaggio, die hier am Beutel schneiden sollen.

  14. Sehr schöner, erheiternder...
    Sehr schöner, erheiternder Beitrag !
    .
    Aber ich muss Kostenlos in Schutz nehmen: In 99% der Fälle wo heuer das Wort „Kirche“ fällt handelt es sich um aufklärerisches Geschnatter. Da kann man schonmal einem Fehlalarm erliegen, wenn man den restlichen 1% begegnet.
    Gruß

  15. Was waerean Aufklaerung so...
    Was waerean Aufklaerung so schlimm in einer Zeit, in der Religionen ueber weite Strecken, sagen wir mal, Dinge vertreten,mit der sich nur wenige, aber dafuer um so extremere Kreise identifizieren koennen?
    .
    Allein, hier geht es um den Versuch, dien Kirche und ihre Strategien zu begreifen und zu schauen, wieviel besser wir sind.

  16. Kostenlos, der Katholizismus...
    Kostenlos, der Katholizismus war zu jener Zeit die obrigkeitsbewehrte Vorgabe
    einer öffentlichen Meinungsbildung. Der Don vergleicht, durchaus legitim, Medien der Vergangenheit mit den Offenbarungen der Gegenwart.
    Interessant, menschliche Antriebe sind doch wesentlich resistenter, als sich dies „gutmeinende“ Religionsdurchsetzer vorstellten.
    Kann nicht erkennen, daß hier eine Institution angegriffen wird.
    Die schon fast liebevolle Beschreibung von Schwächen, sicher eine berechenbare Konstante menschlichen Seins, entfaltet sich hier in anteilnehmender Unschuld.
    Manche werden wohl immer vor der Tür bleiben müssen.
    Vorauseilend betroffenes Gebell wird da allenfalls als anbiedernder
    Beiklang erkannt werden.
    Aufwand für das Seelenheil kann der sterbliche nur im Diesseits treffen.
    Und da kann er den Marktgegenheiten nicht entfliehen.
    Den Spiegel (Don) behelfsweise anzukläffen wird wohl als Kleingeld nicht ausreichen, den Preis für dieses hochgeschätzte Gut aufzubringen.

  17. "Schaustuetzentum" ist ja ein...
    „Schaustuetzentum“ ist ja ein sehr schoener Ausdruck. Klingt nach „Schlag den Rab“. Leider muss ich dem Don schon wieder zustimmen, die Medien lenken eher ab statt in irgendeine Richtung. Das beste Beispiel waere doch wohl die „informing and enlightening BBC“ mit ihren drittklassigen „late night“-Komikern und crank calls. Das sind auch zumeist nationale Starsysteme, also keine Gefahr, dass irgendwer ueber den Tellerrand schaut. Und wieder moechte man folgern: Die Elite mach alles richtig. Ob Beichtstuhl oder TV-Sofa, der Plebs bleibt sitzen. Stoert nicht mehr als ne bunte Tapete.

  18. Gut, dass man bei dem Thema...
    Gut, dass man bei dem Thema nicht jedermanns Freund sein kann, ist auch kein Wunder. heut war ich auf dem Campe de Fiore of Giordano Bruno fame, da kann man ueber ein paar normale Gegenreden nicht meckerrn.

  19. @ Driver
    "...der Plebs bleibt...

    @ Driver
    „…der Plebs bleibt sitzen. Stoert nicht mehr als ne bunte Tapete. “ Abwarten, abwarten. Da kommt noch was, es gärt. Euer „Plebs“ wie ihr es nennt, ist nicht so schafig und ablenkbar, wie es für euch den Anschein hat, nein, er ist durchaus wütend. Ihr merkt es nur nicht, weil ihr abgehoben seid wie nix, ihr kennt keine solchen Leute, das ist der Grund. Hauptsache, immer schön in der eigenen Mauer bleiben, gelle. Zudem mag ich es null, nada, niente, wenn sich (sehr unfein das) distinguiert wird anhand Abwertung: „Plebs“, „Spacken“, „Abschaum“. Habts ihr des nötig? Seids halt froh, dass ihr noch was zum beißen habts und zum Antikmöbel ausgeben. Und dass euch nicht euere Depressionen derart kraftlos machen, dass ihr die Welt nur noch als „Abschaum“ in World of Warcraft oder in flachen Sendungen ertragts. Das passiert nämlich auch Brainies – aber ne, ihr habt ja keine existenzgefährdenden Depris, ich vergaß. Anspruchsvolle und kritische Inhalte und Aufstehen (stand up for your rights!), dazu muss man nämlich erstmal die innere Kraft haben. Hat nicht alles nur dauernd mit euerer hochfeinen Intelligenz und ausgefeilten Kultur zu tun. Mehr sog I net.

