Stützen der Gesellschaft

Die Weltrevolution wird den Mieter nicht retten

We’re all mad here. I’m mad. You’re mad.
The Cheshire Cat

Einer der angenehmen Aspekte am Tegernsee ist, dass es hier zwar Journalisten gibt – aber praktisch alle kommen nur zum Sterben hierher, was sie unvermeidlich auch tun, und dann liegen sie auf unseren idyllischen Friedhöfen neben ebenso verstorbenen Politikern. Die Ausnahme – ich, der ich noch schreibe – bestätigt nicht nur die Regel, sondern hat auch nicht vor, ewig zu leben, weshalb auch nachziehende Journalisten hier recht einsam bleiben dürften. Es gibt zwar ein Cafe mit Blick auf den See, einem Kachelofen und diskreten Seitenräumen, die ideal für Interviews geeignet wären – aber keine Journalisten. Die paar, die hier durchkommen, um im Bräustüberl zu trinken oder im Hotel Überfahrt die Küche kostenfrei zu “testen“, die kommen nicht hierher. Ich bin also allein, und ich rede hier auch nicht über meinen Beruf.

Nicht nur zur Tarnung, sondern auch zur sittlichen Erbauung habe ich die World of Interiors dabei, ein Enrichtungsperiodicum aus England mit den immer gleichen, aber nie langweiligen Erzählungen: Sohn oder Tochter aus gutem Hause erben eine nicht ganz kleine Immobilie oder finden ein entzückendes, verschlafenes und vergessenes Kleinod, retten alles vor dem Verfall, und überführen das Objekt in eine neue Zeit der mehr oder weniger glanzvollen Lebensfreude. Es ist diesmal auch wieder alles dabei, vom Palast am Nil über ein französisches Schloss und dänische Schlichtheit bis hin zur umgebauten Scheune und einem Boot, vollgestopft mit am Strand aufgesammeltem Treibgut. Alle erzählen zwar, dass sie die Stücke der Einrichtung entweder geschenkt bekommen haben, irgendwo fanden oder vom Trödel retteten, aber genau das lese ich gerne und immer wieder. Hinter mir bücken sich die Bedienungen am Kachelofen, um das Feuer einzuschüren, vor mir treibt die Polarluft Schnee über den See, aber ich sitze hier einsam und freue mich, dass es anderen in ihren Häusern auch gut geht.

Das ist eine reichlich bürgerliche Haltung, so kenne ich das seit meiner Geburt, denn ich komme aus einer kleinen, dummen Stadt in Bayern, und da ist der Besitz von Immobilien in einer gewissen Schicht obligatorisch. Lange Zeit wurde man deshalb ausgelacht, jeder hat einem geraten, den alten Krempel doch zu verkaufen, das Geld gewinnbringend zu investieren – bei uns konkret in Zertifikate einer Bank, die 2009 untergegangen ist – und zu bedenken, wie schlecht doch die Rendite sei: So ein Haus sei mehr oder weniger totes Kapital, tot wie Politiker und Autoren auf unseren Friedhöfen. Der Tegernsee galt damals als eingestaubtes Altenrefugium, das man nur aufsucht, wenn das Leben vorbei ist, und wer 2007 sagte, das Miethaiblut wäre nun mal in seinen Adern und er würde gern am Tegernsee wohnen, galt, höflich formuliert, als extravagant. Dann kann die Finanzkrise. Ich sage nicht, dass die Immobilien seitdem teurer wurden – es ist andersrum, das Geld hat im Verhältnis zu Immobilien seinen wahren Mangelwert erkannt und nähert sich in der Draghi-Ära dem realen Verhältnis zu realen Gütern an. Weltweit ist es üblich, dass Menschen fast die Hälfte ihres Einkommens für Wohnen ausgeben oder sich über 2 Generationen verschulden, um Häuser zu kaufen – außer natürlich sie sind illegal hier in Deutschland und bekommen daheim für die Ausreise deutsche Wohnbeihilfe. Die Deutschen allein sind im Irrglauben gefangen, es gäbe momentan eine Blase und das werde alles schon wieder billiger. Letzte Woche zeigte jemand bei Twitter ein Angebot. 6m² in einer 4-Zimmer-WG im versmogten München. Für 600 Euro Miete.

