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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Hilfreiche Sekundäruntugenden III: Nicht vorgestellt werden

| 120 Lesermeinungen

Die besten Konflikte sind die, die man nicht austragen muss, und die besten unerträglichen Personen sind jene, die einem erst gar nicht vorgestellt werden. Das war früher verhältnismässig einfach möglich, denn in den Zeiten intakter Klassengrenzen hatte man einfach keinen Grund, andere nahe kommen zu lassen, und für den Rest galten strenge Regeln. Man kann das für archaisch halten, aber nach ein paar Wirtschaftskrisen und einer "Business"-Elite, die Massenabspeisung vom Buffet an Stehtischen für "Essen" hält, gewinnen die alten Formen durchaus an Charme - und am nötigen Abgrenzungspotenzial.

I never forget a face, but in your case I’ll be glad to make an exception.
Groucho Marx

Wenn hier desöfteren vom Klassenkampf von Oben gesprochen wird, ist es vielleicht ganz hilfreich, sich die Konflikte wirklich wie einen Kampf vorzustellen, und dabei auch gleich zu den unerfreulicheren Kriegserfahrungen zu greifen: Denen des Grabenkampfes im Ersten Weltkrieg nämlich, der für das bürgerliche Selbstverständnis einen enorme Schlappe war – waren doch nicht nur vor dem Maschinengewehr alle gleich, nein, man erlebte auch, wie dünn doch die zivilisatorische Kruste all derjenigen war, die 1913 noch über der Lektüre von Rilke, Mann, Maupassant und Galsworthy hingebungsvoll seufzten. Nun denn, wenn wir auch heute wieder gezwungen sind, die anstürmenden Neureichen mit Diskriminierungssalven in die Löcher zu schicken, aus dem sie kamen, und sehen wir uns gezwungen, sie in den Gräben an unseren Tischen mit Lügen zu abzuwimmeln – dann liegt das nicht daran, dass wir schlecht oder gar schlecht erzogen sind. Nein, man respektiert einfach nicht mehr unseren Wunsch, dass die anderen bitte auf ihrer Seite in ihren eigenen Gräben bleiben sollen, und statt zu seufzen, greift man eben zu Sekundäruntugenden.

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Man kann von Aufsteigern natürlich nicht erwarten, dass sie das wissen – aber früher war es, und ist es in besseren Kreisen bis heute so, dass man nicht einfach mal rüberkommt und wildfremde Leute anquatscht. Idealtypischerweise wird das einem als Kind nämlich so ausgetrieben, dass man auch Jahrzehnte später nur unter sehr schlechten Gefühlen in der Lage wäre, wildfremde Menschen auf der Strasse um die Uhrzeit zu fragen. Diese Haltung speist sich aus drei Quellen: Man möchte andere nicht belästigen, denn vielleicht sind sie in Eile, oder in Gedanken. Man möchte Abstand wahren. Und man möchte möglichst autonom und ohne Eingeständnis einer Schwäche sein. Als ich das letzte Mal ohne Benzin liegen blieb und das Mobiltelefon nicht dabei hatte, bin ich eben 3 Kilometer bis zur nächsten Tankstelle gelaufen. Ich kann nicht anders. Es ist mir auch entsetzlich peinlich, den ADAC zu rufen, was mich eigentlich als Besitzer eines Sunbeams von 1955 disqualifiziert.

In einem formalem Rahmen ist das anders. Ich habe natürlich schon vor der Tanzschule gelernt, wann und wie ich mich selbst vorstelle: Man nimmt Blickkontakt auf, wartet auf gewisse Zeichen – was übrigens in den Zeiten der Fächer und meiner Grosstanten noch sehr viel einfacher war – nähert sich dezent, stellt sich knapp und unaufdringlich vor, lässt immer Möglichkeiten des Rückzugs – „ich hoffe, ich störe nicht“ – und hofft auf das Beste. Wie es nicht geht, weiss man ja seit der Faustlektüre:

„Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
Arm und Geleit ihr anzutragen?“
„Bin weder Fräulein, weder schön,
kann ungeleit nach Hause gehn.“

Faust stellt sich nicht einmal vor, sondern macht sich sofort anheischig, sie zu begleiten. Er nimmt ihr mit seinem Angebot alle Freiräume, woraufhin sie ihm den verdienten Korb gibt. Aber die ungehobelte Person hat nach eigenem Bekunden auch Jura und Theologie studiert, woher sollte er Stil haben.

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Es geht um die Freiräume. Weshalb die ideale Vorstellung eigentlich gar keine ist. Die perfekte Vorstellung basiert auf der Idee, zwei Menschen so zusammenzubringen, dass weder sie selbst noch der Vorstellende je einen Gesichtsverlust erleiden können. Nehmen wir also an, ich habe mich von einer geschiedenen Freundin dazu breit schlagen lassen, auf eine Hochzeit zu gehen. Dort ist auch ein Bekannter, der, von der erwartungsfrohen Stimmung übermannt, ein Auge auf sie wirft. Er würde mich beobachten – küsse ich sie? Lässt mein Verhalten auf Vertraulichkeiten schliessen? – und wenn dem nicht so ist, würde er mich in einem geeigneten Moment abfangen und mir Komplimente zu meiner Begleitung machen. Ach, würde ich verstehend sagen, die I., ja, eine tragische Geschichte, ihm nur das erzählen, was der Tratsch ohnehin weiss, und darauf achten, ob er dann den Ex-Mann von I. auch mit der angemessenen Empörung bedenkt.

Tut er das, würde ich noch ein wenig plaudern, und mich dann zu I. zurückbegeben und einfliessen lassen, dass zwar alle Bankster Verbrecher sind, aber nur der Bekannte, mit dem ich sprach, eine rühmliche Ausnahme darstellt und allenfalls eine Bewährungsstrafe verdiente. Sollte I. dann tieferes Interesse zeigen, und ein paar Details wissen wollen, die für ein Gespräch zwischen beiden sinnvoll sind, würde ich ihren Wünschen nachkommen und mich anheischig machen, sie einander vorzustellen. Mein nächster Weg mit I. würde dann in seine Nähe führen, ich würde ein paar unverbindliche Worte sagen, sie einander vorstellen – und wenn ich merke, dass es klappt, mich unter einem Vorwand zurückziehen. Wenn I. aber doch Geschmack haben sollte, und nach ihrem Ex-Mann nicht schon wieder von einem Erbsenzähler gelangweilt werden möchte, würde sie das dezent anzeigen. Ich würde sagen, dass wir nun noch unbedingt zum Brautpaar müssten, bis bald – und ihn stehen lassen. Alles wäre gesagt, niemand hätte das Gesicht verloren, jeder hätte sich zu jeder Zeit zurückziehen können, ohne andere zu insultieren.

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Das mag kompliziert sein. Aber wenn man den Ablauf vereinfacht, wie etwa bei der direkten, jemanden mitschleifenden Vorstellung, fallen Optionen weg, und es wird schwieriger, ohne Ansehensverlust heraus zu kommen. Das geht wie bei der Mafia: Nur ein vermittelnder Freund kann einem anderen Freund einen Freund direkt vorstellen. Das garantiert in der Mafia und in Bayern zuerst einmal, dass der Vorgestellte nach Ansicht des Vermittlers ein Ehrenmann wie man selbst ist. Es ist aber gleichzeitig auch einen Aufforderung, den anderen als Ehrenmann zu akzeptieren. Tut man das nicht, beleidigt man auch den Vorstellenden. Man kann bei der sizilianischen Methode immer noch ausweichen, indem man den anderen mit den üblichen Floskeln bedenkt. Aber letztlich werden sich da Leute gegenseitig vorgeworfen, die beide voneinander wenig wissen und entscheidend von der Qualität des Vorstellenden – in Bayern nennt man die „Gschaftlhuber“ – abhängig sind. Mafiakriege, Wirtshausschlägereien, das Engagement der Bayern bei der Hypo Alpe Adria – das alles muss nicht sein, wenn man nicht wie ein Mafioso vorgestellt wird.

Trotzdem gab und gibt es in Deutschland sog. „Business Wettbewerbe“. In denen wird Studierenden, deren Eltern ihren Sprösslingen offensichtlich keine solide kulturhistorische Ausbildung angedeihen lassen konnten, und die oft genug auch in Käffern wie St. Gallen oder Vallendar hocken müssen, die Abfassung von sog „Business Plänen“ und anderer Trödel der Globalisierung beigebracht: Das überzeugende Vortragen einer hirnlosen Powerpoint-Präsentation, am Ende auch ohne Nasebohren, das gewinnende Auftreten der Privatradiomoderatoren, U-Bahn-Schnorrer und Verkäufer sinnloser Versicherungen, und der „Elevator-Pitch“: Jenes Verkaufsgespräch einer Geschäftsidee, bei der man sichvorstellen sollte, man träfe im Aufzug zufälligerweise einen Investor und würde den nun in den nächsten 60 Sekunden seine Idee genial aufschwatzen. So, genau so stellt sich diese Generation dann auch die Annäherung und Kontaktaufnahme vor. Laut, aggressiv, wahllos, arrogant, gerne aber mit etwas Stalken und Ausforschen über Google und soziale Netzwerke, und wer die meisten Freunde und Follower hat, zählt auch am meisten. Niemand würde einfach jemanden öffentlich antippen, um sie vorzustellen, auch sonst würde das nur im äussersten Notfall tun – aber bei Gründertreffen, wo die Elite, die Macher von Morgen zusammenkommen, gilt das alles nicht mehr. Jeder mit jedem über alles: So werden Projekte entworfen und Ideen gestaltet, Börsengänge geplant und, man erinnert sich vielleicht noch an die New Economy, Milliarden von Leuten verbrannt, die daheim im Westviertel keine Ahnung hatten, was für einer ungezogenen, im Stehen mit den Fingern fressenden Bagage sie da ihr Geld anvertraute.

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Seitdem sollte man sich nicht wundern, wenn in unseren Vorkriegszeiten eben nicht mehr einfach „alles geht“. All diese Tschackaschreier, die Börsenbäcker, die überblonden Parkettschnöselinen, die Renditeversprecher, diese Staubsaugervertreter der besseren Kreise – gäbe es da einen  Mittelsmann, man würde ihn bitten, den anderen klarzumachen, dass man ihnen nicht vorgestellt werden möchte. Sie möchten nach all den Krisen doch bitte in ihren Gräben bleiben. Man wäre wirklich, wirklich dankbar, man hat noch so schrecklich viel zu tun und Migräne – manchmal klappt es, manchmal funktionieren die Mechanismen noch, weil Vermittler Anstand haben, oder vielleicht selbst nachdenken, ob die Idee mit den Schiffsfonds, die sie weitertragen wollten, wirklich so klug war. Niemand muss deshalb das Gesicht verlieren. Solange er respektiert, dass die anderen nicht gestört werden wollen, Abstand brauchen und autark sind, ist alles bestens, solange bin auch ich der höflichste Mensch von der Welt, und nie würde man erwarten, dass ich dieses Pack ohne alle Rücksichten auch als solches behandle, wenn es nicht bereit ist, meine Grenzen zu respektieren.

Es sind, das gebe ich zu, Untugenden. Aber man kann nicht immer nur Galsworthy lesen, man muss ihn auch ab und an praktizieren.

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(Alle Bilder sind Ausschnitte des Deckengemäldes der Kirche Sant’Ignazio in Rom, gemalt von Andrea Pozzo, um 1690)

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120 Lesermeinungen

  1. Charmant und zutreffend...
    Charmant und zutreffend formuliert, wie so oft. Ich vermisse diese Möglichkeiten der Distanz, die das alte Europa bietet, zuweilen recht schmerzlich. Und das Nicht-Vorgestellt werden ist über dem Atlantik noch das kleinste Übel. Was macht man denn in einem Land, in dem einen Hinz und Kunz einfach ohne zu fragen, mit dem Vornamen anspricht, vom ebay-Verkäufer bis zum Fakultätsdekan? Man kann ja nicht einfach sagen: „Excuse me, but we aren´t best buddies, for you I am still Mrs. Darcy. Not Georgiana.“ Nun, könnte man natürlich schon. Aber das wäre so grob unhöflich, dass man es unterläßt.

  2. Werter Don, dies ist beileibe...
    Werter Don, dies ist beileibe der beste Beitrag Eurer kleinen Trilogie! Köstlich böse und ach so treffend! :)
    Ich wünsche Euch einen unterhaltsamen Jahreswechselm, meiner hat jedenfalls bereits gut begonnen!
    Beste Grüße FS

  3. Lieber FS, mit Fieber und zu...
    Lieber FS, mit Fieber und zu viel Tabletten bin ich stets besonders scharf, so scharf wie das kratzen in meinem Hals.
    .
    Dear Mrs. Darcy, in England würde man dazu wohl nur etwas über Colonies brummeln und die Notwendigkeit, die Unabhängogkeit derselben aus Stilgründen zu beenden.

  4. Na, jetzt bin ich aber hin und...
    Na, jetzt bin ich aber hin und hergerissen zwischen besten Wünschen zur baldigen Genesung und dem Verlangen nach weiterem Lesestoff dieser Güte! ;)

  5. Schmunzel. Ob man diese...
    Schmunzel. Ob man diese Colonies wirklich zurückhaben möchte? Wenn man die Schulden von GB und den USA zusammenrechnet…. Großbritannien ist nach über 20 Jahren Neoliberalismus selbst kaputt und bankrott genug, eine Kolonie, die man erst mal sanieren müßte, können sie sich gar nicht mehr leisten.

  6. Verehrter Don Alphonso, ein...
    Verehrter Don Alphonso, ein gutbeobachteter, ebenso empfundener (anerzogener?) und kluger Beitrag zur idealen Verhaltenssoziologie. Mit der Lektüre des II. Teils Ihrer „Zwischen-den-Jahren-Betrachtungen“ im Hintergrund, scheint auch das Vorgestelltwerden oder die Kunst dies zu tun entscheidend von „Wahrheit“ und „Lüge“ abzuhängen (dies selbstredend unabhängig von der Form). Aber die Wahrheit, im Sinne von guter Absicht, begleitet jeden Satz mit Schwingungen, die mit Vibrations schöner erfasst werden. Und die Deckengemälde von Andrea Pozzo illustrieren diesen Idealismus sehr schön.
    Aber aufs Ganze gesehen begreife ich Ihren Frust. Die Distanzlosigkeit (in den USA ist diese immerhin „kultürlich“) ist ein freches Marketing.

  7. Bei Marcel Proust gab es eine...
    Bei Marcel Proust gab es eine wunderschöne Passage zum Thema.
    Ein bayerischer Adliger „mit tiefem innerem Hang zum faux pas“ wurde von igendwem auf einen Empfang der Guermantes eingeschleppt, und dort durch ein dummes Mißverständnis der Herzogin vorgestellt. So weit, so peinlich. Diese bat er dann mit der entwaffnendsten Tapsigkeit auch gleich darum er möge ihn Ihrem Ehemann, dem Herzog vorstellen — was ganz gewiß niemand vorgehabt hatte.
    Die Herzogin aber verzog als Frau von Welt keine Miene, sondern sagte freundlich und unbekümmert: Basin, hiermit stelle ich Dir den Herrn von …. vor — worauf auch dem Herzog nichts übrig blieb, als dem bajuwarischen Eindringling zumindest pro forma einmal zuzunicken, auch wenn Gesicht und Hals vor Wut ganz rot angelaufen waren…
    .
    Lieber Don, wäre das nicht ein neues Berufsbild für die kommenden Märkte: Vorstellungs-Manager? Bei dem können sich Leute vorstellen, die wieder anderen vorgestellt werden wollen. Er weiß dann gleich, ob so was geht. Und kennt jemanden, der es eventuell (gegen Geld oder Gegenleistungen) machen würde. Nebenbei könnte er dann auch ein paar Benimmregeln vermitteln.

  8. @ Georgiana Darcy 01.44h ...
    @ Georgiana Darcy 01.44h
    The fine art, mit Anstand Abstand zu nehmen. Es kommt (zu) häufig vor, man wird in den USA sofort gefragt „What do you do?“ (Was sind Sie von Beruf?) and an Englishman I know always answers
    „I do my best, that’s what I do“.

  9. Es gibt in Paris und in Genf...
    Es gibt in Paris und in Genf (IMMER noch) das System „les rallyes“ (solche „rallyes“ haben Nichts mit Sunbeams und anderen vintage Autos zu tun).
    Aus „Le Roberts & Collins Dictionaire“
    RALLYE (mondain) : series of society parties (organized to enable young people to meet suitable friends). Ich war einmal in Paris als Teenager zu einer Rallye eingeladen, und als Folge bekam ich zwei Einladungen (a walk and lunch in the Bois du Boulogne..) und ins Operhaus (Wagner – es dauerte fast 5 Stunden)….

  10. Wehrter Don,
    danke für diesen...

    Wehrter Don,
    danke für diesen Artikel.
    Herzlichst P.

  11. Unsereins gehört ja in den...
    Unsereins gehört ja in den anderen Schützengraben und würde zu den besseren Kreisen bestenfalls über den Dienstboteneingang gelangen. Unter Umständen dürfte man zu Weihnachten in die große Halle um als arme Hirten zu figurieren. Wie dem auch sei, ich weiß die Differenzierung durch gute Umgangsformen durchaus zu schätzen. Sie versichern mich nämlich, daß auch in den höheren Ständen die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Das Korrektiv der Sitten, wenn es denn funktioniert, verhindert, daß ein Bankster nach der Vermögensvernichtung hohnlachend in der Karibik verschwindet anstatt beim Waffenreinigen einen Unfall zu erleiden, nicht wahr. Deshalb wäre es mir auch viel lieber wenn ein solcher Vasall seinem Bank-Lehnsherrn die Hände zum Treueid reichen würde anstatt mit der Hauspost einen Arbeitsvertrag zu bekommen, von dessen 300 Seiten sich 295 mit der Abfindungsregelung beschäftigen. Der Vasall zu früheren Zeiten wußte, daß er mit seiner Ehre, seinem Vermögen und dem seiner Kinder für seine Treue einzustehen hatte. Aber das mit der Ehre wird eben auch nur noch von den sizilianischen Gentlemen praktiziert. Und diesen Herren möchte man ja auch nicht vorgestellt werden. Was mir schon reichen würde, wäre die Zuordnung von Verlusten zur Allgemeinheit, statt zu ihren Verursachern. Ein persönlich haftender Bankier würde ein wenig anders agieren und einem solchen könnte man wohl auch vorgestellt werden.
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    Alsdann, Don Alphonso, gute Besserung und vielen Dank für die so überaus amüsante und lehrreiche Unterhaltung in diesem Jahr. 152 Beiträge und über 16.000 Kommentare, das ist mehr als respektabel würde ich meinen. Enchanté, Don Alphonso. Auf ein weiteres gutes Jahr.

