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Stützen der Gesellschaft

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Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Der Wellnesstod in Rom

| 27 Lesermeinungen

Man kann der Kirche vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie im Umgang mit dem irdischen Ende nicht schon lange reichlich modern ist - zumindest, wenn man das Vergnügen hat, der richtigen Schicht anzugehören. Den Stachel des Todes jedenfalls kann man in Roms Seitenaltären lange und vergeblich suchen.

Da nach kaiserlichem Befehle die Ankläger der Christen der Todesstrafe verfielen, wurden ihm gemäß dem Urteile durch den Richter Perennius sofort die Beine zerschlagen.
Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte, Martyrium des Apollonius in Rom.

Als sich das Christentum im römischen Reich ausbreitete, war der traditionelle Glaube an Zeus und den Olymp der Antike längst in der Krise. Von einer Staatsreligion vergöttlichter Cäsaren einmal abgesehen, die nicht mehr als Lippenbekenntnisse verlangte, konnte man ziemlich frei unter diversen Modereligionen wählen. Da gab es exklusive Bacchuskulte und die sehr populäre Mithrasreligion, man verehrte Attis und Kybele, oder, wenn einem Kulte und Mysterien zu dumm waren, betätigte man sich als Kyniker oder als Neuplatoniker und vertrat manche Ansichten, die auch heute noch ziemlich modern und aufgeklärt wirken. Ebenfalls reichlich modern waren auch die Juden, die keinen Anlass sahen, irgendwen zu missionieren und es so nicht nötig hatten, sich am lauten und peinlichen Marketing neuer Kulte für Römer in der Sinnkrise zu beteiligen.

Ebenso hatten sie wenig Verständnis für das Christentum, das seine Karriere als jüdische Sekte mit dem Versprechen begann, ihr Rabbi Jesus sei der lang erwartete Messias, dessen unzweifelhafter Tod am Kreuz aber ebenso wenig in die jüdische Erwartung des Messias passt, wie auch dessen Auferstehung. In dieser nicht wirklich erfreulichen Situation kommt es unter den Christen zum Beschluss, statt der verstockten Juden lieber die Heiden mit ihrer spätantiken Sinnkrise zu missionieren, und nachdem man für die Heilslehre der Auferstehung den Tod als zwingende Voraussetzung braucht, besetzt das Christentum, wenn man so will, eine Marktlücke: Ein Kult um den Tod und um Tote.

Bild zu: Der Wellnesstod in Rom

Wollte man der reichlich einseitigen Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea glauben, der in der Zeit kurz nach 300 aus dem gesamten römischen Reich Unterlagen, Gerüchte und Vermutungen zusammenträgt, war neben dem üblichen Streit diverser Richtungen das Erleiden von Martyrien die Hauptbeschäftigung der noch jungen Religion. Mit sichtbarer Freude am Leid ergeht sich Eusebius in den Beschreibungen von Martern und Qualen, die um so heftiger, brutaler und von wahren Massen erduldet werden, je weiter die Handlung von ihm entfernt ist. Er versteht das als gelebte Nachfolge Christi, als „Siegeskranz im Kampf für den Glauben“, und das prägt auch den Umgang mit dem Tod in den folgenden Jahrhunderten: Während Jesus selbst noch nach jüdischen Regeln sehr schnell und ausserhalb Jerusalems beerdigt  wurde, weil Leichen nach den Riten Kontakt mit Leichen unrein macht, entwickelt das Christentum eine genau gegenteilige Vorstellungen: Leichen und Leichenteile von Martyrern sind heilsbringend, und die Toten bestattet man, wenn sie es sich leisten können, direkt in der Kirche.

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Nun ist gerade die Stadt Rom geprägt von einem radikalen Aufräumen in der Zeit nach dem Konzil von Trient, das in der Mitte des 16. Jahrhunderts versuchte, die Kirche für die Herausforderungen der Lutheraner „fit“ zu machen. Einer der Hauptstreitpunkte war die im Katholizismus weit verbreitete Verehrung all jener Heiligen, denen man etwa, um Eusebius zu Wort kommen zu lassen, „im Feuer geschmolzenes Blei, solange die Masse noch kochte und glühte, über den Rücken“ goss und damit dem Mittelalter zwar erfundene, aber dennoch prächtige Anlässe zur Schaffung von Reliquien und drastische Darstellungen des Todes lieferte. Mit dem Konzil von Trient, das die extremen Auswüchse des Heiligenglaubens beschneidet, endet dann auch die Zeit der grossen Reliquiare, des allzu eifrigen Reliquien- und Wunderglaubens, und des Kults um Marter und Leid. Statt dessen geht man dazu über, wie oben zu sehen, Reliquien zu verpacken, den Knochen das Harte und Unausweichliche des Todes zu nehmen, und geht ohnehin dazu über, den Stachel des Todes mit Prunk und Zier abzufeilen.