  20. @Don
    "falscher Elefant"
    Sieht...

    @Don
    „falscher Elefant“
    Sieht aus wie die Dokumentation einer gerade abgeschlossenen feindlichen Übernahme, gleich einem Adhoc. Im Turm auf dem falschen Elefanten, die Herren sichtbar auf Vorstandsetage mit Blick herab auf den erlegten, der verwertenden Wesung preisgegebenen, unbegrabenen, weißen Ritter – gar nicht unmotiviert – linker Hand als weltlich, gegenüber gesetzt dem rechten Bild der Grablege (eines höheren, weiterer Auf-Klärung nun nicht mehr zugänglichen).
    Der zertrampelte Helfer und das Geschehen um die Rüsselsheimer Mobilien – auf vergleichbarer Strecke ver-bleibend?

  21. @ vroni
    "Seids halt froh,...

    @ vroni
    „Seids halt froh, dass ihr noch was zum beißen habts und zum Antikmöbel ausgeben. Und dass euch nicht euere Depressionen derart kraftlos machen, dass ihr die Welt nur noch als „Abschaum“ in World of Warcraft oder in flachen Sendungen ertragts.“
    Muss ich jetzt auf Bajuwarisch antworten? Das mit den „Plebs“ liesse sich diskutieren. Es gab aber auch mal ne Zeit, da waren die Arbeiter selber stolz und froh, sich „Proletarier“ zu nennen. Das ist nicht so lange her und die Jungs haben da eben nicht nur gesessen. Es steckt insgesamt viel weniger Verachtung in diesen Ausdruecken, als es den Anschein hat. Ich habe schliesslich nix gegen Arbeiter, wenn sie auch mal was anderes bauen (wuerden) als Autos und fuer was anderes streiken (wuerden) als 3 Puenktchen.
    Zu den „Antikmoebeln“: Ich hab auch nur Ikea.
    Zur „Spieleindustrie“: Ich erlebe gerade in der ersten Reihe, wie die Erforschung der Videospiele zur wissenschaftlichen Disziplin befoerdert wird. Das ist leider kein Scherz. Und die Studenten „spielen“, statt zu lesen. Genau deshalb bestreite ich, dass das irgendwas „gaert“ ausser der sauberen deutschen Maische. Bier und TV reichen aus und werden weiterhin im Sitzen konsumiert. Der Aufstand bleibt in der Zustaendigkeit der Vorstandsvorsitzenden. „Die koennens eh besser als der Staat … “
    Macht nicht soviel dolce vita bei diesen Italienern!

  22. @Driver

    "Ich habe...
    @Driver
    „Ich habe schliesslich nix gegen Arbeiter, wenn sie auch mal was anderes bauen (wuerden) als Autos und fuer was anderes streiken (wuerden) als 3 Puenktchen.“
    Aha – und warum sollten sie das tun? Autos sind offenbar das was die Leute wollen so sie es sich leisten können – 1+ Mio. Abwrackanträge sprechen da eine sehr deutliche Sprache (auch wenn ich diese Kapitalvernichtungsaktion für die wahrscheinlich dümmstmögliche zivile Maßnahme halte Staatsgeld zu verprassen). Und dass für mehr Geld gestreikt wird heisst doch nur, dass man eben nicht mehr für 40 Stunden Wochen, Unfallversicherung und menschliche Arbeitsbedingungen streiken muss.
    Wie schon 68 zeigt sich wieder einmal, dass die Arbeiter keinswegs so dumm sind für ein paar kulturpessimistische revolutionsgeile Intellektuelle den Kopf hinzuhalten. Ich will Dir hier natürlich nichts unterstellen, aber mir sticht seit der „Krise“ bei etlichen akademischen Bekannten eine geradezu morbide Untergangssehnsucht ins Auge („alle Banken pleite gehen lassen“, „alle Konzerne zerschlagen“ usw.). Und das sind Leute, die – anders als der gestanden Proletarier – in einem echten Kollapsszenario vermutlich keinen Monat überleben würden.

  23. @wivo: lt. DWDS eher der...
    @wivo: lt. DWDS eher der Plebs, s. http://www.dwds.de/?kompakt=1&qu=plebs