  12. Wie der gebogene Stachel eines...
    Wie der gebogene Stachel eines Skorpions
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    @Don Alphonso: Ich wusste gar nicht, wie nahe einem eine ähnliche Erkältung bringen kann. Auch bei mir zu Hause geht es zu wie im Krieg, in dessen Lazarett: wechselnde Kranke auf wechselnden Betten. Ab heute hat die ‚Tochter Fieber. Ich hoffe, dass es nicht die besagte Schweinegrippe ist.
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    Zur Sache:
    „Mafiakriege, Wirtshausschlägereien, das Engagement der Bayern bei der Hypo Alpe Adria – das alles muss nicht sein, wenn man nicht wie ein Mafioso vorgestellt wird.“ Ist das nun die Formulierung, die juristisch astreiner ist? Denn übersetzt heißt das doch offensichtlich: da man wie ein Mafioso vorgestellt wird, ist man auch einer? – Wunderbarer Dreh!
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    Und das, das könnte fast so von mir stammen: „Seitdem sollte man sich nicht wundern, wenn in unseren Vorkriegszeiten eben nicht mehr einfach ‚alles geht‘.“ – „Vorkriegszeiten“, das gefällt mir. Ihr Fieber muss heftig sein, oder ist es nur der Weltschmerz, der sie da so sehend macht?
    Und stilistisch wieder beinahe der Alte: „man erlebte auch, wie dünn doch die zivilisatorische Kruste all derjenigen war, die 1913 noch über der Lektüre von Rilke, Mann, Maupassant und Galsworthy hingebungsvoll seufzten.“ Das dürfte jetzt ohne Fieber gesprochen sein, dennoch nicht weniger treffend.
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    Es ist in der Tat der 1. Weltkrieg, der den Paradigmenwechsel im Habitus, im Getue, im Ausdruck, ja in der ganzen Art zu herrschen, der Herrschenden schaffte. Allerdings vorbereitet war das wohl schon zum Jahrhundertwechsel. Genauer zum Ende des Kolonialismus hin. Die einstige Monopolmacht England verarmte am Reichtum ihrer Kolonien, will heißen: der englische Adel, der großgrundbesitzende verarmte an seinen eigenen billigen Importen, die Industriearbeiterklasse aß mehr und besser, aber immer weniger von den Produktionsstätten des eigenen Landes – die Lämmer aus Neuseeland waren billiger als die vom eigenen Land – und das machte die Konkurrenz gierig, hieß diese alle Schamhüllen fallen zu lassen. Führend hierbei die Nicht-Kolonialmächte Deutschland und die USA.
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    Und auch in der Literatur zeigte sich dieser Wandel und die definitiven Unterschiede. Ein Thomas Mann stand für den alten Weg, den europäischen, den des alten Nationalismus, der nach Kolonien lechzte, aber im Angesicht des Untergangs zum Verzicht bereit war. – Gezwungenermaßen ging er dann den Weg des Antifaschismus, des Demokraten wider Willen, wie ein Jünger hingegen, unbeirrt, aber raffiniert verpackt, den anderen Weg einschlug, den des protofaschistischen Ästheten, den, der wenigsten die eine „Revolution“ nicht zu verlieren hoffte, die der europäischen Romantik, und sei dies auch in Leugnung ihrer Wurzeln – der Aufklärung.
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    Ein Hemingway antizipierte den Neokolonialismus, die demokratische, deswegen aber nicht minder aggressive Fratze des pragmatisch gewordenen Kapitals. Demokratismus wie Faschismus kommen sich in seinen Schriften oft so nahe wie die Bürgerkriegsgegner in seinem antifaschistischen Epos „Wem die Stunde schlägt“. – Nehmen wir nur mal die Verherrlichung des Krieges, der Gewalt und der „Fiesta“ als generelle Beispiele für. Ja dieser Titel ist geradezu wegen seiner hyperstasierenden Metaphorik eine, die Wirklichkeit soweit vorweg nehmende, geradezu magisch wirkende Glanzleistung. Wem die Stunde in diesem Krieg letztlich wirklich alles schlug, konnte Hemingway als Zeitzeuge noch nicht wissen, als Poet aber ahnen. Auch wenn der spanische Bürgerkrieg für seine Partei verloren ging, sein Land, die USA und sein Stil gingen als Sieger hervor. Denn auch der Zeitgeist wollte das so. Aber auch der Selbstmord dieses Hemingway könnte auch als Eingeständnis eines Genies gelten, das selbst die Bedingungen seines Endes zu bestimmen gedenkt. Die „Patientenverfügung“ als Metapher für den letzten Krieg der letzten Supermacht in nicht all zu ferner Zukunft.
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    Und doch, noch gilt: wer liest heute schon Thomas Mann, vielleicht dann doch nur, aus nostalgischen Gründen, wegen der Buddenbrooks – vielleicht?
    Und das stilisiert auch das Ende einer jenen alten europäischen quasi aristokratisch gewordenen Bourgeoisie, jedenfalls schon mal in Form ihrer literarischen Teile. Deutschland, das Land der „Dichter und Denker“, wurde nicht nur quasi neokolonial eingenommen – im politisch-geographischen Sinne -, sondern es übernahmen auch die Mac Donalds die Macht, nachdem die romantische Hülle von Disneyworld entfernt wurde. Und selbst unter den Gebildeten ist es schon üblich einen Upton Sinclair nicht mehr zu kennen, obwohl man einen Charles Dickens noch im Bücherregal stehen hat, und man einen Rimbaud (wenn nicht gar einen Villon) vielleicht noch auswendig gelernt hat. Die amerikanische Kultur kam niemals als revolutionäre ins Land, sondern von Anfang an als das zugespitzte Endstück der Konterrevolution, quasi wie der gebogene Stachel des Skorpions, trotz ihrer revolutionären Elemente im Gefolge.
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    Der Selbstmord eines Tucholsky – so überraschend wie schockierend er den damaligen Antifaschisten auch vorkommen musste – könnte auch in Vorahnung für solches gestanden haben. Nicht wegen des verloren gegangenen Antifaschismus vielleicht, sondern wegen des bald folgenden Niedergangs des deutschen Faschismus gar, welcher nicht nur seine historische Rolle halluzinierte, sondern diese auf eine traurig-komische Weise, nämlich als letzte „Trutzburg“ eben jener reaktionär gewordenen romantischen Verklärung einer solchen „Distanziertheit“ ja auch spielte.
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    Tucholsky war ein lebender Seismograph diesbezügliches. Und sein Revolutionarismus war immer noch mehr der bürgerlichen Aufklärung geschuldet, einem liberal-demokratisch agierenden europäischen Bürgertum also, als einer antifaschistischen Arbeiterklasse, bzw., und dies noch weniger: den demokratischen oder „sozialistischen“ Ambitionen von neokolonialen Supermächten, die da schon am Rande des Horizonts in Gestalt der USA bzw. der Sowjetunion aufzusteigen begannen.
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    Die Nazidiktatur war in Sieg wie Niederlage ein gleich gedoppelter Schwanengesang, nämlich der europäischen Bourgeoisie wie des europäischen Proletariats. Ausdruck eines bis dato gigantischen aber nun schmachvoll endeten und solchermaßen nur noch bedingt dramatisch wirkenden Klassenkampfes. Die Kommunisten waren in den KZs nicht nur gemordet, in physischer Hinsicht, sondern auch längst in geistiger, denn waren sie zuvor schon nicht mehr die Herren des Geschehens. Ähnliches galt für die europäischen Kriegsgegner der Nazis. Der 2. Weltkrieg wurde zum Troja des modernen Europas, auch die europäischen Sieger gingen mit ihnen unter, was überlebte rettete sich in die neue Welt, so wie einst Aeneas ins ferne Rom.
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    Der Sieg der USA im 1., wie dann definitiv im 2. Weltkrieg, ist nicht nur Ausdruck der Hegemonie dieser Klasse innerhalb des Kapitals, sondern auch der Sieg ihres Coca Cola-Imperiums und jener Monsantodynastie in Folge der von einer United Fruit Company in Südamerika eingeleiteten Epoche des neokolonialen US-Imperiums in kultureller Hinsicht.
    Der „hässliche Amerikaner“ ist nicht nur wegen seiner grenzenlosen Macht solchermaßen gezeichnet, sondern auch und noch viel mehr wegen jener nicht minder grenzenlosen Unverschämtheit, also Distanzlosigkeit, eben gerade im Umgang mit seinen eigenen „Klassengenossen“, die nun mit dieser Macht Einzug hielt – am Hofe des Kapitals.
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    So ist der Antiamerikanismus weniger ein Phänomen „linker Vorurteile“ oder gar Folge anti-imperialistischer Reflexe, sondern eben ein Abwehrprodukt des klassischen europäischen Bürgertums. Und soweit er die Linke erfasst hat, ist er dort nur Ausdruck einer fremden Klassenideologie.
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    Lüge und Distinktion schließen sich so wenig aus wie Faschismus und Demokratie, ja Pragmatismus und Liberalismus, und doch können sie zwei verschiedenen Epochen angehören.
    Denn es kann eine Lüge auch ohne Distinktion daherkommen, nämlich als brutale Gewalt, als permanenter Übergriff, als Ausdruck absoluter Macht, als Merkmal einer omnipotent daher kommenden Aufsteigerklasse. Einer solchen, die, wie einst Rom, die Wahrheit so wenig zu kennen wie zu fürchten glaubt.
    Und der Antiamerikanismus ist eben Ausdruck eines somit „gestörten Verhältnisses“ innerhalb der Herrschenden, resp. der herrschenden Kultur.

  13. HansMaier555, das Berufsbild...
    HansMaier555, das Berufsbild „Vorstellungsmanager“ ist bereits von den sogenannten „Headhuntern“, bzw. „Personalvermittlern“ usurpiert. Wobei deren Problem ist, das ihnen die im Artikel postulierten sozialen Fähigkeiten komplett abgehen, was nicht nur die gewählten Berufsbezeichnungen, sondern auch die Vorgehensweisen eindeutig belegen.
    Bei der Gelegenheit wünsche ich allen Lesern und insbesondere dem Don und seiner Begleitung einen „guten Rutsch“ und ein neues Jahr bei bester Gesundheit.

  14. Vielen Dank fuer diese tolle...
    Vielen Dank fuer diese tolle Trilogie. Wie darin erwaehnt, ist die Aufstiegsmoeglichkeit in Deutschland ja gar nicht so schlecht, sowohl gesellschaftlich (halbwegs durchlaessig, da rein geburtsrechtliche Dinge wie Adel keine grosse Rolle spielen, siehe z. B. Notwendigkeit von MBE, OBE, Ritterschlaegen etc. in einer adelsorientierteren Gesellschaft wie der britischen), als auch wirtschaftlich moeglich (durch gute Ausbildung und Fleiss). Ich stimme zu, dass sich weswegen gleich ueberall anbiedern, wo man nicht dazugehoert, nicht ziemt, vor allem dann nicht, wenn die Erziehung und Bildung – dies wuerde meine beiden Punkte oben ebenfalls zur Trilogie komplettieren – nicht gegeben ist. Wollte nur feststellen, dass die Sekundaertugenden der besseren Gesellschaft in Deutschland fuer meinen Teil ja nicht taeglich gebraucht werden und meist weniger auf schuetzengraebenartige Zustaende treffen denn auf wohngebietstrennende Strassen. Weiss nicht ob das der Grund ist: Meine zu beobachten, dass die wirtschaftlich Erfolgreichen, die wissen, wo sie herkommen, ganz zufrieden mit der Duologie von Aufstiegsmoeglichkeiten und ihrem Erfolg sind. Kenne da ein paar Faelle, die sich ganz nach persoenlichem „Geschmack“ im Leben eingerichtet haben und das geniessen. Die muss sich keine bessere Gesellschaft vom Leib halten, da sie in ihrem 50qm Heimkino und dem Club Robinson gluecklich sind, und wenn man sie doch mal trifft, dann sind es meist auch interessante Gespraechspartner, weil ganz und gar nicht unintelligent und untalentiert (daher der Erfolg). Die Penetranten sind ja meist die, die ausser – erarbeitetem – guten Abi cum BWL intellektalentuell nicht viel mitbringen und entweder nicht die Stamina haben, sich nachhaltig hochzuarbeiten, oder deren Eltern ihre eigene Herkunft (Mittelschicht mit EFH, evtl. die Familie frueher mal in der Tat schon bessere Tage gehabt) fuer die erweiterte bessere Gesellschaft halten, die das Kind, nun (wieder) nachhaltig an den Kern der besseren Kreise fuehren soll, es hatte ja alle Moeglichkeiten, daher muss das doch klappen? Das ist oft trauriger.

  15. Lieber Don Alphonso, Ihr...
    Lieber Don Alphonso, Ihr Artikel spricht mir mal wieder aus der Seele. Ich habe im Geschäftsleben leider den Eindruck, daß ich mit meiner unaufdringlichen, konservativen und analytischen Art im Gegensatz zu den marktschreierischen, ungebildeten und selbstüberschätzenden Schimpansen ziemliche Nachteile habe. Man scheint diese Affen tatsächlich für ernst zu nehmen, zumindest in der Anfangsphase. Platon bezeichnete sie als Sophisten, während ich in der Rolle des Sokrates trotz glasklarer Argumentationsketten kaum Gehör bekomme. Das liegt insbesondere am Publikum. Und das kann einen wirklich einigermaßen frustrieren…

  16. Unsere Vorkriegszeit. Hört...
    Unsere Vorkriegszeit. Hört hört!

  17. Vor den beiden letzten großen...
    Vor den beiden letzten großen Kriegen gab es wenigstens eine großartige Literatur. Derzeit nicht. Vielleicht ist das ja ein gutes Zeichen.
    Ein Prozent des neuen Milleniums ist schon wieder passé.

  18. Schön böse, werter Don....
    Schön böse, werter Don.
    „…und anderer Trödel der Globalisierung…“ Ganz recht. Man möchte bisweilen auf den Mars auswandern. Ich versuche es heute Nacht mal mit einer besonders großen Silvesterrakete. Brot UND Böller!
    Einen guten Jahreswechsel wünscht
    m.

  19. Ach Gottchen, beißen sie sich...
    Ach Gottchen, beißen sie sich nicht zusehr an „den Aufsteigern“ fest, sonst wird es noch schief wie Sarrazins lachhafter Gemüsehändlerschimpf. Ich seh das eher wie Rebound, es gibt da ganz fähige Leute und halt eben völlig mißglückte. Ihr Ruf nach Distanz und ihre schöne Beschreibung der idealen Vorstellung – so, daß es ganz ungezwungen passiert – spricht mir jedoch aus der Seele (ach, wenn sich die Wirklichkeit nur ein wenig mehr diesem schönen Bild angleichen könnte), und daß Sie die Abneigung, fremde Leute anzuquatschen (die mir bisher fast immer negativ ausgelegt wurde) statt sich selbst zu helfen, gar als bessere Manier anführen, tröstet mich zum Jahresende ein wenig, denn die wohl doch nicht ganz wenigen anderen Leute, die es auch so halten, bemerkt man naturgemäß weniger, weil sie wenig Geschrei machen.
    Davon abgesehen ist es aber ein bestehendes Problem, wie Geschäftskontakte geknüpft werden können, abseits der unangenehm nötigenden Marktschreiermethode und ohne ins Unendliche laufenden Aufwand an unverbindlichen Gesprächen. Sag ich mal so, vor meinem ehedem Jobbörsen- und nun Projektlerhintergrund.
    @HansMeier: ja, seh ich auch als gutes Zeichen. Die Vorkriegszeit war 1989 vorbei, ich hab zwar die LP von Vorkriegsjugend noch, aber die staubt ein im Archiv bei den anderen Apokalyptika der 80er. Nur den Günter Anders möcht ich daraus erwähnen, falls man den nicht kennen sollte. U.a. hat er schon anläßlich des Nebenherradiohörens, beobachtet im Kalifornien der 1940er, wenn ich mich recht entsinne, eine wunderbar giftige Polemik gegen das Multitasking geschrieben.
    Der Verhofstaedt bringt es im Tagesspiegel auf den Punkt: Europa ist endgültig auf der Rückseite der Welt angekommen, man hört nicht mehr drauf. Ist aber nicht so schlimm, müssen wir halt unsere Hausaufgaben machen.

  20. Einen Krieg um Rohstoffe...
    Einen Krieg um Rohstoffe zwischen USA und China? Nee, wirds nicht geben.
    Juten Rutsch ins letzte Nuller-Jahr wuensche ich dem hoffentlich rasch genesenden Autor und seinen fleissigen Kommentatoren. Wir erwarten hier ein weiters fuenfer Jahr, 2553.

  21. FS, ich werde versuchen, mir...
    FS, ich werde versuchen, mir bei guter Gesundheit eine schlechte Gesinnung zu behalten.
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    Georgiana Darcy, nun, man müsste sich anstelle der teesteuer natürlich etwas Neues einfallen lassen. Aber immerhin würde man sie nun in dem rückständigen Zustand bekommen, den man vielleicht 1600 gehabt hätte, ohne Aufklärung und sonstiges hinderliches Zeug. Darauf liesse sich aufbauen!