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Nachdem auch in den Zeiten nach dem Märtyrern es das übergeordnete Lebensziel römischer Würdenträger ist, selbst in den Ruch der Heiligkeit zu kommen, hat das natürlich auch Auswirkungen auf die Ikonographie des Todes. Während man im Mittelalter erst noch versucht, mit einem Hochgrab möglichst auf Augenhöhe möglichst nah am Altar als fromme Leiche in Stein Aufmerksamkeit zu erregen, geht man in der Renaissance dazu über, über dem Betrachter zu stehen und ihm auch noch den Eindruck zu vermitteln, dass man nicht wirklich tot sei, sondern sich nur für ein paar Minuten auf der üppigen Lektüre ein Nickerchen gönne. Hier wird niemandem mehr ein Schilfrohr unter die Nägel getrieben oder die Nase abgeschnitten, der barocke Kirchenfürst ist ein netter, älterer Herr, der verständnisvoll die Gläubigen betrachtet und es mag, wenn man zu ihm aufschaut.

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Dies ist dann auch die Zeit, da der Tod und die Trauer nur noch zum Ornament verkommen, da man kitschig weinende Putten anfügt, oder Knochen und Totenköpfe als Verzierung beigibt. Der Tod verliert allen Schrecken und seine Brutalität, man geht so leicht durch all diese liegenden Herren in Denkerpose, wie man vielleicht auch in der Glotze die täglichen Abschlachtereien aus Hollywood zur beiläufigen Kenntnis nimmt. Die Zeit nach dem Konzil von Trient ist ein bemerkenswerter Vorgriff auf einen modernen Umgang mit dem Tod der reichen Leute unserer Tage, der so lange mit Faltenstraffung, Bräunungscreme, Wellnessurlauben und Seniorenangeboten aus dem Auge, aus dem Sinn ist, bis es dann rapide und schnell geht, am besten in einer guten Klinik, wenn es sein muss, oder was auch sonst sich jenseits des Horrors von Alzheimer oder des Grauens des Krebses im Angebot ist.

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So sieht dann auch der Endpunkt der Entwicklung im 20. Jahrhundert aus, eine wirklich hübsche, geschmückte Leiche aus Wachs, die jederzeit aufstehen und ein Tänzchen wohl wagen könnte, mit anderen Heiligen, die nur etwas ruhen, oder gar mit dem Herrn Lenin in Moskau, den die Religion des Marxismus-Leninismus ganz ähnlich ihren Gläubigen darbietet, und die allesamt im Glauben nach Hause gehen dürfen, dass es doch alles nicht so schlimm ist, mit dem Tod, der alle Ungleichheit für einen kurzen Moment gleich macht, bevor es sich wieder anhand der Klassen entscheidet, ob man in einem Massengrab verscharrt wird oder als interessantes Beispiel für die Sepulchralkultur auch noch Jahrhunderte später eine Religion hochmodern wirken lässt, die in anderen Bereichen längst jeden Anschluss zur Gegenwart verloren hat.

