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Stützen der Gesellschaft

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Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Palmsonntägliche Denkschrift für das Ketzertum

| 40 Lesermeinungen

Natürlich fragt man sich, was den Papst dazu bringt, einer extremen Bruderschaft mit Judenfeinden die Hand zur Versöhnung zu reichen. Nach ein paar Tagen in Rom denkt man sich: Vielleicht ist es einfach die Abscheu vor allen Lauen, den Mitläufern und den Gewohnheitsgläubigen, die Verachtung für die postmoderne Beliebigkeit, die vom Religionskitsch bis in die Kirchen reicht, und die für das Entschlossene und Reine keinen Platz lässt, so dass echter Haltung selbst der alte Erzketzer mit seiner Todesverachtung näher steht, als all die Halbheiden der Gegenwart. Ketzer, finde ich, sind gar nicht so schlecht für die Kirche

Am Anfang steht der Glaube, am Ziel die Schau.
Augustinus von Hippo

[von Don Alphonso] Es ist Samstag, und die italienische Sonne brennt hinunter auf die Statue von Giordano Bruno auf dem Campo de‘ Fiori, jenes hochgebildeten Ketzers, der unter anderem die Gottessohnschaft Christi leugnete und für diesen Affront gegen Papst und Kirche im Jahre 1600 an eben jener Stelle zur Erleichterung seiner gläubigen Zeitgenossen verbrannt wurde. Mit gebundener Zunge, damit er keine Gelegenheit habe, seine Ketzereien der zu diesem Anlass gekommenen Menschenmasse mitzuteilen, und glaubt man zeitgenössischen Berichten, war Bruno bis zu seinem tragischen Ende auch nicht der stille, in sich gekehrte Denker, als den ihn das Standbild vorstellt, sondern jemand, den man sich aggressiv, zynisch und aufbrausend vorstellen muss. Jemand, dessen Zunge man fürchten musste.

Bild zu: Palmsonntägliche Denkschrift für das Ketzertum

Gleich nebenan, in einer Querstrasse, kümmert sich eine Frau um das, was vermutlich aller sprachlichen Gewandtheit zum Trotz für die normalen Menschen schon immer mehr Eindruck macht als Brunos Lehren, die reichlich komplex und zudem nicht gerade auf Schmeicheleien bedacht waren. Das Wissen Brunos um die Unendlichkeit des Weltraums, seine Leugnung des Jenseits, das Verbringen der Schriften von Kirchenvätern in die Latrine und anderer seiner Ketzereien mögen für Gebildete spannend sein, aber solange es um das gemeine Volk geht, ziehen andere Argumente:

Bild zu: Palmsonntägliche Denkschrift für das Ketzertum

Äusserlichkeiten und Festlichkeiten, Prunk und Party, Eventkultur, wenn man so will. Und nie ist in der christlichen Religion über all ihre Richtungen, Strömungen und Sekten hinweg diese Eventkultur stärker ausgeprägt, als zwischen Palmsonntag und Ostermontag; in jener Phase also, in der der Glaubensstifter Jesus den Evangelien zufolge erst vom gemeinen Volk beim Einzug nach Jerusalem als Herrscher der Welt begrüsst und kurz darauf als Ketzer mit plebiszitärer Beteiligung ans Kreuz gebracht wurde. Emsiges Treiben herrscht da kurz vor dem Palmsonntag in den Kirchen der Stadt, die man die Ewige nennt, es gibt viel zu tun, gut gelaunte Priester postieren Blumenstöcke, und Helfer verzieren die Sakralräume mit Seidenstoffen in Rot, die Farbe für den Beginn, die Ouvertüre der Karwoche.

So wird die Kirche zur Kulisse für eine Krönungsfeierlichkeit, die Gemeinde schlüpft in die Rolle der Jesus zujubelnden Menschenmenge – oder genauer nach dem Johannesevangelium, jener Menschen, die in ihm beim Einzug nach Jerusalem aufgrund seiner Taten und Wunder den Messias erkannten. Über den Rest sagt Johannes in Kapitel 12, Vers 18: „Ebendeshalb war die Menge ihm entgegengezogen: weil sie gehört hatte, er habe dieses Zeichen getan.“ Schlachtenbummler, Mitläufer, Schaulustige, Gaffer oder, etwas böser gesagt, der Mob, der seine gestrigen Helden morgen im Staub sehen möchte, dem jedes Krönungsspektakel recht ist, egal ob mit Dornen oder Lorbeer. Die unsicheren Kantonisten, die jede Bewegung braucht, aber jede Ideologie natürlich nicht allzu gerne hat, die Staffage für jedes Unrecht, billig und hinterhältig. Die Leute, denen man die Zweige in der Kirche extra hinstellen muss, damit sie was zum segnen haben.

