Home
Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

25. Feb. 2015
von Despina Castiglione
50 Lesermeinungen

38
22785
     

50 Shades aus professioneller Sicht

„This ain’t the heartache that I thought I knew
This ain’t the party that I thought we’d do
You got your limit, baby I got mine“

St. Paul and the broken Bones, Call me

Es soll neuerdings Menschen geben, die im Kino masturbieren. Nicht im Pornokino, da erregt das denkbar wenig Aufsehen, sondern in irgendeinem ganz normalen Kino. In einem, in dem völlig legal und unhinterfragt 16-jährige sitzen, oder auch 13-jährige, die etwas älter aussehen, weil wir haben ja eine immerhin eine FSK, was sich in der Akzeptanz von Blut- und Hirnspritzern in für Teenager frei zugänglichem Filmmaterial zeigt, aber wehe, es spritzen andere Körperflüssigkeiten.

fisa (8)

Jedenfalls, nachdem ich mich schon nicht fürchte, ein Pornokino zu betreten, schreckt es mich auch nicht, mich in ein ganz gewöhnliches Kino zu setzen, und mir den Film anzusehen, der angeblich momentan reihenweise den Leuten die Sicherungen durchbrennen lässt. Üblicherweise hätte mich das nicht weiter interessiert, ich habe einen ganz anderen Geschmack und eine große Cineastin bin ich auch nicht, aber als Sexarbeitende zählt so etwas ja schon fast als Fortbildungsveranstaltung. Man muss wohl in meiner Branche damit rechnen, in nächster Zeit nach Kabelbindern und Klebeband gefragt zu werden, schenkt man dem Hype Glauben. Und um ehrlich zu sein, mir war die Zeit für das Buch zu schade, hier liegen noch Pitigrilli, Gerheim und beide Ausgaben des Kinsey-Reports, ich werde mich beherrschen können, 50 Shades of Grey dazu zu legen.

Insgesamt scheint das Werk ja großes Interesse zu finden, und es gibt Stimmen, die sich lobend äußern, weil die Beliebtheit der Geschichten um Mr. Grey und Mrs Steele sexuelle Devianz zum Thema macht, und es der Gesellschaft sicher gut tut, das mal etwas breiter und offener zu diskutieren. Grundsätzlich wäre ich nicht abgeneigt, dem zuzustimmen, aber ich habe gestern den Film gesehen und bin noch nicht fertig mit Kopfschütteln.

fisa (6)

Es wäre möglich gewesen, sich dem Thema behutsam und auf eine gedeihliche Art und Weise zu widmen. Mutig wäre es gewesen, einen Film zu machen, der die Dynamik einfängt, die gewisse Bedürfnisse gelegentlich entfalten, und dabei zeigt, dass Menschen mit auf den ersten Blick ungewöhnlichen sexuellen Vorlieben durchaus ganz wunderbar funktionierende und beglückende Beziehungen leben können. Einen Film, der die Leute ermutigt, sich mit ihren Neigungen und Wünschen offen auseinanderzusetzen, der gelingende Kommunikation, respektvollen Umgang zeigt und Lust macht, auf Entdeckungsreise mit der eigenen Sexualität zu gehen.

Schließlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass es einen Anteil an Menschen gibt, die das, was man landläufig als „Sadomasochistische Neigungen“ bezeichnet in sich tragen, und nach meiner bescheidenen Meinung und Erfahrung sind das jetzt nicht so verschwindend wenige. Und anscheinend vor allem so viele, dass man sie als potentielle Kundschaft für allerlei Sexspielzeug entdeckt hat, anders ist das aufdringliche Merchandising nicht zu erklären. Sogar die Krawatte, mit der Mr. Grey seine Teuerste fesselt, kann man käuflich erwerben, und die Zielgruppe bewertet sie bei Amazon mit nicht weniger als 5 Sternen. Es ist auch eine After-Spanking-Creme erhältlich, mit Arnika, Jojoba und Vitamin E, aber natürlich ohne Heparin, weil so etwas gehört dann in die Apotheke und nicht ins Spielzimmer und so fest zuschlagen, dass man die Verwendung einer Heparinsalbe in Betracht ziehen könnte, also bitte, das ist jetzt ja wirklich total krank.

Der Film schafft es, ganz implizit doch recht klare Vorgaben zu machen, was unter annehmbarem Sexualverhalten zu verstehen ist, und was nicht: Mr. Grey und Mrs Steele verhandeln schließlich en detail, wie weit die Unterwerfung zu gehen hat, theoretisch jedenfalls, und sie bekommt deswegen sogar zwei Safewords, eines für die harten Limits, und eines für die soften. Da wo ich herkomme, ist ein Nein ein Nein, und stop heisst stop, und zwar gleich aufs erste Mal, und ich muss ganz offen zugeben, dass ich diese Regelungen auch für sehr sinnvoll halte, selbst wenn das manche Menschen als rückständig betrachten.

fisa

Die Zuschauer lernen im Verlauf der Verhandlungen um den „Sklavenvertrag“ der Protagonisten, dass Genitalklemmen und jede Form von ganzhändiger Penetration rundweg abzulehnen, Stalking und Bevormundung aber als gleichzeitig sexy und fürsorglich zu betrachten und damit völlig akzeptabel sind, vor allem, wenn der Stalker wohlhabend und jungdynamisch ist und die Liebste mit dem eigenen Heli abholt. Auch manipulative Gesprächstechniken, teure Geschenke und Einflussnahme auf das komplette soziale Umfeld sind anscheinend probate Mittel, um an Beischlaf – pardon – konsensuelle Hingabe, zu kommen.

So lange die Bereitschaft zum Sex nicht durch die Zahlung eines Betrages X in bar erkauft wird, scheint fast jedes Mittel legitim und vom Zweck geheiligt, und natürlich kommt auch dieser Film nicht ohne ein billiges Hurenklischee aus: Mr. Greys Mutter war Prostituierte, und fraglos ist der Gute durch diesen Umstand emotional so fragwürdig konditioniert. Falls Sie den Film gestern gesehen haben, und hinter Ihnen bei dieser Szene jemand kurz aufgelacht hat, war das wahrscheinlich ich.

Der sexuelle Missbrauch, den er im Umfeld seiner wohlhabenden Adoptivfamilie erlebte, in die er aufgenommen und so von der Bürde der sich prostituierenden Mutter erlöst wurde, wird dagegen erstaunlicherweise als fast schon einvernehmlich und wohltuend, sozusagen als persönlichkeitsbildende Maßnahme dargestellt. Eine Freundin der Adoptivmutter hat ihn als Teenager in die Geheimnisse des Sadomasochismus eingeweiht, und die beiden verbindet seither eine merkwürdige Art von Freundschaft. Ich wundere mich ernstlich, hierzu noch keine Kritik vernommen zu haben. Ich dachte, es gebe zu diesen Fragen einen gesellschaftlichen Konsens, und ich wäre ehrlich überrascht, wenn dieser trotz des einträglichen Geschäfts mit diesem Film nicht verteidigt würde. Ich meine, hatten wir da nicht kürzlich hitzige Diskussionen und verschärfte Gesetze und einen Pranger und vielleicht auch noch die ein oder andere offene Frage?

fisa (1)

Es sitzen Menschen zuhause im dunklen Kämmerlein und fühlen sich krank, weil sie sich gerne mal den Hintern versohlen lassen möchten oder jemandem eine solche Behandlung angedeihen lassen, und im Kino läuft ein Film, der zeigt, dass BDSM-affine Menschen emotionale Wracks sind, die einander in völliger Kommunikationsunfähigkeit umkreisen und sich letztendlich unglücklich trennen. Letztlich schlägt Mr. Grey dann nämlich etwas zu fest zu und der Abschied im Aufzug lässt natürlich Raum für Hoffnungen auf eine Fortsetzung der Geschichte. The Show must go on, und so lange die Leute zu zahlen bereit sind, kann es so schlecht ja nicht sein.

Ich glaube nicht, dass Menschen durch die Verfügbarkeit billigen Sexspielzeugs im Fifty-Shades-Look besseren Sex haben. Ich glaube insgesamt nicht, dass dieser Film irgend etwas beiträgt zu Akzeptanz und Offenheit in Sachen Sexualität, er zementiert Vorurteile, und die Leute bezahlen das auch noch mit ihrem sauer erarbeiteten Geld. Allein die Werbung vorab lässt ja klar erkennen, an welche Zielgruppen der Film sich wendet. Vegetarische Wurst, Ikea und Potenzmittel. Man könnte lachen.

fisa (3)

Entsprechend weiß ich nicht, was an dem Film so bejubelnswert ist, denn ganz ehrlich: Ein tiefsinniges Drama habe ich gestern nicht gesehen, auch keine Charakterstudie oder Kunst auch nur im weitesten Sinn. Eher einen schlecht gemachten Softporno mit mäßigen Schauspielern und eine Hommage an die grenzenlose Konsumorientierung. Nichts, was dazu anregt, in einen Dialog, ob nun in der Partnerschaft oder der Gesellschaft zu kommen. Nur Werbung für überholte Rollenbilder, einfache Gedanken und den sich mehr oder weniger doch eigentlich von selbst verkaufenden Sex.