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27 Lesermeinungen

  1. Liebe kluge Kommentatoren, ein...
    Liebe kluge Kommentatoren, ein kurzer Vorschlag: Nehmen Sie doch die Romreise der beiden nicht so bierernst. Es ist doch eine geradezu klassische Komödie. Man nennt den schönen Kunstgriff „fish out of water“. Viele Filmkomödien leben davon, dass jemand in eine fremde Kultur gerät und dort von einem Fettnäpfchen ins andere tappt. Bei einer solchen Kömödie würden Sie ja auch nicht kleinteilige Korrekturen und Erklärungen in den Kinosaal rufen. Wohlmeinende Heiterkeit ist die angemessene Reaktion, nicht blitzgescheite Verbesserungen.
    Und: auf ganz Fremdes kann man mit dem braven Bemühen des Verstehens, des Einfühlens reagieren. Aber ist das Durchschnitt? Will man das lesen? Auf Fremdes mit Unverständnis und Spott zu reagieren, ist doch – angenehm normal. Ein entspanntes Schmunzeln reicht aus, bei mancher köstlicher Pointe des Nichtkapierens oder Herabwürdigens tut´s vielleicht ein einfaches Schenkelklopfen. Darum bleibt auch der geneigte Wunsch an die Reisenden: unbedingt weiter so! Das ist einfach gut, wirklich lesenswert!

  2. Danke für das Lob....
    Danke für das Lob. Prinzipiell finde ich es ja sehr spannend, wenn man das drinnen und draussen so einer Kultur – und das ist die katholische Kirche durchaus – vergleichen kann. Ausserdem legt die Kirche auch keinen besonderen Wert darauf, dass man sie als heide, oder schlimmer, als Kulturhistoriker wirklich begreift. Insofern ist die Konfrontation ebenso folgerichtig wie auch richtig. Meines Erachtens leidet die Kirche ja darunter, dass sie so ein Eckerl hat, wo sie machen kann, was sie will, und der Rest sich einfach nicht mehr darum kümmert, was die nun tun. Und dann sind da noch jene, die das Tun der Kirche gut heissen, aber gar nicht wissen, warum sie so ist, wie sie ist. Das ist durchaus eine spannende Sache.

  3. Daß der Tod in Zeiten...
    Daß der Tod in Zeiten regelmäßig durchziehender Pestepidemien seine Schrecken verloren hätte, finde ich eine kühne These. Bei aller seinerzeitigen, prunkenden Lebensbejahung: Das spectaculum mortis des Barock setzte ja auch gerade auf den kontrastierenden Grusel, den klappernde Skelette und hohläugige Totenköpfe zu erzeugen vermögen.

  4. Nun, "der" Tod war sicher...
    Nun, „der“ Tod war sicher weiterhin höchst unerfreulich, aber der Tod der Reichen hat zumindest einen ganz anderen Anschein, wie man sieht. Jesuitentheater ist sicher nochmal ein ganz anderes Thema, aber dort, wo ich war, ist der Tod aus Knochen nur noch Ornament, und der Rest ist ein mittelgrosser Schlaf.

  5. Ooops im ersten Satz. Die...
    Ooops im ersten Satz. Die Römer hatten es nicht so mit Zeus auf dem Olymp, sondern mit dem kapitolinischen Jupiter.

  6. Don, du alter Agnostiker....
    Don, du alter Agnostiker. Deine Sünden sind so zahlreich wie Kamelflöhe. Aber die Rettung ist nah: Man kann jetzt online beichten:
    http://www.beichte.de/

  7. Vroni, beichten muss er nicht...
    Vroni, beichten muss er nicht gleich, erstmal
    glauben reicht doch.

  8. ich würde ja für don...
    ich würde ja für don alphonso beten. aber meine religion, der atheismus, verbietet es mir.

  9. Da nach kaiserlichem Befehle...
    Da nach kaiserlichem Befehle die Ankläger der Christen der Todesstrafe verfielen, wurden ihm gemäß dem Urteile durch den Richter Perennius sofort die Beine zerschlagen.
    Weil er ein Christ war oder ein Anklaeger eines Christen?
    Also wenn jemand einen Christen anklagte wurde er sofort umgebracht?
    Oder stimmt hier was mit der Uebersetzung nicht? Oder der Wiedergabe des Zitats?
    Ansonsten ist es natuerlich fuer mich als Christen sehr bedauerlich
    dass diese sicherlich lesenswerte und interessant formulierte Kritik der Kirche nicht von einem Christen geschrieben ist sondern von einem Atheisten.
    Die Kirche hat unendlich viele Verbrechen auf dem Gewissen unter anderem aber dieses, dass sie sehr viele Menschen vom Glauben an Gott abgebracht hat durch ihr gottloses Handeln. Zu diesen Menschen zaehle ich auch mich, der durch die harte gewalttaetige Schule eines katholischen Elternhauses gegangen ist und deshalb als langsam erwachsen und intelligent werdender Mensch fast zwangslaeufig zum Atheisten wurde. Der ich seit wenigen Jahren nicht mehr bin.
    Man muss sich einfach davor hueten, das Kind mit dem Bade aus zu schuetten. Das Kind ist zu kostbar. Es ist die Botschaft der Liebe, die Gott durch seinen Sprecher Jesus an uns hier auf der Erde uebermittel hat. Ohne Liebe sind wir eben halb tod und leiden. Alle sexuellen Freuden und sonstigen Genuesse sind frueher oder spaeter etwas schal, wenn die Liebe fehlt.
    Die Frage ist also nicht, ob die Kirche und ihre Vertreter voellig den Anschluss an die moderne Zeit verpasst haben, ob sie keine Ahnung von moderner Literatur haben, verklemmt und dumm sind oder die falschen Hosen anhaben, die Frage ist, ob es Gott gibt. Oder nicht.