  22. ich esel habe glaube ich...
    ich esel habe glaube ich meinen Namen vergessen: zum sich selbstvorstellen gehört der wohl schon noch dazu.
    Also, nocheinmal: unvorgestellt und grobschlächtig wünsche ich Ihnen und allen Lesern einen guten Rutsch, für das Gute Neue ist es noch zu früh.
    Mit dem sich selbst vorstellen würde ich es wie anderes auch sehen: alles in und mit Maassen. Um manches Eisenbahn oder Wartesaalgespräch mit Wildfremden wäre es mir schade wenn es nicht stattgefunden hätte. Drei Kilometer laufen bis Tankstelle ist doch keine Zumutung, aber was ist, wenn Sie mit Motorschaden am Autobahnrand in Hanglage liegen geblieben sind? Oder Sie jemanden ansprechen um ihm zu helfen (gnä Frau, darf ich Ihnen helfen/den Koffer hoch heben…?)
    Oder sie Fremder sind und gar niemanden kennen? Natürlich mit Takt und Augenmaass – und nicht gleich auf Intimität spekulierend…

  23. Liebe Rosinante, nun, zu...
    Liebe Rosinante, nun, zu meinem Glück kann ich sagen, dass die Distanzlosigleit recht selten im realen Leben auftritt, aber dann finde ich es durchaus legitim, die Distanz eben mit anderen Mitteln wiederherzustellen. Eigentlich ist es nur ein Wetlauf um Abstand, den man braucht – warum die anderen den nicht zu benötigen scheinen, ist mir ein Rätsel. Zumal ich ja nicht den Eindruck mache, der liebste und nachsichtigste Mensch der Welt zu sein.
    .
    Lieber HansMeier555, ich denke, diese Funktion übernimmt heute das Internet, oder eben auch die üblichen Messen, wo sich solche Menschen treffen. Durch einen dummen Zufall war ich dieses Jahr für zwei Auftritte bei den Medientagen verpflichtet, und dazwischen waren ein paar Stunden. Klassischerweise hätte man da, würde man diese Tätigkeit zum Broterwerb ausüben müssen, die Gelegenheit nutzen können, Creti und Pleti anzusprechen. Ich bin derweilen auf einen Flihmarkt entkommen. Das gespräch mit dem Mann am Falafgelstand war übrigens sehr nett! Tadellose Leute. So ist das fein.

  24. fionn, bei uns in der Schule...
    fionn, bei uns in der Schule hiess das AG Literatur. Feinste Töchter mit besten Manieren. Ungezwungene Atmosphäre, Annäherung über Felix Krull und Modeste Mignon.
    .
    Paulchen, gern geschehen, mit frösstem Vergnügen.

  25. Ein wirklich schöner,...
    Ein wirklich schöner, treffender Artikel, der natürlich auch eigene Gedanken berührt und einem somit aus dem Herzen spricht.
    .
    Kommen Sie gut & vor Allem gesund in ein Neues Jahr….ich denke, das kommende Jahr wird wahrlich nicht sparsam umgehen, mit seltsamen Geschichten & Verhaltensweisen, deren genauere Analyse sich lohnen wird.

  26. miner, danke für das Lob und...
    miner, danke für das Lob und die Wünsche, im Moment bin ich zufrieden, wenn ich weniger krank bin, und mein Anwesen gegen die Horden verteidigen kann. Nächstes Jahr, der FAQZ sei dank, geht es hier bruchlos weiter.
    .
    icke, ich habe nichts gegen Zufallsbekanntschaften einzuwenden, und der Beruf bringt es durchaus mit sich, dass man ab und an auch „kalt“ anfangen muss, allein: Privat bin ich allein meist sehr zufrieden. Wer Aufmerksamkeiten möchte, wird das schon zeigen, und wenn nicht, möchte ich nicht aufdringlich sein. Vor allem aber würde ich nicjht versuchen, dabei irgendwelche Ziele zu haben. Plaudern geht in Ordnung, aber Verkaufsgespräche – und die sind oft genug beabsichtigt – gehen einfach nicht. (Im Übrigen habe ich mich auch bei der FAZ nicht beworden. Ich wurde dezent gefragt.)

  27. @Don Alphonso
    Schön...

    @Don Alphonso
    Schön formuliert und sehr böse geschrieben. Aber es sind halt Sekundärtugenden und so schön Sie sind, ontologisch sind sie nichts.
    Um mal wieder Substanz in die Diskussion zu bringen: Wenn Sie wieder in Frankfurt sind – gute besserung BTW – sehen Sie sich doch die Ausstellung im Jüdischen Museum an über die Rückkehr der „Dialektik der Aufklärung“ nach dem 2ten Weltkrieg. Mir persönlich sind Ihre letzten drei Artikel zu post oder prämodern.
    Zudem hilft das vorgestellt oder Empfehlungen doch auch nichts.
    Als ich an der Theologischen Hochsschule St. Georgen in Frankfurt studiert habe, brauchte man so etwas. Was aber dann dort geboten wurde, war fachlich nichts herausragendes (die Jesuiten Hochschule in München ist noch viel schwächer m.E.).

  28. oh ja, die ziellosigkeit....
    oh ja, die ziellosigkeit. ziellosigkeit ist zwanglosigkeit. zwanglosigkeit und zwangloses, höfliches benehmen ist die voraussetzung dafür, am ende doch die spende zu bekommen. jedenfalls in england. die unterschichten haben die gelbe presse, die oberschichten grenzen sich ab, auch von den emporkömmlingen. so haben wir doch in wirklichkeit nur überall das englische modell.
    und von wegen england pleite? der gentleman bewahrte haltung schon auf der titanic, nur der reeder stieg heimlich und incognito ins rettungsboot. die staatspleite ist überall, aber der engländer überspielt sie am besten. that is understatement. sunbeam und don passen also rein kulturell gut zusammen. zu fuss zur tanke in der gesunden landluft? no problem, sir. have a good tea time!

  29. P.S. Das ist richtig, dass man...
    P.S. Das ist richtig, dass man über seine Lehrer nicht mäkeln soll, aber das sollte man besprechen, wenn die SJ die Gegenreformation z.B. in der oberen Pfalz und in Böhmen rückgängig gemacht hat. Aber der interessierte Leser zum Thema SJ möge z.B. einen Blick in z.B: „Stimmen der Zeit“ (Herder verlag Freiburg) werfen und sich vom Niveau der Diskussionen dort selbst ein Bild machen.

  30. Auch wenn ich noch ein...
    Auch wenn ich noch ein Schnösel in dieser Blog-Runde bin, möchte ich zu meiner Legitimation anmerken, dass während des vergangenen Jahres wohl kein Beitrag und nur wenige Kommentare meiner Lektüre entgingen, und möchte Ihnen, lieber Don Alphonso, ein herzliches Dankeschön für eine anregende und amüsante Freizeitbeschäftigung schreiben und einen prallen Themenrucksack fürs 2010 wünschen. Ihre Rosinante

  31. Indiskret und...
    Indiskret und uncharmant
    Werden Stützen heut‘ im Land
    Nicht mehr Bourgeoise genannt
    Noblesse ohne Markt
    Sieht schon verzagt
    Die Gosse frech erstarkt
    Fönnsele Don
    Schreibt Feuilletonn
    Für den Salon
    Schnell und scharf ist sein Verstand
    Gold und Silber sind nur Tand
    Liebe ist ein fernes Land

  32. Verehrter Hausherr, liebe...
    Verehrter Hausherr, liebe Kommentatoren, ich wuensche Ihnen allen einen guten Rutsch und ein gesegnetes Neues Jahr!
    .
    http://www.youtube.com/watch?v=Mpi0jugcfu0

  33. Frohen neues Jahr allerseits!...
    Frohen neues Jahr allerseits!

  34. Es guets Nüüs Joor - a Happy...
    Es guets Nüüs Joor – a Happy Healthy and prosperous New Year to all!
    Es tut mir wirklich Leid, folgendes auf E schreiben zu müssen, doch mit der deutschen Umgangssprache hapert’s bei mir.
    The classic English opening gambit at a party, when you see a woman/girl you’d like to talk to, is to say „Do you come here often“? Then introduce yourself. That is totally inoffensive and has some humour in it.
    Life is too short – one must not miss opportunities. There’s a Greek proverb that „Chance/opportunity is like a woman with hair on her forehead only, so you must grasp her by the hair as she approaches you“.

  35. "Ehe ich es vergesse!" sagte...
    „Ehe ich es vergesse!“ sagte er plötzlich mit einem gewissen blinden Eifer. „Du kannst mich gerne der Dame im Gerten vorstellen, wenn es sich gerade so macht, dagegen habe ich nichts, ich bin ja vorbereitet und verstehe den Sinn und werde schon das richtige Gesicht dazu machen. Aber mit dem russischen Ehepaar wünsche ich nicht bekannt zuwerden, hörst Du? Das will ich ausdrücklich nicht. Es sind überaus unmanierliche Leute, und wenn ich schin zwei oder drei Wochen lang neben ihnen wohnen soll und es nicht anders einzurichten war, so will ich sie doch nicht kennen…“
    Hans Castop in der Zeuberberg

  36. @mawu

    Einfach naiven...
    @mawu
    Einfach naiven Enthusiasmus kultivieren. Das ist die Lösung.
    Man schafft sich seine Standard-Oberflche für verschiedene Szenarien und zieht sie immer passend hervor. Am politischen Stammtisch rumpöbeln, auf der Hochzeit nett plaudern und nach der Jagd semi-seriöse Anekdoten aus der Studentenzeit auspacken und dabei veschwörerisch tun, dann auf der Straße alten „Schulfreunden“ auf die Schulter hauen und richtig auf die Kacke hauen und Geld auf geschmackloseste Art aus dem Fenster werfen, während man andererseits das Hollandrad von vor 30 Jahren auffährt und die Teebeutel zweimal benutzt um den Kindern Sparsamkeit beizubringen.
    Bei so BWL-Typen ist m.E. naiver Enthsiasmus die beste Oberfläche.
    Eigentlich ist der zentrale Punkt, dass man ein Spiegel ist.
    Die ein oder zwei Freunde die man wirklich hat (und mit denen man habituell klar kommt) kann man dann mit seinen kleinen Auftritten in der Welt da draußen belustigen.
    Versuchen Sie es mal.
    FvH

  37. @Franz von Hahn,
    vielleicht...

    @Franz von Hahn,
    vielleicht sollte man dazusagen, dass es im „Zauberberg“ den „Guten“ und den „Schlechten Russentisch“ gibt, wobei auf ersterem ganz manierliche Personen Platz zu nehmen pflegen, und nicht nur die Dame, die die Tuer lautstark zufallen laesst und mit Brotkugeln spielt.
    Gibt heute ja wieder Gelegenheit, Tische von der zweitgenannten Sorte zu studieren, in Luxushotels in Nice, Karlsbad usw.
    MfG
    G. Schoenbauer

  38. irgendwie kommt mir herr...
    irgendwie kommt mir herr hansmeier555 bekannt vor, wurden wir uns schon mal vorgestellt?
    ein schönes neues jahrzehnt allen!

  39. Erstmal ein frohes neues Jahr...
    Erstmal ein frohes neues Jahr in die illustre Runde!
    Nach Lesen dieses Beitrages faellt es mir wie Schuppen von den Augen: Vor ein paar Monaten hatte ich auf einer Feier wohlweislich einen alten Freund neben einer Freundin platziert, mit dem Ziel, die beiden zu verkuppeln. Hat leider nicht funktioniert, jetzt weiss ich auch warum: Er (Sohn aus besserem Hause) hat sich einfach nicht getraut, sie anzusprechen ohne ihr „richtig“ vorgestellt zu werden (spaeter deutete er mir naemlich durch dezente Nachfragen an, dass er nicht uninteressiert war). So ein Mist, da habe ich in meiner Rolle als Gastgeberin versagt, habe ich mich auf ein schlichtes „Liebe H., das ist K., lieber K., das ist H.“ beschraenkt. Das reicht in der besseren Gesellschaft anscheinend nicht aus… und sie war anscheinend auch nicht emanzipiert genug um einfach so ein Gespraech anzufangen.
    Leute sind kompliziert (besonders heute, aber das hat eher was mit boehmischem und maehrischem Wein zu tun. Und Krimsekt!)
    @Teutobrecht: Den guten und den schlechten Russentisch haben wir hier schon hingebungsvoll diskutiert ;-) Aber hierzulande beschweren sich tatsaechlich die alteingesessenen Karlsbader ueber die „russische Invasion“, auch wenn man insgeheim froh ist, dass diesmal nur mit Geld und nicht mit Panzern angerueckt wird.

  40. @unellen,
    wollte keinerlei...

    @unellen,
    wollte keinerlei Diskussion anregen, auch niemandem die Freude ueber friedl. russische Invasoren nehmen (habe ohnedies eine relativistische Sicht u. meine dass auch die „schlechten“ Tische ihr „Gutes“ haben, u. umgekehrt), wollte nur den Beitrag von Franz von Hahn um eine Kleinigkeit ergaenzen.
    MfG
    G. Schoenbauer

  41. @vorgestellt werden:
    Die Welt...

    @vorgestellt werden:
    Die Welt als Wille zur Einbildung…

  42. Alles Gute zum Neuen...
    Alles Gute zum Neuen Jahr!
    .
    Die Benimmregeln des Don laufen heutigem common sense allerdings diamtral zuwider. Das ist das Erfrischende daran. Wenn man sich nur mal ansieht, welchen widerlichen Zirkus heute jede Ruhrpott-Hochschule um ihre „Alumnis“ zu veranstalten sich verpflichtet fühlt.
    .
    Meiner Einschätzung nach würden die meisten jungen Leute die Botschaft dieses Artikels mit großem Trost und Erleichterung aufnehmen. Viele haben ja tatsächlich ein schlechtes Gewissen, wenn sie die agressive Selbstvermarktung, die einem allüberall gepredigt wird, nicht mitmachen wollen und sich lieber auf ihr Fachgebiet konzentrieren.
    .
    Damit ist auch über den Exzellenz- und Eliterummel im Grunde schon alles gesagt. Heute kaufen sich die Middelhoffs mit dem Geld ihres Dienstherren in den „wissenschaftlichen Beirat“ von Elite-Kaderschmieden ein, die ihrerseits mit dem Gütesiegel „Oxford University“ auf Akquisition gehen.

  43. Ein frohes neues Jahr!
    Ich...

    Ein frohes neues Jahr!
    Ich hoffe, ihr lebt alle noch, oder ist jemandem eine Rakete auf den Balkon geschossen worden? Ich hatte gestern ehe schon den Eindruck, dass je schlechter die Aussichten, desto hoffnungsfroher die Böller. Dieses Paradox wird mir immer ein Rätsel bleiben.
    Hatten hier in dieser Kleinstadt am Taunushang ein Feuerwerk, das ich so hier noch nie beobachtet hatte. Ich habe nur die Sektkorken knallen lassen, unseren Katzen zuliebe.

  44. unellen, generell ist es die...
    unellen, generell ist es die Frage, ob das kurze Vorstellen den Charakteren ausreicht – jovalere Zeitgenossen nehmen dergleichen sofort zum Anlass für Vertraulichkeiten. Aber wenn die Betroffenen eher schweigsam sind – nun, man muss natürlich auch sagen, dass jeder des eigenen Glückes Schmied ist, und gerade, wenn man Erotisches im Sinn hat, ist es schon zu erwarten, dass man selbst eine wie auch immer geartete Initiative ergreift. Es wird einen später ja auch niemand mit der Angebeteten in einem Schlafzimmer einsperren.
    .
    HansMeier555, ich denke, sowas wie einen common sense gibt es nur begrenzt auf gewisse Lebensbereiche. Muss man sie nicht erdulden – ich etwa meide inzwischen öffentliche Auftritte weitestgehendst – kann man sich seine eigenen Regeln schnitzen und sie auch bestens einhalten.

  45. Hallo Don Alphonso. Alles...
    Hallo Don Alphonso. Alles Guati für 2010! Bliib gsund und merci viil mola für alli Dini superguata Biiträäg. Us Graubünda en liaba Gruass vom Bruno.

  46. es gibt in diesem deutschland...
    es gibt in diesem deutschland eine generation, die das im artikel angeprangerte stillose benehmen fordert und damit zum maßstab sowie zu einer überlebensnotwendigkeit für alle macht, die nunmal gezwungen sind, sich ihren lebensunterhalt zu erarbeiten und die vielleicht etwas im leben erreichen möchten. diese spezialgeneration hat deutschland zu dem gemacht, was es derzeit ist: ein kulturloser haufen materialistischer autisten. es ist die generation, die zum ende des letzten krieges noch kind war oder gerade geboren wurde. es war für die meisten eine zeit des hungers und des mangels. aber in all dem elend war diese generation immernoch am besten versorgt, auch wenn das sehr wenig war, denn ihre elterngeneration sparte an sich selbst, um die jungen bestmöglich durch die schlechte zeit zu bringen. damit wurde die grundlage für das ausufernde anspruchsdenken und die gedankenlose inanspruchnahme aller wohltaten der gesellschaft bei dieser generation gelegt. als heranwachsende trafen die angehörigen dieser generation auf einen arbeitsmarkt, der kaum zu sättigen war. selbst menschen mit geringer oder gar keiner sowohl fachlichen als auch menschlichen qualifikation konnten in gehobene positionen gelangen, die sie vor den mangelzeiten und erst recht in unserer heutigen zeit nie erreicht hätten. dort saßen oder sitzen sie und betreiben statussicherung auf einem niveau, das ihrer eigenen leistungsfähigkeit niemals entsprochen hat. sie blockieren das heranwachsen von fachlich und menschlich geeigneteren jüngeren menschen, indem sie ihnen zuerst ein ‚miß’bildungssystem in den weg stellen und später eine personalauswahl nach ihren eigenen, stellenweise sehr zweifelhaften einstellungskriterien vornehmen. nach welchen kriterien wählt wohl eine generation maßloser panzerfahrercharaktere ihre nachfolger aus? stil? zurückhaltung? rücksicht- und anteilnahme? bildung? wozu, sie haben es doch schließlich auch ohne dieses geschafft?! in der so praktizierten natürlichen auslese der nach ihrer niederen meinung schwächeren ist der beschriebene bodensatz einer ehemals kultivierten gesellschaft nach oben gekommen und bildet nunmehr die ‚elite‘ dieses landes, dessen kultur, erfindungsgeist und lebensfreude sie verdrängt und durch rücksichtslosigkeit, arroganz, plakativität, penetranz und härte ersetzt hat. es wäre zu schön, wenn der von don a. beschriebene prozeß der ausgrenzung der angehörigen dieser spezialgeneration und der von ihr herangezüchteten generation von rechtsüberholern tatsächlich eingesetzt hätte. indes: es scheint ein sehr langsamer, schmerzhafter und nicht rückschlagfreier prozeß zu werden. die beharrlichkeit, die ignoranz und die frustrationstoleranz dieser unliebsamen zeitgenossen wird ihnen noch lange zahlreiche plätze in den vorderen rängen sichern und unsere kulturelle entwicklung be-, wenn nicht sogar verhindern.