  24. "...der Plebs bleibt sitzen....
    „…der Plebs bleibt sitzen. Stoert nicht mehr als ne bunte Tapete. “ Abwarten, abwarten. Da kommt noch was, es gärt. Euer „Plebs“ wie ihr es nennt, ist nicht so schafig und ablenkbar, wie es für euch den Anschein hat, nein, er ist durchaus wütend.“
    Da müsste man ja Gerhard Schröder direkt dankbar sein für seine Agenda 2010.
    Das, was volkstümlich unter Hartz vier läuft, hat doch erst einmal der Mittelschicht (ich meine da die Angestellten bis hin zum Hauptabteilungleiter) klar gemacht, wie nahe sie an der Sozialhilfe wohnen.
    Diese Leute sind empört, diese Leute sind diejenigen, die ihre Empörung auch formulieren können.
    Inwieweit aus Verärgerung Veränderung kommt, bleibt abzuwarten. In meiner Umgebung inmitten des sächsichen Dreiecks, wo sich die älteren Arbeitslosen darauf freuen, sog. 1-Euro-Jobs tun zu dürfen, es geht wenigstens der Tag dabei rum, sehe ich ausser diffuser Unzufriedenheit wenig. Von den Handwerkern ist jeder froh, der in Rente gehen kann. Allerdings, die DDR wird mit jedem Jahr, das es sie nicht mehr gibt schöner – nicht nur beim öffentlichen DIenst, die ja die eigentliche Klientel der Die Linke Ost sind, das geht jetzt bis zu den Geschäftsleuten.
    Was allerdings aus der Unzufriedenheit werden soll, weiss ich nicht. Es ist kein grosser Bruder da, der einen an der Hand nehmen und ins Wunderland führen würde. Es ist keiner da, der Lösungen wüsste, gerade die Linke, die sich auf ihre ökonomische Kompetenz so viel einbildet, ist doch auf einmal sowas von schmähstad, wie der Wiener das nennt, wenn die coolen Sprüche ausbleiben.
    Wer da ist, sind die neuen alten Nazis, nationaler Sozialismus, das hat Schlag bei der Jugend. Allerdings, da fehlt es noch an Köpfen, die zumindest den Eindruck erwecken können, ministeriabel zu sein. So dass es vorderhand bei Bekundigungen des Unmuts und des Verdrussers bleiben wird.
    Wenn wirklche Einschnitte in den sozialen Besitzstand auf der Tagesordnung stehen – ich rechne damit, dass nach den Bundestagswahl, also ab Oktober 2009 Schluss mit lustig sein wird – muss es nicht dabei bleiben. Wenn dann Randale auf der Tagesordnung steht, dafür ist Berlin der beste Ort, es hat dort genug Randalisten und auch genug Medien für die life-Berichterstattung.
    Schauen wir dann, wo die Medien bis dahin sind, was die daraus machen und in wessen Auftrag das geschieht, Vielleicht erleben wir bald, dass WAZ und DuMont mit eine stillen Beteiligung des Bundes und der Länder oder eines Nebenhaushalts (ARF und ZDF sitzen da in der ersten Reihe) am Leben gehalten werden, ähnliches ist ja auch fürs private Fernsehen denkbar.

  25. @Patricia: Ja, stimmt - damit...
    @Patricia: Ja, stimmt – damit sind wir dann einmal durch …

  26. Ich habe bei der Frage der...
    Ich habe bei der Frage der Bereitschaft einer grösseren Teil der Gesellschaft für schnelle und tiefgreifende Änderungen meine weithin bekannten Zweifel. Man muss das „gut eingerichtet“ nicht mögen, dem einen seine Schrankwand ist dem anderen sein Biedermeiertisch, aber im Kern wären die meisten froh, wenn alles so bliebe, wie es ist. Je grösser die Bedrohung, desto deutlicher der Wunsch nach Sicherheit. Bis zur Revolte wäre es noch ein sehr weiter Weg, bis zur tatsächlichen Veränderung sicher noch weiter. Da würde die Politik noch sehr viele Fehler machen müssen. Es gibt im Plebs einfach nichts, was aktuell über kleinbürgerliches Käkeln hinausginge.

  27. ignatius, Krisen sind gute...
    ignatius, Krisen sind gute Lehrer; es könnte also sein, dass auch Akademiker Wege finden, in Krisen zu überleben. Menschen tun in Krisen erstaunliche Dinge, und ich weiss nicht, wer letztlich besser fahren wird. Wenigstens haben diese weltfremden Akademiker oft ein Polster an der Stelle, da andere eine Familie haben.

  28. Manche Akademiker werden...
    Manche Akademiker werden überleben. Die, die sich aus Basis-Bausatz-Zutaten vom Gemüsetürken sich etwas Ordentliches kochen können (nicht nur Torte kaufen) und die, die wissen, wie man ein Lot fällt (ohne ein digitales Piepsding kaufen zu müssen), Zement mischt und mit diesem Wissen ein formidables Mäuerchen hochzieht, das nicht einfällt. Ähm, Koinzindenzen zum Ingolstädter Westend-Mäuerchen rein zufällig und nicht beabsichtigt.

  29. Mäuerchen wird man bevorzugt...
    Mäuerchen wird man bevorzugt auch weiterhin ohne Beton, aber mit Dünkeln bauen.

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