Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Ein spitzes Ach für den Stellvertreter Gottes auf Erden

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Scheidungen sind ein Sakrileg, sagt der Papst. Scheidungen sind aber auch vollkommen normal, sagen diejenigen, die ihm seit Generationen gern gefolgt sind. Am Gründonnerstag jedoch stellt die Kirche erneut fest, dass ihr der Auftrag erteilt wurde, Scheidungen abzulehnen. Und ich habe das Vergnügen, in Rom von einem "Ach" zu erzählen, das man nicht unterschätzen sollte.

Ich bin ein Weib und obendrein kein gutes.
Teresa von Àvila

Vor ein paar Jahren hat sich eine gute Freundin ohne besondere Gründe von ihrem Mann scheiden lassen. Ich schreibe das hier so hin, als ob es ein banaler Vorgang wäre, und es mag sein, dass man es andernorts auch so banal sieht. Aber ich komme bekanntlich aus dem katholischen Bayern, und dort war das in meiner – gar nicht so lange vergangenen – Kindheit zumindest in meiner Schicht höchst unüblich. Es gab eine Reihe von Gründen, die eine Scheidung wirksam verhinderten, und der Umstand, dass man sich dann bei – hier die Namen einer Vielzahl leitender Mitglieder der Gemeinde – nicht mehr blicken lassen konnte, war nicht der geringste Grund. Es gab in meiner Bekanntschaft nur ein Scheidungskind, und dessen Eltern kamen nicht aus der Stadt, und blieben dort auch nicht. Die Stadt ist sehr katholisch gewesen, und war kein guter Ort für solche Regelverstösse. Generell wurde die Überzeugung vertreten, die Ehe sei ein heiliges Sakrament, die Kirche liesse keine Scheidung zu, also würde man das auch nicht machen, solange es irgendwie erträglich und unterhalb des Mordversuchs blieb. 

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Als sich dann 20 Jahre später meine Bekannte scheiden liess, war es ein teures Vergnügen mit Rosenkrieg, Anwälten, einem verkauften Haus und einem Ex-Ehemann, der sich als Stalker betätigte. Nachdem es nicht nur ein Paar, sondern auch zwei gute Familien betraf, zieht sich seitdem ein unsichtbarer Riss durch mehrere Stützen der Gesellschaft, man redet viel hintenrum und versucht trotzdem, die Chancen einer Wiedervereinigung auszuloten. Ungeachtet dessen ist meine Bekannte nun auf dem 2. Heiratsmarkt der kleinen Stadt als besonderer Leckerbissen angeboten, zumindest nach dem Willen einiger älterer Damen, die nun nach einem Mann suchen, der gesellschaftlich passt, den Umstand, dass er keine Patchworkfamilienreste mitkauft, zu schätzen weiss, halbwegs klug und gebildet ist und hoffentlich auch leidensfähig genug, die nicht immer einfachen Stimmungsschwankungen meiner Bekannten zu erdulden. Das kleine Problem: Der beste Kandidat spielt auch Golf, ist aber homosexuell, der zweitbeste Vertreter hat mehr als eine Freundin, der Drittbeste vergnügt sich nach der letzten Trennung mit einer Abiturientin, und so weiter und so fort, bis ich auch das Vergnügen habe, aufgrund diverser Lebensumstände als nicht passend erachtet zu werden. Meine fehlende religiöse Anhängigkeit ist da übrigens kein Kriterium, ganz im Gegensatz zu meinem schäbigen Auto, meinem undurchsichtigen Beruf, meinem losen Mundwerk und meiner erklärten Kinderfeindlichkeit, wird mir zumindest berichtet.

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Diesen Paradigmenwechsel muss man kennen, um zu verstehen, was aus dem Papsttum wird. Das sind die tonangebenden Kreise in einem erzkatholischen Land, und damit die Kreise, die noch am ehesten ihre Kinder in den Gottesdienst schicken. Es ist eine Klasse, der ihr Katholizismus nicht auffällt, weil sie es seit jeher nicht anders kennt, und bei der weite Teile des Lebens von diesem Glauben bestimmt sind, weil es so ist und schon immer so war, und den selbst ich gut genug kenne, dass mir Rom und der Papst nicht als fremdartige Objekte ethnologischen Interesses erscheinen. Die gesellschaftliche Moral der Klasse war weitgehend deckungsgleich mit der Theorie der katholischen Kirche, gesellschaftliche Skandale und christliche Todsünden waren austauschbar. Aber während früher von älteren Damen noch auf die Pille geschimpft wurde, die die Anzahl der Enkel klein hielt, hat man sich heute sogar mit dem – nach Meinung der Kirche – Sakrileg der Scheidung abgefunden. Kurz: Dem Papst kommen seine altgedienten Prätorianergarden abhanden. Selbst wenn sie am Gründonnerstag noch pflichtschuldig in die Kirche gehen. Und dort den Auftrag des Religionsstifters an den Apostel Petrus hören: „Was du auf Erden bindest, soll im Himmel gebunden sein.“