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Vielleicht ist diese Bereitstellung auch ein feiner Zug der Kirche, ein Beispiel für ihre Dienstleistungshaltung, oder auch nur der Erkenntnis geschukdet, dass es nicht schön wäre, wenn jeder Römer zur Palmzweigweihe an diesem Tag die Olivenbäume der Stadt rupfen würde. Vielleicht aber ist es auch nur die kirchliche Version des Give Aways. So oder so lagern kistenweise Ölzweige in den Kirchen, die sich am kommenden Tag dann teilweise achtlos weggeworfen auf den Strassen und in den Rinnsteinen finden, auf dem Heimweg entsorgt von jenen, die gern nehmen und dabei sind, aber sich nur ungern dauerhaft belasten. Es tun Leute, die in die Kirche gehen, weil man an solchen Tagen gesehen werden muss, aber sobald jemand nicht hinschaut, die Symbole des Glaubens als Lightversion des Hostienfrevels in Müll verwandeln. Späte Nachfahren der Gaffer am Ölberg und am Campe de‘ Fiori, die dabei waren, weil es was zu sehen gab.

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Wem es zu peinlich ist, diese weggeworfenen Zweige aufzusammeln, kann auch anders an den Schein der gesegneten Ware kommen: Gleich neben dem gefälschten Taschenkonsumglück der fliegenden Händler verkauft einer mit einem elektrisch beleuchteten Heiligenbild gefälschte Palmzweige an diejenigen, die gern die Symbole des Glaubens daheim haben, aber wenig Neigung verspüren, dafür die Kirche aufzusuchen. Eine reichlich postmoderne Einstellung scheint da durch, eine gewisse Beliebigkeit, die es  bei allen Vorbehalten der Aufklärung irgendwie verständlich macht, warum so manche in der Kirche gern zurück zu alten Werten möchten, die Lauen aus ihren Reihen feuern und wieder eine schlagkräftige Truppe Gottes aus überzeugten Kämpfern marschieren sehen wollen, frei einer Mitmachdemut, die an der Kirchentür endet, und gelöst von Feiertagshalbheiden, die sich auch um einen Giordano Bruno erst kümmern würden, hätte der neben ein astronomischen Ketzerlehren auch etwas Tand und Eitelkeitswaren im Angebot.

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Mit den anderen Anhängern kann man vielleicht ein System am Laufen halten, man kann den Verfall bremsen und die Verwesung parfümieren, aber man wird damit keinen Aufbruch erzwingen, keine neuen Wege finden und niemand haben, der bereit ist, für seine Überzeugungen einzustehen. Das geht nur mit den Irren, den Fanatikern, den Extremisten und den Verstockten, und vielleicht ist das im Geheimen auch ein Grund gewesen, warum die katholische Kirche im Jahr 2000 die Verurteilung von Giordano Bruno revidiert hat: Denn natürlich war Bruno ein Ketzer, ein wirklich verstockter Ketzer, ein Erzketzer mit vollem Bewusstsein und allen Konsequenzen. Aber damit dem Ideal der Gläubigen weitaus näher als der morsche Wellnesskatholizsmus mit seinen den Gläubigen nachgetragenen Riten, die nach Belieben gekauft, weggeworfen oder vergessen werden. Mit einem Ketzer kann man sich streiten, man kann an ihm leiden, ihm die Pest an den Hals wünschen und andere unchristliche Dinge mehr. Aber für den religiösen Smalltalk mit den Eventtouristen des Glaubens mit ihren Technomessen und Andenken braucht man beide Seiten nicht mehr, die Lauen sind der Tod der Überzeugten, und dieser beiläufige, vergessene Tod am Wegesrand der dummen Schafherde ist vielleicht für den Geist und eine elitäre Haltung noch schlimmer, als ein Verbrechen, das nach Jahrhunderten noch für gebildete Kontroversen und Streit über einen sorgt, zu dessen Füssen heute das Fegefeuer der Eitrelkeit lodert, indem Tand und Kitsch für Geschmacklose und Leichtgläubige verkauft wird.