Es wäre schön gewesen, einen Film für Menschen zu machen, die das Spannungsfeld, das sich aus den Themen Sex und Macht in dieser Kombination ergibt, interessiert. Einen Film, der es möglich macht, sich auf die Erlebniswelt der Protagonisten einzulassen, einen der vielschichtige und lebendige Charaktere zeichnet, statt Klischees abzufeiern und Aufwertung durch Abgrenzung zu propagieren. Es ist aber leider kein behutsamer, kein aufklärerischer, kein mutiger Film geworden, sondern einer, der an Banalität und Verherrlichung des allgegenwärtigen Konsumdenkens unter dem Deckmäntelchen angeblicher Erotik nur schwer zu überbieten ist.

25. Feb. 2015
von Despina Castiglione
50 Lesermeinungen

38
22785

     

22. Feb. 2015
von Don Alphonso
59 Lesermeinungen

18
8108
     

Das Radiomädchen und der Anzugreinigungsmann

Schlucken, Kind.
Meine Grossmutter

Und wie immer hatte sie natürlich recht, wenn sie das sagte: Schlucken, Kind. Nicht aufregen, schlucken. Meine Grossmutter sagte nie „Sei still“ und auch nicht „Sei stad“ und auch nicht das, was Grossmütter in Norddeutschland mit gespitzten Lippen zu sagen pflegen: „Andere sind für uns kein Massstab“. Sie sagte einfach nur schlucken, und als guter Enkel habe ich das natürlich gemacht, selbst wenn mir die ein oder andere Bemerkung auf der Zunge gelegen wäre. Meine Grossmutter hätte natürlich auch etwas sagen können, und tat es vielleicht. Später. Aber nicht in der Öffentlichkeit. Da schluckt man.

mietfreia

Das mit dem Schlucken jedoch ist nicht ganz so leicht, wenn einem diverse Lasten des Alltags zwar immer abgenommen wurden und Brötchen stets da waren, man sich aber seine Gemälde selbst verdienen muss – und zwar mit Erzählungen über Umstände, die einem in durchaus privilegierter Stellung, von oben herab, an diesem Land auffallen, das vermutlich etwas mehr „meines“ als „unseres“ ist. Und es ist ja nicht so, dass man wirklich nur von einem freudigen Ort zum nächsten durch arkadische Landschaften eilt. Wenn ein Bild im Umkreis von, sagen wir mal 200 Kilometer steht, und mit der Post verschickt werden müsste, fahre ich natürlich hin und hole es direkt ab. Das ist auch nicht teurer als der Spezialversand, schont das Gemälde und den Postboten, und ausserdem sind das immer nette Gelegenheiten, sich mit Menschen auszutauschen. Allerdings hat es der Schöpfung gefallen, zwischen mein Jesuitencollegium an der Donau und das feine Isarhochufer, an dem letzte Woche goldene Sonnenstrahlen leckten, die graue Stadt München zu legen. München wiederum besteht aus zwei Opern, diversen Museen, einigen ganz hübschen Strassen dazwischen und ganz viel Stadt aussenrum, die sich wie Kalk an einem Heizstab am Mittleren Ring festgesetzt hat.

Da muss man durch, wenn man sich kulturell verdient machen und das asamzeitliche Gemälde neben die heimische Asamkirche bringen möchte. Man sieht dort Unmengen von anspruchsloser Gebrauchsarchitektur, die keinem Gott, sondern nur dem Profit und der Verräumung von Massen heiligt, man sieht Baustellen, Verkehr und Grünflächen, denen man nach zwei Dekaden Einzelhaft in einer fensterlosen Zelle vielleicht etwas abgewinnen kann. Und man sieht enorm viel Werbung, die bei uns wie in allen besseren Vierteln inzwischen weitgehend ausgerottet ist. Und da gibt es dann so Momente, da muss man wirklich schlucken. Hier etwa.

mietfreib

Das ist eine Aktion eines Radiosenders, bei dem man bei erfolgreicher Durchführung irgendwelcher Gewinnspiele ein Monat mietfrei leben kann, weil der Sender das bezahlt.

Ich mein, ich lebe nicht in München, ich fahre dort nur durch, aber das ist schon ganz schön diskriminierend, nimmt das Plakat doch selbstverständlich an, die Betrachter würden Miete zahlen, also keine eigene Wohnung besitzen, und für so eine kleine Gabe derartig erfreut reagieren. Ich weiss aus eigener Anschauung, wie es ist, wenn solche Mieten eingehen, da freut sich bei uns niemand, das ist halt so. Niemand reisst hier die Augen auf und sprudelt über vor Glück. Man bekäme bei uns das Gschau, wenn man sich mit den Kontoauszügen so aufführen würde. Das schluckt man einfach hinunter, es ist, wie es ist, das gehört sich so und das muss in der Klassengesellschaft auch so sein: Das Leben ist schon ganz gut.

Aber kann es auch so schlecht sein, dass man sich von derartigen Plakaten und ihrem Inhalt angesprochen fühlt und denkt, so möchte man auch sein? Und das alles, um nach einem Monat wieder selber zahlen zu müssen. Man liest im Moment viele Klagen über schlechte Rollenbilder beim Bachelor, bei Fünfzig Schattierungen und dem nächsten Topmodell – aber scheinbar niemand stört sich an der Einordnung bei den besitzlosen Schichten, die schon einem dudelnden Radiosender dankbar sein müssen.

mietfreic

Ich höre Bayern 4 Klassik, aber meine Gedanken gehen zu jenem anderen Plakat, das ich erst kürzlich im Gärtnerplatzviertel sah, einer Ecke der Stadt, die unter massivem „Aufwertungsdruck“ steht – so schreiben es zumindest klagend die Kollegen der Münchner Presse. Andere empfinden das als Werbung für die Wohnlage, wollen auch zu den Gewinnern gehören, und bewerben sich darum, hier mieten zu dürfen. Es kann sein, dass man bei so einer Werbung mit Gewinnertyp schlucken, viel schlucken muss, aber das Schlimme ist: So sieht eben auch die Realität aus. Das ist genau der Typus, der sich hier um die Mietwohnungen anstellt, die untere Mittelklasse der Funktionsträger, aufstiegswillig, erfolgsorientiert und bereit, für die richtige Adresse auf der Visitenkarte ordentlich zu zahlen. Einmal musste ich hier per Inserat vermieten, einmal ging es nicht über Beziehungen: Das meldete sich genau dieses Publikum. Im ersten Satz steht schon Stellung und Gehalt. Man will weg vom Mittleren Ring, wo jeder wohnt, hin zu den Vierteln, wo die wohnen, die nicht jeder sind. Aber vermutlich würden sie auch so jubeln, falls ihnen jemand dann einen Monat die Miete finanziert.

Ich verpasse im Grau der Häuser und Gedanken die Ausfahrt nach Pullach, fahre über die Isar und nehme den Umweg durch Grünwald und reizende Villen in Kauf, um dann weiter südlich im strahlenden Sonnenschein bei Höllriegelskreuth den Fluss erneut zu überqueren. Sol lucet omnibus kann auch nur sagen, wer die bevorzugte Wohnlage im Münchner Süden nicht kennt. Gut zusammenpassen würden sie ja, das Radiomädchen und der Anzugreinigungsmann, Doppelverdiener wären sie und das Fernziel würde hier liegen, wo man dazu übergeht, die alten, verschwenderischen Villen mit ihren Treppenhäusern und Walmdächern abzureissen, und Mehrfamilienhäuser zu bauen, die dem gleichen Zweck wie der raumoptimierte Architekturbrei am mittleren Ring huldigen. Würden sie eine Wohnung bekommen, dann würde sie auch die Augen so aufreissen und er die Faust ballen. Geschafft. Und nach etwas Suchen finde ich auch die Villa oberhalb der Isar, wo das Gemälde auf mich wartet.

mietfreid

Es ist eine stete Frage der christlichen Ikonographie – besonders in bürgerlichen Kreisen, die sich ihren Weg an die Spitze unter Lösung von der Kirche und ihren Normen selbst bahnen mussten – warum der Mensch über Jahrhunderte gern Abbildungen von Glauben und Gehorsam und Leid angeschaut hat. Die grossen Themen des Christentums sind Unterwerfung und Schmerz und die dadurch erreichte Verklärung, und das mag uns heute seltsam erscheinen. Ich kaufe so etwas aus kunsthistorischem Interesse, und weil in meiner Küche noch Platz ist. Ich muss mir keine Gedanken darüber machen, was einmal sein wird, wenn ich umziehen müsste, weil es eine abhängige Beschäftigung oder eine andere Mietwohnung verlangt; das sind eben die kleinen Vorteile, die man hat. Ich mag es, wenn meine Bilder auf Betrachter etwas schräg wirken.