  10. Taxidermie als Kult. Ich...
    Taxidermie als Kult. Ich empfinde das Ausstopfen und die Haltbarmachung von Heiligen und Seeligen als unappetitlich und als Götzendienst.

  11. Liebe Liebe, es spricht doch...
    Liebe Liebe, es spricht doch alles dafür, die kunsthistorischen Betrachtungen hier wie auch manch andere Erkenntnis der Menschheit auf ihrem langen Weg, – daß die Menschen sich ihre lieben und bösen Götter selber erfunden und ausgedacht haben, und dann ausstaffiert mit Tempeln, Riten,Geschichten. Es gab und gibt ja x Religionen, Götter, Geister, Mythen. Da waren Wahnvorstellungen und Machtinteressen genauso im Spiel wie mystische Erfahrungen und das Fehlen exakter Wissenschaft. Liebe und Hass, bigotte Frömmelei und stille Frömmigkeit, Ekstase und Weisheit, Grausamkeit und Dummheit. Welcher Gott also denn nun, Jahwe? Allah? Zeus? Quetzalcoatl, die gefiederte Schlange? Ostera, die Fruchtbare? Artemis? Ein Buddha?
    Wer nur nett zu anderen sein kann, weil er solche Angst hat, sonst in der Hölle zu landen, ist ja nicht wirklich nett, sondern nur Herr Mixa. Wessen Religion einem zur einen Gelegenheit sagt, „Gott will heute Hexenverbrennung/Krieg/Menschenopfer“, und zur nächsten: „Gott ist Liebe“; wer Waffen und Armeen segnen lässt und den Menschen Angst und Minderwertigkeitskomplexe einpeitscht, der kann nicht bei der nächsten Gelegenheit wieder von Gnade und Verzeihung salbadern. Und wer sich nett und menschlich aus sich selbst heraus verhält, und die Welt so zu einem besseren Ort macht (wie es oft Menschen aller Kulturen zu tun pflegen, die frei, ohne Traumata, und unter günstigen Lebensumständen aufwachsen, und die einfach noch etwas Empathie besitzen), mag dies verbrämen und ausschmücken, wie er will: auf die Taten kommt es ja an, und dann ist es auch völlig wurst, ob da nun gefiederte Federschlange, die Sozialdemokratie, der heilige Punk oder der Benedetto im Hintergrund stehen und angeblich wirken. Kriminalität gibts laut Statistiken übrigens bei Gläubigen wie bei Ungläubigen aller Art gleichermassen, die gläubigen katholischen Kriminellen glauben aber, dass eine Spende und Beichte „alles wieder gut macht“, sie brauchen dann aber trotzdem wie die Ungläubigen auch einen Anwalt vor Gericht, werden sie erwischt. Frohe Ostern!

  12. molosovsky, wenn ich Jupiter...
    molosovsky, wenn ich Jupiter geschrieben hätte, wäre jemand gekommen und hätte gesagt, dass die Freiheit des Olymp vor Konkurrenz schon im klassischen Griechenland ein Ende hatte und deshalb ja wohl Zeus zutreffender wäre – was ich auch so sehe.

  13. Vroni, da, wo ich abstamme,...
    Vroni, da, wo ich abstamme, glaubt man nicht an Sünden, sondern an die Untrennbarkeit von Wesen und Schöpfer. Sünde ist nochmal so ein Konstrukt, über das man mit Hinblick auf Augustinus mal reden müsste.