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40 Lesermeinungen

  1. Ist es nicht der ewige Kampf...
    Ist es nicht der ewige Kampf zwischen Wahrheit (Aussage, die sagt, was ist) und Gewissheit (psychischer Zustand, in dem es fast unmöglich ist, eine bestimmte Überzeugung sinnvoll zu bezweifeln), zwischen Realität und Wirklichkeit?
    Die Theologie / Religion ist im Bereich der Gewissheit, Wirklichkeit angesiedelt und die von ihr vertretenen Gewissheiten können nicht angezweifelt werden, ohne die Religion selber infrage zu stellen. Radikales Infragestellen, wie das eines Giordano Bruno wurde und wird wirkungsvoll verhindert.
    In dem Punkt sind sich Religion und Politik einig. Beide können nur Gewissheiten vermitteln und zwar nach dem Schema: „Was gewiss ist, ist auch wahr.“ Sokrates kann ein Lied davon singen. Somit versuchen Religion und Politik bis heute zu verhindern, dass der Unterschied von Wahrheit und Gewissheit ins allgemeine Bewusstsein dringt. Beide behaupten ihre Selbstverständlichkeiten als Wahrheiten.
    Beiden kommen Fanatiker oder Extremisten zur rechten Zeit. Sie bringt ihre eigenen Gewissheiten mit welche öffentlichkeitswirksam bekämpft werden können. Alle spielen in der gleichen Liga. Sie meiden das Spielfeld der Wahrheit und tummeln sich im Suhl der Gewissheiten. Zu solch schmutzigen Kämpfen finden sich stets genug Zuschauer ein.
    Die Verurteilung eines Giordano Bruno kann erst dann revidiert werden, wenn seine Wahrheit Allgemeingut geworden sind.

  2. Ist der link zur Giordano...
    Ist der link zur Giordano Bruno Stiftung gestattet?
    http://www.giordano-bruno-stiftung.de/
    Sonst landet der eine oder andere versehentlich auf den Seiten von UFO- und Alien „Forschern“, die sich Bruno ans Revers heften.

  3. Ostern ist für mich, rein...
    Ostern ist für mich, rein zeitlich auch, das Fest des spriessenden Grüns, der Palmwedel vorm Eiscafe, der Fruchtbarkeit des Osterhasen. Als Kind im Religionsunterricht versuchte man mir dies zu verleiden, indem man man mir die Folterqualen und die Dawn-of-the-dead-artige Auferstehung Jesu nahebrachte. Allerdings, wie bei so vielen religiösen Festen, wurden hier wohl frühere, heidnische Feste terminlich usurpiert. Nun will ich hier keineswegs die Trommel für Ostera und andere heidentümelnde Retro-Fantasiereligionen rühren, die sind ja meist noch furchtbarer und fiktiver. Aber etwas Relativismus tut dieser Kirche (und auch der anderen Großen, die sich in Person von Herrn Bischof Huber schamlos dem Neoliberalismus, den Kaufleuten und Managern verbal an den Hals warf, die ihre Angestellten mit Hungerlöhnen bezahlt, und damit noch das letzte bischen Schätzenswerte an ihr selbst zeitgeistig eliminierte), doch ganz gut. Meine strengen Worte seien mir verziehen, denn ich schreibe nur einen kleinen unscheinbaren Kommentar, die Herren und Damen von der Kreuz-Fraktion dagegen werden wir in den nächsten Tagen wieder gehäuft im TV bewundern dürfen, mit ihren salbungsvollen Botschaften: Die Vorherrschaft ist weiterhin gesichert, ob auf den Werbewänden der Busse, auf der Mattscheibe, oder im deutschen Bundestag. Keine Aufregung notwenig.

  4. So ist es. Und darum auch...
    So ist es. Und darum auch liest man die Blogs eines gewissen Ketzers mit Gewinn und (zumeist) Vergnügen.
    .
    Seien Sie bedankt.

  5. Der Christengott war ein Jude...
    Der Christengott war ein Jude und ein Ketzer. Man kann es nicht oft genug sagen. Das ist hier der Inhalt, der Plot, der Stoff.
    .
    Sinn und Substanz aber sind die Sprache selbst. Wesentlich hier, prägend bei Don Alphonso, sind Klang, Ton, Rhythmus – die Form. Dass die Form die sinngebende Instanz ist, wird oft nicht verstanden.

  6. Es ist immer wieder ein...
    Es ist immer wieder ein Vergnügen, Ihre Posts zu lesen. Ein freier und kritischer Blick auf das, was uns nicht mehr überdenkenswert erscheint.
    Dabei verbirgt sich hinter Ihren Aussagen eine schlagende Logik – Danke dafür!!!!