Aber keines davon ist so schräg wie die Ikonographie der Moderne und der Werbebotschaften, wo das Seelenheil und alles Glück von einem Anruf eines Dudelfunks oder einem sauberen Anzug abzuhängen scheint. Man empfindet das als normal. Man wird davon offensichtlich angesprochen, und es ist der Horizont der Empfindungen. Keine Erlösung, keine ewige Glückseligkeit, kein angenehmes Jenseits. Ein Monat mietfrei, bevor es ans Weiterzahlen geht, und eine saubere Berufskleidung, die bald wieder in die Wäsche muss. Das ist die Ikonographie der Gegenwart, und da nimmt es dann auch nicht wunder, wenn, relativ dazu, die Ikonographie der Vergangenheit mit ihrem ewigen Anspruch heute auch nicht mehr wert ist, als ein bald unmoderner Anzug oder ein vergessener Monat ohne Miete.

22. Feb. 2015
von Don Alphonso
59 Lesermeinungen

18
8108

     

14. Feb. 2015
von Don Alphonso
47 Lesermeinungen

22
23530
     

Pornoskandal im feinsten Lehel

Nudus ara, sere nudus, hiemps ignava colono
Vergil

Stellen Sie sich vor, Sie wären reich. Steinreich. Reich genug, um sich ein Grundstück in der feinsten Lage der teuersten Stadt leisten zu können, hundert Meter lang und fünfzig Meter breit, direkt an der Isar und zentral gelegen. Und reich genug, ein Haus neben dem nächsten hinzustellen, sieben Stockwerke hoch und nur mit den besten Materialien. Eingänge aus schwarzem Marmor, vier Meter hohe Decken, Flügeltüren, dickes Parkett, getäfelte Wände. Sie schaffen es einem Architekten an, und der baut das für Sie. Einen ganzen Strassenzug. Und dann kommt der Architekt und fragt Sie, was Sie als Kunst am Bau haben möchten.

Nun, sagen Sie und schenken sich einen Cognac ein, lehnen sich zurük in Ihren Sessel und schauen mokant lächelnd himmelwärts, mein lieber Herr Baumeister, Sie werden so freundlich sein, über das Portal zwei splitterfasernackt posierende Knaben zu machen, vielleicht 4 Jahre alt, die den Hintern zusammen kneifen, den Penis vorzeigen, und dicke, wurstartige Girlanden schleppen.

lehela

Knaben mit dicken Dingern, ist notiert.

Und dann, sagen Sie, im Treppenaufgang, wo es dann etwas privater wird, hätte ich gern noch mehr nackte Knaben. Prall, mit Babyspeck, auf jedem Stockwerk einen, neckisch, gell, man soll ja was zum Anschauen haben, wenn man nach oben geht. Ganz einfach, viele nackte Knaben. Bitte die beste Ausführung, es darf ruhig was kosten. Bleiglas, verziert.

lehelb

Wenn Sie das vor einem Jahrhundert gesagt hätten, hätte sich niemand etwas dabei gedacht und es exakt so wie gewünscht gebaut – und so steht es übrigens auch tatsächlich an der Isar. Würden Sie das aber heute verlangen, kämen Ihre Verwandten zum Schluss, dass Sie neben einer untragbaren Vorliebe auch noch einen krankhaften Exhibitionismus haben – man würde Sie in ein Sanatorium in die Schweiz verfrachten und entmündigen lassen, bevor solche Motive einen Skandal verursachen und Sie das Geld Ihrer Erben anderweitig schmälern. Schliesslich haben wir nach Jahren der Panikmeldungen, dem Fall Edathy und der Nichtberücksichtigung des Umstandes, dass Kindesmissbrauch ursächlich weniger im Internet denn in Familien und in der Realität stattfindet, ein verschäftes Gesetz, und das besagt.

§ 184b Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornographischer Schriften
(1) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer

1. eine kinderpornographische Schrift verbreitet oder der Öffentlichkeit zugänglich macht; kinderpornographisch ist eine pornographische Schrift (§ 11 Absatz 3), wenn sie zum Gegenstand hat:
b) die Wiedergabe eines ganz oder teilweise unbekleideten Kindes in unnatürlich geschlechtsbetonter Körperhaltung oder
c) die sexuell aufreizende Wiedergabe der unbekleideten Genitalien oder des unbekleideten Gesäßes eines Kindes.

Nun.

lehelc

Das war übrigens noch bei weitem nicht alles. Die Darstellungen im Treppenhaus können in einer Zeit wie der unseren, die voll von möglichen erotischen Anspielungen ist, auch, sagen wir mal, eine weitere Bedeutungsebene bekommen. Der Krieg etwa ist ein Kind, das eine Lanze hält und es gehört gar nicht viel dazu, an dieser Stelle tatsächlich an die Ephebenliebe der klassischen Antike zu denken. Der Schmutz ist hier im Kleide des Denkmalschutzes und der allegorischen Anspielung, aber jeder würde heute wohl zurückschaudern, ginge es darum, sein Haus so zu verzieren.

Auch der Friede, der mit der Palme wedelt, ist nicht nur nackt, sondern auch anspielungsreich und ich möchte betonen, dass ich dieses Haus, diese Treppen hier seit fast einer Dekade kenne und nie den Eindruck hatte, jemand würde sich an diesen Darstellungen irgendwie erregen. Sei es nun sexuell oder moralisch. Die meisten finden das einfach nett. Hübsch. Man gewährt der Vergangenheit ganz selbstverständlich eine gewisse Toleranz, bekommt aber auf der anderen Seite Zustände, wenn es im Kindergarten einen männlichen Erzieher gibt. Oder die Kinder etwas komisches im Internet machen könnten. Wie definiert man eigentlich „unnatürlich geschlechtsbetonte Körperhaltung“ in einem Treppenaufgang, wo lauter nackte Kinder auch mal Tiere halten?

lehele

Da ist nun mal das alte Europa, das beste alte Europa unter dem Prinzregenten in Bayern, als München leuchtete, im klaren Konflikt mit unseren heutigen Moralvorstellungen, da wir nun empfindsamer sind und die Problematik besser verstehen und eben keine nackten Kinder über die Hauseingänge setzen. Wir wissen zudem, wie die Graubereiche des Gesetzes im Zweifelsfall gegen uns ausgelegt werden können, und bremsen uns lieber präventiv ein. Kurz, wir benehmen uns wie ein katholischer Kardinal der Spätrenaissance, dem die Lutheraner mit ihrer Entsagung den Spass ruiniert haben und der nun keine nackten Frauen mehr an den Wänden haben will, keine griechischen Götter beim Beischlaf und keine Unzucht – und deshalb einen der schlechteren Maler namens Daniele da Volterra im Rahmen von Sitte und Anstand beauftragt, da doch ein paar Stoffe vor die allzu kompromittierenden Stellen zu pinseln. Und danach noch mindestens eine heilige Cäcilie und eine Kreuzabnahme daneben. Frechere Maler, wie etwa Agostino Carracci, dessen pornographische Kupferstiche teilweise auch nach unserem Verständnis eindeutig strafbar wären, bekamen dagegen damals ebenfalls Ärger mit der Obrigkeit.

Nun haben wir also in besseren Kreisen derartige Häuser und gleichzeitig neue Gesetze. Vielleicht wäre es sinnvoll, wenn wir uns auch solche Hosenmaler, solche Braghettoni für unser puritanisch-awares und von Safe Spaces geprägtes Zeitalter beschaffen würden, auf dass kein empört schnell Hochsteigender ein Trauma bekommt und schon wieder einen Psychiater braucht. Allenthalben liest man bei uns, in Berlin gingen Galerien pleite, während kunstsinnige Uniabsolventen dort keine Arbeit finden und dann den Strukturen des Kunst- und Literaturbetriebs mit ihren verfehlten Vorstellungen auf der Tasche liegen: Eine Hose werden sie hoffentlich noch pinseln können. Oder etwas Medienkunst davor hängen, was man leicht wieder entfernen kann, wenn die allgemeine Empörung wieder nachgelassen hat. Besorgte Eltern besetzen hierzulande obendrein die Plätze und fordern weniger Sexualkunde an den Schulen, und im grünen Kalifat Kreuzberg geht man gegen angeblich sexistische Werbung vor: Wir leben in aufregenden Zeiten und können auch nicht mehr den Prinzregenten bitten, dieses Gschwerrl von der Gendamerie von der Strasse putzen zu lassen, wenn es uns nicht passende Vorstellungen hat. Doch, so ein paar Berliner Hosenmedienkunstmaler könnten wir hier schon brauchen. Es gibt solche Darstellungen ja auch in der Fraunhofer Strasse. Und auch als Kunst gerahmt in der Alten und Neuen Pinakothek. Die Kupferstichsammlung hat auch Carracci, fällt mir ein.

leheld

Und dann all die Barockkirchen – überall hängt hier was rum, wird etwas hergezeigt und wolllüstig gespielt. Es gibt viel zu tun bei uns in Bayern, um das Land auf den ethischen Standard von Gesetz und Jugendschutz zu bringen. So entlasten wir dann auch Berlin von ihrer Kreativzene, und wer weiss, vielleicht wird dort dann auch weniger gemalt, geschrieben und die Leute mit Modeblogs belästigt. Und wenn dann überall Hosen sind, beschäftigen wir sie als Putzpraktikanten weiter. Das ist in Zeiten des Mindestlohns immerhin noch nicht verboten und unser gutes Recht, und da lernen sie dann auch was für ihr Leben. Dahinten sehe ich noch Staub auf dem Jeff Koons, sagen wir, sinken in die Sessel und schenken uns noch einen Cognac ein.

