Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Nackt und tot vor der Geschichtsforschung

| 27 Lesermeinungen

Sie kennen keine Rücksicht und kein Erbarmen: Historiker werden Stehtische und Brausewerbung nicht als Sieg der Aufklärung sehen, sondern als Versagen an den Möglichkeiten unseres Reichtums.

Tischlein deck Dich!

Sterben hat einen unverdient schlechten Ruf. Als Historiker weiss man, dass der Vorgang an sich auch viel Ärger erspart: Die wenig charmante Herablassung, die man früher selbst für Fehler und Probleme vergangener Epochen übrig hatte, wird den eigenen Lebensumständen zuteil, und das merkt man als Toter nicht mehr. Und ich meine nicht einmal die grossen Idiotien unserer Epoche von der Ukraine über den Südsudan und Venezuela bis Fracking, Atomkraft und genderneutrale Kinderkleidung, für die man zur Not auch andere verantwortlich machen könnte – nein, Kulturgeschichtler werden schon bei der Betrachtung unseres Alltags erschaudern. Ich zeige Ihnen mal was – das hier ist eine Szene am Business Campus in Garching bei München.

Da war ich gestern. Und das ist der Business Campus Döner. Natürlich ist erst einmal nichts gegen einen Döner oder Falafel draussen bei schönem Wetter einzuwenden, selbst wenn nicht jeder Kollege ein inniger Freund von Knoblauchgeruch ist. Aber hier, vor den Toren von München, arbeitet die Elite der nächsten Generation. Hier werden die technischen Grundlagen für die nächsten Jahrzehnte und das Deutsche Imperium in Europa gelegt, hier sind die Besten der Besten der Besten, habe ich mir sagen lassen, und die Anlage ist teilweise so neu, dass sie gar nicht mehr an das Platzen der New Economy Blase vor 12 Jahren erinnert. Hier tragen sie Walther-Pistolen in den Hosenbünden, um sich gegen die Sklavenjäger der Technologiefirmen zu wehren, die es wagen, weniger als 200.000 Euro Jahresgehalt zu zahlen, so berichten es mir wohlunterrichtete Kreise. So weit sind wir also gekommen, das ist die neue Führungsschicht, die für Wohlstand, Lebensglück und Wachstum sorgen wird.

Das ist auf den ersten Blick gar nicht schlecht, denn vor 300 Jahren sassen ihre Vorfahren vielleicht noch in Holzhütten neben den Bauernhöfen, hüteten Schweine und stopften, was sie hatten, an einem derben Holztisch in sich hinein. Wenn sie Glück hatten, war es mal Fleisch, wenn sie Pech hatten, war es ein Brei aus Körnern oder als Fleisch getarnte Schlachtabfälle. Auf ihren derben Holztischen wurden keine zuckerhaltigen Getränke beworben, aber Zahnausfall bekamen sie auch so. Und wenn sie da so sassen und vielleicht auch schon so klug waren, wie ihre hochbegabten Nachfahren, dann werden sie sich gesagt haben: Wieso hat der Herr im Schloss eigentlich eine Tischdecke aus Damast, auf der er speist, einen Teppich zu Füssen und Porzellan aus dem fernen Reich der Mandschu? Und wieso habe ich nur einen derben Holztisch, Stroh und einen angeschlagenen Topf? Die einen erfanden dann Märchen vom Tischleindeckdich, die anderen erfanden die Aufklärung, machten eine Revolution, Bildung, Fortschritt, sorgten für ihre Kinder und die stehen jetzt also an diesen Tischen da und essen Fleisch im Stehen, um danach vielleicht gleich wieder die Community zu managen, was mitunter auch etwas an das Hüten der Schweine erinnert, oder nach Bugs suchen, als wären es die altbekannten Wanzen, und andere erzählen, was Wunderbares alles hinter Clouds – den früheren Wolken – kommt. Heute würde ich das so keinesfalls sagen, ich möchte keinem zu nahe treten, aber in hundert Jahren?

Ganz ehrlich, ich kenne das fiese Gehirn der vergleichenden Geschichtsschreibung, die zwar unzulässig ist – man muss die Schweinehirten im jeweiligen historischen Kontext beurteilen – aber es ist in etwa so unzulässig wie Falschparken oder Rasenbetreten, und deshalb werden zukünftige Generationen der Wissenschaft in ihrer herzlosen Art genau solche Dinge über uns schreiben. Dass die Aufklärung einen Ursprung, einen Höhepunkt und ein Ergebnis hatte. Wir sind dann alle tot, und wenn sie sich über unsere neu erwachte Liebe zu veganer Kost, vergessenen Getreidesorten und rohen Holztischen aus dem Antikhandel lustig machen, deren stolze Bilder sie auf den Festplatten von Pinterest entdecken, bekommen wir das zum Glück nicht mehr mit.