  7. Man gestatte mir den Hinweis,...
    Man gestatte mir den Hinweis, daß meine obenstehende Anmerkung zu einem Zeitpunkt formuliert wurde, als noch keiner der älteren Kommentare freigeschaltet war. Das „so ist es“ gilt darum nicht diesen, sondern dem Blogeintrag selbst.

  8. Liebe Reisende,
    warum so...

    Liebe Reisende,
    warum so verbiestert und missvergnügt? Reicht Ihnen die Sonne am Himmel nicht? Also bitte ganz schnell ins Café Greco und einen schönen Campari getrunken oder zwei! Dann entlang der Via del Popolo in die Geschäfte; ein neuer Anzug, Hemden, Blusen und Schuhe! Das hebt gewaltig die Stimmung und vertreibt germanisches Dräuen..Nunmehr fehlt noch bitte ein kleiner Spaziergang über den Pincio zur Villa Borghese und in deren heitere Sammlung. Dann wird’s aber Zeit ein Resto rauszusuchen und den Vatikan Vatikan sein zu lassen. Am besten nähert man sich diesem sowieso über sein Museum und nicht über die banalen Priesterkalender.

  9. Die Zeiten sind auch in Rom...
    Die Zeiten sind auch in Rom schon lange vergangen, als man zum farsi vedere in die Kirche ging. Der Anteil praktizierender Katholiken bewegt sich nur noch in homöopathischen Dosierungen.
    .
    Allerdings ist es direkt im Hauptquartier auch wirklich schwer, fromm zu bleiben. Ich lernte einst einen alten Benediktiner kennen, der mit vielen Augenfältchen lächelnd meinte: „Ich bin schon 50 Jahre hier und trotzdem noch katholisch.“

  10. Der Seher Johannes überbringt...
    Der Seher Johannes überbringt folgende Botschaft (höchstwahrscheinlich des Christus‘) an eine (vermeintlich) satte Gemeinde: „Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“

    Ob eine Schau (von mir aus auch ein Ereignis, ein „Event“) Offenbarung oder nur Spektakel, Pittoreskes ist, zeigt sich daran, ob man seine Augensalbe (s. ebd.) bekommen hat.

  11. @Streifzug
    Zu welchem...

    @Streifzug
    Zu welchem Erkenntnisgewinn dürfen wir hier kommen? Mit Politik und Religion sind Sie fertig. Das habe ich verstanden. Und nun?

  12. Nun ja mir sind die...
    Nun ja mir sind die Wellnesskatholiken doch lieber als die Fanatiker oder die Ketzer die bereit sind für ihre Überzeugung, auch mit gebundener Zunge, zu brennen.
    Es zeugt von einer gewissen Distanz und Gelassenheit, Kirche mehr als Folklore denn als Dogma zu sehen.
    Diese Vertreter (politischer oder religiöser Natur) einer absoluten Wahrheit waren mir schon immer suspekt, da ist das Verhältnis vieler Eventchristen zur Kirche doch eine wohltuende und realistische Nonchalance, dem Verhältnis zu einem älteren Opa ähnlich, über dessen Sicht der Welt man zwar, entweder den Kopf schüttelt oder sie gleich ganz ignoriert, sich aber der Tatsache bewusst ist aus dem gleiche Stall zu stammen. Giordano brannte für seine Erkenntnis, Galileo widerrief, Recht hatten beide
    Eine schöne Karwoche noch im schönen, für Sie stressigen Rom

  13. Ketzerey eines unwesentlichen...
    Ketzerey eines unwesentlichen Kommentaristen wie meinereiner, aber andersrum: Mir sind morsche Wellness-Jünger zehnmal lieber als streitbare (bald hätte ich streitsüchtige gesagt) Ketzer, Demagogen, Hyperidealisten oder andere autoritäre Spinner, die sich im Vollbesitz der alleinigen Wahrheit wähnen. Wie das ausschaut, wenn nicht nur ein paar Wenige, sondern Massen glauben, auf einen Kreuzzug für den einzig wahren Glauben zu sein oder auf eine Dschihad* ziehen zu müssen, das steht in alter und moderner Geschichtsschreibung. Das ist Gaza, das ist Islamismus, das waren die Kreuzritter. Muss ich alles nicht haben, dieses „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein!“. Das Unangenehmenste, Übelste, Kriegerischste sind überidealistische Rechthaber, Superorthodoxe. Dann lieber halblaue Wellness-„Idioten“, ehrlich. So idiotisch sind die nämlich gar nicht, eher sagen wir mal: gemütsmäßig ausgeglichener, liberaler. Und weniger autoritär, weniger paranoider Spinner. Ich selber hätte wohl den Palmzweig mit nach Hause genommen, verurteile aber niemanden, der ihn nach dem Ritual nicht mehr brauchen kann.
    (*Dschihad kann man so oder so auslegen, manche frommen Muslime sehen sie als heiligen Kreuzzug gegen ihre eigenen Schwächen, andere sehen das ausschließlich als Kreuzzug gegen die Anderen, die „Ungäubigen“…. Im klinischen Sinne ist Letzteres nichts anderes als eine ausgereifte Paranoia, in schönster Blüte.)