14. Feb. 2015
von Don Alphonso
47 Lesermeinungen

22
23530

     

09. Feb. 2015
von Don Alphonso
64 Lesermeinungen

21
13008
     

Noch besser als würdevoll Kinder schlagen

Herr, es ist nur Pappelholz, ganz weich.
Don Camillo

Seiner Heiligkeit Papst Franziskus hat es nun also gefallen, sich nicht ganz ablehnend zur körperlichen Züchtigung von Kinder durch Eltern zu äussern, und er tat dies in Rom. In Berlin hätte er vielleicht angesichts liberaler Erziehungemethoden auch bewerten müssen, wie das Schlagen der Kinder gegen ihre Eltern zu bejubeln ist; ein Verhalten also, für das man uns in meiner Kindheit in Bayern sauber zusammengefaltet hätte, das aber heute recht normal zu sein scheint, und unter dem Schlagwort „freie Entfaltung der Persönlichkeit“ eher als Tugend denn als Verstoss gegen Anstand und Sitte aufgefasst wird. Natürlich mag es der Berliner nicht, wenn so ein römischer Papst die Weltbedeutung seiner Metropole nicht anerkennt und vergisst, liberale Methoden ausdrücklich zu loben, und auch nicht erwähnt, dass jede Unverschämtheit des Kindes ADHS ist und ADHS nur Ausdruck der nicht erkannten Hochbegabung, weshalb momentan die Kritik am Heiligen Vater nicht verstummen mag.

salmoa

Natürlich könnte man sich im katholischen Bayern – und wie man vielleicht weiss, wohne ich in jenem Jesuitenseminar, das seinerzeit fast schon ein zweites, ketzerverbrennendes Rom war – einfach hinstellen und auf die unergründlichen Wege Gottes vertrauen, denen zufolge dreisten Heiden, lautstarken Ungläubigen und den Ketzern der lutherischen Lehre später im Jenseits für die Kritik eine Behandlung droht, die weitaus übler als die paar Watschn ist, die hier in Bayern als gelebtes Brauchtum des geselligen Beisammenseins gelten. Ein Volk, das früher zu Lichtmess traditionell Stechereien mit dem Hirschfänger abhielt – „Licht aus, Messer raus“ war ein oft vernommener Aufruf in die Gaststätten – hat nun einmal eine andere Auffassung zum Grenzwert, der Fürsorge von Gewalt trennt. „A Watschn“ ist wangenrötend nett, „A Fotzn“ ist an der hämatombildenden Grenze und „oane einebetonian“ richtet sich gegen den festen Sitz der Zähne und wird wirklich als feindlicher Akt gewertet. Man sieht also, dass angesichts des sprachlichen Feingefühls meiner Landsleute durchaus eine genauere Erläuterung des christlichen Erziehungsgewaltbegriffs durch den Papst von Nutzen ist.

Und man sollte bei allem Entsetzen vielleicht auch nicht vergessen, dass es hier Lehrern noch ein den Ochzga Joahn vom letzten Jahrhundert auf dem Lande passieren konnte, dass Eltern beim Elternabend erklärten, welche Art Schläge sie angemessen finden und welche davon man dem Lehrpersonal überlassen möchte. Schlimm waren diese Zeiten, aber mancher Lehrer, der sich heute mit dem Anwalt der Eltern herumschlagen muss, weil deren Bratzen keinen Übertritt an die Gymnasien bekommen, wird im direkten Vergleich fast etwas milde werden. Wie auch immer, die Zeiten ändern sich und es ist zu vermuten, dass die generelle Wertschätzung des Kindes auch weiterhin nicht berücksichtigen möchte, dass da auch nur die Zukunft der Zerstörung des Planeten heranwächst.

salmob

Das fängt schon im Kleinen an. Was ich immer wieder höre, ist der Ärger um die Gnaschigkeit des Nachwuchses. In der Jugend meiner Eltern kannte man das nicht, da war man froh, wenn man überhaupt etwas hatte. In meiner Jugend wurde zwar nach den Vorlieben gefragt, danach dann aber gegessen, was auf den Tisch kam. Heute dagegen wird verweigert, nicht aufgegessen und zurückgeschickt, dass man sich als nicht Betroffener nur wundern kann. Natürlich sollte das Herz für die Kindlein schlagen und bei den alten Leuten berücksichtigen, dass sie ihr Leben schon hatten. Aber letzthin war ich beim Kloster Reutberg zwischen einem alten Ehepaar, das die Portion nicht schaffte und sich den Rest einpacken liess. Und überforderten Eltern, deren Kinder das Essen erst kaputtspielten, hineinspuckten und dann aufstanden, um das Elend jenen zu überlassen, die dafür zu zahlen hatten. Ich bin der Meinung, dass die alten Herrschaften ruhig länger diese Welt bevölkern sollten und ich weiss auch, dass mich meine Eltern bei so einem Kinderverhalten – also, ich kann das nur vermuten, bei uns war klar, dass man sich so etwas nicht leisten kann. Da blieb man auch sitzen und entschuldigte sich, wenn man sich erhob.

Das neue Verhalten ist dann tatsächlich der entwürdigende Moment des Umgangs mit der Schöpfung. Viele weniger heilige Väter schauen dann verzweifelt und fragen sich, warum sie Bratzen etwas biologisch Gutes bestellen wollen, wenn die nur den Dreck der Fastfoodketten und Süssigkeitenmultis in sich hineinstopfen, aber die Rohrnudel nur anstochern, die Haut auf der Vanillesosse beklagen und dann nach dem iPad krähen. Da könnte einem im vorgewaltausübenden Umfeld schon mal die Hand ausrutschen oder zufälligerweise ein Watschenbaum umfallen. Schliesslich ist so ein Verhalten auch noch teuer, und so kommt man tatsächlich vielleicht nicht mehr von Federn auf Stroh, aber auch nicht zur eigenfinanzierten Immobilie im Voralpenland. Ich finde, es gibt schon Momente, da könnte man darüber reden, wie man dafür sorgt, dass die Würde der Eltern nicht so abgefotzt wird.

salmoc

Ich bin bekanntlich wohlgeraten und mein Benehmen wird allgemein gerühmt, und das Erfreuliche ist, dass zu diesem Ziel einen Mittelweg zwischen der Faust des Heiligen Vaters und dem modernen, hilflosen Versager mit sanfter Biofrau und den Nurdasbestefürdiekindern gibt – nämlich das, was meine Eltern mit dem Rotzlöffel gemacht haben, der ich gewesen bin. Ich hatte natürlich auch so meine Marotten und deshalb haben wir Bergurlaub gemacht. Auf einem Bergbauernhof, beim Louis. Und der Louis hat in seiner grossen, schwarzen Küche für alle gekocht. Mit drei Gängen, aber halt nur jeweils ein Essen am Samstag. Man mag vielleicht denken, dass eine grössere Auswahl fein gewesen wäre, und so wurde man am Sonntag auch belohnt. Was am Vortag übrig blieb, wurde nochmal verkocht. Und was dann verweigert wurde, wurde am Montag wieder aufgetragen. Freitag wurde meist nicht frisch gekocht, da wurde alles zusammengekocht, was im Laufe der Woche übrig blieb. Das war früher im schönen Südtirol so und auch in Bayern, da hat man nichts verkommen lassen und am Ende ein Gröstl gemacht.