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Der Papst nun bezeichnet sich als Nachfolger des Apostel Petrus und als Stellvertreter – eigentlich Vikar, was den Anspruch ein wenig dämpft – Gottes auf Erden, insofern gibt es an den Regeln nichts zu deuteln. In der Theorie spricht die Kirche in Sachen Scheidung das schlimmste Verbot aus, das diese Klasse kennt: „Das tut man nicht.“ Das ging früher – heute jedoch spielt der Papst mit solchen Worten mit dem Feuer. Elite, diese spezifische Elite der römisch-katholischen Länder zumal, funktioniert vor allem über die gegenseitige Bestätigung der Klassenzugehörigkeit. Oder, um es mit den unsterblichen Worten meiner Grossmutter zu sagen: „Es is wia da fettn Sau an Oasch gschmiat“ [dt. Man tut zusätzliche Anerkennung an jene, die alle Anerkennung verdient haben]. In dieser Selbstvergewisserung, das richtige zu tun und zu sein, sich über den Pöbel mit seinen „gschlamperten Vaheitnisn“ [dt. Patchworkfamilien] zu erheben, war die päpstliche Werteordung ein erstklassiger und nicht minder elitärer Rahmen. Nun aber, da man sogar von Ministerpräsidenten und Ministern Übles lesen muss und sich nicht nur die Kanzlerin aus dem Osten hat scheiden lassen, wo die ja sowieso Protestanten sind, trennen sich die Wege der Eliten. Der Papst bleibt, wo er ist, und die Tanten tuscheln über der Torte, dass er doch etwas vorgestrig ist

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Das Tuscheln der Tanten ist nie ein gutes Zeichen. Das Tuscheln wird gerne eingeleitet mit einem „Man darf ja nichts sagen, aber…“ – und wer erlebt hat, wie sich nach solchen Floskeln Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und übelste Nachrede Bahn brechen, der ahnt, dass der Papst, dem das gilt, ein ernsthaftes Problem hat. Denn  die Scheidungsrate ist bei uns inzwischen immens hoch. Um ehrlich zu sein: In meinem Umfeld ist sie höher, weitaus höher als in dem Bereich der Gesellschaft, den man in Bayern als „Gschleaf“ [dt. oft zugewanderte sozial Benachteiligte] bezeichnet. Obwohl unsere Eltern durchgängig perfektes Familienleben vorstellten, obwohl da keiner ist, der sich auf schlechte Vorbilder berufen könnte – es geht sehr oft einfach nicht gut. Es fehlt die Bereitschaft, eine Fehlentscheidung in der Partnerschaft ein Leben lang zu ertragen. Es fehlt auch die Bereitschaft, sich deshalb von Rom ausgrenzen und als Paria behandeln zu lassen. Obendrein steht im Matthäus-Evangelium gleich nach der Sache mit dem Binden im Himmel und auf Erden, dass dies auch für Trennungen, die nicht genau spezifiziert sind, gelten soll.

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Natürlich ist es auf den ersten Blick nur eine nicht mehr ganz junge Frau, die nicht mehr zur Messe mitgeht. Es ist nur eine Frevlerin, könnte man denken, eine verzogene Berufstochter, die beleidigt ist, weil die Kirche ihre lockere Entscheidung wegen Langeweile nicht akzeptiert. Aber diese Kinder sind doch etwas mehr, sie sind die Träger des Glaubens als gesellschaftliche Institution und Tradition, und das geht an dieser Stelle unwiderruflich zu Ende. Ich war mit meiner Bekannten vor zwei Jahrzehnten schon einmal in Rom, damals mit der Schule. Damals war ich der verkommene Zyniker, der mit den paar Heiden die Papstaudienz schwänzte, und sie diejenige, die ergriffen überlegte, Religion als Leistungskurs zu belegen. Heute ist Gründonnerstag, und ich war in Rom, um über den Papst und den Katholizismus zu schreiben. Als ich ihr davon erzählte, kniff sie kaum merklich die Lippen zusammen, und sagte dann ein spitzes „Ach“.

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Wie gesagt: Ich bin kein Christ, nur Kulturhistoriker. Was ich da gelernt habe ist: Rom war nie ein gutes Pflaster für Herrscher, deren Garden dieses „Ach“ sagen.