Diese Welt an den Brausetischen ist, wenn man es – hoffentlich – von Ihrer Villa in München/Grünwald aus betrachtet, fast genau auf der anderen Seite vom Tegernsee, wo die Holztische der Bauern recht lang in Gebrauch waren, und man sich auch ohne Aufklärung und unter erdrückenden CSU-Mehrheiten laut Gregorianischem Kalender in die gleiche Moderne gekämpft hat. Man kann ja viel schlechtes über die Region sagen – letzte Woche etwa fing eine S-Klasse einfach so Feuer und ich finde, die Gemeinde hätte im Blumenbeet an der Strasse vor meinem Haus mehr Tulpen pflanzen können – aber hier war es dennoch so, dass man den Kindern, wenn möglich, eine Aussteuer mitgab. Und wie es so ist, gehört deshalb das Tischtuch, in seiner von den Adelszeiten an gefallenen, handgestickten Version, einfach dazu. Man würde nie den Osterzopf mit dem dicken Zuckerguss einfach so auf de Tisch hauen, man tut eine Tischdecke darunter und ein Pfund Silber und es passt.

Sollte nun ein Meteorit einschlagen, was ich natürlich nicht hoffe, und uns auslöschen – das wäre ein fantastischer Befund für die Ausgräber. Natürlich würden sie falsche Schlüsse ziehen, aber mit dem Wissen um den Fortschritt des Menschen zum Besseren würden sie zum Ergebnis kommen, dass es bei uns am See tatsächlich gelungen ist, den Reichtum der Epoche in ein Leben umzusetzen, das sich vor 300 Jahren allenfalls die Mächtigsten leisten konnten. Und in Garching wäre all der immense Reichtum der Menschen den Weg zum Brausetisch gegangen, zu einer Art effektiven Scheunenhaltung der Menschen auf vielen Ebenen, und ausserdem wurde – wie bei der Schweine- und Geflügelzucht – reglementiert, was einem jeden in diesen Arbeitsställen zustand. Schreibtisch statt Rosenholztisch aus China, Steingutbecher statt Porzellan, pflegeleichter Fussboden statt Parkett und Perser. Uns erscheint es natürlich völlig logisch, dass die schrulligen Bewohner des Tegernseer Tales ein wenig abgeschnitten von den Zwängen der realen Welt sind, mit Erwerbsleben und öffentlichem Nahverkehr (mit Ausnahme unserer strahlend weissblauen Schiffflotte auf dem See natürlich), und in Garching die Zukunft gemacht wird.

Aber die gesamte Geschichtsforschung besteht leider darin, Quellen anzuzweifeln, ideologiekritisch zu denken und zu erkennen, welche Fehler die Menschen früher gemacht haben. Geschichtsforscher werden in so einem roten Brausetisch die Werbung erkennen und sie mit den explodierenden Kosten des Gesundheitssystems in Verbindung bringen, sie werden den Segen der Rechner sehen und ihren Fluch, und sie werden auch vielleicht die Unterlagen der Banken kennen, die damit ihre Gewinne schöpften. Ausserdem haben Geschichtsforscher selten BWL studiert und gehen wohl lieber zu schöngeistigen Zeitungen denn zu raffgierigen Banken. Sie ahnen es vielleicht: Kaiserschmarrn ist ein Arme-Leute-Essen mit zu viel Zucker, aber auf einer Tischdecke und mit einem Rokokoteller stimmt er als Befund den Historiker weitaus glücklicher, als der Inhalt einer Business Camp Restmülltonne.

Fragen Sie sich selbst, was Sie lieber in einer Ausstellung sehen wollten. Insofern würde ich raten, noch einmal an unser aller Vorfahren zu denken, die sicher nichts Schlechtes darin sahen, die Schweine zu hüten: Sie wollten mehr und sie haben es bei uns auch geschafft. Wir sind historisch betrachtet ein abnorm reiches Land, an der absoluten Spitze der menschlichen Entwicklung, selbst den Ärmsten hier geht es allein wegen der medizinischen Versorgung, der Solidargemeinschaft und anderen Triumphen der Bürgerlichen über die Adelsgesellschaft weitaus besser als den Reichen des Rokoko. Keiner muss mehr wegen einer kleinen Wunde, Syphilis oder Erfrieren im Winter sterben. Wir sind weit, sehr weit gekommen, und wäre es da nicht schön, wenn wir auch den Damast des Adels, sein Silber und seine Tischmanieren so behalten, wie wir seine anderen Rechte der Freiheit ebenfalls in Anspruch nehmen?

Heute schützt Sie noch das Persönlichkeitsrecht vor allzu scharfer Ablehnung der Stehtisch- und Alupapierkultur von Garching bis zum Münchner Filmfest. In hundert Jahren sind Sie tot und schutzlos gegen die Wissenschaft, und ihrem Hang zu bösartigen Übertreibungen der realen Zustände. An mir liegt es nicht, ich habe Sie vor Meinesgleichen gewarnt.

HINWEIS:

Der gleiche Beitrag wird wie immer auch im Kommentarblog serviert.

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27 Lesermeinungen

  1. Tulpen
    Da haben Sie einmal recht. Tulpen werden viel zu selten gepflanzt.

  2. 404
    Der Link zum „Kommentarblog“ = 404

  3. Mit dem Anspruchsdenken
    …kann man es auch übertrieben.

    „…den Damast des Adels, sein Silber und seine Tischmanieren so behalten,
    wie seine Rechte der Freiheit ebenfalls in Anspruch nehmen?“

    Wir sollten froh sein, dass wir erfahren wie Großbanken es schaffen
    negative ‚Konzerngewinne‘ einzufahren und es jetzt auch blaue Gummibärchen
    gibt.
    So sehen echte Bedürfnisbefriedigungen aus!!!