Einmal, ich erinnere mich noch genau, weil ich dachte, ich würde sterben, war am Samstag etwas übrig geblieben, das dann im Freitaggröstl war und danach war ich sehr krank, aber ich habe überlebt und sogar dem Lausbub, der ich war, war einsichtig, dass es nur einen Weg gibt, dem Gröstl zu entkommen: Indem ich vorher alles wegputzte. Man muss dazu wissen, der Hof vom Louis lag am Berg und da konnte man zwar Preiselbeeren zupfen, aber nicht zu einem Supermarkt. Man bekam auch genug. Und ich habe zwangsweise aus Angst vor dem Gröstl alles probiert und dort zum ersten Mal den heute heissgeliebten Kaiserschmarrn gegessen, den ich bis zu diesem Zeitpunkt ohne Probieren abgelehnt hatte, weil ich lieber Pfannkuchen und Marmelade wollte. Das Verhalten haben mir die Salmonellen im Gröstl ausgetrieben, und keiner musste mich deshalb würdevoll schlagen. So eine Salmonelle kam wohl öfters vor, da hat ausser dem Erkrankten keiner ein Gschiess sich keiner Gedanken drum gemacht und ein paar Tage später bekam ich schon wieder Eis in Brixen. Ein Guter hält es aus und einen Schlechten muss man auf diese Art und Weise dann nicht im Bergwald aussetzen.

salmod

Gut. Gröstl mag ich bis heute nicht. Aber auf ewig wird die Frage im Raum stehen, wie man den richtigen Weg bei der Aufzucht beschreitet, so uns denn nicht der Russe ins Haus fällt und den Krieg beschert, von dem bei uns immer die Rede war, wenn man sich zu sehr anstellte. „Es müsste mal wieder ein gscheider Krieg kommen, dann wirst Du …“ war auch so eine in Bayern übliche Drohung, bei der sich keiner etwas dachte, und die heute vermutlich wieder sprachfeinfühlige Antidiskriminierungsmütter in Trab setzen würde, auf dass kein Kinderohr ein Trauma bekommen sollte. Das will ich natürlich auch nicht, und würde deshalb die Salmonelle einfach als gottgegebes, homöopathisches Naturprodukt werten wollen. Die Schöpfung weiss schon, was sie tut, man mus ihr nur Wirkungsmöglichkeiten geben – dann geht es auch ohne Schläge, Rizinus und Kapitulation vor der Unmoral der Kinder.

09. Feb. 2015
von Don Alphonso
64 Lesermeinungen

21
13008

     

05. Feb. 2015
von Despina Castiglione
80 Lesermeinungen

15
11652
     

Gespeichert und verdammt in alle Ewigkeit

Wenn man möchte, dass etwas gut wird, muss man meistens entweder Geld in die Hand nehmen und jemanden bezahlen, der Ahnung und Zeit hat, oder man macht es selbst. Gutes braucht eine gewisse Sorgfalt, und die braucht eben Zeit, und wie es mit der Zeit und dem Geld ist, nun, das ist allgemein bekannt.

Deshalb wasche ich beispielsweise meine Strümpfe von Hand, vor allem die Guten aus Nylon, weil sie auch nicht ganz billig sind und die Waschmaschine ihnen nicht gut tut. Anfangs musste ich mich überwinden, denn ich bin eher praktisch veranlagt, und wenn ich schon eine Waschmaschine besitze, möchte ich sie eigentlich auch gerne verwenden. Aber die Ergebnisse –sowohl im negativen Bereich die der Maschinenwäsche, als auch die positiven mit der Handwäsche- haben mich überzeugt, und ich stelle mich regelmäßig ans Waschbecken und betrachte das Strümpfewaschen schon fast als meditative Übung. Sie dürfen sich das gerne klischeemäßig vorstellen, ich höre Musik und singe unter Umständen sogar mit. Vielleicht tanze ich auch um das Waschbecken herum, zu viel verraten soll man ja aber auch nicht.

schugea

Ab und zu muss ich schmunzeln, wenn ich ein bestimmtes Paar zur Hand nehme, und hübsch aussehen tut es obendrein, wenn ich die Sachen zum trocknen aufhänge. Es macht mir wirklich mittlerweile Spaß, und trotzdem ist es Arbeit. Aber das Ergebnis lohnt, wie ich finde. Meine Strümpfe halten, seit ich sie von Hand wasche, mindestens drei Mal so lang. Ich mag es einfach, wenn etwas gut gemacht ist. Man muss sich halt nur etwas Mühe geben.

Deswegen habe ich auch vorhin Strümpfe gewaschen. Wegen der Notwendigkeit einerseits, aber auch wegen des meditativen Aspekts und des sich angesichts der ordentlich auf der Leine hindrapierten Strumpfwaren einstellenden Wohlgefühls.

Besonders gut war es nämlich um mein Wohlbefinden nicht bestellt, nachdem ich zur Kenntnis genommen hatte, worauf sich die Regierenden in Sachen Prostitutionsgesetz, das ja wahrscheinlich bald Prostituiertenschutzgesetz heißen wird, geeinigt hat.
Ich will jetzt nicht sagen, dass man sich nicht bemüht hätte.
Bei neuer Kleidung liest man halt den Waschzettel, oder man hört auf jemanden der sich auskennt. Ich habe ja keine Ahnung, wie man das macht, wenn man ein Gesetz entwirft. Auf jeden Fall sicher anders.

Wie dem auch sei, ich und meine geschätzten Kolleginnen, wir bekommen jetzt endlich „Schutz und Schirm“ für unsere beglückende Tätigkeit, zumindest wenn ich dem Herrn Weinberg von der CDU glauben schenke.  Für mich sieht das von Ferne momentan noch eher aus, als legte man den Huren doch eher Steine in den Weg, vor allem, falls sie jemals wieder in einem anderen Bereich Fuß fassen möchten, aber es ist ja auch alles noch ganz frisch und ich bin sehr gespannt, was genau in diesem Gesetzesentwurf stehen wird.

schugec

Das mit den Steinen, die einem für einen eventuellen Ausstieg in den Weg gelegt werden, kann mir persönlich relativ egal sein, ich fühle mich mit meinem Job wohl und werde wohl im Rotlicht alt und runzlig werden und niemals nicht in ein bürgerliches Angestelltenverhältnis zurückkehren. All jenen, die aber irgendwann mit der Sexarbeit abschließen wollen, vielleicht weil ihnen die eben doch spezielle Arbeit mit Sex doch nicht so gut tut, wie sie dachten, oder das Studium irgendwann nun mal vorbei ist, kann das aber nicht egal sein. Denen, die immer fordern, der Ausstieg aus der Sexarbeit müsste erleichtert werden, eigentlich auch nicht.

Der mir angedachte Schutz und Schirm schaut also so aus, dass ich mich nach einer verpflichtenden „Gesundheitsberatung“, welche durch einen Arzt oder vielleicht auch beim Gesundheitsamt, aber eben ganz sicher nicht mehr anonym erfolgen kann, bei einer noch nicht näher bezeichneten Behörde anzumelden habe, um legal arbeiten zu können. Diese Behörde wird wohl kaum keine geringere sein wird als die jeweils örtlich zuständige Polizei, hätte man nicht auf eine Sonderregelung abgezielt, man hätte ja das Gewerberecht bemühen können. Über meine Anmeldung bekomme ich dann eine Bescheinigung, die ich auf Verlangen vorzeigen muss, um nachzuweisen, dass ich eine aufgeklärte, selbstständige und freiwillig handelnde Person bin.

Sollte jemals eine Kundschaft sich erdreisten, nach dieser Unsäglichkeit zu verlangen, werde ich der Bitte selbstverständlich gerne nachkommen. Nachdem ich den Personalausweis der Gegenseite zum Zwecke der korrekten Rechnungslegung abfotografiert habe, natürlich. Es soll ja alles seine Ordnung haben, nicht wahr? Nein, Papierrechnung per Post nachhause kostet nicht extra, ich werde schließlich nach Zeit bezahlt, und habe als kluge Geschäftsfrau den Verwaltungsaufwand mit einkalkuliert.

Dankenswerterweise bin ich alt genug, um nur alle zwei Jahre vorstellig werden zu müssen, Kolleginnen unter 21 dürfen sich jedes Jahr neu anmelden. So hält man den Datenbestand aktuell, die jungen Dinger sind ja so unglaublich sprunghaft und wissen nicht, was sie wollen.

schugeb

Durch die Verknüpfung von relativ engmaschiger „Gesundheitsberatung“ und Anmeldepflicht entstehen also hübsche Datensätze, sogar mit detaillierten Bewegungsprofilen, weil die Sexbranche nun mal eine ist, in der die Dienstleistenden relativ mobil sind. Manche, so habe ich gehört, fährt gerne zum arbeiten in eine andere Stadt, wegen der vielgerühmten Toleranz und Anerkennung, die unsereinem ja ständig entgegengebracht wird.