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  1. Nun ja, der Weg zum Heil ist...
    Nun ja, der Weg zum Heil ist eben schmal, das hat die sog. Volkskirche lange zeit verdeckt.

  2. Andere Volkskirchen machen den...
    Andere Volkskirchen machen den Weg gerade in dieser Frage sehr breit. Im Judentum etwa gibt es eine einseitige Scheidung mittels Scheidebrief. Sprich: Man hat keinen derartig starren Zugang zur Frage, ob das jetzt gleich ein Frevel und Anlass zum Rauswurf ist. Ich sehe aber auch nicht, wie man hoffen könnte, dass sich das ochmal im Sinne der Kirche ändert. Im Prinzip bliebe da nur eine Aufweichung der Regeln für einen Dispens.

  3. Schon länger gilt das für...
    Schon länger gilt das für Verhütung. Noch aus meiner Jugend in einem stockkatholischen Wallfahrtsort kann ich gesichert berichten, daß schon damals die Bauersfrauen sich vom Pfarrer, der für sie ansonsten ein Halbgott war, nicht haben dreinreden lassen, wenn es um Verhütung bei ihren unverheirateten Töchtern ging.

  4. Lieber Don Alphonso, ,,Das...
    Lieber Don Alphonso, ,,Das Tuscheln der Tanten,… wo sich übelste Nachrede freie Bahn bricht: danke für diesen Hinweis. Eigentlich liesse sich hier sehr gut über den Fortbestand des Faschismus in der Nachkriegsgesellschaft nach seinem militärischen Untergang nachdenken. Die katholische Kirche hat dabei keinen kleinen Anteil.

  5. Nitpick: Der Papst ist nicht...
    Nitpick: Der Papst ist nicht „Stellvertreter Gottes“, sondern Stellvertreter Christi („Vicarius Iesu Christi“). Gott ist überall und immer im Dienst, der braucht keinen Vize. Christus hingegen ist, äh, nur mal kurz weg, und solange muss halt jemand anders seine irdischen Aufgaben als Wanderprediger und Zeremonienmeister übernehmen. (Das wird natürlich komplizierter wenn man die Dreifaltigkeit hinzuzieht, aber egal.)

  6. Nun, in den Kategorien der...
    Nun, in den Kategorien der Päpste gedacht, ist das auch nicht so schlimm.
    Bedenke er: Unter der betreffenden Urkunde, die das Verhältnis der Kirche zur Empfängnisverhütung regelt und deren Name mir leider gerade verlustig gegangen; da prangt keinesfalls das Indemnitätssiegel.

  7. Alter Bolschewik, das war auch...
    Alter Bolschewik, das war auch bei uns so: Die Angst vor dem grossen Skandal war schlimmer als die Angst vor dem Höllenfeuer.
    .
    Was einen Arztsohn aber nicht davor bewahrte, eine geschwängerte Krankenschwester im zarten Alter von 19 heiraten zu müssen. Aber das war schon in einem Kaff vor dem Kaff, aus dem ich komme.

  8. Gärtner, ich denke, man muss...
    Gärtner, ich denke, man muss das Tuscheln nehmen wie eine Naturgewalt. Es dauert eine Weile, aber dann ist es vergessen und wendet sich neuen Theman zu, da die Damen Langeweile haben, und ja doch immer irgendwer einen Skandal verbricht. Man wird das nicht abstellen können, aber es ist doch nett, wenn sich andere zum Opfer dieser Dolchstossereien machen.

  9. Der »Auftrag des...
    Der »Auftrag des Religionsstifters an den Apostel Petrus« scheint mir im Artikel etwas verkürzt dargestellt ;-)

  10. Andi, das ist richtig, bezieht...
    Andi, das ist richtig, bezieht sich konkret auf die Erwartung, dass Jesus Christus erneut auf die Welt kommt und die Zeiten beendet – etwas, von dem das frühe Christentum glaubte, dass es bald passieren würde. Nachdem die Wesenseinigkeit aber zentraler Bestandteil der katholischen Lehre ist –
    .
    ok, ich habe geschlampt.

  11. auxtroisglobes, da bin ich mir...
    auxtroisglobes, da bin ich mir absolut nicht so sicher, denn in den Gemeinden fühlt man aktuell durchaus den Druck der alten Tanten. Wie sagt man der Hauptspenderin, dass sich die Erbnichte nicht mehr bei der Kommunion sehen lassen muss? Schwierig. Gar nicht leicht.

  12. ja so ist das nun mal, alles...
    ja so ist das nun mal, alles vergänglich :-) Auch Elite ist nur menschlich! Aber sagt werter Don, sind die meisten der heutigen Bilder des Blogs nicht in Sienna fotografiert?