  4. Sexy München
    Auch München hat von Berlin gelernt.
    .
    Die Döner sind jedenfalls schon da.
    .
    Da fehlen nur noch die Kreativen und Wowi.

  5. naja...
    … der „Business Campus“ wird vermutlich inhaltlich und formal derart demontiert werden dass der Stehtisch nicht mehr arg auffallen wird. Aber schön geschrieben! Musil? Wunderschön.

  6. Ja Herr von Model-Blaudruck
    Knuepel aus dem Sack – aber Toleranz, jede Zeit hat ihre Vielfalt.

  7. Herschel,
    „Lady with a harp“ wäre auch ganz nett gewesen.

  8. Es
    hängt halt immer alles davon ab, ob man außerhalb des normalen Lebens auch noch ein privates Glück anstrebt.

  9. Garchi
    vielleicht kommt es im Jahr 4100 in Garching auch zu einem Sensationsfund:
    „Archäologen entdecken perfekt mumifizierten Bayern im Garchinger Sumpf“
    es werden sich dann die selben Fragen stellen wie seinerzeit bei Ötzi
    warum ist er tot, warum liegt er genau da und warum ist kein Pimmel dran
    man wird den Mageninhalt untersuchen und Hammelfleisch mit Knoblauch finden
    daraufhin wird die Geschichte umgeschrieben werden müssen
    die Bayern lebten also nicht von Wertpapieren sondern waren Schafhirten
    nur zwei Fragen werden sich dann wohl kaum aufwerfen:
    von was für Tischen sie ihre Hammel verspeisten
    und ob sie vor dem Mahl eine Tischdecke aufgelegt haben

  10. Don, Sie überschätzen, unterschätzen und fehl-einschätzen die Historiker
    und Archäologen, ihre Interessen und Möglichkeiten, ihre Funde und deren Zusammenfassung.

    Was auch immer die Geschichte einstmals über uns sagen wird, eines ist sicher – nichts, was wire uns heute wirklich vorstellen können.

    Davon abgesehen teile ich ja Ihren ästhetikschen Widerwillen durchaus, nur drage ich mich, ob das nicht eben der unabwendbare Preis der auch von Ihnen konzedierten Verbesserung der Lebensverhältnisse seit der Renaissance war? Etwas Schwund ist immer.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  11. Bloß kein Recycling
    Hallo Don,
    wenn Du nackt und tot auf dem Seziertisch liegst, weil Du Dich erwartungsgemäß in einem italienischen Restaurante überfressen haben wirst, ist es noch nicht vorbei.
    Der Mensch ist deshalb kulturschaffend: Es bleibt ein Sunbeam mit Motorschaden, ein rostiges italienisches Cabriolet und ein ehemaliges Jesuitenkolleg an der Donau neben diversen Texten und Einträgen. Dank eines Jakob Augstein Interviews ist der Don auch bei Wikipedia bekannt, wo es auch einen Eintrag über Herrn Nurman, den Erfinder des Döner-Kebab gibt.
    Aber bis dahin kannst Du noch Nachwuchs zeugen und eine Sittengeschichte schreiben.

  12. Schwund...
    „Wir haben Schönheit gegen Wohlstand eingetauscht“ schrieb schon der große Peter Kurzeck.

    Aber ich habe sagen hören, dass auch auf Hütten rund um den Tegernsee der Germknödel gerne auf billigem Industrieporzellan daherkommt und die Tischdecke nicht vorhanden, oder aus schnödem Papier ist.

    Und manch ein Dönerverzehrer ist durchaus in der Lage in feiner Umgebung das Austerngäbelchen, so wie es die Tradition verlangt, mit links zu führen.

    Den Döner aus der Hand – das Fünf-Gänge-Menü mit dem entsprechendem Besteck. Guter Stil bedeutet eben das Angemessene auf angemessene Art und Weise zu tun.

  13. Mei, Garching -
    schade um die Lebenszeit, aber das weiß man doch auch ohne hinzufahren! Was ist mit den Bierbänken von Kaltenbrunn? Machen Sie doch dort einmal Photos! Von den Security-Schwarzhemden, die wg. schwieriger Kindheit leider (noch) nicht in Garching studieren dürfen, sich aber wenigstens als Revierwächter aufmandln dürfen. Auch Kinder der Revolution, mit entsprechender Ästhetik. Vielleicht kann man mit denen über Gender-, Gentry-u.Oligarchifizierung plaudern?

  14. "Der Westen leuchtet heller"
    Die jetzt 50-Jährigen scheinen in der der Verteidigung ihrer Biografie genauso schlecht
    zu sein wie die 50-Jährigen der DDR nach der Wende.

    Das wird nix.

  15. Pingback: Mit Mozart zum Wasserwerfer | Stützen der Gesellschaft

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