Wissen Sie, ich bin von wenigen Dingen so überzeugt, wie davon, dass diese umfangreichen und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl auch in finanzieller Hinsicht auf Kosten der Betroffenen erstellten Datensätze bei jeder Gelegenheit gegen sie verwendet werden. Ich denke mit Schaudern zum Beispiel an die Alleinerziehende, die vom nichtzahlenden aber rach- oder eifersüchtigen Expartner im Namen der moralischen Reinhaltung an den Karren gefahren bekommt, wenn sie das Geld für die lieben Kleinen zusammenvögelt, weil der Mindestlohn nach Abzug der Kitagebühren kaum mehr für die Miete, geschweige denn für den Sportverein oder die Klassenfahrt reicht. Da wird sicher einiges an schmutziger Wäsche gewaschen werden, nur sicher weniger zartfühlend als bei mir daheim.

Und das ist noch eine Kleinigkeit, ich mag mir gar nicht vorstellen, vielleicht bin ich auch einfach nicht boshaft genug, das zu können, welchen Missbrauch man mit diesem perfiden Konstrukt aus scheinheilig-pseudofreiwilliger Beratung, Sonderregistrierung und durchgängiger Kontrolle treiben kann. Personenbezogene Gesundheits- und Sozialdaten womöglich bei der Polizei, früher oder später aller Wahrscheinlichkeit nach länderübergreifend vernetzt gespeichert und laufend aktualisiert. Und das auch noch flächendeckend als Schutz, Fürsorge und Empowerment verkauft. Respekt. Keinem anderen Berufsstand würde man solche Arbeitsbedingungen zumuten. Schon gar nicht Politikern, die sich für Vorträge bei Banken und Lobbyistenvereinen bezahlen lassen. Oder Lobbyisten, die Politikern gern in vielfältiger Weise zu Diensten sind, wenn die Gegenleistung passt.

Hauptsache aber, es erklärt den armen Frauen mal jemand, wie man Kondome benutzt. Weil, dass man das jetzt muss, steht ja dann auch im neuen Gesetz, und wer weiß, ob die Kolleginnen im Bordell das mit den Kondomen so drauf haben.

schuged

Und damit komme ich zu einem der Punkte, die ich loben muss: Die Kondompflicht. Für die Kunden. Endlich. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es genug Wahnsinnige gibt, die ungeschützten Verkehr nachfragen, und leider zu viele arme Seelen, die diese Nachfrage zu bedienen bereit sind, weil sie solch unangenehmer Kundschaft (es sträubt sich etwas in mir, dieses Wort zu verwenden) nichts entgegenzusetzen, dafür aber einen wahnsinnigen Erwerbsdruck im Rücken haben. Wenn da nur eine mit dem Verweis auf die neue gesetzliche Regelung ihrer Kundschaft die Lümmeltüte aufzwingt und sich vor welchem Unbill auch immer, der mit ungeschütztem Verkehr nun mal einhergehen kann, schützt, ist es ein Gewinn.

Und es wird niemandem schaden, wenn der Gesetzgeber klar stellt, dass die holde Männlichkeit in Gummi zu packen gefälligst in der Pflicht und Verantwortung des Kunden selbst liegt, weil alles andere einem körperlichen Angriff auf die Sexdienstleisterin gleich kommt.

Die bisher beispielsweise in Bayern bestehende Regelung, Sexdienstleistende für ungeschützten Verkehr zu bestrafen, ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, weil sie dafür sorgt, dass je schwächer, also abhängiger von dem verdienten Geld die Dienstleistende ist, um so höher ihre Erpressbarkeit durch bösartige Kunden. Gerade in Kombination mit den Sperrbezirksverordnungen entstehen da Konstrukte, bei denen man sich nur die Haare raufen kann, weil immer die Sexarbeitenden die Zeche zahlen, während übergriffige Kunden beruhigt nachhause gehen und ihre weiter ihre Keime verteilen können, weil sie weder von Bußgeldern noch Haftstrafen bedroht sind.

schugef

So schaut das aus, das ist nicht schön, aber das ist die Realität und der Arbeitsalltag der ach so anerkannten und super geregelten Prostitution in Bayern, das ist Schutzpolitik nach christsozialem Verständnis, zur Not eben zu Lasten des zu Schützenden.

Ich bin ja sehr dafür, es bei den Sperrbezirken, wenn man wirklich seitens der Politik glaubt, dass man sie braucht, genau so zu handhaben, wie man es jetzt bei den Kondomen zu tun gedenkt: Wer die Musik bestellt, der zahlt. Wer eine Sexdienstleistung im Sperrbezirk nachfragt, wird bestraft. Insgesamt bin ich dafür, das diejenigen, die Verwerfliches tun, dafür zur Rechenschaft gezogen werden. So kompliziert ist das eigentlich doch gar nicht.

Mir deucht aber, dass es bei dem, was man sich für die Prostituierten jetzt ausgedacht hat, eben wieder nicht darum geht, die Sexdienstleistenden besser zu stellen. Die Kondompflicht für Freier ist ein Bonbon, mehr nicht, hingeworfen um sagen zu können: „Schaut, wir stärken die Dienstleistenden gegenüber den Freiern!“ Der Rest ist Kontrolle, Sonderbehandlung und Ausgrenzung aus dem normalen Wirtschaftsleben, ist Datensammelei und ganz sicher nicht das, was man als einen mutigen Schritt hin zu Normalisierung, Anerkennung und Entkriminalisierung -also schlicht heraus aus der Grauzone und hinein in die Gesellschaft, zu der wir eh gehören, bezeichnen hätte können.

05. Feb. 2015
von Despina Castiglione
80 Lesermeinungen

15
11652

     

02. Feb. 2015
von Don Alphonso
63 Lesermeinungen

15
11928
     

Sittliche Vervollkommnung für die mietenden Massen

Das ist keine brutal gefertigte Gänseleberpastete. Das ist eine Trüffelunterlage.

„Guten Tag“ sagte die K.

„Grüss Gott“, sagte der unscheinbare Mann im Trachtenmantel, lüpfte angedeutet des Hut, lavierte sich zwischen der K., den Briefkästen und mir hindurch, und verschwand durch die kleine Dienstbotentür in den Hof, wo es zum Hinterhaus geht.

mieths

„Das ist der Herr von P.,“ erklärte die K., nachdem die etwas schäbige Dienstbotentür ins Schloss gefallen war, „aber er will nicht, dass man um ihn viel des Aufhebens macht.“ Der Herr von P. nämlich habe zwar in seiner Familie auch viel Niedergang gesehen, und besitze kein Palais mehr und kein Schloss auf dem Lande, wie noch seine Vorfahren, aber seine Urgrossmutter wäre geschäftstüchtig gewesen und hätte das Geld in drei Häser gesteckt. Fünf Stockwerke hoch, jetzt mit den ausgebauten Dachstühlen sogar sieben, und dort, wo früher das grossbürgerliche München vom Hochufer aus auf die Isar schaute, mieten jetzt Praxen, Kanzleien und Vertretungen jene Liegenschaften, die eine gute Adresse, Nähe zum Landtag und den in keinem Neubau möglichen Geruch von altem Vermögen erhalten möchten.

Drei Häuser in Flussnähe also besitzt Herr von P., dieser unscheinbare Mann im Trachtenmantel, und er wohnt mit seiner Familie im grosszügig ausgebauten Hinterhaus. Ansonsten weiss man aber so gut wie nichts über ihn, denn wer hier wohnen, arbeiten und mieten möchte, muss sich an Makler wenden. Die Hausabrechnungen macht eine Firma, den Schnee räumt eine Firma, es gibt am schwarzen Brett die Nummer eines Schlüsseldienstes, einer Klempnerei und anderer nützlicher Helfer. Was es nicht gibt, ist Herr von P., Denn er lebt zwar offensichtlich gern von den Einnahmen, die er hier erzielt, aber er will keinen Kontakt zu seinen Mietern. Und die Mieten sind nun mal so hoch, dass all die Bediensteten, die die Abwicklung übernehmen, finanziell nicht sonderlich ins Gewicht fallen. Die Putzfrauen, Makler und Hausmeister finden sich letztlich mit Aufschlag in den Rechnungen wieder, die hier für Steuervermeider, Investoren, Privatversicherte und Kunstkäufer ausgestellt werden. So hat ein jeder seine Ruhe und sein Auskommen.

miethc

Und so wie Herr von P. wären auch andere Vermieter gern. Nicht jedem sind jene Kiemen am Hals angeboren, die Miethaie auszeichnet, nicht jeder hat den nötigen Biss und die Fähigkeit, die richtige Kundenbeute zu erhaschen. Früher war das anders, da stapelten sich die Klassen vertikal, im Erdgeschoss war das Geschäft, im ersten Stock wohnten die schönen und besitzenden Leute, im zweiten Stock vielleicht noch Herrschaften und darüber, zusammengepfercht und stets etwas tuberkulös, die rechtlosen Mietsleid, die, so berichtet es zumindest meine Familiengeschichte, früher bei schlechtem Benehmen einfach vor die Tür gesetzt wurden. Da hatte man noch miteinander zu tun, da sass man aufeinander, und es gab auch keine Makler – da musste jeder selbst schauen, wo er blieb. Herrschaften konnten damals bis zu fünf Sprachen, nämlich Französisch, wenn es um das Böfflamot ging, Englisch, Hochdeutsch, Bayerisch und Schleifmühlerisch. So konnte man Gäste empfangen und sich auch allen Arten von Mietern verständlich machen. Hosd me?