  13. Stimmt, ich habe 2000 Jahre...
    Stimmt, ich habe 2000 Jahre Debatte über den Auftrag an Petrus stark verkürzt :-)
    .
    (Vielleicht sollte ich mal die Kollegen des Überkreuzblogs bitten, hier nachhaltige Aufklärung von kompetenter Seite nachzutragen. Ganz so fest bin ich im Codex Juris Canonici auch nicht mehr.

  14. Black Jack, nur Nummer 3 und 4...
    Black Jack, nur Nummer 3 und 4 sind aus dem Dom von Siena und der Piccolominibibliothek, der Rest ist aus Rom und dort mit Ausnahme von No. 1 aus der Strasse der Antiquitätenhändler bei der Engelsburg.

  15. Das Glaubensvolk ist eben sehr...
    Das Glaubensvolk ist eben sehr viel tümlicher, als sich ein Dogmatiker an seiner Spitze sich das eingestehen mag. „Wen der babist enmag kein recht geseczen, da he unse lantrecht oder lenrecht mitte krenke“ (Sachsenspiegel, Landrecht I 3§3) – dieser Satz zu Ehe- und Erbrecht von 1225 (es ging um die soziale Eingrenzung von Verwandtschaft) zeigt die Macht der Volkskirche, wenn der Papst die in der Gesellschaft Tag für Tag ausgehandelten Konventionen mißachtet – und Konventionen sind veränderbar, damals wie heute. Insofern ist das Epitheton „vorgestrig“ für Benedetto XVI ja noch einigermaßen höflich gewählt. Die bekannte Zeitung mit den vier Buchstaben hatte mit der Riesenschlagzeile „Wir sind Papst“ nicht nur den Gewinn der katholischen Champions League anzeigen wollen, sondern auch den schönen samtrevolutionären Satz variiert „Wir sind das Volk“ (und damit Ratzi signalisiert, du hast mit uns zu rechnen). Ein hochintelligenter Scholastiker auf der Cathedra Petri sollte also schleunigst sich auf sein Metier besinnen – und in den Canones vor dem Tridentinum kramen. Er fände dann sicherlich die weise Unterscheidung zwischen „divorcium“ und „separatio“. Letztere tritt nämlich dann in Kraft, wenn sich während einer legalisierten Verbindung von Männlein und Weiblein Hindernisse (impedimenta) auftun, die die Ehe als entschuldbaren Irrtum erweisen. (Im Mittelalter war die beliebteste Ausrede die nachträglich festgestellte, oft fingierte weitläufige Verwandtschaft der Ehegatten – Inzest war ja nur eine Form von zu trennendem Konkubinat). Bei einer „Separatio“ tut die Kirche einfach so, als habe es keine Ehe gegeben – mit der Folge, beide Partner dürften mit kirchlichem Segen (so sie es denn wollen) einen neuen Anlauf starten. Ob es eine „richtige“ Ehe zwischen den „Richtigen“ war, erwiese sich dann erst vom Ende her, dem Tod eines Partners.

  16. Ja, die Welt war schlecht und...
    Ja, die Welt war schlecht und ist schlecht und wird schlecht bleiben. Ihre „tuschelnden Tanten“ werden wie der Rest der „besseren Gesellschaft“ ihres „Kaffs“ der Heiligsprechung nicht nur knapp entgehen. Ich bin immer wieder erstaunt, welches Idealbild gerade die, die nicht katholisch sind, von dieser Kirche und ihren Gläubigen haben bzw. vorgeben zu haben. Alle müssen Heilige sein. Viele sind aber nur scheinheilig. Sehen Sie die christlichen Religionen mit ihren Kirchen, wie auch alle anderen Religionsgemeinschaften doch als eine Art von „Besserungsanstalten“. Mit Erreichen des verfolgten Ziels wären sie überflüssig. Der Mensch mit all seinen Schwächen ist jedoch ein Garant dafür, dass dieser Zustand so bald nicht eintritt. Dass viele Gläubige, gleich welchen Glaubens, immer wieder gegen die Grundsätze ihres Glaubens verstossen, ist keine besonders aufregende Erkenntnis. Warum Menschen sich als katholisch bezeichnen obwohl sie nicht willens sind, die (wirklich) verbindlichen Essentialia dieses Glaubens anzuerkennen, ist sicher eine stets aktuelle Frage. Es ist aber kein Problem des Papstes, sondern des Individuums selbst. Was kann der Schiedsrichter dafür, wenn der Stürmer die Abseitsregel ignoriert.