  14. Itha, danke, es ging schon...
    Itha, danke, es ging schon immer ohne.
    .
    Die Liebe, die kritische christliche Ausgabe vermerkt dazu, dass Eusebius das Gesetz erfunden hat, oder einer Fälschung aufsass. Überhaupt war Eusebius über jede Übertreibung froh und machte sie noch etwas krasser.
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    Ob es Gott gibt? Der von mir sehr geschätzte Louis Bunuel sagte einmal in einem Gewitter: Wenn es einen Gott gibt, soll mich sofort der Blitz treffen. Allerdings denke ich auch, dass gerade die Atheisten aus katholischen Umfeldern die besten Atheisten sind, nur dort gedeihen sie zu voller Blüte.

  15. "Allerdings denke ich auch,...
    „Allerdings denke ich auch, dass gerade die Atheisten aus katholischen Umfeldern die besten Atheisten sind, nur dort gedeihen sie zu voller Blüte.“
    – noch päpstlicher als der Papst, sozusagend? Das sagt man aber doch auch manchen emanzipierten Kindern protestantischer Pfarrhaushalte nach. Das Rigide, Strenge wird säkularisiert und zu Politik oder veganer Ernährung. Sogar bei der RAF stellten manche Analytiker solche Verbinungen her.
    Oder heutzutage eben Gewinnstreben, Wettbewerb und McKinseyismus, frei nach Max Weber. Die säkularisierten Reste religiöser Theoreme.

  16. Nein, ganz sicher nicht so,...
    Nein, ganz sicher nicht so, dass man wird „wie die“. Sondern eher der Sache ein gewisses Mass an Verständnis entgegen bringt, die Verstehen und Ablehnen gleichermassen ein sauberes Fundament geben. Vermutlich kenne ich die Kirche tatsächlich besser, als die meisten Gläubigen – vom Thema des Glaubens als solchem einmal abgesehen. Aber auch da kommt noch ein Beitrag.

  17. Achso, ich dachte da jetzt...
    Achso, ich dachte da jetzt auch eher an sich besonders verwegen fühlende Jugendliche aus der katholischen Provinz, denen ein schlichter Atheismus als Protest gegen den Stumpfsinn um sie herum nicht reicht, die sich dann gleich die Black-Metal-CDs und Satanismus-Devotionalien bestellen, und übers Ziel so weit hinausschiessen, dass sie man Ende nur ein tristes Spiegelbild dessen, was sie ablehnen, werden – das ganze Brimborium nochmal, nur mit einem Minuszeichen davor. Aber es ist sicher richtig, dass man nur kritisieren ablehnen kann, was man kennt oder versteht. Ansonsten wäre es nur eine Art Ressentiment der jeweiligen Religion gegenüber. Man kann aber natürlich trotzdem, ohne es genauer zu kennen, zu Gottesdienst und Reliquie sagen, „brauch und will ich für mich nicht, ebensowenig wie Ayurveda, tibetische Klangschalen, Osho oder Scientology.“ So, wie man das auch zu Bungeespringen, Motocross, Drogenkonsum oder Alkohol sagen kann. Wenn es einen eben einfach nicht anspricht.