Aber nach dem zweiten Weltkrieg änderte sich das Siedlungsverhalten der Menschen, und so entstanden die besseren Westviertel und die schlechteren Blockviertel. Man kannte sich gar nicht mehr, man sprach nicht die gleiche Sprache und wenn doch, verstand man sich nicht – wie es halt so ist, wenn am Ersten eines Monats bei den einen genug Geld oder wenigstens Dispo auf dem Konto sein muss, um die Miete zu bezahlen, und bei den anderen am Zweiten Geld da ist, für das scheinbar niemand einer Erwerbsarbeit nachgehen muss. Das ist natürlich nicht wirklich so, aber die Kinder wachsen mit diesem Gefühl auf, und verstehen nicht, was die anderen empfinden. Gleichzeitig aber wird den besseren Kindern nur jene gehobene Sprache antrainiert, die in Baracken und später Blocks nicht gelehrt wurde – von wem auch. Wer das konnte, zog in einen besseren Stadtteil, machte Karriere und investierte durchaus in Mietwohnungen, deren Verwaltung und Vergabe er dann aber anderen überliess. Bei uns ist das übrigens anders, ich habe wirklich Miethaiblut in den Adern, mir macht das Spass – und so gut wie niemand versteht das. Warum sollte man das tun, es gibt doch Makler. Sicher, der Makler ist verhasst, weil er relativ viel Geld von Bedürftigen bekommt, ohne dafür viel zu arbeiten, Dass er aber auch die Kneifzange sein kann, mit der man schichtübergreifend Geschäfte machen kann, hat sich noch nicht vollends herumgesprochen. Und er ist in dieser Funktion eigentlich wichtiger denn je.

mietha

Denn leider gilt in dieser Gesellschaft der Wucher zwar als Leitbild – der Ruch, ein Wucherer zu sein, ist dagegen nicht erstrebenswert. Wir sind schliesslich die Guten und das erkennt man daran, dass man nichts Schlechtes tut. Einen Makler einschalten ist gesellschaftlich akzeptabel. Unter vielen Bedürftigen einen Mieter selektieren und den dann maximal ausquetschen dagegen gilt als unfein. Das ist ein wenig wie mit der Gänseleberpastete oder Sushi: Man darf sie gern servieren. Nur die Brutalität, die damit einher geht, das Morden und Quälen, die sollte man besser nicht erwähnen. Man hätte gern das Filet, ohne es selbst auslösen zu müssen, oder gar ein Tier umzubringen – so zart und fein sind wir im Westviertel geworden, und der Makler gehört da nun mal dazu wie das Bolzenschussgerät und der Tiertransporter auf der Autobahn, während man selbst zum Feinschmeckerempfang in die Altstadt radelt. Und sollte man den Mieter doch einmal treffen und etwaige böse Geschichten über ein paar Hunderter extra hören, die im Heizungskeller als Vermittlungsgebühr verlangt wurden, gibt man sich eben empört und stellt klar, dass man davon natürlich keine Ahnung hatte und das beim nächsten Mal ganz anders regeln würde.

Muss aber nun der Vermieter den Makler bezahlen, obwohl man so nett und klassenübergreifend ist, ist das natürlich nicht fair und auch nicht gerecht, ja es kann sogar zu einer gewissen Verbitterung führen. Niemand in der Wissenschaft kann ausschliessen, dass dem netten Herrn von P. nicht vielleicht doch wieder Kiemen wachsen, oder seine Kinder das ururgrossmütterliche Raubfischgen in sich kultivieren, wenn sie wieder selbst vermieten müssen. Es könnte gut sein, dass Teile des Westviertels sich nunmehr im Kontakt mit niederen Schichten bei denselben etwas abschauen, dazulernen und an den Herausforderungen wachsen. Und zwar nach unten. Kurz, ich würde es nicht ausschliessen wollen, dass der Druck zur Privatvermietung auch anderes privatisiert, wie etwa Blutfehden, knallharte Überwachung der Hausordnung und Sanktionen. Bislang ist der Vermieter ja weit weg, jetzt rückt er näher und je besser er einen kennt, desto grösser das Misstrauen. So ein Makler nimmt einen Mieter leidenschaftslos aus, das ist Geschäft. Aber ein Vermieter war früher gefürchtet und nichts kann garantieren, dass sich im Überlebenskampf mit gegnerischen Klassen und ihrem Ikeastarterset nicht die Tugenden der Vorväter Bahn brechen. Und dann werden sie natürlich alle dem alten, sich schüchtern vorbei drückenden von P. ebenso nachtrauern, wie den verständnisvollen und nachsichtigen Honoratioren in den Westviertel. „Du weasd me scho no kenna leana“ ist im Bayerischen nicht umsonst eine schlimme Drohung.

miethd

Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass es dem tendenziell eher links knieenden Mieter gut zu Gesicht steht, die Kluft zwischen den Klassen in angenehmer Weise zu überbrücken. Etwa, indem er sich an einen Vermittler wendet, der es dann übernimmt, ihn der besitzenden Klasse zuzuführen. Man trifft sich dann, unterhält sich ungezwungen ein wenig und nimmt zur Kenntnis, dass der andere gerade auf der Suche nach einer Wohnung ist, um hier nicht nur seine Karriere, sondern auch seine sittliche Vervollkommnung nach den Idealen der Besseren Kreise zu fördern. Wer könnte da abseits stehen, wer könnte sich solchen Wünschen verschliessen, zumal, wenn er zufälligerweise jenem Vermittler vor ein paar Tagen erzählt hätte, dass er eine Wohnung anzubieten hat? Wäre das vielleicht nicht eine glückliche Fügung des Schicksals, dass man sich hier bei Bio-Foie-Gras trifft und sich alles so elegant zu ergänzen weiss? Niemand will doch wissen, dass der Suchende dem Vermittler gegenüber eine Bürgschaft anbot und seine Schufa-Auskunft – wirklich niemand, beim besten Willen niemand will das wissen, das regelt man doch privat, unter Freunden, bitte, nur keine Umstände, verfügen Sie ganz nach ihrem Belieben…

So könnte ich mir das gut und angenehm vorstellen. Denn nicht nur bekommt der Vermieter das gute, menschenfreundliche Gefühl, den Mieter grosszügig geholfen zu haben, auch der Mietende darf sich willkommen und akzeptiert fühlen, und das für den Gegenwert einiger Monatsmieten an Gratifikation für einen wirklich verständnisvollen Kontaktmann. Das hat mit Umgehung der neuen Gesetze so viel zu tun wie ein Schweizer Konto mit Steuervermeidung, da möchte man bitte keine Unterstellung hören, es ist einfach sozial angemessen, wahrt die Form und erhält das gute Zusammenleben unterschiedlicher Klassen. Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass die CDU und ihre Kanzlerin solche Ausnahmen, zumal sie wirklich zufällig, nachvollziehbar und sozialverträglich sind, als Nachbesserung ins Gesetz einzubringen bereit sind, auf dass es wieder mehr ein Vermietergesetz werden möchte. Denken sie doch einfach an den armen Herrn von P. auf dem Weg ins Hinterhaus, durch den Dienstboteneingang,

02. Feb. 2015
von Don Alphonso
63 Lesermeinungen

15
11928

     

26. Jan. 2015
von Despina Castiglione
45 Lesermeinungen

20
9252
     

Ode an die Runzligkeit

Bay mir bistu git, bay mir hostu “it”, 
bay mir bistu tayerer fun gelt.“
Sholom Secunda, Bay mir bistu sheyn

Das Schöne an meinem Beruf sind ja die mannigfaltigen Eindrücke, die ich über den Menschen an sich gewinne, und die meine Weltsicht durchaus bereichern. Unterschiedliche Menschen, vielfältige Eindrücke, im stillen Kämmerlein erzählte Geschichten. Schöne und weniger schöne Geschichten, kluge und weniger kluge Gedanken, begnadete und weniger begnadete Liebhaber. Eine ziemlich bunte Mischung, und wenn ich mich mit meinem Utensilienköfferchen auf den Weg mache, weiß ich nie so recht, was mich erwartet. Lebensbeichten, Scheidungsfeiern, Mittagspausenquickies, alles schon gehabt, nicht immer mit Vorwarnung. Aber langweilen kann ich mich später, damit möchte ich jetzt noch nicht anfangen.