  17. Ich weiß nicht mehr, ob ich...
    Ich weiß nicht mehr, ob ich mich recht erinnere, aber war die heute als res ecclesiae etablierte Ehestiftung nicht ein päpstlicher Politkniff im Investiturstreit?

  18. "Bis daß der Tod Euch...
    „Bis daß der Tod Euch scheidet“ – Diese anmaßende Distributionsformel kann man natürlich auch sehr ironisch verstehen, im Sinne des sozialverträglichen Ablebens eines Gatten. Dazu fällt mir der sehr hübsche und zudem noch treffende Film von Pietro Germi ein: Divorzio all’italiana, auf Deutsch „Scheidung auf italienisch“, mit einem hinreißend schmierigen Marcello Mastroianni als Baron Fernando Cefalù, der seine liebeshungrige Gattin in die Affäre mit dem Hauslehrer treibt, um die beiden dann in flagranti zu erschießen – die von ihm angestrebte 2. Ehe mit dem Teenie Angela wird ebenfalls all’italiana enden; noch während der Hochzeitsreise flirtet sie schon mit dem schmucken Segelmaat.
    .
    Auch das römische Volk hielt übrigens die „Ehe“ seines obersten Priesters mit der „Ecclesia“ nicht ausschließlich für normal unauflöslich: Der letzte Oberbayer auf dem Stuhle Petri hieß Poppo, kam aus Rott (nicht Marktl!) am Inn – und wurde als Papst Damasus II. kein Vierteljahr mit „seiner“ Ehefrau Kirche glücklich. Angeblich die Malaria (naja, oder eine klitzekleine Prise Arsen wie beim Vorgänger aus Bamberg) – heute ruht er vor den Toren Roms: San Lorenzo fuori le mura. Wäre der Dussel doch nur Bischof in Brixen geblieben!

  19. So ausschließlich katholisch...
    So ausschließlich katholisch ist das wirkungsmächtige Tantengetuschel ja nicht:
    Wenn ich an Max Weber denke, erklärt er nicht mit dem Problem des „mit-wem-zusammen-nehme-ich-am-Abendmahl-hier-eigentlich-teil?“ die ganze protestantische Sektiererei und die Vergabe von Kleinkrediten bzw. gutem (wirtschaftlichen) Leumund?

  20. Der Papst hat sicher fertig,...
    Der Papst hat sicher fertig, dafür startet gerade eine neue Religion ihren Siegeszug. Da wird die Moral, insbesondere die eheliche, wieder ernszgenommen und im Zweifelsfall “ ehrenhaft“ verteidigt. Ich persönlich bin kein Freund dieses antiaufklärererischen Rückschritts, aber die Natur will es wohl religiös. Denn diese Gläubigen haben die meisten Kinder und werden ab Mitte des Jahrhunderts die europäische Politik bestimmen .

  21. Bei der Lektüre des heutigen...
    Bei der Lektüre des heutigen Beitrages empfand ich ein merkwürdiges Gefühl der Ungleichzeitigkeit, als ich dem Autor dabei zusah, wie er sich an Gegenheiten und Wirkmächtigkeiten abarbeitet, deren papierner Anspruch möglicherweise noch vor einigen Jahrzehnten Geltung eingefordert haben mag, der aber de facto, und sei es zur linken Hand, schon seit Jahrunderten ad absurdum geführt worden ist.
    .
    Das Vergehen, das Zerbrechen (so spätestens mit dem Aufkommen der industriellen Revolutiuon) des alles überwölbenden Sinndeckels, der durch Kirchenjahr, Feste, Prunk und strenge Zucht den Schäfchen Selbstversicherung und ihren Platz im Gefüge gegeben hat, mit anderen Worten einiger, „die gute alte Zeit“: die hat es bei näherem Hinsehen nie gegeben.

  22. Tja elbsegler,
    wenn Sie das...

    Tja elbsegler,
    wenn Sie das nächste mal zu einem Fußballspiel gehen, werden Sie wohl auch mit einem catch-as-catch-can-Auftritt zufrieden sein.
    Aber nun: man nimmt, was man unter der Überschrift jeweils bekommt.
    Hier: Religiöse flicken sich zusammen, was ihnen halt so passt. Können Sie nachvollziehen, dass dieselben sich ihr Moralisieren schenken können, besonders gegenüber denjenigen, denen unterstellt wird, ein Idealbild von irgendwas zu haben?