  14. Nein,nein,nein,nein,nein. Ich...
    Nein,nein,nein,nein,nein. Ich muss Don Alphonso in Schutz nehmen, die Form ist in seinem Fall keineswegs die sinnstiftende Instanz. Damit wird man seinem Gefühl für Stil und Rhythmus eben nicht gerecht. Ganz zu schweigen von seinem Anliegen, wenn er jemanden wie Giordano Bruno und dessen Wirken in Erinnerung ruft. Ich denke mal, die Forderung,dass die Form so zu wählen sei, dass sie dem Inhalt genügt, ist hier eher ausschlaggebend. Und dies kennzeichnet eine Haltung, die Ästhetik als Selbstzweck verwirft, bestens vereinbar mit der pragmatischen Haltung eines Giordano Bruno, der ein Ketzer aus Überzeugung war und kein Hofnarr oder Schöngeist. Also Alphonso nicht gegen den Strich bürsten bitte. Ano

  15. Wenn ich Giordano Bruno...
    Wenn ich Giordano Bruno richtig verstanden habe, dann war er ein armer Mensch der allen möglichen Theorien seiner Zeit nachlief ohne jetzt wirklich immer genau zu wissen oder erahnen was richtig und was falsch ist. Denn es mag sein das er – aus heutiger Sicht – richtige Theorien vertrat, aber genauso viele andere.
    So gesehen hat die Giordano Bruno Stiftung ihren Namen richtig gewählt. Ist sie doch die Speerspitze des radikalen Atheismus in der BRD und hat mit den gleichen Orientierungsproblemen zu kämpfen wie ihr Namensgeber.
    Das Giordano Bruno Probleme mit den damaligen Kirchen hatte – übrigens mit der evangelischen genauso wie mit der katholischen – lag wohl hautpsächlich darin begründet das er sehr wenig Rücksicht auf die Befindlichkeiten der anderen nahm. Nicht alle Menschen mögen es wenn ihr Glaube in den Schmutz gezogen wird. Das er im Glauben selber wenig gefestigt war, war eher unerheblich. Wen sollte das denn wirklich interessieren.
    Das er letztendlich so endete wie er endete ist natürlich falsch und so ist die Revidierung der Verurteilung zu begrüßen – auch wenn Giordano Bruno nichts mehr davon hat. Die Kirche hat was davon, sie zeigt deutlich das sie dazugelernt hat.

  16. Die Menschen der Mehrheit...
    Die Menschen der Mehrheit wollen Sklaven sein. Sie wollen keinen Gott, der es ihnen freistellt, ob sie an ihn glauben und der sich Zeit nimmt, ihre Zweifel zu akkomodieren. Sie wollen einen Gott, der ihnen den Kopf vor laufender Kamera abschneidet, wenn sie ihn nicht öffentlich ritualisieren. Sie wollen eine Religion, die „Unterwerfung“ heißt. Das Christentum gehört jetzt allein denen, die TROTZ allem daran glauben. Erst jetzt ist es die Religion der Freiheit auch aus der Perspektive der Mehrheit. Die Mehrheit kann das aber nur von außen sehen. Schade.