  47. Bravo, Don Carlos!...
    Bravo, Don Carlos!

  48. @Don Carlos: Compliments...
    @Don Carlos: Compliments

  49. Lieber Don Carlos,
    dann sind...

    Lieber Don Carlos,
    dann sind Ihrer Meinung nach also die 68er an allem schuld?
    Kann mich nach zweimaliger Lektüre Ihres Kommentars den Komplimenten leider nicht anschließen.
    P.S.: Kommen Sie mit der Heidegger-Lektüre gut voran?

  50. Gruss aus Zürich:

    >>Happy...
    Gruss aus Zürich:
    >>Happy New Year
    Liebe Besucherinnen und Besucher dieses kleinen Online-Portals, das zum NZZ-Magazin „Z – Die schönen Seiten“ gehört, es ist uns eine Freude, hier eine ganz kurze Neujahrsansprache halten zu dürfen und eine wichtige Neuigkeit zu verkünden:
    Das Magazin „Z“ wird kommendes Jahr wiederum acht Mal erscheinen, davon neu vier Mal auch als Beilage zur „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in Deutschland. Wir freuen uns sehr über diese signifikante Markterweiterung und auf viele neue Leserinnen und Leser jenseits des Rheins.
    Am 5. Januar 2010 gehen wir in neuer Frische an den Start, um das Frühlingsmode-Magazin für den 20./21. Februar zu produzieren. Es wird eine Explosion der Farben – etwa so, wie sie in diesen Stunden schon über dem Hafen von Sydney stattgefunden hat, wo bereits Neujahr ist. In diesem Sinne: HAPPY NEW YEAR, EVERYBODY – Wir sehen uns 2010 wieder!
    http://www.magazin-z.ch
    <<

  51. Wenn das so ist wie dieses...
    Wenn das so ist wie dieses schleichwerbende Blogelend auf Subniveau, das die da am Start haben – das wollen Journalisten sein? Komische Arbeistauffassung – wird man hier lange auf eine lobende Erwähnung meiner Person warten. Chinatrach von H&M ist ganz sicher nichts für die Stützen.

  52. Wie anders sieht es denn...
    Wie anders sieht es denn HansMeier?

  53. Don Carlos, es gibt, das muss...
    Don Carlos, es gibt, das muss man vielleicht bedenken, nicht „die“ bessere Gesellschaft. Es gibt ein Konglomerat von Menschen mit strukturell sehr ähnlichen Lebenserfahrungen, sowohl was die Erlebnisse angeht, wie auch das, was sie nicht kennen, oder nicht zugeben würden, dass sie es kennen. Und obendrein Auflösungsprozesse, Stichworte wie Scheidungen, Fetisch etc.. In der Folge wird darin um den richtigen Weg gerungen, natürlich auch mit Ausgrenzungsstrategien und Versuchen, Leute mit dem falschen Benehmen auszugliedern. Man muss das nicht mögen.
    .
    Aber wenn man es ohnehin nicht anders kennt, ist es auch nur eine Gewohnheit.

  54. @Don Carlos/01. Januar 2010,...
    @Don Carlos/01. Januar 2010, 18:16
    Chapeau, Don Carlos et Bonne année!
    Bonne année auch fuer alle Mitleser!!!!!!

  55. Lieber Filou,
    zuerst frage ich...

    Lieber Filou,
    zuerst frage ich mich, wie Don Carlos es sieht? Ich versuche, mir einen Reim zu machen.

    „Es gibt in diesem deutschland eine generation, die das im artikel angeprangerte stillose benehmen fordert …“
    .
    Meint Don Carlos damit das neoliberal inspirierte, derzeit tonangebende Post-Bürgertum gegen das Don Alphonso immerzu anschreibt?
    Offenbar nicht:
    „… es ist die generation, die zum ende des letzten krieges noch kind war oder gerade geboren wurde.“
    Das können eigentlich nur nie 1968er sein, die jetzt gerade ins Rentenalter eingetreten sind.

    „aber in all dem elend war diese generation immernoch am besten versorgt,… denn ihre elterngeneration sparte an sich selbst, um die jungen bestmöglich durch die schlechte zeit zu bringen.“
    Tja, lieber Filou, wer war die selbstlose Elterngeneration der 1940 bis 1945 geborenen?

    “ damit wurde die grundlage für das ausufernde anspruchsdenken und die gedankenlose inanspruchnahme aller wohltaten der gesellschaft bei dieser generation gelegt.“
    Das verstehe ich nicht. Soll das heißen, die Sparsamkeit der Eltern provozierte die Maßlosigkeit der Kinder? Ich würde das Gegenteil vermuten.
    Das „maßlose Anspruchsdenken“ lese ich als Polemik gegen den Sozialstaat.
    .
    “ als heranwachsende trafen die angehörigen dieser generation auf einen arbeitsmarkt, der kaum zu sättigen war. selbst menschen mit geringer oder gar keiner sowohl fachlichen als auch menschlichen qualifikation konnten in gehobene positionen gelangen…“
    O ja. Die Vollbeschäftigung der 1960er Jahre hat einen sozialen Veränderungsdruck bewirkt. Hatte auch etwas mit dem Arbeitskräftemangel infolge von Kriegsverlusten und einer Hochkonjunktur infolge von Kriegszerstörungen zu tun.
    .
    Tja, und dann ist
    „… der beschriebene bodensatz einer ehemals kultivierten gesellschaft nach oben gekommen“
    Und darum sind wir heute nicht mehr so kultiviert, erfindungsgeistig und lebensfreudig wie die Deutschen Eliten vor 1960. Hmmm. Dafür aber viel härter.

  56. Hm, also, nur weil Ende des...
    Hm, also, nur weil Ende des Krieges viele noch Kinder waren, würde ich nicht zwingend behaupten, dass deshalb damit die „68er“, jene paar zehntausend Aktivisten gemeint sind. Falls doch: Auch meine Eltern sehen sich in dieser Tradition. Trotzdem bin ich nicht gerade nachlässig erzogen worden, würde ich meinen, und auch meine Eltern haben vorzügliche Manieren.

  57. "Trotzdem bin ich nicht gerade...
    „Trotzdem bin ich nicht gerade nachlässig erzogen worden, würde ich meinen, und auch meine Eltern haben vorzügliche Manieren.“
    .
    Lieber Don: Wieso „auch“?
    .
    Mit den 68ern meint man ja nicht nur die wenigen Aktivisten — es ist auch ein Schimpfwort (oder Pauschalwort) für einen gesellschaftlichen Wertewandel vom Minirock bis zur neuen Ostpolitik. Und dieser Wertewandel stieß auf heftige Ressentiments.
    An Don Carlos‘ Text wundert mich diese seltsame Kombination. Die Kritik wiederholt in vielem genau die Vorwürfe, die Don Alphonso der neuen Berliner „Springergosse“ machen würde, bezieht sie aber auf die Generation der um 1940 geborenen. Und das passt einfach nicht zusammen, sorry.

  58. Don Alphonso, man würde Ihnen...
    Don Alphonso, man würde Ihnen wahrscheinlich im landestypischen Jargon antworten mit: „Hey dude, man, there`s some crazy shit going on!“ Als Alteuropäer steht man dann natürlich so etwas fassungslos daneben und fragt sich, was man denn auf so etwas antworten könne. Ich plädiere allerdings für Mitleid mit den armen Neuengländern und der San Francisco Bay area, die den erzreaktionären Süden genauso ablehnend gegenüber stehen wie Europa befürwortend, und es manchmal gar nicht schlecht fänden, sich unabhängig zu erklären und Mitgliedschaft in der EU zu beantragen. So als territoire d´autre mer….
    .
    fionn, das ist ein guter Satz, ich werde ihn mir merken und beizeiten anbringen!

  59. Ich meine, Don Carlos'...
    Ich meine, Don Carlos‘ Ausführungen würden mich eher überzeugen, wenn er die nach 1958 Geborenen genannt hätte.

  60. Lieber HansMeier, pruefte ich...
    Lieber HansMeier, pruefte ich jeden Satz im Detail auf Schluessigkeit, kaemen mir auch Bedenken. Sie kommen mir nicht, weil ich Don Carlos‘ Worte als eine leicht polemische, zusammenfassende Darstellung eines ungemuetlichen gesellschafftlichen Zustandes halte. Da steht C. nicht alleine in der Welt, denn auch ich brumme oft erbost: Das ist meine Generation, und der habe ich immer misstraut!
    Zurecht, denn ich musste mich durchboxen. Andere, deren Vaeter-auf welche Art auch immer-den Krieg ueberlebten, hatten eine voellig andere Lebenssicht, die mit Erarbeitung nicht so schrecklich viel am Hut hatte. Diese Kinder waren die Erziehungsopfer jener altruistischen Einstellung, die besagt, dass die Kinder es einmal besser haben sollen. Fuer dieses Ziel liess man erzieherisch schon mal die Zuegel schleifen. Vom niederen Buergertum bis hin zu Akademikerkreisen. Da kratzte nicht nur ich mich am Kopf, und fragte mich wie hat der/die das bloss dorthin geschafft, dieweil sie doch Leistungsmaessig aeusserst unauffaellig waren? Dass diese Sorte Menschen ohne wirkliche Erfahrung von Demut (ich finde im Moment kein besseres Wort) so sind, wie sie sind, sollte uns nicht wundern. Auch das nunmehr deren Kinder, welche jetzt die Positionen besetzen, eine andere Art der Weltsicht haben, ist nur logisch.
    Soweit das in Kuerze.

  61. PS: Zitat:..die gedankenlose...
    PS: Zitat:..die gedankenlose inanspruchnahme aller wohltaten der gesellschaft bei dieser generation..
    .
    Da wird etwas angesprochen, was mich selbst masslos aergert. Man nimmt, auch vom Staat, nur etwas an, wenn einem das Wasser bis oben steht. Dann muss es eben sein.
    Wenn aber, das erlebe ich so oft, einer selbst etwas hat, und muss dann noch von der Gemeinschaft nehmen, weil es im Angebot ist, dann werde ich sehr zornig. Das tut man nicht. Es sei denn, man moechte seine niedere Gesinnung unter Beweis stellen.

  62. Thema Kultur, kultiviert...
    Thema Kultur, kultiviert sein:
    Ich denke – auch wenn ich möglicherweise als philosemitisch geziehen werde – dass Verfeinerung, Differenziertheit, Kultur nicht erst 1960 verschwand, sondern viel früher: zusammen mit den Juden damals. Hochklassiges Schreiben, Literatur, Publizistik, Musik, Geist und Esprit das war mit ihnen weg. Und kam nie richtig wieder. Die übrig Gebliebenen sind in alle Winde verstreut, heute meist in den USA.
    Anstand:
    Viele deutsche Eltern wollen auf alle Fälle, das hat sich noch nie geändert, dass sich ihr Superkind durchsetzt und raten vor allem ihren Söhnen bereits im Kindergarten, sich notfalls aggressiv durchzusetzen. Zurückzuschlagen gehört auch in diesen Wekzeugkasten („whehr dich!“, „ein richtiger Kerl“). Kinder hingegen, die statt auf Muskeln zu setzen und auf Technik, von früh an musisch unterwegs sind und ein zurückhaltendes Wesen haben, waren schon immer im Nachteil und haben es schwer. Auch das nicht erst seit 1960. Thomas Mann beschrieb das nachvollziehbar in der Schilderung des Schicksals des kleinen Hanno (das Beste im sonst höllisch langweiligen „Die Buddenbrooks“.) Unabhängig von der Lektüre solcher Bücher und Erlebnissen aus Dritter Hand kann jeder das in Schulen und Standard-Kindergärten beobachten.
    Neoliberal, ist das nicht der kleine Darwinist in uns allen? Der eine ist aggressiv-aufdringlich, der andere eher passiv-distanziert. Es ist nur eine andere, etwas feinere Methode, sonst nichts.

  63. @ HansMeier555
    schande,...

    @ HansMeier555
    schande, heidegger! klar! allerdings fesselt mich gerade buno tauts ‚houses and people of japan‘. er beschreibt japan 1934 als friedlich, harmlos, traditionsbewußt, naturverbunden, natürlich, arm, fröhlich. entspricht das unserem bild von japan…?

    @ Don Alphonso
    ja, sehr treffend. und diese konglomerate scheinen auch sehr dünn verteilt zu sein, da sie den unablässig anlaufenden wellen der kulturlosigkeit kaum eine brechende wirkung entgegenzustellen vermögen. das fundament aus bildung und tradition wurde zerstört. es kann auch sein, daß ausgrenzung nicht die richtige vorgehensweise ist. der begriff ‚erziehung‘ wurde nicht umsonst von dieser ungehobelten generation negativ konnotiert.

    es war eine allgemeine beobachtung einer bestimmten alterskohorte, die in ganz deutschland ähnliche verhaltensweisen, ansichten und lebensverläufe zeigt. es muß mit dieser relativen überversorgung im mangel während der kindheit zu tun haben, die zu dieser einzigartigen kombination aus oraler PLUS analer fixierung geführt haben müssen. bis zum aussterben dieser generation und allmählichen abbau ihrer idologischen, ökonomischen und ökologischen hinterlassenschaften wird einiger zeit- und kraftaufwand erforderlich sein. verlorene zeit und lebensfreude…

  64. @Don Carlos...Für mich ist...
    @Don Carlos…Für mich ist der historische Bogen, den Don Carlos bei den Kleinkindern der letzten Jahre des 2. WK und den ersten Jahren danach beginnen lässt, ein plausibler, aber nicht zwingender Ausgangspunkt.
    Plausibel, weil er mit seiner pädagogisch-soziologisch-verhaltenspsychologisch grundierten Argumentation ein zentrales -wenn nicht das zentrale- Element dialektisch-materialistischer Machtergreifung schildert. Also einer geistigen und politischen Situation, die seit „Mauerfall“ und „Microsoft“ in Mittel- und Westeuropa Fakt ist. Im Detail liesse sich manches präzisieren, aber für die lesbare Blog-Form ist es pointiert, zuweilen pfiffig und weitmehrheitlich sachlich. Deshalb -werter HansMeier- meine Compliments.
    Nicht zwingend deshalb, weil diese Entwicklung durch die militärische Niederlage des NS-Staates und die politisch-wirtschaftliche Neuordnung Westeuropas nur katalysiert wurde. Durchaus vergleichbar mit dem militärischen Erbe Ludwigs XiV. und dem faktischen -oder faktisch drohenden- französischen Staatsbankrott (und den Hungersnöten) unter seinen Nachfolgern. Sowenig wie die französische Revolution von dem Bedürfnis nach Aufklärung und brüderlicher Freiheit initiiert wurde, sowenig war der politische Diskurs der mittfünfziger bis mittsiebziger Jahre in Deutschland (also der BRD) und dessen Aktionismus eine Befreiung von fragwürdigen Autoritäten (obwohl sie dies wohl auch war). Beides ist heute dialektisch-materialistisches Marketing. Phänomenologisch äusserte und äussert sich dies in einem pseudoethischen Opportunismus mit Plenumsmehrheiten in der Uno oder den Parlamenten in Strassburg, Berlin oder Bern etc.. Womit Don Carlos wieder zu Recht kommt.
    Aber bei all diesem Kulturpessimismus reklamiere ich auf vernünftige und freudvolle Weise ein Recht auf Zeitgenossenschaft. Jacob Burckhardt, 1818 wie Karl Marx geboren, verabschiedete sich 1848 weitgehend vom politischen Diskurs Mitteleuropas und schrieb den „Cicerone“ und „Die Kultur der Renaissance in Italien“. Über Josef Stalins ausgepresste Katze und das Luftgitarre-Geigen-Duo von Jack the Ripper und Albert Einstein hätte er sich (140 Jahre später geboren) köstlich amüsiert.

  65. ... tja, verehrte Vroni, da...
    … tja, verehrte Vroni, da fielen einem aus dem Stand gleich ein paar Dutzend Namen solcher Emigranten ein: Einstein, die Manns, Brecht, Bruno Walther, Schoenberg, Feininger, Adorno, Horkheimer …
    Hoch und humanistisch gebildet, diszipliniert … waren sie alle. Nur mit der politischen Bildung, dem Wissen um moegliche Machtverlagerungen in einer Demokratie u. dgl. hat es wohl bei den meisten gehapert: dass eine zum allem entschlossene Verbrecherbande in kurzer Zeit die entscheidenden Hebeln staatlicher Macht in die Hand bekommen und jeden ueber die Klinge springen lassen koennte, der sich nicht fuegt. Sicher, als es zu spaet war, haben sie es begriffen, was da passierte, auch dass mit den neuen Herren nicht zu spassen sei.
    Viele andere, vielleicht nicht ganz so hochkaraetig wie die Exilanten, aber auch mit allen humanistischen Weihen versehen, Bildungsbuerger allemal, sind gern eingesprungen und auf die frei werdenden Professoren-, Dirigenten-, Generals-, Chefarzt-, Schulleiter-, Redakteurs- u.v.a. Stellen nachgerueckt.

  66. @ Vroni
    ich bin nicht sicher,...