  23. nanu,

    ich dachte immer, die...
    nanu,
    ich dachte immer, die eigentliche bastion des katholizismus waren, na ja, in der bergpredigt heissen sie die armen im geiste.
    die besseren stände haben es sich immer richten können.
    gerade die katholische kirche und ihr kirchenrecht waren da durchaus elastisch. am beispiel der für alle ewigkeit geschlossenen ehe: wenn einer der ehegatten vor dem entsprechenden kollegium zu protokoll gab, es war ihm nie und nimmer ernst mit seinem eheversprechen, dann war die ehe eben von vorn herein nicht wirksam geschlossen worden*) und damit nichtig.
    für eine glauben, der sich seinerzeit um die bäuerliche bevölkerung bemühte und de bäuerliche bevölkerung um ihn**) ist derlei feinsinn doch nicht ganz schlecht.
    ja, ich weiss schon, seinerzeit, als das ersthaft angewandt wurde, ging es um könige und um deren thronfolger. der mann mitsamt seiner frau auf der strasse kümmerte sich nicht darum. allerdings, ich glaube, so lange ist das mit der ziviltrauung in italien, spanien und portugal gar nicht her.
    —-
    *) doch nicht ganz uncharmant, die überlegung.
    eine wirksame ehe ist unauflösbar, immer, und in ewigkeit, amen. wenn aber von vorherein keine wirksame ehe bestand, ist auch keiner daran gebunden.
    **) es gab zeiten, da gab es bauernfamilien, da wurde ein sohn pfarrer, eine tochter nonne. da die frauenklöster auf einer standesgemässen aussteuer bestanden, war es gar nicht so billig, eine tochter im kloster unterzubringen.
    zu den zeiten hatten die bauern, heute sind sie zu landwirten geworden, noch weitere kinder genug, die man üblicherweise mit einem hausgrundstück abgefunden hat, weil nur einer den hof erben konnte/sollte.

  24. wastlsohn, das kannste...
    wastlsohn, das kannste knicken. mit religiösen lässt sich nicht diskutieren. sie sind wie spiel- oder drogenabhängige in dieser hinsicht. die droge, die sie brauchen, ist das korsett, das die kirche ihnen zuverlässig liefert – insbesondere die katholische.
    .
    denn man darf ja bei alledem nicht vergessen, wie diese institution definiert ist, und zwar ganz unabhängig davon, wie „fortschrittlich“ ein aktueller papst daherkommt oder nicht. was daran nicht stimmt, und was daran ganz und gar dem menschen unangemessen ist, sind a) die dogmen und b) die strukturen, die aus diesen dogmen hergeleitet sind. beispielsweise bleibt ein bischof immer ein bischof, wenn einmal geweiht, auch wenn er den holocaust leugnet. und deswegen kann man ihn auch nicht ausschließen, denn dann hätte er das recht und die möglichkeit, eine neue kirche zu gründen. und da sei der teufel vor…
    .
    man muss leider sagen, es handelt sich hier um eine diktatur. die katholische kirche liefert alle kriterien dafür: die doktrin der unfehlbarkeit, die unwilligkeit bzw. sogar bewusst festgelegte unfähigkeit, aus den impulsen ihrer mitglieder strukturell zu lernen, verletzung der menschenrechte, insbesondere des rechts der freien meinungsäußerung, dafür einen nach dem muster der geheimpolizei definierten schutz der eigenen reihen, psychologische spiele mit angst und gruppenzwang, und die blutigen auseinandersetzungen im verein mit den jeweils aktuellen historischen koalitionen der macht wollen wir hier auch mal nicht vergessen. das alles in kombination mit einer geradezu erstaunlichen fähigkeit, volksmentalitäten oder populäre tendenzen mit in die eigene ideologie zu integrieren, und das global. katholiken, die meinen, das sei alles vernachlässigbar, wenn man nur seinen eigenen glaubensstiefel pflegte („kirche von unten“ und ähnliches) verkennen einfach nur, dass sie nur in der illsusion einer möglichen selbstbestimmung belassen werden. von der kirche wird das zwar alles beobachtet, aber die institution selbst ändert sich dadurch nicht. sie kann es nicht, denn sie gründet sich ja gerade auf den satz, dass es nur eine wahrheit gibt, die unveränderbar ist.
    .
    liebe christen, ich sag‘ euch was: die wahrheit ist veränderbar. sie ändert sich sogar ständig. sie ist abhängig von entwicklung, von fehlern, die man macht, und von neuen erfahrungen. man muss darüber reden, lesen, kommunizieren: wahrheit erfordert immer eine interpretationsleistung. eine institution, die es sich zur doktrin gemacht hat, im besitz der wahrheit und darin unfehlbar, ergo revisionsunfähig zu sein, kann demnach überhaupt gar nichts mit der wahrheit zu tun haben. sie ist ein reines politikum, mehr nicht.