  17. "Am Anfang steht der Glaube,...
    „Am Anfang steht der Glaube, am Ziel die Show.“

  18. Man übt schon den...
    Man übt schon den Inquisitor
    Das Verbrennen von Ketzern und das Verbrennen von Büchern sind die zwei Seiten einer Medaille. Und damit sich da niemand all zu sicher wähnt: Seitens der katholischen Kirche übt man wieder mal die Rolle des Inquisitors – ganz vorsichtig noch, aber man will die Massen testen, wie das bei ihnen ankommt.
    Denn, eine Menge unter den Massen, sind eigentlich Ketzer, sie wissen es nur noch nicht. Und so wie wir gegenwärtig noch der eigenen Krise zuschauen, so schauen wir morgen vielleicht der eigenen Verbrennung zu.
    Das ist der wahre postmoderne Event, den die katholische Kirche (und nicht nur diese) da lanciert.
    Einen Bruno kann man heute nicht mehr verbrennen, der ist hipp, Don Alphonso und Streifzug haben das richtig erkannt, aber einen Darwin vielleicht? – posthum, seine Bücher nämlich.
    (Eintrag in eigener Sache: mein eigener Blog ist zurzeit eine Baustelle, sorry, wird bald wieder eröffnet.)

  19. Nörgler, nicht nur der...
    Nörgler, nicht nur der Christengott war Jude und Ketzer. Das Christentum selbst wurde in der Antike als jüdische Sekte verfolgt, die -so die dahingehende Interpretation des Abendmahls- angeblich kannibalistischen Neigungen nachging. Diese Selbsterfahrung hinderte das Christentum allerdings später nicht, mittels gleicher Bezichtigung Andersgläubige zu verfolgen, worunter das Judentum jahrhundertelang zu leiden haben sollte.

  20. Kleiner Nachtrag: Könnte es...
    Kleiner Nachtrag: Könnte es sein lieber Don, dass Ihnen in Rom nicht die Pilger sondern die Pollen zu schaffen machen? Pilger die mit blühenden Oelbaumzweigen herumfuchteln. Nicht auszudenken! Als Allergiker hätten Sie dann eventuell gar keinen Genuss? Also dann besser doch statt Pincio einen dritten Campari im Café Greco.

  21. Stimmt ja alles, hat aber...
    Stimmt ja alles, hat aber einen nörglerischen Unterton. Lasst die verkleideten alten Jungs ihr Brimborium zu den Festtagen verrichten. Der aufgeklärte Zeitgenosse hat doch ohnehin eine eigene Meinung dazu. Aber … der „Verein“ hat eine beispielhafte Corporate Governance, sonst hätte er nicht so lange und so erfolgreich überlebt

  22. Bei Tolstoi dagegen hat der...
    Bei Tolstoi dagegen hat der Glaube am Ende über alles gesiegt. Es war Schluss mit Spielen. Um die Kirche ging es ihm, soweit ich weiß, überhaupt nicht.

  23. Keine Ahnung, was einen...
    Keine Ahnung, was einen halbwegs denkenden Menschen bewegt, einen Blog über Giordano Bruno zu fabrizieren. SChade um die ZEit , die ich gerade beim LEsen damit verbracht habe.
    Mein Beileid!

  24. Guten Tag, Klassenfeind!...
    Guten Tag, Klassenfeind! *gg*
    Der gedankenlose religiöse Mob kann sich nicht vorstellen, daß er auch damals der Mob gewesen wäre.
    Und die Pfaffen haben sich nie gefragt, inwieweit sie den in der Bibel beschriebenen Pharisäern und Schriftgeleerten ähnlich sind.
    Allein die Unfehlbarkeit des Papstes! Was für eine Verwirrung! Wie oft mussten sie ihre Urteile und Dogmen widerrufen.
    Das nennt man dann mit tausend Sophismen immer noch Unfehlbarkeit.
    Schönen Nicolaus!

  25. schön geschrieben.
    Ich glaube...

    schön geschrieben.
    Ich glaube nicht, dass die Menschen heutzutage ungläubiger sind. Der strengen Gläubigkeit des „Mobs“ lagen seiner Zeit immer die Fesseln der angedrohten Verdammnis zugrunde. Da finde ich, ist eine Gesellschaft mehr wert, in der jeder frei entscheiden kann, nein muss. Ich will damit sagen, dass die Freiheit die man hat ebenso eine gewisse Verantwortung schafft, bei der jedem selber überlassen ist, wie er mit ihr umgeht. Ich bin zufrieden mit der Welt. Ich gehe Ostersonntag in die Kirche, um zu beten.
    Nebenbei sei kurz erwähnt, dass es an eben jenem Campo d´fiori eine wirklich relativ preiswerte, hervorragenden Pizzeria gibt. Jedoch sollte man tunlichst nicht der netten Verkäuferin glauben, die einem lebhaft versichert die Lasagne sei wirklich „grande“.