    @ Vroni
    ich bin nicht sicher, ob die juden auf deutschlands kulturelle entwicklung tatsächlich diesen großen einfluß hatten. schließlich erhielten sie erst durch wilhelm II. die vollen bürgerrechte und nutzten diese zu dessen absetzung sowie zur maßgeblichen politischen beteiligung in der weimarer zeit, in der sie auch kulturellen einfluß erlangten. an sich nur eine kurze episode in der deutschen geschichte. und: auch in amerika, england, frankreich waren die juden in dieser zeit mehr akzeptierte denn geschätzte zeitgenossen. oswald spengler lieferte meiner meinung nach die beste erklärung für dieses phänomen.

    es gibt in der entwicklung des kindes zum erwachsenen nunmal eine phase, in der das kind keine kultur hat (haben kann). es ist noch archaisch. im verlauf der erziehung, die in deutschland abgelehnt wird, kommt es darauf an, diese archaischen züge schritt für schritt zu kultivieren. was mich in deutschland beeindruckt ist, daß nicht die ehemaligen rabauken als erwachsene erfolg haben, denn diese werden durch die vollständige persönlichkeitsentwicklung zu vernünftigen erwachsenen. es sind vielmehr diejenigen, die aufgrund ihrer ‚kulturvollen‘ kindheit die erwachsenwerdung nie voll abschließen und gerade deshalb zu diesen gefährlichen menschen heranwachsen, die unser gemeinwesen derzeit belasten (s. auch t. veblen, ‚theorie der feinen leute‘).

    @ HansMeier555 & Filou
    mich stört gerade dieses ‚leistungsdenken‘ und die ‚polemik gegen den sozialstaat‘. es gibt in deutschland weder leistungsdenken, noch sozialstaat. es ist einfach eine umverteilungsmaschine, aber nicht von ‚leistung‘ zu ‚arm‘, sondern schlicht von ‚masse‘ zu ‚durchschnitt mit lobby‘. was sich heutzutage alles als leistungsträger bezeichnet, sind nichts anderes als beinharte durchbeißer. keine qualität, kein stil. nur rücksichtslosigkeit, penetranz, härte. genau das, was ein reiner rechtsstaat, der nur juristisch, aber nie moralisch urteilt, hervorbringen muß. ich schreibe hier nicht gegen den rechtsstaat. aber mich besorgt, das ergebnis, denn jeglicher ausschluß von moral in der bewertung menschlichen handelns bringt nunmal unmoralisches handeln hervor. außer vielleicht in irgendwelchen idealistischen zirkeln, die jedoch kein moralisches gewicht aufbringen können.

    der sozialstaat als versorger der armen, gegen die doch in wahrheit in jeder polemik gegen den sozialstaat eigentlich polemisiert wird, ist doch nur eine alibifunktion für die tatsächliche staatliche versorgung durchschnittlichen menschenmaterials, für das in unserer hochleistungsökonomie kein bedarf mehr besteht, das sich jedoch in staatlich finanzierte (öffentlicher dienst; exklusive gesundheit/sicherheit) oder direkt/indirekt subventionierte tätigkeiten (bauingenieure, vermesser, anwälte, autobauer, bergleute, stromversorger, solar- und windenergie usw.usw.) gerettet hat und nun auf kosten der allgemeinheit einen sozialdarwinismus predigt, dem es unter den bedingungen eines völlig freien marktes schon längst zum opfer gefallen wäre.

    die 68er waren vielleicht eine extreme ausprägung der beschriebenen generation.ich meine ganz einfach die generation, die aufgrund eines vorherrschenden mangels viele positionen einfach durch handauflegen erreichen konnte. die aber in der zwischenzeit dafür gesorgt hat, daß für ihre positionen kein mangel mehr an nachwuchs besteht und für dieselben positionen in der zwischenzeit

  67. mist, fingertrouble. ich...
    mist, fingertrouble. ich ergänze den gedanken demnächst.

  68. @ Don Carlos
    öhm:...

    @ Don Carlos
    öhm: „…durchschnittlichen menschenmaterials…“
    Dürfte ich um eine andere, nicht herabsetzende Formulierung und „mitohne“ den Zusatz „- material“ bitten? Der Grund müsste klar sein:-) Danke!
    „Ich bin nicht sicher, ob…“
    Macht nichts. Aber ich bin mir sicher :-). Eine kurze, aber wichtige Blütezeit von Wissenschaft und Kultur, die bis heute spürbar ist. Und deren Fehlen bis heute auch.
    Kinder/Erziehung:
    Die rein-archaische Phase von Kindern ist kurz, sie entwickeln bereits spätestens ab 2 Jahren oder früher soziale Fertigkeiten. Kinder, deren Eltern das Hin- und Zurückhauen als Problemlösung propagieren anstatt anderer Lösungsfertigkeiten, werden im Schnitt schlechtere Chancen haben, anständige höfliche Erwachsene zu werden, die nicht mit vollem Mund kauen, drängeln und schubsen. Widerspruch?
    Ansonsten: Erziehung ist, die Kinder dahin zu bringen, die Fehler der Eltern zu wiederholen. :-D

  69. Barockes Benehmen, Literatur...
    Barockes Benehmen, Literatur quer durch viele Epochen, wieder mal Goethes Faust, Rilke und Mann: das ist ja wie Klamotten-Kauf bei H&M, oder schlimmer noch, literarisches Opel-Fahren ! Zu später Stunde passen thematisch die „Bilder aus der deutschen Vergangenheit“ von Gustav Freytag, der vor den undemokratischen Berliner Preussen Zuflucht nahm nicht in rustikaler Königs-, sondern der kulturell mehr bietenden Thüringer Herzogsloge.
    .
    „Sehr auffallend ist das Verhalten aller Beteiligten beim Abschluß einer Ehe. Hatte der Mann die Aussicht auf ein Amt, welches eine Familie zu nähren vermochte, so waren seine Bekannten, Männer und Frauen, sofort bemüht, ihm eine Frau auszudenken, vorzuschlagen, zu vermitteln. Ehen stiften galt für eine Menschenpflicht, der sich nicht leicht jemand entzog. Strenge Gelehrte, vornehme Beamte, Regenten und Fürstinnen des Landes betrieben emsig dergleichen uneigennützige Geschäfte. Ein heiratslustiger Mann in ansehnlicher Stellung hatte zuverlässig viel von den Mahnungen seiner Freunde, von schalkhaften Anspielungen und von zahlreichen Projekten zu leiden, welche ihm seine Bekannten in das Haus trugen. Als Gellert mit Demoiselle Karoline Lucius erst wenige Briefe gewechselt hat – er hat sie noch nie gesehen – fragt er in dem ersten längern Brief, den er ihr gönnt, ob sie nicht einen Bekannten von ihm, den Kantor an der Thomasschule, heiraten wolle. Als Herr von Ebner, Kurator der Universität Altdorf, den jungen Professor Semler zum erstenmal spricht, macht er ihm wohlwollend das Anerbieten, durch eine reiche Heirat für ihn zu sorgen. Dem jungen Professor Pütter, der als Reisender in Wien ist, bietet gar ein fremder Graf, sein Tischnachbar, eine wohlhabende Kaufmannstochter als eine gute Partie an. Allerdings wird dieser Vorschlag abgelehnt. Und kühl wie das Angebot, ist der Entschluß der Beteiligten. Mann und Frau entscheiden sich füreinander oft nach flüchtigem Ansehen, nachdem sie nur wenige Worte gewechselt, niemals auch nur ein herzliches Gespräch miteinander geführt. Beiderseitige gute Rekommandation ist die Hauptsache. Ein Beispiel solcher Brautwerbung, welche den Beteiligten den Eindruck einer besonders stürmischen und leidenschaftlichen machte: Der Assessor des Kammergerichts von Summermann lernt (1754) in Bad Schwalbach ein Fräulein von Bachellé, liebenswürdig, Hofdame einer unangenehmen Landgräfin, kennen, er sieht sie öfters bei Landpartien, zu welchen beide von einem verheirateten Bekannten eingeladen werden. Einige Wochen später entdeckt er in Wetzlar dem Bekannten seinen Wunsch, das Fräulein zu heiraten, nachdem er vorsichtig Erkundigungen über den Charakter der jungen Dame eingezogen hat. Der Vertraute – es ist Pütter – besucht die arglose Hofdame; »nach einigen kurz abgetanen allgemeinen Unterredungen sagte ich gleich: ich hätte dem Fräulein noch einen Antrag zu tun, worauf ich mir ihre Erklärung ausbitten müßte. Sie sagte ganz kurz: »Was denn für einen Antrag?« Ich ebenso kurz und freimütig: »Ob sie sich wohl entschließen möchte, den Herrn von Summermann zu heiraten!« – »Ach, Sie scherzen!« war ihre Antwort. – Ich: »Nein, ohne allen Scherz, es ist voller Ernst; hier habe ich schon einen Ring und noch etwas zum Angebinde (einen seidenen Beutel mit hundert Karolinen), womit ich meinen Auftrag rechtfertigen kann.« – »Nun, wenn das Ihr Ernst ist und Sie den Auftrag vom Herrn von Summermann haben, so bedenke ich mich keinen Augenblick.« – Sie nahm also den Ring, verbat nur noch die Annahme der hundert Karolinen »und bevollmächtigte uns, ihr Jawort zu überbringen.« – Auch der weitere Verlauf dieses aufregenden Geschäftes war außerordentlich und dramatisch. Der glücklich Liebende hatte ausgemacht, daß…“
    .
    Der Fortgang dieser heißen Liebesgeschichte findet sich im Projekt Gutenberg:
    http://gutenberg.spiegel.de/index.php?id=5&xid=3432&kapitel=48&cHash=661ab9c3682
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    Gute Reisen in 2010 !

  70. ...bleibt der Nachsatz: die...
    …bleibt der Nachsatz: die einzige Konstante ist die Veränderung.
    In jedem Jahrhundert.
    Nochmals Gustav Freytag, nicht über das 20. sondern das 18. Jahrhundert:
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    „Auch den geselligen Verkehr der Bürger untereinander verschlechterte das Eindringen der fremden Mode. Das vergangene Jahrhundert war im behaglichen Ausdruck nicht vorzugsweise zart gewesen; gewisse natürliche Dinge wurden unbefangen bei ihrem Namen genannt, und in der Unterhaltung wurde wohl gutlaunig über sie gescherzt; das aber war geschehen, weil man dergleichen für durchaus harmlos hielt und hatte deshalb auch die Sittlichkeit der Frauen nicht gefährdet. Jetzt wurden viele ehrliche alte Wörter verfemt, wer sie brauchte, war ein »grober Flegel«. Dafür wurden die Obszönitäten Mode; kühn und gewandt in Worten zu sein, nicht auszusprechen, was zu allen Zeiten für unanständig gegolten hat, aber geschickt anzudeuten, das wurde modisch.“

  71. Guten Morgen!
    Es ist Vollmond....

    Guten Morgen!
    Es ist Vollmond. Ich waelze mich schlaflos im Bett. Weder gute noch boese Gedanken wollen mir kommen. Jetzt sitze ich hier, paffe und lese-und freue mich ueber die muntere Debatte.
    So, probieren wir’s nochmal mit Pennen.

  72. @ Georgiana Darcy 1.1.10 ...
    @ Georgiana Darcy 1.1.10 22.48h
    So unanständig (obzön) kann eine Weltsprache sein: Das „Dictionary of American Slang“ Robert Chapman ISBN 0-33-63405-5 (3cm dick), das ich nach einer Reise in den USA gekauft habe, würde ich eher als ein Wörterbuch der Skatalogie bezeichnen. Widerlich! Doch ein Must für Sprachkundigen ist Chapman’s Wörterbuch trotzdem.

  73. staph.aureus, aus der von...
    staph.aureus, aus der von ihnen angegebenen quelle:
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    Dergleichen Frauen, einfach, innig, fromm, klar, fest, dabei kurz entschlossen, zuweilen von außerordentlicher Frische und Heiterkeit, sind in dieser Zeit so häufig, daß wir sie wohl zu den charakteristischen Gestalten rechnen dürfen. Es sind die Mütter und Ahnfrauen, auf deren Tüchtigkeit fast alle Familien der Gelehrten, Dichter, Künstler, welche in den nächsten Generationen bis zur Gegenwart heraufkamen, einen Teil ihres Gedeihens zurückzuführen haben. Nicht starke Männer zog uns die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, aber gute Hausfrauen, nicht die Poesie der Leidenschaft, aber ein innigeres Leben der Familie.
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    na also. an uns männern liegts nicht.

  74. @Filou, Vroni, Don...
    @Filou, Vroni, Don Carlos
    Herzlichen Dank für Ihre ausführlichen Antworten!
    Sehen Sie, dieser Aspekt – Überversorgung der Nachkriegskinder bei gleichzeitiger Armut – war mir tatsächlich neu. Darauf wäre ich nicht gekommen, obwohl mir Menschen dieser Zeit recht gut bekannt sind. Nach meinem Eindruck haben sie eher die Nachkriegstugenden aufgesogen, teilweise auch kritisch verarbeitet. Ich sehe da eher einen positiven Mix aus (unprätentiöser) Leistungsbereitschaft und sozialem Verantwortungsgefühl. Womöglich leide ich unter selektiver Wahrnehmung.
    Daß nicht jeder Aufsteiger für die neue Position geeignet war, ist bei solchen Enwicklungen doch gar nicht zu vermeiden. Daß ihre Kinder es später schwieriger hatten (relativ geringere Chancen bei noch viel größerem Wohlstand) ist auch wieder ein anderes Kapitel.
    Die maßgeblichen Weichenstellungen für den Sozialstaat fielen schon unter Adenauer. Verantwortlich war eine Politikergeneration, die im Kaiserreich aufgewachsen war und dann Zwei Weltkriege, eine Wirtschaftskrise und die Nazi-Zeit überlebt hatte.

  75. Ich bitte freundlich, das...
    Ich bitte freundlich, das Motto diese Blogs:
    I never forget a face, but in your case I’ll be glad to make an exception.
    Groucho Marx,
    nicht aus den Augen zu verlieren.

  76. Guten Morgen,
    wann der...

    Guten Morgen,
    wann der Werteverfall in unserem Land angefangen hat, ist mit Sicherheit doch nicht zu bestimmen. Was zu bestimmen ist, ist dass meine Generation, so um Mitte dreißig, selten noch über Werte verfügt. In meinem weiten Bekanntenkreis gibt es Leute von denen man sagen könnte, dass sie es beruflich „geschafft“ haben. Es sind höhere Abteilungsleiter im Versicherungswesen, erfolgreiche Selbstständige, etc. Mich frappieren jedesmal einige Tatsachen: kaum einer, ja auch der Vorstand einer „guten“ Unternehmensberatung (ja, die sind um die 45-50), kann mit Messer und Gabel umgehen. Mir wird jedesmal speiübel, wenn ich sehe, wie sie wie aus einem Trog mit der Mistgabel fressen. Kaum einer interessiert sich für Kultur, im Allgemeinen, für Bücher, Kunst, etc. Deren Hobbies sind weiße Wände rot streichen und Kochen. Kochen! Aus dem Land der „Denker und Dichter“ ist das Land der „Köche und Wände in rot Streicher“ geworden.
    Sind es tatsächlich die Menschen in meinem Alter schuld daran? Ich denke, dass Don Carlos irgendwo und irgendwie Recht hat. Aber nur prinzipiell. Die von ihm genannte Generation ist schuldig ihre Kindern nicht richtig, ich meine dabei mit Werten, erzogen zu haben. Diese, für mich ältere Generation, ist mir sympathisch. Der Anteil der Menschen aus dieser Generation, die einer Frau die Tür aufhalten oder am Bahnsteig mit dem Koffer helfen, ist deutlich höher als in meiner Generation.
    Letztens konnte ich vom Balkon aus betrachten, wie im tiefsten Schnee (in Berlin!), ein Mann und eine Frau, um die dreißig, sich auf Reisen machten. Der Mann hat seinen leichten Rollenkoffer durch Schnee hinter sich hergezogen. Die Frau hat sich mit einem Riesenkoffer abgemüht. Als ihr Freund an der Straßenecke war, hat er ihr einfach nur zugeschaut wie sie mit dem Koffer, mit dem Schnee, gekämpft hat. Das hätte in der von Don Carlos genannte Generation nicht gegeben. Da bin ich mir sicher.
    Beste Grüße aus Berlin

  77. @HansMeier: Bei den...
    @HansMeier: Bei den Nachkriegskindern muss man auch unterscheiden zwischen denen mit Ost-und denen mit Westpraegung. Das sind zwei ganz verschiedenen Welten.
    Bei ostgepraegten Kindern gibt es noch diejenigen, welche in einem ganz bestimmten Lebensalter ins Westdeutschland Adenauers kamen.
    .
    …und warum die zwar einander vorgestellt wurden, sich aber nur auf die jeweils kleinsten Nenner einigen konnten.
    .
    Schoenes soziologisches Thema. Aber selbst Silbermann kam nicht auf die Idee. Der haette es tun koennen.

  78. @ Vroni
    gewiß war die...