Es gibt zwei Arten von Journalisten auf dieser Welt, die einen lesen mit Blick auf den See die World of Interiors und die anderen haben Dienst in grossen Städten wie München oder Hamburg, und müssen dort wohnen. Ich lese die World of Interiors und bestelle eine Birnenschichtbombe, die anderen durchforsten Wohnungsanzeigen und stellen fest, dass ihr Gehalt eine Deckungslücke hat, wenn sie gleichzeitig einen Applerechner, eine Wohnung und Essen aus Restaurants wollen. Offensichtlich ist in Städten wie Hamburg und München das Wohnen der Faktor, der jedes Jahr mit 10% Preissteigerung aufwartet, und das tut auf mittlerer Sicht natürlich weh: Auflagen sinken, Löhne stagnieren, Preise steigen. Ich kann schon nachvollziehen, dass solche Entwicklungen schmerzen. Es schmerzt nicht nur den Nachwuchs, der sich in WGs drängt, sondern auch die mittlere Leitungsebene, die zwar nicht schlecht verdient – aber bei Quadratmeterpreisen über 10.000 Euro und den Unsicherheiten des Berufslebens kaum einen Kredit bekommen wird, um in diesem Umfeld mehr als 50m² zu erwerben. Das ist für die Kinder des Bürgertums, die selbst noch aus grösseren Häusern der Provinz stammen, natürlich ein Schock. Ahh, die Torte, sehr schön, vielen Dank!

Wo war ich ach so, ja also, der Schock, richtig, als die Finanzkrise begann, also vor 10 Jahren, hätte man für meine Wohnung in München nicht einmal die Hälfte dessen bekommen, was ich nun erwuchern könnte. München war schon immer nicht billig, aber langsam gleicht es sich dem international vergleichbaren Niveau an. Der Tegernsee hat auch angezogen, die kleine dumme Stadt an der Donau ist sogar der Spitzenreiter in Deutschland, und obwohl ich keinen einzigen Quadratmeter mehr zur Verfügung habe, sehe ich schon, wie die Kollegen relativ dazu abstürzten. Aus Leuten, die mit eiserner Sparsamkeit nach 20 Jahren eine kreditfinanzierte Wohnung hätten abbezahlen können, wurden Leute, die mit eiserner Sparsamkeit vielleicht in 20 Jahren die Miete noch bezahlen können. Und nur so kann ich es mir erklären, dass die frühere Süddeutsche Zeitung, das Blatt für die besseren Kreise in Italiens nördlichster Stadt, mittlerweile zur Prantlhausener Zeitung in ihrer Onlineausgabe wurde, die gallig jubelt, wenn angebliche “Künstler” dazu aufrufen, Vermieter zu denunzieren, die dann mit automatischen Daueranrufen terrorisiert werden.

Das ist ein vollkommen unbürgerliches Verhalten. Das tut man nicht. Man richtet nicht andere Leute aus, wenn man selbst ein Problem hat. Man versucht, die Probleme selbst anzugehen. Normal wäre es, den Lesern die Wahrheit zu sagen, dass sich die Bewertung von Immobilien und die Miete drastisch ändern, dass an der Finanzkrise Politik und Banken die Hauptverantwortung tragen, die Reduzierung des sozialen Wohnungsbaus von allen Parteien getragen wurde, und man nun selbst verantwortlich für das eigene Vorankommen ist. Es ist keine gute Zeit für Medienprojekte mit unsicherem Ausgang, für Belästigungskunst und Crowdfunding. Es ist eher eine Zeit für ungeliebte Sekundärtugenden wie Sparsamkeit, Fleiss und Zuverlässigkeit, wenn der Weg doch noch in die Eigenimmobilie führen soll. Manche haben längst aufgegeben, wie etwa Mitarbeiter der Zeit, die den boomenden Wohnungsmarkt mit dem Wort “betroffen” niederschreiben.

Geht es unbürgerlicher? Medien, die ohne mit der Wimper zu zucken ein Schneeballsystem mit dem Namen “Bitcoin” hochschreiben, beklagen in der eigenen Niedergangsbranche den wirtschaftlichen Erfolg der Baubranche. Mein Eindruck war, dass auch die Zeit eher Kunden ansprechen will, die nicht zur Miete wohnen, aber oft trieft eben die Qual des vom Schicksal geschundenen Mitarbeiters aus den Zeilen: Da wird nicht hinterfragt, welche ansonsten hochgejubelte Klimapolitik am Bau die Preise und Mieten treibt, da ist man im Eismeersumpf “betroffen” wie von einer Seuche, einem Terroranschlag oder einer Bankenpleite. Das Bürgertum, das ich kenne, ist nicht betroffen – es genehmigt sich noch einen Tee und blättert in der Einrichtungsbroschüre weiter, während man in Prantlhausen inzwischen Gefallen an Kollektivierungen der sozialistischen Brüderstaaten findet:

Natürlich kann man Grund und Boden verstaatlichen oder per Gesetz anderweitig dem Handel entziehen. So wie man auch per Gesetz Währungen fixieren kann, oder Kurse reglementiert hat, oder Staatsanleihen anderer Länder kauft. Man kann auch mit Slogans wie “und die Stadt gehört Dir” Wahlkampf machen, wie die Linke in Berlin: Dort gibt es jetzt Ausstellungen über mutige Drogendealer, eine geschlossene Behörde für Alleinerziehende in Mitte und bei der Wohnungsmisere immer wieder die Idee der Enteignung und Verstaatlichung von Wohnraum. Mag sein, dass der nächste sozialistische Großversuch unter Rot-Rot-Grün in Berlin besser als in Venezuela ausgeht. Aber in München ist dergleichen nicht absehbar, da gibt es auch keine demokratische Mehrheit, und ich frage mich schon, warum man so einer Stadt Artikel zumutet, die eher ins Neue Deutschland von 1952 passen würden. Früher saß ich übrigens öfters hier und las die SZ – inzwischen ist die World of Interiors doch sehr viel angenehmer, und ich wundere mich, warum jene Zeitung überhaupt noch teure Anzeigen von jenen unmoralischen, zu enteignenden Immobilienhaien annimmt.

Ich habe übrigens kein Mobiltelefon mit Internet, ich bin hier wirklich abgeschnitten, und die wiederholten Klagen von Medienschaffenden im Internet, man könnte sich den Beruf nicht mehr leisten, bekomme ich nicht mit. Das ist gut so. Ich würde mich sonst nur ärgern und nicht mehr auf den See schauen, sondern wütend kommentieren: Dass es zu viele Schreibende gibt, und es gleichzeitig unmöglich ist, auf die Schnelle einen guten Installateur zu bekommen. Sogar seine herzogliche Hoheit ist mit seiner Brauerei beim Gasthof in meinem Dorf im Baurückstand – weil es dort zu wenig Personal gibt, obwohl der Stundenlohn deutlich über dem der klagenden Journalistinnen liegt, von denen es offensichtlich zu viele gibt. Natürlich wäre es angenehmer, bei einer Staatsparteizeitung über die Erfolge des neuen 5-Jahresplans nach Enteignungen der Plutokraten zu schreiben, und danach von der neuen Wohnung in der Stalinallee auf die werktätigen Massen zu blicken, die Staatsratsbeschlüsse übererfüllen. Es war nicht alles schlecht im Kommunismus. Aber alles in allem ist die Torte hier am See doch deutlich besser.

Eigentum verpflichtet, das steht so auch im Grundgesetz, aber es verpflichtet mich nicht dazu, mich dafür zu schämen, auf der richtigen Seite der “Betroffenen” zu stehen. Auch in der World of Interiors wird oft von der Pflicht gesprochen, das Gute zu bewahren, das Alte zu erhalten, das Neue schön zu gestalten und die Zukunft zu einem goldenen Zeitalter zu machen. Erfahrungsgemäß treiben Artikel, die Mobbing loben und Preise beklagen, den deutschen Michel nicht in die sozialistische Weltrevolution. Daher würde ich aus meiner Erfahrung heraus die Kollegen darauf verweisen, dass das Eigentum Aller an Allem nicht nur durch Mao und Pol Pot erreicht werden kann – sondern dadurch, dass jeder nach Möglichkeit auch ein Eigentümer wird.

Es ist gar nicht so schwer, hinter Bayreuth und Coburg fallen die Preise ins Unermessliche, ein ganzes Ostland harrt immer noch der starken Jugend, die tatkräftig zupackt – anders wird das nichts, wenn man niemanden bezahlen kann. Es ist vielleicht nicht ganz zentral, die Nachbarn haben eventuell eine grosse Diversität bei den politischen Vorstellungen, aber das geht mir persönlich am Tegernsee auch nicht anders. Man überlebt es. Es gibt ein Deutschland jenseits des Mittleren Rings in München und ohne Blick auf die Elbe, man muss nur wollen und die Wut, den Hass auf Menschen wie mich produktiv umsetzen. Und ich garantiere: Wenn erst einmal alle Projektemacher, Lohnschreiber und Internetpersonen die Schönheiten der Lausitz oder Vorpommerns entdeckt haben, ist in den Städten auch wieder mehr Platz für Polizisten, Krankenschwestern, Lehrerinnen und Kindergärten. Auch habe ich nie verstanden, warum Genderinstitute so fern jener deutschen Ostgrenzen angesiedelt sind, hinter denen sie wirklich viel echtes Patriarchat studieren könnten. Als Gentrifizierer der Tegernsee-Praxis darf ich jedenfalls noch anmerken, dass man sich idealerweise vor die Gentrifizierungswelle setzt: Wer jetzt im Thüringer Wald siedelt, ist schon da und kann zur Kreditfinanzierung etwas vermieten, wenn andere erst durch die Umstände gezwungen werden, sich dort anzusiedeln. Wenn man die langfristige Entwicklung im Wohnungsbau betrachtet, ist das die logische Konsequenz.

Gute Ideen für Gehöfte und Scheunen finden Sie in der World of Interiors, nachdem die früher bürgerliche Presse heute die Druckerschwärze lieber für Klagen nach staatlichen Eingriffen verprasst.