  18. Zeus oder Nicht-Zeus, das ist...
    Zeus oder Nicht-Zeus, das ist hier die Frage – nee, ist sie nicht, Don Alphonso hat recht auf dem Göttereiermarkt der Besserwisser. Denn ob Zeus (griech.), Jupiter (Iov-pater, latein.), Teu-tates (Daddy Teu, keltisch) oder Tiu (altgerman.) – es ist immer der gleiche indoeuropäische Blitzeschleuderer, den die Achaier, als sie am Olymp vorbeikamen, dort sofort installiert haben.
    .
    Das Riesenproblem, das der olle Eusebius, immerhin Zeitgenosse Diokletians und Konstantins, mit eben diesen Cäsaren hatte, war: Wie halte ich es mit der gerade zu übernehmenden Staatlichkeit, die gestern noch Christen verfolgte und heute ihre Institutionen eben dieser längst in der Mitte der guten imperialen Gesellschaft angekommenen Religion der nach dem Jenseits Dürstenden öffnete. Die Sache mit dem gelehrten Apollonius ging so: Zu Zeiten des Kaiser Commodus war er als Christ denunziert worden. Von Staats wegen mußte der Richter Perennius ihn verhören und – wenn A. nicht abschwor – auch hinrichten lassen, übrigens mit dem Schwerte, wie es sich für einen ordentlichen römischen Staatsbürger gehörte (s. Paulus). Die Obrigkeit wollte aber nicht schon wieder so einen Märtyrerschub produzieren, der die Stützen der Gesellschaft ja nur ins Wanken brachte. Leider waren die angeklagten Christen nicht dazu bereit, mal kurz ihren Glauben zu leugnen (mit hinter dem Rücken gekreuzten Fingern) – und dann einfach, wie gehabt, christlich weiterzumachen. Nein, sie mußten ja bekennen, diese Sturköpfe. Also soll – so dachte sich das jedenfalls der ebenso einfältige wie listenreiche Eusebius – die gelobte römische Justiz sich den Trick haben einfallen lassen, die bösen Denunzianten von dergleichen Anklagen abzubringen, indem man ihnen die Beine brechen ließ – übrigens ein grauenvoller und sehr schmerzhafter Tod (anders durch das blitzschnelle Henkerschwert). Eben diese (als Verteidigung der Staatlichkeit) gedachte Maßnahme ist leider nicht belegt, sehr wahrscheinlich – aus Gründen der Staatsraison – von Eusebius oder anderen staatstreuen Kirchenvätern schlicht erfunden. Tja, was man nicht so tat, um alten Glauben und neue Macht miteinander zu versöhnen. Die römische Kirche der Zukunft läßt grüßen – frohe Ostern.

  19. Heiligenverehrung in Form von...
    Heiligenverehrung in Form von Reliquien sei es in Rom oder Moskau hat nur am Rande etwas mit dem „normalen“ Umgang mit dem Tod zu tun. Bei Reliquien (sie wurden übrigens schon seit der Antike in Reliquiare verpackt) geht es um magische Nähe des Transzendenten, bei Bestattung und Grabgestaltung um Übergangsriten. Beide Dinge haben unterschiedliche Funktionen für den Lebenden und entsprechend unterschiedliche Gestalt. Ich weiß zwar nicht, wer hier im einzelnen dargestellt ist, ich denke aber, die Bilder gehören eigentlich in zwei unterschiedliche Reihen. Aufgeräumt mit den Reliquienauswüchsen haben übrigens die Protestanten, das Konzil von Trient hat darauf reagiert.
    Ein Totenkult mit im wörtlichen Sinn verheerender Wirkung war übrigens der Gefallenenkult an Kriegerdenkmälern, der seit der Französischen Revolution aufkam und die neuartigen Volksheere im Namen des jeweiligen Nationalismus mobilisierte: Einstehen für die Nation mit dem eigenen Leben wie die Gefallenen, das war der höchste Dienst am Vaterland. Es macht sich heute kaum noch einer klar, welche Rolle die massenhaft verbreiteten Kriegerdenkmäler und die entsprechenden Kultveranstaltungen dort mal wirklich gehabt haben. (Dagegen sind die kirchlichen Riten harmlos. Und das war nach der Aufklärung.)

  20. Cem, in Konstantinopel gab es...
    Cem, in Konstantinopel gab es deshalb ja auch den ein oder anderen Bildersturm, aber im Prinzip ist das wie mit der Arbeitsteilung – es gibt immer einen Spezialisten für ein Problem. Zum Beispiel lernt man in Bayern als Kind, wenn man etwas vergeblich sucht, folgendes Gebet:
    .
    Heiliger Antonius du kreizguada Mo
    bag mi om Eame und fia mi do no.
    (Heiliger Antonius, Du kreuzbraver Mann
    nimm mich am Armel und führ mich hinan.)

  21. wivo, in allen Fällen sind es...
    wivo, in allen Fällen sind es keine Heiligen, sondern Leute, die oder deren Nachfolger es gern gesehen hätten, wenn man sie früher oder später zu den Heiligen gerechnet hätte, und die deshalb bevorzugte Plätze in Seitenkapellen haben. Das ändert aber nichts daran, dass man deren Tod und Begräbnis zunehmend aufhübscht und von allen Schrecken entkleidet

  22. @wivo
    Interessanter Hinweis!...