  26. @Nörgler, assuming you're the...
    @Nörgler, assuming you’re the real McCoy: G’scheit g’sagt, mit einer Ausnahme. Der Christengott ist nicht Jesus; der ist sein Sohn. (Die Dreifaltigkeit, auch für Theologen schwierig, klammern wir hier mal aus.) Dass er Jude und Ketzer war, stimmt. Aber er war auch Anführer einer von mehreren Guerillatruppen wider die römische Besatzung, glücklos und verraten. Als Ketzer wollte Jesus die jüdische Religion von Verfettung, Verkalkung, Verweltlichung und Materialismus befreien — was mißlang und zu seiner Hinrichtung wesentlich beitrug. Heute tät‘ man ihn einen gescheiterten Reformator nennen.
    Martin Luther war ebenfalls ein Ketzer, gut anderthalb Jahrtausende später. Aber die politischen Verhältnisse waren andere, und er hatte mehr Glück — schon allein weil er viel länger lebte, sich klug verdrahtete und dadurch zum erfolgreichen Reformator wurde. Zu einem Reformator übrigens, der das Christentum vor dem endgültigen Niedergang rettete. Dafür sind die Katholiken diesem ehemaligen Ketzer noch heute dankbarer als die Protestanten, die Luthers Vermächtnis willfährig dem Zeitgeist geopfert haben.
    Giordano Bruno hatte das Pech, daß er nach Hus, Calvin, Luther, Zwingli et al. auf die Kanzel kletterte, als die Leidens- und Erneuerungsfähigkeit der etablierten Ecclesia bereits erschöpft war. Seine Leugnung des Jenseits war der letzte Tropfen ins Faß, der entscheidende Schritt zu weit, und konnte dank Rüttelns an einer biblischen Geschäftsgrundlage nur auf den Scheiterhaufen führen. Das hatte kein anderer Ketzer oder Reformator je gewagt, und das war ihm durchaus klar.

  27. Wehrter Don,
    noch verstehe ich...

    Wehrter Don,
    noch verstehe ich nicht was Euch in Rom hält, obwohl ich viele Ansichten zur
    Kirche und „POP – Kultur“ teile, drängt sich mir die Frage auf warum quält Ihr
    Euch selber so?
    Hat es nicht einen Ort, vielleicht weiter im Norden, wo Ihr jetzt den Frühling
    geniessen könntet.
    Langsam vielleicht und mit einer guten Tasse Tee?
    Herzlichst P.

  28. Kirche schafft sich selber ihr...
    Kirche schafft sich selber ihr Ketzer. Es ist daher völlig natürlich, wenn um dies für sich selber zu umgehen, Religion als Wellnessstifter betrachtet wird. Die Symbolik in der Kontemplation, trägt dies zu einem Menschen inneren, logischen Schluß. Die Frage nach Gott, kann nicht mit einer neuen Frage beantwortet werden. Alle Religion läuft mit ihrem Sinn in eine Enantiodromie. Da sie nach Wissen verlangt, sei es nur die Antwort nach der Herkunft des Stück Brot, welches ich morgen essen möchte.

  29. Sorry für die späte...
    Sorry für die späte Freischaltung, wir wren heute lange und beschwerlich (all die Schlaglöcher! Und die Trüffelravioli!) unterwegs.
    .
    Strifzug, nun hatte die Kirche ja durchaus Wissenschaftler, die damals auch Gottesbeweise führten, über die die Forschung hinweg gegangen ist: Sibyllinische Bücher, Wurzel Jesse, Evangelien, den jüdischen Kieg von Flavius Josephus – alle sagten, dass Bruno nicht recht hatte. Das alles war zu seiner Zeit Wissenschaft (und ist es teilweise bis heute, man schaue sich nir mal die Versuche gerade evangelischer Theologen (allein das Wort) an, Kriminelle wie Konstantin zum netten Onkel des spätrömischen Reiches umzudeuten.

  30. Anderl, ist gestattet. Die...
    Anderl, ist gestattet. Die Statue in Rom wurde übrigens gegen den Willen der Päpste errichtet. Von Freimaurern. Tjaja.

  31. Eugnacius, die Sache mit...
    Eugnacius, die Sache mit Gewalt, Tod und Folter und ihrem langsamen Verschwinden aus der katholischen Wahrnehmung wäre einen eigenen Beitrag wert.