  25. Kampfstrampler, es sieht nicht...
    Kampfstrampler, es sieht nicht so aus, als würde jenem Gossenformat die Sache noch allzuviel Spass machen. Es gibt nur wenige Herausforderungen, die so gross sein könnten wie das Brückenbauen zwischen Vatikan und dem, was heute als „normal“ angesehen wird, und dabei beiden Seiten zu gefallen, Muss natürlich auch gar nicht sein. Auseinanderbrechende elitäre Strukturen pflegen oft alt zu sein, und dann, wenn es so weit ist, einfach nicht mehr zusammenfinden. Und obwohl beide Parteien nicht modern sind, sind sie unterschiedlich in ihrer Vergangenheitsauffassung. Die gute alte Zeit der Bürger ist Anno 1905, die gute alte Zeit der Kirche ist Anno 1150.

  26. auxtroisglobes, ich glaube...
    auxtroisglobes, ich glaube auch nicht, dass sich das Problem allein auf den Katholizismus begrenzen lässt – nur ist der Papst lange Zeit sowas wie ein imaginäres Familienmitglied gewesen, das durchaus mitreden konnte. Solche Instanzen sind andernorts selten bis nicht vorhanden.

  27. Colonius, die Natur will...
    Colonius, die Natur will natürlich sowas wie ein simples Normengerüst. Gleichzeitig will die Natur aber auch Spass. Und Abwechslung. Und Verführung. Don Giovanni hat nicht umsonst in Spanien 1003 Erfolge zu verzeichnen, und ich bin guter Dinge, dass ausser bei ein paar Sekten der Weg nicht zrückführt in eine Zeit, da Ehebruch zur totalen Verdammnis führt. 21. Jahrhundert, und so. Sieht nicht schlecht aus.

  28. itha,
    es ist darauf aufmerksam...

    itha,
    es ist darauf aufmerksam zu machen, dass „die Wahrheit ist veränderbar, sie ändert sich sogar ständig“ ein ebenso religöser Satz ist wie „dass es nur eine Wahrheit gibt, die unveränderbar ist“.
    „Tante Hetty sagte es ihm und er glaubte es nicht,
    Onkel Henry sagte es ihm und er glaubte es nicht,
    erst als ein Stück einer 34 cm Granate in seinem Hirn steckte,
    da musste er dran glauben.“
    (frei nach E.E. Cummings)
    Weshalb sollte ein Satz, in dem Wahrheit und Veränderung zusammen vorkommen, sinnvoll sein?
    Aus diesem aktuellen Anlass stellt sich die Frage, ob religiöse Sätze (wohlgemerkt: nicht grossreligiöse Glaubenssätze) überhaupt vermeidbar sind. Wenn nicht, dann kann man nicht nur, dann muss man mit Religiösen diskutieren und sich alles anschauen, ihre Trancen und ihren Kitsch, ihre Gruppenmaskottchen und das, was sie für Erleuchtung halten.
    Allerdings: schnell Hingeworfenes ist nicht viel Diskussion und Herumgemoser ist auch kein Beitrag.

  29. Kunstfiguren heiratet man...
    Kunstfiguren heiratet man nicht.

  30. Jan(TM), bei der Scheidung...
    Jan(TM), bei der Scheidung zeigt such dann, wie wenig Kunstfigur sie war.

    Und ich, eine Kunstfigur, will ohnehin nicht heiraten.

  31. Maternus, natürlich ist die...
    Maternus, natürlich ist die behauptung dieser alten Zeit zu einem guten Teil auch dem alten Herkommen geschuldet, aber eine Freundin meiner Grossmutter ging noch in den 20er Jahren mit ihrem Liebsten in den Tod, weil die Eltern eine Heirat zwischen den Konfessionen verboten haben und ein Kind unterwegs war. Das ist nicht so arg lange her. Und noch in den 80er Jahren wurden auf den Dörfern Frauen schief angeschaut, die ohne Kopftuch in die Kirche gingen. Die seligmachende Wirkung dieser Epoche ist eine Erfindung, aber tatsächlich gab es die Macht und die Druck, und beides kann man sich heute nicht mehr vorstellen.

  32. zuchthausprediger süptitz,...
    zuchthausprediger süptitz, ich kenne nur einen Fall, in dem dieser kanonische Weg versuchsweise gegangen wurde, mit schnellem Misserfolg und der Entscheidung, zusammen zu bleiben. Das war ein Paar, die beide noch katholischer als ihre Eltern waren. ich sage jetzt nichts dazu. Es geht mich nichts an. N ur geht man wohl nicht falsch in der Annahme, dass auch heute die Zugehörigkeit zu einer unteren Oberschicht nicht ausreicht, der offiziellen Kirche da eine besondere Reaktion abzunötigen.
    .
    Andererseits lehrt gerade die Geschichte der Exkommunikation, dass oft genug auch nur etwas Gras über die Sache wachsen muss. Das hat oft genug geklappt, weil die Mittel der Kirche im Alltagsleben weitgehend bedeutungslos geblieben sind. Natürlich gibt es da „Standesunterschiede“, was die Auswirkungen anging. Machte man sich eben seinen eigenen Bischof, nahm man einen Abt auf, der selbst mit dem Papst nicht konnte.