    @ Vroni
    gewiß war die terminierung zynisch. angewandt gegenüber einer personengruppe, die eben nicht über dieses feingefühl und den respekt gegenüber anderen verfügt; die zwar zynismus als rhetorisches mittel ablehnt (hauptsächlich, weil sie ihn nicht versteht) aber zynismus praktiziert, fordert und fördert. ansonsten bin ich in meinen aussagen ideologisch frei und ungebunden. wir müßten uns sonst eine andere sprache zulegen, denn begriffe wie gas, verbrennung, gleichschaltung usw. wären danach negativ belegt, sie auszuschließen bekommt dadurch wieder diktatorische züge. tatsächlich werden sie auch ideologisch benutzt, um einzelne stimmen auszuschalten (ist ‚ausschalten‘ zulässig? deutsche sprache als ideologisches minenfeld… schon wieder. vielleicht deshalb diese neigung zu anglizismen.).

    es ist ebenjene fixierung und reduzierung auf 15 jahre weimarer republik, die dieses einzigartige lebensgefühl hervorbringt. es war auf der ganzen welt eine phase der starken wissenschaftlichen entwicklung, nicht nur in deutschland. und ich habe zweifel, ob man politisch-kulturell an eine geschichtliche phase anknüpfen sollte, die nunmal bei einem großteil der bevölkerung das bedürfnis nach einer diktatur geweckt hat. und genau das tut diese ‚gewinnergeneration‘ die sich von ihren schuldbeladenen (aber nicht vielleicht auch gewissensbeladenen?) eltern und ihrer geschichtlichen herkunft völlig lossagt. aber eben nicht, um einer ‚verantwortung gerecht zu werden‘, sondern eher, um unbelastet, maßlos und ungehemmt agieren zu können. erziehung, moral werden als ideologisch instrumentierbar stigmatisiert, die dadurch fehlende moralische orientierung und der fehlende moralische zusammenhalt der gesellschaft kann dadurch umso besser ausgenutzt werden, um die eigene individualität auf kosten der rücksischtsvollen auszuweiten.

    ist nicht allein dieser zwang zum gewaltfreien agieren schon eine andere form von gewalt? an sich meinte ich mit der archaischen phase die zeit zwischen dem 14. und 17. lebensjahr, in dem sich – zumindest zu meiner zeit – jugendliche häufig heftig auseinandersetzten bis prügelten. soweit das keine kriminellen züge annahm oder anhand des ausmaßes strafrechtliche bewertungen nach sich ziehen mußte, nahmen alle diese jungen männer eine durchaus positive soziale entwicklung, indem sie diese gewalttätigen neigungen ablegten und erwachsen wurden. die möglichkeiten, grenzen und konsequenzen der sozialen interaktion müssen ausgetestet und erlebt werden, das kann elterliche gängelung kaum ersetzen. retrospektiv betrachtet fällt mir nun vielmehr auf, daß gerade diejenigen, die in solchen jugendlichen auseinandersetzungen häufig unterlagen, nun als erwachsene durch mobbing oder eben allgemein rücksichtsloses verhalten eine andere, vor allem jedoch schädlichere und andauerndere form von gewalt entwickelt haben als diejenige, der sie während der kurzen zeit des heranwachsens mehr oder minder ausgesetzt waren. es ist eine zivilisiertere form von gewalt. sie kann von einem rechtsstaat rein rechtlich kaum erfaßt werden. moralisch bleibt es gewalt. aber nicht moral leitet ihr handeln, nur das recht.

  79. ... na ja, Filou, Silbermann...
    … na ja, Filou, Silbermann war ja fuer alles Moegliche gut, aber fuer diese Thematik, ich weiss nicht.
    Gibt von ihm auch Beitraege zum Judentum in Deutschland. Weise darauf nur deshalb hin, weil Don Carlos weiter oben Spengler als den dafuer zustaendigen Autor angibt, was man nur als Witz verstehen kann. Spengler hat sich von den Nazis letztlich zwar doch nicht vereinnahmnen lassen, wenn ich richtig informiert bin, Goebbels hat aber dankend auf das Werk zugegriffen: Zivilisation und Materialismus als Verfallsformen und der juedische Spekulant als deren Handlanger, den es auszumerzen gilt – das wurde bei Goebbels daraus.
    Was die anderen Don Carlos-Thesen anlangt, hilft moeglicherweise die FAZ-Diskussion um Wehlers letztes Buch zur deutschen Sozialgeschichte weiter, hier der Beitrag von Dahrendorf etwa: http://lesesaal.faz.net/wehler/article.php?aid=37&bl=%2Fwehler%2Farticle_list.php%3Ftxtgrp%3D11

  80. Die ungebildeten,...
    Die ungebildeten, unmoralischen, spießigen Kleinbürger sind immer die anderen.
    Das versteht sich von selbst.
    Reden wir über die Kirchenaustritte. Und über den Komplex Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen?

  81. Distinktion ist obsolet
    .
    …,...

    Distinktion ist obsolet
    .
    …, bzw. nur mittels permanenter Integration denkbar. Vielleicht ist es genau das, was an den Neureichen so stört, nämlich dass sie integriert werden (müssen) – in die „Altreichen“.
    Schauen wir uns an, wie die Russen eingegliedert werden, nicht nur als kriminelle Mafia, bzw. Oligarchie ins herrschende Kapital, sondern vor allem ihr „schönes Geschlecht“.
    Eine schöne Russin, wer hat sie nicht? – der Geld hat! Das verläuft ähnlich den Integrationsbewegungen im Adel. Ohne die ständigen Zuflüsse (vor allem so vieler schöner Frauen „von unten“ – aus dem Bereich der sexuellen Dienstleistungen nämlich) wäre dieser längst ausgestorben, bzw., an hässlicher Inzucht krepiert.
    .
    Allerdings findet eine Integration nur dort statt, wo das Kapital davon auch als Kapital von profitiert, wo das nicht geht, da wird Distinktion geübt, da bleibt die „Dienstleistung“ Dienst. Nehmen wir das Beispiel der Polen. Solange diese hier sich als S u b-unternehmer gleich ob auf dem Bau oder als Dienstmagd anbieten, haben sie kaum eine Chance entsprechend „ihrer Leistung“ – ihrer „Unternehmung“ – anerkannt zu werden. Polenfeindlichkeit, trotz oder eben wegen dieser Leistungen ist in. Aber Russenfeindlichkeit? Es gibt die Kritik an den Oligarchen, aber an „den Russen“? Wie schlecht die Russen sich auch benehmen, sie werden nur dafür kritisiert – aber dies doch devot mit Respekt -, weil sie so brutale Geldmaschinen sind. Die Polen hingegen gelten als gemeine Diebe, gleich nach oder gar noch vor den „Zigeunern“.
    .
    Distinktion ist daher obsolet, soweit sie sich als Kultur (miss-)versteht (Groucho Marx mag man da gerne etwas anders lesen, er meint es vermutlich so, wie er es sagt, ästhetisch: I never forget a face…), denn sie ist Teil der Integrationsmaschinerie – des Kapitals, wie auch in die Arbeit.
    Apropos Arbeit: Dort natürlich herrscht Distinktion in Reinkultur, da jeder Zuwachs an neuen Gliedern alle zusammen verarmen lässt, dort gibt es also auch einen „Klassenkampf von oben“ – relativ betrachtet). Und doch, oder eben ob dieser „Distinktion“ (hier nennt man diesen „Klassenkampf“ „Rassismus“) profitiert auch hier nur das Kapital, das so die Konkurrenz unter der Arbeit anwachsen lässt – und sogleich die Solidarität schwinden.

  82. Die Diskussion über den...
    Die Diskussion über den allgemeinen Werteverfall ist doch so was von abgestanden.
    Satirische Beschreibungen der Westviertel-Doppelmoral lese ich ja gerne — auch wenn ich weiß, das die ärmeren Schichten auch nicht besser sind.
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    Pauschales Geschimpfe auf den Egoismus, die Faulheit und Vollversorgungsmentalität einer bestimmten Altersgeneration — das muß wirklich nicht sein. Da könnte ich ja auch das Feuilleton der Jungen Freiheit lesen.

  83. @Vroni und Bemerkungen zur...
    @Vroni und Bemerkungen zur westdeutschen Nachkriegssoziologie
    In den späten fünfziger Jahren, ich war ein Kleinkind, besuchten meine Eltern am späten Vormittag den Neubau eines Privathauses, das mein Vater für einen Altwarenhändler errichtet hatte. Dieser war in den ersten Konjunkturjahren im Bergischen Land zu Vermögen gekommen. Die Sache blieb mir deshalb im Gedächtnis, weil mein zehn Jahre ältere Schwester beim Mittagessen fragte: „Mutti, wie war’s denn?“. „Na ja“ meinte sie (oder so ähnlich), „das Haus ist ganz schön geworden, aber die Dame des Hauses empfing uns um 11 Uhr -und Papa hatte uns angemeldet- in einem Morgenrock mit Lockenwicklern im Haar. Und das Beste war, dass sie uns nicht einlassen könne, weil < > (rheinisches Platt für Toilette).
    Ich extemporiere ‚mal: Die Kinder dieses neue Millionärs, der in den sechziger Jahren auch das Kunstsammeln entdeckte, studierten Medizin, Jus oder BWL. Deren Kinder ebenso. Und auch die Enkel wurde inzwischen als Ärzte oder Anwälte approbiert, sammeln Kunst („wie bereits meine Urgrosseltern“), sitzen in Vorständen von Kunstvereinen oder Stiftungen und bluffen mit einem Erbe, welches den Architekten seines Hauses um 11 Uhr vormittags im Morgenrock mit Lockenwicklern empfing.
    Vroni hat diese Kulturlosigkeit -m.E.- richtig mit dem fehlenden jüdischen Humus erklärt, den die Nazis -auch- verstrieben oder zerstörten. Und diese zwei bis fünf Prozent, die möglicherweise in einer Sozietät das entscheidende Regulativ darstellen, macht man (und frau) nicht ungestraft kaputt.

  84. Die Distinktion des Lord...
    Die Distinktion des Lord Dahrendorf
    .
    @Schoenbauer: An der Diskussion dieses Dahrendorf-Beitrags war ich auch beteiligt. Aber schon damals habe ich mich über die Oberflächlichkeit, um nicht zu sagen: die billigen Tricks darin, geärgert. Vor allem – und dagegen habe ich zunächst polemisiert – wegen seiner darin so offen zur Schau getragenen affirmativen Ideologie – kapitalistischen Ideologie (vergleiche hierzu auch.: „Die Sloterdijk-Debatte aus marxistischer Sicht“ http://blog.herold-binsack.eu/?p=518).
    Mit Tricks glaubt da der Liberale unter den Marxisten Verwirrung zu stiften. So wie mit diesem hier: „Nehmen wir nur das kuriose hessische Beispiel in der Frage von Studiengebühren. Ein wirklicher Linker würde immer sagen: Wer studiert, wird wahrscheinlich im Laufe seines restlichen Lebens fünfzig Prozent mehr verdienen als jemand, der nicht studiert – daher gibt es keinen besonderen Grund, warum normale Steuerzahler aufkommen sollen für diese Reichen von morgen.“
    .
    Dahrendorf ist schlau, er setzt hier auf die Ressentiments gegen die Intellektuellen unterm Volk. Die Marxisten haben aber zur Intelligenz eine ganz andere Beziehung, eine recht komplexe (siehe auch „Schichtenorakel“ http://blog.herold-binsack.eu/?p=615) – zugegeben -, und doch aber im wesentlichen eine ganz klare. Ich fasse sie kurz: die Intelligenz liefert wichtige Bildungselemente auch für die Proletarierklasse, selbst auf die Gefahr hin, dass sie dieser Klasse, soweit sie dann gebildet ist, wieder schnell fremd werden kann. Ein klassenbewusstes Proletariat kämpft daher immer für den möglichst ungehinderten Zugang zu allen Bildungseinrichtungen. So ganz nebenbei sind nämlich Studiengebühren dafür bestimmt, den Abstand der Herrschenden, die „Distinktion“, über den Bildungssektor zu regeln, sprich: die Schranken bzgl. der „Durchlässigkeit“ möglichst zu erhalten. „Studiengebühren“ sind Eintrittsgebühren, bzw. Ausschlussgebühren. „Klassenbewusstsein“, revolutionäres Klassenbewusstsein, ist zudem Bewusstsein auf höchstem Niveau, zu dem die höchstmögliche Bildung vonnöten sein wird.
    Nicht von ungefähr haben revolutionäre Bewegungen auch immer ihre Bildungseinrichtungen am Anfang stehen.

  85. Rosinante, ganz ehrlich, ich...
    Rosinante, ganz ehrlich, ich habe in meinem Haus Wochen zugebracht, um jenen barocken Stuck wieder zu rekonstruieren, den eine andere Generation meiner Familie herunterschlagen liess – und auch das waren Leute, die man so gerne als jenen levantinische Elitendünger erachtet. Die traurige Wahrheit ist: Da geht/ging es auch nicht anders zu. Da gibt es solche und solche. Ich glaube, das eigentliche Problem ist nicht das Fehlen einer kleinen intellektuellen Randgruppe, sondern vielmehr die schlichte Unfähigkeit des deutschen Bürgertums, mit den moralischen Bankrotterklärungen des 20. Jahrhunderts so umzugehen, dass es Werte effektiv behalten hätte.

  86. Devin08, was Russen, Polen,...
    Devin08, was Russen, Polen, Österreicher, Neuburger, Rottacher und Menschen allgemein angeht, möchte ich hier den grossen Bewegungsphilosophen Jeremy Clarkson zitieren, der einmal gesagt hat, er habe keine Vorurteile, er hasse alle Menschen gleich. Wie auch immer, natürlich ist der rusische Oligarch Gegenstand grösstmöglicher Absetzbewegung, was noch vertieft wird durch Berichte von Reisenden, die wegen solcher Oligarchen und deren Feierlaunen aus St. Petersburger Hotels an die finnische Grenze verfrachtet wurden. Das prägt. Insofern muss der russische Oligarch damit leben, dass er in der Ideologie des Westviertels keinerlei Schonung zu erwarten hat. Er ist das Gegenteil des Westviertels, schlimmer noch als der ostdeutsche Callcenterbetreiber.

  87. Die Distinktion ist nur...
    Die Distinktion ist nur verbal
    @Don Alphonso: Oh ja, man ist schockiert und fühlt sich beinahe wie „penetriert“ – von diesen Oligarchen, und doch scharwenzelt man um sie, wie um Dschingis Khan persönlich. Ganze Städte – Prunkstätten – können nicht mehr ohne sie. Baden Baden, Bad Homburg, um nur mal zwei zu nennen (was ist eigentlich mit dem Tegernsee?), bieten ihnen ihre schönsten Seiten – zum fairen Preis – aber doch wohlfeil. Die Distinktion ist hier nur verbal, und unter vorgehaltener Hand. Man wird sich an sie gewöhnen, wie über ein halbes Jahrtausend fast ganz Asien und dreiviertel von Europa an die Herrschaft eben jenes besagten Dschingis Khans.

  88. Blah, ein russisches...
    Blah, ein russisches Konsortium wollte was in Tegernsee selbst bauen, mit dem üblichen Prunk – und hat das geld nicht zusammen bekommen. Das hat, denke ich geheilt. Sollen sich die bagenser und die Kitzbühler mit denen ärgern, selbst schuld, wenn die so eine Kientel ansprechen.

  89. „Levantinischer...
    „Levantinischer Elitedünger“?
    @Don Alphonso: Hab ich das gerade richtig verstanden, Sie sind so etwas wie ein „Levantino“?

  90. Generell glaube ich nicht an...
    Generell glaube ich nicht an das Gerede von der Abstammung, man findet ja schon im 13. Jahrhundert Bücher wie das Sepher he Chassidim, in dem geraten wird, sich eine Frau zu suchen, die etwas taugt, und nicht nach der Religion zu gehen. Insofern würde ich hier keine Debatte über das anzetteln wollen, was Nachfahren der Anhänger irgendwelcher Religionen ausmacht; nach meinem Erleben ist das ziemlich egal und irrelevant (und ganz sicher hier in dieem Blog, und ich kommentiere ja auch Samstag noch vor Sonnenuntergang).

  91. @ Rosinante
    genau das...

    @ Rosinante
    genau das beschäftigt mich: solche zeitgenossen können ja nur millionär werden, wenn jemand etwas massenhaft bei ihnen kauft. nur, was können solche abstoßenden menschen anzubieten haben, was nicht irgendjemand besser und billiger herstellen könnte? und warum tut es keiner?

  92. Was oder wer kultiviert ist...
    Was oder wer kultiviert ist oder nicht, liegt ja doch immer im Auge des Betrachters. Auf ein gerechtes Urteil sollte niemand hoffen.
    .
    Liebe Rosinante, die von Ihnen erzählte Anekdote ist da sehr symptomatisch. Schon allein die Tatsache, daß eine so banale Begebenheit 50 Jahre lang weitererzählt wird, zeigt doch nur, wie groß das Bedürfnis sein muß, sich zumindest selbst vorzumachen, daß man natürlich viel viel kultivierter ist als diese Neureichen. Da können Generationen von Nachfahren in Kunstvereinen und Stiftungen sitzen, ihr Erbe ist natürlich nur hohler Anspruch und reiner Bluff. Also bitte, im Lockenwickler!
    .
    Aber was heißt das schon? Dann hatten diese Leute eben keine gute Erziehung genossen. Na und? Spricht das etwa gegen sie? Wenn Ihre Eltern aber genau wußten, daß man sich „so“ nie und nimmer benehmen darf — war das denn wirklich ein großes Verdienst? Oder gar ihr eigenes?
    .
    Heute versuchen wir mit riesigem pädagogischem Aufwand, Kindergartenkinder, Hauptschüler, Geringverdiener und Ostdeutsche zur Toleranz zu erziehen und sie dadurch zu befähigen, nichteuropäische Ausländer zu integrieren. Eine ausufernde Vorurteilsforschung will sich da nützlich machen.
    Denn im Regierungs- und Westviertel hält man die Xenophobie natürlich für ein Unterschichtenproblem — so als ob der Ruhrpott-Proll, der über die kasachischen Aussiedler die Nase rümpft, dafür nicht ebenso gute oder schlechte Gründe hätte wie Don Alphonso in seinem Tegernsee.
    .
    Wenn man aber schon so argumentiert wie hier einige, dann sollte man auch gleich offen zugeben, daß man soziale Mobilität prinzipiell für ein Übel hält — und konsequenterwesie die Wiedereinführung feudaler Verhältnisse fordern.

  93. Lieber Don Carlos,
    vielleicht...

    Lieber Don Carlos,
    vielleicht würden Sie „diese Menschen“ bei persönlicher Bekanntschaft ja gar nicht so „abstoßend“ finden.

  94. Rosinante, der kunstsammelnde...
    Rosinante, der kunstsammelnde Altwarenhaendler kaufte bevorzugt Werke des sog. Magischen Realismus? Koennte die passende Klientel sein. Denke gerade nach…

  95. @ HansMeier555
    und wenn...

    @ HansMeier555
    und wenn nicht…?

  96. @Devin,
    eine zentrale These...