    @wivo
    Interessanter Hinweis! Ich frage mich, ob der Nationalstaat nicht von Anfang an nichts anderes war als ein schlechter Religionsersatz. Weil man die große abendländische Einheit nicht mehr hatte und wollte, hieß es nun: „un roi, une loi, une foi“ oder später: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“
    Ich würde sogar fragen, ob dieser Staatskult nicht jeweils eine ähnliche Unterwürfigkeit verlangte wie der Kaiserkult in Rom oder Nebukadnezar in Babel. Hier und da wurde er mehr schlecht als recht mit einer Staatsreligion verwoben.
    Da wurden auch Reliquien gesammelt: z.B. ein Granatsplitter aus Königgrätz.
    Dieser Glaube an den Nationalstaat wäre dann ein Erbe der Aufklärung und der Romantik. Natürlich aus Versehen, denn man wollte natürlich das Gegenteil. Weltfrieden.

  23. Nun, es ist ganz sicher nicht...
    Nun, es ist ganz sicher nicht purer Zufall, wenn die Restauration der Aufklärung die Kirche als Spielwiese lässt, aber ansonsten die Nation und die Liebe dazu dem Bürgertum sogleich vorschreiben will, anstelle des Jakobinertums.

  24. kampfstrampler, es ist wohl...
    kampfstrampler, es ist wohl noch ein wenig komplexer, weil Eusebius wohk davon ausging, dass jedes Verfahren gegen einen Christen religionspolitisch motiviert war. Dazu kommt auch das Problem, Konstantin, der selbst nicht gerade ein besonders christliches Leben führte, deutlich von den Zeiten davor abzugrenzen. Die sog. diokletianischen Verfolgungen wären nochmal ein ganz eigenes Thema, denn hier stellt sich die Frage, ob es nicht eine Reaktion auf eine Palastrevolte war, die die damals üblichen Folgen für die Beteiligten hatte. Wie auch immer, nachdem seit Ranke der Elan bei der Aussenbetrechtung von Kirchengeschichte deutlich nachgelassen hat, darf sich dieser Komplex heute wieder in den Händen der katholischen Interpreation wohl fühlen.

  25. @ Jordanus: Der politische...
    @ Jordanus: Der politische Totenkult und verschiedene Nationalfeiern hatten sicher Religionsersatzcharakter. Und die Kirchen haben dabei sogar mitgemacht, obwohl das Heilsversprechen ja nicht mehr ewiges Leben im Paradies war, sondern höchst diesseitig: Macht und Herrlichkeit der Nation.
    @ Don Alphonso: Dass der Tod aller Schrecken entkleidet ist, ist eigentlich von Anfang an Kerndogma des Christentums („Tod, wo ist dein Stachel?“). Das ist ja auch der Grund, warum die Toten nicht mehr „extra muros“ bestattet wurden, sondern in die Mauern und Kirchen hineingeholt wurden: Der Tod ist nur eine Art Schlaf bis zur fröhlichen Wiederauferstehung. Insofern sind die Dargestellten doch in Einklang mit der alten Doktrin (über Geschmack wollen wir jetzt nicht reden) und keine Anpassung an moderne Wellness- und Faltenstraffungs-Ideen. Diese sind doch, würde ich mal behaupten, eher Ausdruck der Verdrängung des Todes aus dem Lebensalltag. Seit dem 18. Jahrhundert werden die Friedhöfe auch wieder an den Stadtrand verschoben.

  26. ja guten Morgen, also...
    ja guten Morgen, also 12.4.10:9 bald gibts ja die Auflösung was ihr alles nicht ver
    standen habt, deshalb ist ja das AT so herrlich es kommt so direkt von oben und
    meine Erfahrungen lassen diese Feststellung nur bestätigen. Aber so hat es ja Gott eingeplant in seinem Zyklus er wußte auch dass er sich auf Frauen verlassen kann – wie sie das dann macht und was sie alles anstellt konnte er natürlich nicht ahnen naja er lacht sich da oben hinter den Wolken schon kugelig
    (Soll ja auch was zu lachen haben) In diesem Sinne einenschönen Tag.
    PS. was war den das gestern erst den Beitrag um 1040 in den computer gestellt
    und am Abend lese ich 9:40 aber macht nichts

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