  33. Interessante Zeiten.

    Der hl....
    Interessante Zeiten.
    Der hl. röm.-kath. Kirche kommen ganz stickum die Gläubigen abhanden, und keinen interessiert das gross. Man könnte natürlich einwenden, dass das alles nichts neues ist, und es nicht nur die in Rom wenig scherte, was der im Vatikan ihnen zumutete oder nicht.
    Es kommt da noch mehr zusammen.
    Die CDU hat sich längst von den Werten der Kirche verabschiedet und die Gläubigen von der CDU. Bei der CSU wird es nicht anders aussehen.
    Wobei die CSU in ähnlicher Lagen ist wie der Vatikan: Man merkt auch schon in Bayern, dass es auch ohne CSU geht.
    Fragt sich nur, was danach kommt.

  34. "Herumgemoser ist auch kein...
    „Herumgemoser ist auch kein Beitrag.“ das ist wohl wahr. so wahr wie eine granate im kopf.

  35. Bitte: Hier kann jeder...
    Bitte: Hier kann jeder vortragen, was er will, solange es halbwegs fundiert und freundlich ist. Und was als solchen zu betrachten ist, entscheide ich. Wenn es also hier steht, gilt es als diskussionswürdige Einlassung, und ich fände es fein, wenn man es auch so betrachten würde.

  36. Ach so, und was die...
    Ach so, und was die Umschreibung der katholischen Kirche angeht: Es ist ohne jede Frage eine absolutistische Monarchie mit einem besonders ausgeprägten Gottesgnadentum. Nichts Besonderes für das 18. Jahrhundert und Bayern bis zum Tode von Franz Josef Strauss.

  37. colonius hat den nagel auf den...
    colonius hat den nagel auf den schädel getroffen

  38. evtl. wäre ja ein Versuch,...
    evtl. wäre ja ein Versuch, die Schlachten der längst vergangenen Vergangenheit – deren Wirkmächtigkeit nur noch homöopathisch in die Gegenwart herüberwinkt – wenn also diese Vergangenheit, die jetzt nur noch als Müllkippe für komische und groteske Geschichten fungiert, nicht als Gegenwartsthema zu stilisieren, zukunftsweisend.
    Denn auch die aller- ach – esten katholischen bürgerlichen Tanten von damals, haben in der Zwischenzeit eigene mißratene bürgerliche Töchter und deshalb immer weniger (limes gegen 0) mißratenere EnkelInnen über die sie äch-zen können.
    Daher, da dieser Limes- Rubikon überschritten wurde, werden – in der allernähesten Zukunft – die TantInnen bzw. die dann immer noch lebenden NichtInnen ziemlich viel Grund zum Ächzen haben und das Ätzen mangels Masse einstellen müßen.
    Doch wenn die Nacht am tiefsten ist der Tag am nächsten. Es ist ja Ostern. Ächz.
    Für Colonius noch zum Bedenken.
    „aber die Natur will es wohl religiös“
    laut Oriana Fallaci in „Die Kraft der Vernunft“ und der darin zitierten Bat Ye-or
    war das aber nicht „die Natur“ die Europa „der neuen Religion“ als Eurabien angeboten hat.

  39. Ich kenne niemanden, der den...
    Ich kenne niemanden, der den Islam würde annehmen wollen. Und wenn Amazon gerade Bücher mit schwulen und lesbischen Themen aus den Suchergebnissen wirft, sind die Doser der Vergangenheit immer noch reichlich vorhanden. Intelligenter als der Index der Glaubenskongregation, und sehr viel weitreichender.

  40. "Ich kenne niemanden, der den...
    „Ich kenne niemanden, der den Islam würde annehmen wollen“
    das seh ich nicht ganz so. Aber nehmen wir mal an, es wäre so, so ist das bei den globalen, insbesondere europäischen, demographischen Verhältnissen ja dennoch keine Frage des Wollens.
    Gunnar Heinsohn schrieb dazu in „Söhne und Weltmacht: Terror im Aufstieg und Fall der Nationen“ die Pflicht und Lee Harris in „Suizide of Reason“ die Kür.
    Es ist keine!!!! Frage des Wollens.
    Es geschieht einfach.

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