    @Devin,
    eine zentrale These des Buches von Wehler handelt ja von der „Leistungselite“ nach dem Krieg, den Leuten, denen man das „Wirtschaftswunder“ massgeblich zu danken habe: ein unter der Nazi-Herrschaft „gestaehlter“ Leistungswille habe sich gleichsam selbst entnazifiziert und darueber die Grosstaten des Wirtschaftswunders vollbracht, um es pathetisch zu sagen.
    Diese These wird von verschiedenen Seiten her problematisiert, und aus der Diskussion laesst sich m.E. ein durchaus realistisches Bild zeichnen, das sich wiederum mit demjenigen von Don Carlos in Beziehung setzen laesst. Dass Politiker und ehemalige Politiker, wie Dahrendorf, aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen, mag man bedauern, aber so sind sie nun mal, diese Herren (immerhin drueckt er mit Blick auf Horkheimer das recht unverbluemt aus, was ich mir unterschwellig immer schon dachte, aber nie zu denken wagte, aber das ist ebenfalls ein anderes Thema). Haette ja zum Anklicken gern den Beitrag von Abelshauser angegeben, diesen aber nicht mehr gefunden.

  97. Wenn hier schon über Werte...
    Wenn hier schon über Werte diskutiert wird: Die meines Erachtens wichtigsten Werte, die in der Tat seit einigen Jahrzehnten gewaltig den Bach runter gehen, sind Empathie und Solidarität. Und es ist symptomatisch, daß praktisch alles, was hier so an „Werten“ in den Raum geworfen wird, mit diesen zentralen Werten, die menschliches Zusammenleben überhaupt erst ermöglichen, herzlich wenig zu tun hat – wenn es ihnen nicht sogar widerspricht.

  98. Alter Bolschewik, ich denke,...
    Alter Bolschewik, ich denke, die Solidarität hat sich einfach gewandelt – wenn es sie je gesamtgesellschaftlich gegeben haben soll, ist sie jetzt allenfalls noch innerhalb von Schichten und Gruppen zu finden. Wenn man so will, eine „schwarze Solidarität“.

  99. HansMeier555, die Forderung...
    HansMeier555, die Forderung der Wiedereinführung des Herrenmenschentums scheint doch geradezu die Grundlage dieses blogs zu bilden, ganz im Sinne von Orwells Animal Farm: „Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher als andere“. Im übrigen liest man, daß alle Menschen vor dem Gesetze gleich sein sollen. Sogar die Ostdeutschen.

  100. Alter Bolschewik, meiner...
    Alter Bolschewik, meiner Ansicht nach gibt es Solidaritaet nur wirklich innerhalb kleiner Gruppen; dann aber fest. Ach, Empathie, immer nur geheuchelt. Immer schon.

  101. Nur der Überlebenskampf der...
    Nur der Überlebenskampf der einen schafft den Reichtum für die anderen
    @Schoenbauer: Ich kenne diese Debatte, habe auch bei der Wehler-Lektüre eine Weile mit kommentiert. Das Problem liegt schon im Begriff. „Leistungselite“ ist ein gleich doppelt falscher. Erstens verherrlicht er Taten, die eben keine als solche waren. Die Leistung erbrachten andere. Die, die gleich dem „Kruppstahl“ gehärtet wurden, waren das Proletariat. Mit einer der Gründe für übrigens, warum auch der Klassenkampf so hart geführt wurde – eben auch seitens dieses Proletariats. Wenn wir wissen wollen, wie hart, dann empfehle ich zum Beispiel die Lektüre „Nackt unter Wölfen“, aus der deutlich wird, wie stark das auch das Bewusstsein formte, die Härte im Denken. Die „Elite“ hingegen war zu keiner Zeit aus „Stahl“, selbst wenn sich sich unter „Stahlgewittern“ wähnte, denn auch dort wurde nur in den Schützengräben gestorben, nicht in den Offiziersstuben. Wenn man also schon so etwas ausmachen möchten wie Leute die das „Wirtschaftswunder“ vollbrachten, dann war das das wie immer geschundene Volk. Darüber hinaus lässt dieser Begriff die Klassengrenzen schwinden, insofern „Elite“ gleich gar nichts diesbezügliches aussagt. Eine „Entnazifizierung“ qua vollbrachtem „Wirtschaftswunder“ ist Wunschdenken.
    Die Wirklichkeit ist viel banaler. Die Not, der Hunger, der Tod, all das waren ultimative Erlebnisse, die ultimatives Handeln mit sich brachten. Wer keine Angst vor dem Sterben mehr hat, leistet doppelt (und viele sterben dann auch in Folge dessen vor ihrer Zeit!). Das ist die ganze zynische, wenn nicht gar perverse, Devise des Kapitalismus überhaupt. Nur der Überlebenskampf der einen schafft Reichtum – für die anderen.

  102. Lieber staph.aureus,
    da haben...

    Lieber staph.aureus,
    da haben entweder Sie oder ich die Grundidee dieses Blogs falsch verstanden.
    Wobei ein gewisser Nebel auch sehr hilfreich ist. Ja, oberflächlich lesende Möchtegernkulturträger sehen sich von den Texten zunächst durchaus in ihrem Dünkel bestätigt — ohne zu merken, daß vielleicht von ihnen selber die Rede ist. Diese Mehrbödigkeit ist das lustige hier, wobei man ja auch selbst verschiedene Seelen in der Brust beherbergt.
    Sie verstehen schon: Die Barbaren sind immer die anderen und Anwesende sind sowieso immer ausgenommen. Wie das bei Salonplaudereien halt so ist.
    .
    Lieber alter Bolschewik,
    Da bin ich mir gar nicht so sicher. Wenn ich nur an die Kinderheime denke. Nein, es nicht alles schlimmer geworden in den letzten 40 Jahren.
    .
    Was die von Don Alphonso besonders inbrünstig gehaßten, ungezogenen „Jüngelchen“ im Neuen Markt, der Springerpresse und im übrigen PR-Bereich tätigen Blender, Hochstapler und Pleitiers angeht, so sind diese in Wirklichkeit eben weder vom Himmel gefallen noch aus der „Gosse“ hervorgekrochen. Bei Licht besehen stammen sie aus genau den selben Westvierteln oder zumindest aus den unmittelbar angrenzenden Straßenzügen.

  103. Filou, Solidarität gab es...
    Filou, Solidarität gab es historisch schon im größeren Rahmen – die Arbeiterbewegung ist kein ganz schlechtes Beispiel dafür; ihre letzte große Niederlage erlitt sie im spanischen Bürgerkrieg, wo sie zwischen Faschismus und Stalinismus zerrieben wurde. Versuchen Sie, nur so zum Beispiel, heute einmal, jemanden davon zu überzeugen, daß er in die Gewerkschaft eintreten soll: Da werden nur noch Kosten-Nutzen-Rechnungen aufgemacht. Von meinen Eltern – die der von Don Carlos geschmähten Generation angehören – wurde mir beigebracht, daß sich das einfach so gehört, man fragt nicht, ob sich das individuell rechnet. Dagegen ist selbst die vom Don angeführte „schwarze Solidarität“ der Krähen, die einander kein Auge aushacken, durch dieses individualistische Kalkül vergiftet.
    Um die Empathie steht es, glaube ich, eigentlich gar nicht so schlecht. Der kollektive Aufschrei, als eine Kassiererin wegen zwei Euro fuffzich gefeuert wurde, war nicht geheuchelt. Aber solange die Empathie nicht zu bedingungslosem solidarischem Verhalten führt, wird das neoliberale Gesocks weiterhin leichtes Spiel haben, alle gegen alle auszuspielen, und vor allem diejenigen, die etwas mehr haben, gegen diejenigen, die weniger haben, aufzuhetzen.

  104. @ staph.aureus
    die...

    @ staph.aureus
    die ostdeutschen können sogar kanzler. scheint also nicht allzu schwierig zu sein, demokrat zu spielen.

    wobei ich den gedanken interessant fand, daß nach den landtagswahlen in nrw wegen des afghanistankonflikts der verteidigungsfall ausgerufen wird, wodurch nach art. 115h gg alle bundes- und landtagswahlen auf sechs monate nach beendigung des verteidigungsfalles verschoben werden. angesichts der renitenz der afghanen also nie. wir hätten dann also wieder dauerhaft eine ostdeutsche staatsratsvorsitzende. sozusagen.

    @ G. Schoenbauer
    wobei man spengler sicher nicht vorwerfen kann, daß ihn auch nazis gelesen haben. ich glaube, ein paar von denen haben auch die bibel oder gar andere literatur gelesen. sollen wir die bücher alle verbrennen?

  105. @Don Carlos
    .
    "und wenn...

    @Don Carlos
    .
    „und wenn nicht…?“
    Dann halt nicht. Aber das wäre dann Ihr eigenes Urteil, und kein unbesehen übernommenes.

  106. Don Alphonso, ich will und...
    Don Alphonso, ich will und kann Ihnen nicht widersprechen, und ich verstehe auch Ihren Zorn über den moralischen Wertezerfall. Aber, wenn sich Moral aus Ethik und Bildung zusammensetzt, und beide Werte im westlichen Europa (nicht nur in Deutschland) nurmehr Teile einer administrativen Mechanik sind, fehlen Herzensbildung, Einfühlung/Empathie, Nachdenklichkeit und Mitfühlung (bitte, kein Armutskitsch). Damit kann jeder Mensch anfangen.
    Don Carlos, die Story mit dem Altwarenhändler war so wohl nur in der Nachkriegszeit und der Mangelwirtschaft stark zerstörter Städte möglich. Bei Ihrer Überlegung gehen Sie möglicherweise von einem intakten Markt aus, wie er in Friedenszeiten entstehen kann (nicht muss).
    HansMeier, Sie konzedieren mir eine Herkunft, die so nicht existiert. Ich mag diesen Blog, weil er intelligent und provokant ist. Aber Sie stören sich an der Anekdote mit den Lockenwicklern. Diese ist, ok, 50 Jahre alt. Aber wenn Sie in den letzten 20 Jahren Kontakte mit dem Kunst- und Kulturbusiness (und deren Akteuren beiderlei Geschlechts) hatten, so könnte aus der „Lockenwicklerdame“ inzwischen das 13jährige Playmate geworden sein, welches sich nackt im Internet präsentiert und vor zwei Jahren noch intakte Chancen auf einen späteren Vertrag (mit 16/17 Jahren) in der Musikindustrie hatte.
    Filou, Sie schlagen Magischen Realismus vor, was um 1960 Kennerschaft bedeutet hätte. Wahrscheinlicher ist Ernst Wilhelm Nay.

  107. klar, HansMeier555, ich bin...
    klar, HansMeier555, ich bin erst gestern vom mond gefallen und diffamiere hier mal einfach so wild drauflos… es sind halt meine beobachtungen. subjektiv, ohne anspruch auf allgemeingültigkeit und ohne forderung, sie zu übernehmen.

  108. Magischer Realismus und...
    Magischer Realismus und PopArt
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    @Rosinante: Magischer Realismus ist für mich in der modernen Welt – zumindest positiv besehen – nicht mehr antizipierbar, es sei denn, man dichtet den Mythen der katholischen Kirche noch so etwas wie einen realen Bezug zur Volksseele an. Negativ betrachtet, würde ich die Mythenschrunden – die künstlichen Mythen – der Nazis dorthin verorten. Allerdings gibt es eine postmoderne „Wiederbelebung“ – wohl weniger als Kunst, jedenfalls aus meiner Sicht – in der sog. Popkultur und im Kommerz (der ja letztere ausbeutet!). Ich sehe dies aber als einen Ausdruck von Abwendung von der Realität an, insofern hier naive Träume als „Kundenwünsche“ in die Erwachsenenwelt hinüber gerettet werden. Nehmen wir stellvertretend das ganze Genre „Fantasie“ als Beispiel für. Angelegt war das aber auch schon zum Beispiel in der Musikszene der 80er des letzten Jahrhunderts, wie in „Stairways to Heaven“ („Magic Art“) von Led Zeppelin.
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    In noch weitgehend vormodernen Gesellschaften sieht das wieder ganz anders aus. So ist für mich der der positive Archetypus eines jenen magischen Realismus‘ die Literatur von Marquez. Realistisch sind die Geschichten, insofern sie aus der zum Teil schon modernen sozialen Wirklichkeit der zumeist indigenen Bevölkerung erzählen, welche aber ihre diesbezüglichen mythischen Erklärungsversuche noch nicht abgelegt haben.
    .
    Aber je weiter sich dort die Klassengesellschaft etabliert – auch und gerade unter den indigenen Völkern -, umso weniger wird er noch Bezug haben zur Realität.
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    Aus der Perspektive der Moderne gibt es keine aktuellere Kunstrichtung als den sozialistischen Realismus. Allerdings, auch hier müssen die apologetischen, sprich: die eigentlich kleinbürgerlichen, Elemente hinaus gesäubert werden. Inwieweit uns der magische Realismus (eines Marquez!) fruchtbare Elemente zuführen kann, hängt weitestgehend davon ab, ob und wie schnell sozialistische Elemente von dort aus eben die Verkrustungen in der modernen Welt abbauen helfen, also dem sozialistischen Ziel dienlich sein können. Umgekehrt erscheint mir das im Moment als weniger evident, obwohl der sozialistische Realismus thematisch wie kunsttheoretisch dem magischen Realismus weit überlegen ist. Aber solange der Sozialismus in Theorie und Praxis nicht vorankommt ist das selber nur „graue Theorie“.
    .
    Es ist für mich keine Überraschung, dass nach der Teilung des Expressionismus in einerseits sozialistischen Realismus und andererseits in alle nur denkbaren Spielarten der abstrakten Kunst sich die moderne Kunst nicht wirklich mehr weiter entwickelt, sondern von nun an in überlebten Kulturen wildert. Mit der Hinwendung zum Surrealismus kann man sogar erste Schritte in Richtung Reaktion beobachten – in Richtung „pseudomagischen, nämlich: gekünstelten, Realismus“, wie zum Beispiel den eines Dali. Alles was in den letzten Jahrzehnten folgte ist magisch oder nicht, realistisch oder abstrakt, letztlich Popkultur/Popkunst/“PopArt“ – kleinbürgerliche Kunst.
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    Andererseits, wenn es gelingt den sozialistischen Realismus von seinen kleinbürgerlichen Verkrustungen zu befreien, was natürlich die Befreiung des Klassenkampfes von denselbigen voraussetzt, kann dieser einen enormen Formenreichtum entfalten, so formenreich wie eben auch in den Möglichkeiten einer sozialistischen Entwicklung, wenn diese gewollt sind.

  109. Nee, Rosinante, ich dachte...
    Nee, Rosinante, ich dachte mehr an die 70er Jahre und dann nicht an die etablierten (sehr teuren) Maler, sondern an die Adepten. Die trieben sich naemlich in dieser Zeit zigeunerhaft in solchen Kreisen herum, in dem sie in Zahnanwaltsvillen (gerne auch bei Bauunternehmerfrauen) Vernissagen veranstalteten, um am selben Abend direkt Schwarzgeld in nicht geringen Mengen abzugreifen. Besonders im Bergischen und im Koelner Tiefland.

  110. Alter Bolschewik, niemals...
    Alter Bolschewik, niemals haette ich in meinen juengeren Jahren die Berechtigung von Gewerkschaften bestritten. Erst als ich selbst sah, was die Verteter der Lohnabhaengig Beschaeftigten in einem Vorort von Koeln an hochhaushohen Elendsquartieren bauten, wurde mir schon mal sehr mulmig. Spaeter war ich nicht verwundert, als deren Bank zusammenbrach, die Neue Heimat sich als mafieuses Versorgungsinstitut fuer Funktionaere herausstellte etc.
    Diese Funktionaere haben der organisierten Bewegung so nachhaltig geschadet, dass wir uns ueber die heutigen Zustaende in der Arbeitswelt nicht wundern muessen.
    Ethik, Moral, Solidaritaet? Leider, leider…

  111. Liebe Rosinante,
    die Anekdote...

    Liebe Rosinante,
    die Anekdote selber störte mich ebensowenig wie ihr Alter, ich fand sie sogar amüsant (gerne noch mehr davon) — nur bin ich eben skeptisch, welche Schlußfolgerungen man daraus ziehen kann.
    Das gleiche gilt auch für Ihre Beispiele aus heutiger Zeit. Die Tendenz, junge Mädchen mit Show-Biz-Ambitionen für Pornographie und Prostitution zu rekrutieren, existierte doch schon lange vor der Gründung öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten. Aber wer wollte einem Sir Alfred Hitchcock oder einem Roman Polanski schon mangelnde Kultur vorwerfen? Ich meine, das alles ist doch keine Folge sozialer Mobilität.
    .
    Was die besondere Situation der Nachkriegsjahre betrifft, so kann ich Ihnen versichern, daß auch Personen von Familie mit den allerbesten Manieren ihren Vorteil zu nutzen wußten. (So wie auch schon während des Krieges, aber lassen wir das).
    .
    Lieber Don Carlos,
    schon gut, aber ich darf genauso wild zurückdiffamieren. (Pack schlägt sich, Pack verträgt sich).
    .
    Apropos „levantinischer Elitendünger“:
    Kultur besteht eben nicht aus der Präsenz einer bestimmten Personengruppe, spmderm entsteht in einem Klima, in dem sich jeder, unabhängig von seiner Herkunft, dazu eingeladen fühlt, seinen Teil beizutragen.
    Weltoffen, geistreich und kultiviert sein kann man als Einzelmensch doch gar nicht — dafür braucht man eine entsprechende Umgebung, einen sozialen Ort, ein Milieu. Thüringische Fürsten haben sich bemüht, etwa in Weimar einen solchen Ort künstlich zu schaffen. In der BRD aber gibt es zuwenig solcher Orte, und das ist das Problem.
    .
    Was aber, wenn den Westviertelkindern als erstes beigebracht wird, daß sie ihren Status und ihre „Kultur“ dadurch behaupten müssen, daß sie mit Nichteuropäern, Nichterben oder Nicht-Postchristen (abgesehen von handverlesenen Elite-Ausnahmen) keinen persönlichen Umgang haben und keinesfalls den Eltern vorstellen dürfen?
    .
    Wie tröstlich, daß auch zwischen den Regeln des (Nicht-)Vorgestelltwerdens und den Wachstumsgesetzen der Schneeballsysteme (wie Mega-Petrol) vermutlich ein Zusammenhang besteht. Würde mich doch nochmal interessieren, wie sie den bayerischen Minister herumgekriegt haben, für so was Werbung zu machen.