  32. Earl Grey, danke, ich bin...
    Earl Grey, danke, ich bin alles andere als ein Ketzer, sondern reichlich linientreuer Angehörgiger einer Glaubensauffassung, der es reichlich egal ist, ob man nicht an G’tt glaubt – schliesslich entscheidet das G’tt und nicht der mumar le chol ha thora kula- um es zu übersetzen – „Idiot, der nicht die Wahrheit in der Thora zu erkennen in der Lage ist“. Trotzdem bin ich heute schnell durch das römische Ghetto geeilt, auf dass man mich nicht für einen Tempeldienst shanghait, wie es mir in Israel passiert ist.

  33. Nörgler und Hans Wertbach,...
    Nörgler und Hans Wertbach, danke. Wobei Christus, so es ihn gegeben hat und er tatsächlich die Geldwechsler vertrieben hat, das in der grössten Bank der antiken Welt getan hat. Sprich, er sägte an der Wirtschaftsbasis des Landes. Das hat nicht jedem gefallen.

  34. @Don Alphonso
    Theologen...

    @Don Alphonso
    Theologen können durchaus Wissenschaft betreiben (Erbsen).
    Ergebnisse wurden und werden anschließend danach beurteilt, ob sie in die Wirklichkeit der jeweiligen Religion passen und nicht ob sie die Realität abbilden.
    Der Papst gibt zurzeit eindrucksvolle Beispiele was passiert, wenn fernab der Realität Macht und Gewissheit Meinungen produziert. Bei jeder anderen Person wäre das Tippen an die Stirn umfassend, in seinem Fall murmeln viele Gläubige zustimmend.
    Viele Stützen der Gesellschaft trauern den Zeiten nach, als dem Volk jeglicher Schwachsinn mit dem Gütesiegel der Kirche angedreht werden konnte. Alternativ bedarf es die gemeinsame Anstrengung von Medien, Werbung und Politikern um zum Ziel zu kommen. Nicht ohne Grund versucht man Religion wieder als tragende Säule zu installieren.

  35. Nachtrag: Giuseppe De Luca -...
    Nachtrag: Giuseppe De Luca – Arbeiten zur Geschichte der Frömmigkeitsformen

  36. Da gäbe es noch viel anderes...
    Da gäbe es noch viel anderes zu lesen. Die spannenderen Dinge sind jedoch diejenigen, die man nicht mehr zu kennen wünscht.

  37. Der Gärtner: Das ist nicht...
    Der Gärtner: Das ist nicht der Auftrag. Urlaub ist Privatsache, aber hier geht es um den Versuch, vorösterlich Rom zu begreifen. Und das macht durchaus Spass, selbst wenn es nicht alles in Eierkuchen gebacken wurde.

  38. Pius, ich glaube, Augustinus...
    Pius, ich glaube, Augustinus hätte mein Wortspiel nicht gefallen. Aber gerade darum.
    .
    Maternus, ich versuche gerade zu verstehen, warum und wieso, aber je mehr ich sehe, desto weniger verstehe ich von diesem postmodernen Auflauf, in dem alles geht und nichts mehr möglich scheint.

  39. Lusitano, die Lauen sind dann...
    Lusitano, die Lauen sind dann aber genau jene, die die Inquisition rufen um des kleinsten persönlichen Vorteils, und vor denen man im Zweifelsfall nicht einfach davonlaufen kann, wohingegen man mit den Extremisten noch einen Deal machen kann.

  40. Das Problem ist doch, daß es...
    Das Problem ist doch, daß es nur noch die Lauen auf der einen und die Extremisten auf der anderen Seite gibt, während der früher einmal existierende Fromme, bei dem gesellschaftliches und religöses Leben in eins fielen, inzwischen ausgestorben ist (den elbsegler einmal ausgenommen). Die gesellschaftliche Ordnung ist kaum mehr mit der Religion verzahnt (von einigen ärgerlichen Relikten einmal abgesehen) und damit ist letztere zur Privatsache, das heißt, zu einem bloßen Hobby, das man betreiben oder auch bleiben lassen kann, heruntergekommen. So wird sie dann auch betrieben, und genau dies ruft dann auf der anderen Seite die Extremisten auf den Plan, die die gesellschaftliche und die religiöse Ordnung wieder zusammenzwingen wollen. Insofern ist der religöse Extremist nicht das Gegenbild zum Hobby-Gläubigen, sondern dessen Pendant in einer Gesellschaftsordung, die beide nicht mehr braucht. Und weder der eine noch der andere haben etwas mit den Gläubigen zu tun, denen wir den Sieneser Dom oder die Matthäus-Passion verdanken.

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