  112. Filou, Ihren Magischen...
    Filou, Ihren Magischen Realismus in Zahnanwaltsvillen finde ich wunderschön. Fast ein Wort zum Sonntag. Und
    Devin08, der Magische Realismus, den Sie wortreich umkreisen, ist von Sozialismus bis Nazismus in jeder teleologischen Utopie zuhause, aber in Zahnanwaltsvillen wird er durch Cash real. Dies kann -bitte verzeihen Sie- durchaus magisch sein.

  113. Filou, zu Ihrem Bonmot fällt...
    Filou, zu Ihrem Bonmot fällt mir noch Botho Strauss ein: Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle. Kennen Sie das Stück?

  114. @Devin,
    okay, "Leistungselite"...

    @Devin,
    okay, „Leistungselite“ ist ein sehr problematischer Begriff, vielleicht kann man neutral von den Personen sprechen, die in grossen Unternehmen auf den Vorstandssesseln sassen; um sie ging es jedenfalls. Wenn sie die anderen Wehler-Buecher kennen: es gibt andere schillernde Begriffe u. eine manchmal peinlich – bis zum Kotzen (pardon!) – pathetische u. in meinen Augen antiquierte u. deplacierte Sprache; vielleicht wollte u. will er es Habermas gleichtun, mit dem er oft genug auf dem Poetenweg durch den Teutoburger Wald gewandert ist; „in terms“ von Habermas klaenge es vielleicht besser.
    Wenn Sie vom Proletariat schreiben. In dem FAZ-Diskussionsbeitrag von Harpprecht, den ich auch nicht mehr gefunden habe, war davon eher in Ihrem Sinn die Rede. Dass damals auch ein sehr folgenreiches institutionelles Arrangement aus der Taufe gehoben wurde, das fuer die damalige wirtschaftliche Entwicklung mindestens so wichtig war, wie die genannten Faktoren: die Institutionalisierung des Klassenkonfliktes, haben wir wohl beide vermisst.
    @Don Carlos, ist schon klar, dass man jedes Buch ideologisch ausschlachten kann, allerdings war der „Untergang des Abendlandes“ fuer Goebbels doch eine Art von Offenbarung (laut Goebbels-Tagebuecher). Mein Haupteinwand war aber, dass man die wenigen Seiten ueber das Judentum (habe nicht nachgeschaut, aber sind es zwei oder drei?) beim besten Willen nicht als wissenschaftliche Auseinandersetzung lesen kann, wie Sie es machen.

  115. Teleologischer...
    Teleologischer Kniff
    @Rosinante: Da mögen Sie recht haben, aber nur soweit eben „Utopie“. Aber der Sozialismus ist bekanntlich durch Marx von der Utopie zur Wissenschaft transformiert worden, und als solche ist er nicht mehr teleologisch. Marx analysiert den Sozialismus als eine wohl im Kapitalismus angelegte aber nicht zwingend notwendige Entwicklung. Denn auch die Barbarei ist möglich.
    Und doch möchte ich Ihnen auf eine bestimmte Weise entgegen kommen: Die Theorie selber kann magische Effekte vortäuschen, insofern sie nämlich das Objekt der Überlegung erst als ein solches in die Welt setzt – in die Zukunft projiziert – und dadurch – und das ist die magische Komponente – nicht so sehr diese Zukunft ermöglicht – diese bleibt Vision – , als aus jener Zukunft heraus auf die Gegenwart revolutionär einwirkt (vgl.: „Philosophus mansisses“, http://www.herold-binsack.eu/downloads/philosophus_mansisses.pdf).
    .
    Ich nehme an, dass Sie das als Utopie bezeichen. Dem Dialektiker unter den Materialisten ist das aber nicht fremd, nur einem mechanisch verstandenen Materialismus, bzw. einem vulgären Marxisten, käme das „spanisch“ vor. Utopie wäre das aber nur, wenn eine solchermaßen an den Horizont gemalte „Vision“ sich nicht aus den inneren Bedingungen eines Dings – jetzt werde ich mal philosophisch -, sondern aus äußeren, also mehr oder weniger sekundären, Umständen, ergäbe.
    .
    Nehmen wir den Untergang des Römischen Reiches. Die Vorstellung, dass es unter den Schlägen der Alemannen, bzw. Vandalen, zugrunde ging, ist üblich, und doch waren das nur äußere Umstände, Umstände, die also nicht in der inneren Realität der römischen Gesellschaft geschuldet waren. Hätte jemand den Römern, sagen wir 100 Jahre vor ihrem Ende vorausgesagt, dass sie eines Tages von den „Barbaren“ erobert werden würden, hätten man denjenigen gekreuzigt. Aber, dass sie an inneren Gebrechen laborieren, die ihnen vielleicht mal das Genick brechen, nämlich weil sie zur Heilung derer nicht nur immer wieder die Gesellschaft durchmischten, sondern weil sie ständig an ihrem „Recht“ feilten, war mit Sicherheit auch immer wieder Gegenstand der heftigsten Klassenauseinandersetzungen. Aber nur ein Philosoph, wie jener unter den Kaisern – wie Marc Anton – ahnte vielleicht, dass solches unvermeidlich, ja teleologisch, gerichtet ist.
    .
    Die Stoa eines Marc Anton, war vordergründig betrachtet, die Resignation eines gealterten Mannes, die Theorie eines ganz persönlichen Gescheitert-seins. Ihre Vision darin aber war, dass man diese Gefahr überwinden könne, durch Selbstdisziplin. Durch diese Theorie schuf sich die Antike die Gelassenheit das Unvermeidliche zu Ertragen, und damit ermöglichte sie, dass es unvermeidlich wurde, aber zugleich, und das war das „teleologische“ daran, verschaffte es den Römern ihren Zugang zu einer Zukunft die zugleich die Bedingung für ihr Ende war, Ohne diese Theorie wäre dies alles so nicht möglich geworden und doch war diese Theorie die damals einzig mögliche.
    .
    Mit den überkommenen theoretischen Mitteln, aber auf der Grundlage einer heran gereiften sozialen Klassenrealität, erarbeitet die römische Sklavenhaltergesellschaft eine Philosophie, die eben wegen dieser Klassenrealität zur revolutionären Theorie wird, welche sich dann auch erst später, nach ihrem eigenen Untergang, in den „Verfassungen“ des Mittelalters wieder findet. Das römische Reich überlebt sich somit – nicht in jenem „1000-jährigen Reich deutscher Nation“ – nämlich als römisches Recht. Ein solches Recht wiederum untergräbt erst recht die gegebene Gesellschaft, sorgt nachhaltig für ihren Untergang, schafft nämlich den Bedarf erst nach dessen Realisierung. Einem Römer der damaligen Zeit wäre das – wenn es ihm bewusst geworden wäre – als Magie vorgekommen, und doch ist das nichts anderes als die bekannte Dialektik zwischen Basis und Überbau, jener teleologische Kniff, der auch dem Sozialismus so aneignet.

  116. @Devin,
    also rein zufaellig...

    @Devin,
    also rein zufaellig habe ich vor ein paar die „Selbstbetrachtungen“ Marc Aurels ueberflogen, ohne mir ein abschliessendes Urteil zu bilden, aber „Resignation eines gealterten Mannes“, „Theorie eines ganz persönlichen Gescheitert-seins“ wuerde ich ohne weiteres unterschreiben.
    Was Fragen des Untergangs des roemischen Reichs anlangt, muesste man m.E. auch die Abkehr von einer Politik sehen, fuer die der Krieg das normalste auf der Welt war, weil das voll auf das Wirtschaftsleben durchschlug: Das Lebenselixir einer iSklavenhaltergesellschaft sind nun mal Sklaven. Die schiere Groesse des Reichs war ja von einem bestimmten Zeitpunkt an ein Problem, das durch den Bau einer Mauer (wie auch in China und anderswo) ja nur angezeigt, aber nicht geloest wurde.

  117. @ HansMeier555
    sie (die...

    @ HansMeier555
    sie (die generation) können ja nichts dafür, es ist unbewußt. vielleicht hätte man saddam hussein auch als sympathisch empfunden, wenn man sich die zeit genommen hätte, ihn näher kennenzulernen… ;)

    @ G. Schoenbauer
    naja, wissenschaftliche auseinandersetzung… ich fand halt spenglers erklärung für das genannte phänomen sehr nachvollziehbar. allerdings muß ich einwenden, auch wenn er vielleicht nur in einem absatz eine erklärung liefert, ist die begründung seiner erklärung ausführlicher bestandteil des gesamtwerks.

  118. Das Römische Recht, die Magna...
    Das Römische Recht, die Magna Carta und der Kapitalismus
    .
    @Schoenbauer: die römische Produktionsweise war ja nicht nur eine mit Sklaven, sondern auch eine mit Soldaten. Der römische Soldat war der ideale Selbstversorger – sogar sein täglich Brot backte er sich selbst. – Wir können dieses Brot heute noch auf der Saalburg kaufen, nach ja, zumindest ein solches nach jenem Rezept.
    .
    Diese Produktionsweise war der Kern der „Revolution“ im Innern, aber dies eben nur an den Rändern des Reiches, wo die Soldaten ihren täglichen Dienst taten. Das war auch der tiefere Grund für den Zerfall dieses Riesenreiches von seinen Rändern aus. Die Vandalen fielen da nur über reife Früchte her. Selbst eine chinesische Mauer hätte da nichts genutzt.
    .
    Wenn man die Beziehung zwischen einem gewöhnlichen Legionär und seinem Centurion betrachtet – ökonomisch betrachtet -, kommt einem der Gedanke, dass das schon die Keimform der nächsten Produktionsweise enthält: die Leibeigenschaft. Der Leibeigene ernährt seinen Herrn, indem er für sich arbeitet, das ist die Umkehrung der Sklavenhaltergesellschaft, wo der Sklave für den Herrn arbeitet und sich dadurch ernährt. Das revolutionäre eben an dieser Soldatenwirtschaft geht sogar noch darüber hinaus: soweit man noch die Warenproduktion (die einfache: die W-G-W-Beziehung) hinzu denken möchte, kommt einem so etwas wie die amerikanische Pionierwirtschaft in den Sinn. Das Geld hier wie dort spielte im ökonomischen Verkehr nur eine untergeordnete Rolle, insofern diese wie jene in der Hauptsache Selbstversorger waren, aber es trägt zur Klassendifferenzierung bei – schafft im Ferneren die Bourgeoisie und dann auch ein Proletariat, und dann den Mehrwert (auf der Grundlage der dann G-W-G-Beziehung).
    .
    Die römische Produktionsweise, die, die nicht mehr auf nur Sklavenarbeit beruht, enthält den Keim aller von da aus denkbaren weiteren Produktionsweisen. Das römische Recht geht auf jeden Fall über die feudale Produktionsweise hinaus, denn es stellt ein Zivilrecht dar, was es ja im Feudalismus nicht bedarf (im Gegenteil, insoweit ein solches geschaffen, untergräbt es den Feudalismus – siehe England nach der Magna Carta – http://de.wikipedia.org/wiki/Magna_Carta -, welche ja letztlich über den Englischen Bürgerkrieg die Grundlage für die konstitutionelle Monarchie legte, einschließlich der Rechte der Bürger) und damit so etwas wie ein Subjekt, wenn auch zunächst noch ein rein juristisches.
    .
    Ich bin überzeugt, dass der Kapitalismus Europas ohne das Römische Recht (bzw. dann das „englische“) nicht denkbar ist. Entweder hätte uns das Mittelalter noch mal 1000 Jahre beglückt, oder aber, es wäre direkt in eine Art Kopie der asiatischen Produktionsweise übergegangen, zum Beispiel auf der Grundlage der germanischen Gentilgesellschaft und des germanischen Gemeineigentums an Grund und Boden.
    Die klassenlose Gesellschaft wäre dann wohl auch denkbar geworden, aber eben auf ganz andere Weise entwickelt. Vorstellbar ist auch, dass selbst noch im Verlauf des deutschen Bauernkrieges eine andere Richtung möglich war – zumindest auf dem Kontinent. Das aber ist jetzt Spekulation, weil natürlich England, mit seinem „Zivilrecht“ schon nicht mehr wegzudenken gewesen wäre.

  119. "die daheim im Westviertel...
    „die daheim im Westviertel keine Ahnung hatten, was für einer ungezogenen, im Stehen mit den Fingern fressenden Bagage sie da ihr Geld anvertraute.“
    .
    Einer der vielen Fehler. Es nochmals wiederholt: Wir sages und sagte es schon seit 20 Jahren (ohne, das das irgendetwas zu bedeuten hätte, weder „wir“ noch „20 Jahre“):
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    Die doofen Deutschen sind allesamt selber schuld.
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    Denn wie kann man Mal um Mal eine Generation lang arbeiten gehen als Volkswirtschaft und alles was davon überig bleibt anderen zur Anlage anvertrauen? Also nach London oder NewYork überweisen. Und das mal um Mal tun und meinen, es würde etwas anders beim nächsten Mal.
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    Und gleichzeitg kaufen die angelsächsichen Kleinbürger deutsche „Kapitalanlageprodukte“ – und zwar schon seit Jahrzehnten: Lose der Süddeutschen Klassenlotterie z.B.. Viertel und Achtellose lassen die sich bis ins tiefste Pennsylvanien schicken. Weil auf die deutsche Lotterie nämlich Verlaß ist. Ein Behörde quasi. In der es nach Recht und Gesetz zugeht. Eher weniger Vetternwirtschaft am Rad dreht. Was bei eigenen Lotterien oft nicht immer so ganz der Fall ist.
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    Und man musste nur mit Leuten aus der Londoner Ciity saufen gehen, trinkfester sein, als die, um dann morgens um zwei deren Wahrheit zu hören: „Wer seid ihr den schon, ihr blöden Deutschen? Im Weltmassstab? Von oben, außen und mit Überblick gesehen? Die Facharbeiter der Welt seid ihr, mehr nicht. Und wir sammeln das Geld ein, das ihr mit Hilfe eures Mittelständischen-gmbh-Elends aus euch selbst rausholt. Und merkt es nicht einmal. Wer ist also mehr, ihr oder wir?“
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    So konnte man es schon 1985 hören – und sicher damals nicht zum ersten Male.
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    Und die hohen Elendsvorstände der Frankfurter Sparkasse von 1882 und andere wurden es trotzdem nicht müde wie die Lemminge „unser Geld“ jahrzehntelang weiter nach England und den USA zu überweisen (was nicht der Fehler der USA war!) – kein Wunder das das Geld nun weg ist – es sollte, musste und wollte ja auch weg!
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    Und regt sich auch nichts, dass wir sollten den Kredit, die Glaubwürdigkeit, die wir mit Behörden und Finanzanlageprodukten haben, nutzen, um selber der Anlageort der Welt zu werden: Qualität aus Deutschland. Garantiert.
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    Ganz vermessen und ungezogen gesagt: Wir wissen das schon seid 1985-1990 mit der (damals und bis heute unveränderlichen) Dummheit und Unwissenheit der Westviertel – und haben seit die ganze Zeit schon unser Leben drauf eingerichtet. Ist ja auch ein freies Land. Gerade für Verantwortung. Trotz der Westviertel und trotz der jüngeren Bankvorstände (s.u.).
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    Lesempfehlung: http://cgi.ebay.de/Der-Bankier-Hermann-Josef-Abs-Lothar-Gall_W0QQitemZ110474411741QQcmdZViewItemQQptZSach_Fachb%C3%BCcher?hash=item19b8c9bedd
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    Abs hatte noch dringend empfohen, doch seinem persönlichen Beispiel zu folgen und nie nicht auch nur einen Pfennig ausserhalb Deutschlands anzulegen. Und nie mit Risiko. 100% Kapitalerhalt garantiert. Und nach ihm kamen die Naßforschen. Trotzdem. Oder vielleicht gerade deshalb. Die ja alles besser wussten. Und weenn nicht das, so dann schon mal immerhin Englisch sprachen. Zumindest glaubten, das zu tun. Und verstanden dabei aber nicht mal sich selbst richtig.

  120. Devin08
    Was hielten Sie davon,...

    Devin08
    Was hielten Sie davon, wenn man den Untergang des RR noch ein „wenig“ universaler betrachtete? Ist Staatsgeschichte alles? Am Fortdauern etwa der römischen Rechtsgeschichte neben etwa dem germanischen Recht (z.B. Lex Burgundionum) und ihren sogenannten „Renaissancen“ oder den sog. „Renaissancen“ der Literatur oder Architektur mögen wir möglicherweise erkennen, dass diese Phänomene mehr oder weniger kraftvoll weiterdauerten.
    Unsere Kenntnis der Literatur der Antike beruht auf der Kopistentätigkeit der frühen Klöster sowie der Araber. Müssen die Kopisten und Übersetzer römische Bürger gewesen sein?
    Man mag es als absurd belächeln, dass die mittelalterlichen Chroniken ihre Herrscher bis auf Troja zurückführten, und diese sich genealogisch als dessen Nachfolger betrachteten, und nach dem Mittelalter es gang und gäbe war, den Ahnherrn einer Dynastie von Karl dem Gr. herzuleiten. War Staatsgeschichte im Herrscher personalisiert? Herrscher = Staat? Also wären antike Staaten bis heute nicht „untergegangen“? Sogenannte „dunkle Jahrhunderte“ lediglich Hypothese und sogenannte „Dekadenzen“ nur etwas wie vielleicht gar nicht vorhandene oder nur von den Wissenschaftlern erfundene „Übergänge“, um den Fluss der Zeit zu katalogisieren?
    In des Dons unmittelbarer Nachbarschaft forscht ein interessanter Abweichler von der Orthodoxie der Historistik.

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