Kürzlich wurde ich umgehend nach Betreten des Zimmers zu einer spontanen Tanzeinlage aufgefordert, und es erfordert schon gewisses Maß an Chuzpe, sich vor einem Wildfremden, welcher in Daunenjacke verharrend, auf einem Barhocker sitzend, eine gewisse Erwartungshaltung zum Ausdruck bringt, spontan und nach Möglichkeit bitte auch noch anregend tanzend der Kleidung zu entledigen. Wenn Sie jetzt ein Bild vor Augen haben, das einer gewissen Situationskomik nicht entbehrt, und eine etwas angestrengt dreinblickende Despina beinhaltet, liegen Sie sicher nicht völlig daneben.

despid

Sie sehen, die Tätigkeit als Freudenmädchen kann durchaus persönlichkeitsbildende Aspekte haben, man muss es schon mögen, sich in dieser Form mit sich selbst auseinanderzusetzen. Es gibt sicher weniger selbstkonfrontative Jobs. Wirklich interessant wird es mit der geistigen Gymnastizierung für mich zum Beispiel auch dort, wo es darum geht, welches Verhältnis man zu seiner eigenen und der Körperlichkeit anderer Leute einnimmt. Im Gegensatz zu sehr vielen anderen Tätigkeiten arbeitet man in der Sexarbeit ja auch ganz praktisch mit der eigenen Attraktivität, und hier kommt man sehr schnell an den Punkt, an dem man sich mit der Frage „wie definiert sich meine Attraktivität eigentlich“ auseinandersetzen muss. Letztendlich ist diese Attraktivität die Unique Selling Proposition, denn wenn man sich die „Speisekarten“ der Mitbewerberinnen ansieht, stellt man fest, dass die Angebotspalette an Dienstleistungen begrenzt ist. Sex ist Sex, und so rätselhaft und geheimnisvoll die Sache im Spannungsfeld der zwischenmenschlichen Verwirrung auch ist, das Rad neu zu erfinden wird auch der findigsten Kollegin nicht gelingen. Es gibt eine gewisse Bandbreite an Praktiken, die deckt der Markt ab, aber letztendlich wird die Entscheidung eines Kunden für ein Angebot in den seltensten Fällen davon abhängen, dass eine Dienstleisterin etwas anbietet, das er anderswo nicht bekommen kann. Ausschlaggebend wird die Dienstleisterin selbst sein. Ihre Attraktivität.

Aber was ist das eigentlich, diese Attraktivität? Sie kennen sicher auch die Klagen über das medial befeuerte Schönheitsideal der anorektisch-lasziv dreinblickenden minderjährigen Lolita, das angeblich exakt dem Beuteschema von rund 90 Prozent der männlichen Bevölkerung entspricht.

Ich will jetzt nicht behaupten, den optischen Vorlieben der Mehrheit der männlichen Bevölkerung zu entsprechen, aber obwohl ich weder minderjährig noch anorektisch bin, und das mit dem lasziven Blick auch nicht immer auf Anhieb hinbekomme, habe ich nicht das Gefühl, von den Männern nachgerade verstoßen zu werden.

despie

Was ich kenne, und damit umzugehen musste ich durchaus auch lernen, ist der enttäuschte Blick eines Kunden, der die völlige Entsprechung seiner manchmal wochenlangen Projektionen und Fantastereien erwartet, und dann mit der Realität in Form meiner Erscheinung konfrontiert wird.Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Die Sympathie des ersten Eindrucks reicht aus, um die Lücke zwischen Erwartungshaltung und Realität zu kitten, oder sie tut es nicht. Dann gehe ich eben wieder.

Natürlich fallen solche Momente nicht in die Kategorie „angenehme Situation“, aber einerseits sind sie höchst selten, und andererseits mache ich eben ein Angebot, das der Kunde auch im letzten Moment noch ablehnen kann. Dafür habe ich schließlich auch zu jedem Zeitpunkt die Freiheit, von einem Geschäft mit einem bestimmten Kunden abzusehen.

Jedenfalls, darauf will ich eigentlich hinaus, ich bin nicht der Archetyp einer langbeinigen, schmollmündigen und vollbusigen Femme fatale, und die Lolita nimmt mir auch kein Mensch klaren Verstandes mehr ab.

despia

Allein schon wegen des fraulichen Beckens. Vielmehr habe ich entdeckt, oder entdecken müssen, dass Strumpfhalter nicht nur für manche als Augenweide taugen, sondern im Sommer, wenn man als Frau nicht wirklich gerne Strumpfhosen trägt, vielleicht aber aus dem Alter, in dem man seine nackten Beine ungefragt fremden Menschen unter die Nase hält, schon deutlich heraus ist, ihre unbestreitbaren Vorteile haben. Denken Sie sich einfach Ihren Teil.

Das Entscheidende ist wohl, sich mit dem Körper, den man da nun einmal hat, anzufreunden und das Beste aus den gegebenen Möglichkeiten zu machen. Ich habe eine Leidenschaft für schöne Strümpfe entwickelt, und ich werde mir beizeiten einen hübschen Gehstock beschaffen, der mir nicht nur bei der selbstständigen Fortbewegung gute Dienste leisten, sondern es mir auch ermöglichen wird, mir in der U-Bahn den Weg freizukämpfen, wenn die Youngsters die Tür nicht frei machen wollen. Eine Teleskopfunktion würde mir gefallen, und vielleicht ein Alarmknopf mit einem wirklich Mark und Bein durchdringenden Ton.

Man muss die Dinge positiv sehen. Dass der Körper alt und runzlig wird, liegt in der Natur der Dinge, und natürlich habe ich schon ein paar Mal von Kundschaft Komplimente für meinen vermeintlich jugendlichen Körper bekommen. Von Kundschaft mit 20, 30, 40 Jahren Altersvorsprung und einem gewissen sexuellen Defizit wohlgemerkt, man muss das alles bitte in Relation setzen. Trotzdem, allmählich häufen sich bei mir auch die Anfragen von jüngeren Männern, die gerne mit einer „reiferen Frau“ Erfahrungen sammeln möchten.

despib

Anfangs bin ich erschrocken, mittlerweile nehme ich es gelassen, trage nicht ohne Ironie eine Simone-de-Beauvoireske Hochsteckfrisur zum Bleistiftröckchen und freue mich fast schon auf die Lebensphase, in der ich ganz gepflegt die distinguierte ältere Dame heraushängen lassen kann. Was das ergrauende Haar angeht, bin ich ambivalent, ob das in der Länge, die ich jetzt trage, dann noch hübsch aussieht. Ich liebäugle mit einem Bob im Stil der Zwanziger. Aber mir scheint, da habe ich noch ein bisschen Zeit.

Attraktiv finde ich, wenn ich einem Menschen ansehe, dass er im Grunde genommen nichts darum gibt, ob andere ihn attraktiv finden, weil er sich selbst mag. Ich rede nicht von Narzissmus, das ist eine krankhafte Störung und ich würde dringend raten, um Narzissten lieber einen größeren als einen kleineren Bogen zu machen. Ich meine auch nicht, dass man sich gehen lassen sollte. So sehr ich dafür bin, sich gelegentliche Ausschweifungen zu gestatten und seine Laster in verträglichem Maß zu pflegen, so wenige halte ich es für zuträglich, sich gehen zu lassen. Ich rede von Zufriedenheit. Vom Frieden mit sich selbst. Vom nicht gegen sich kämpfen.

Nicht gegen die zwei oder fünf Pfund Hüftgold, nicht gegen das Doppelkinn, die hängende Brust oder den Schmähbauch. Die Energie kann man an so vielen anderen Stellen sinnvoller einsetzen, ein Doppelkinn ist bei Licht betrachtet wirklich irrelevant.

despic

Selbstbewusst vorgetragenes Hüftgold ist attraktiv, aber es sollte genau in der richtigen Kombination vorgetragen werden: Es wirkt nämlich erst dann wirklich unwiderstehlich, wenn aus dem über die Schulter geworfenen Blick die Freude am Spiel und dem Zusammensein mit dem Gegenüber spricht, ansonsten ist alles Hinternwackeln vergebene Liebesmüh. Es nützt das zellulitefreieste Hinterteil nicht, wenn seine Inhaberin nicht mit ihm im Einklang ist, und wenn sie bei dem, was sie da treibt, keine wirkliche Freude hat. Deswegen sind Komplimente für körperliche Vorzüge auch nett, und ich bedanke mich artig, schließlich habe ich ein Mindestmaß an Kinderstube genossen.

Aber wirklich freuen kann ich mich, wenn mir eine Kundschaft Lieblingsschokolade mitbringt, und dann breit grinsend neben mir sitzt, während ich sie in einem Zustand postkoitaler Unterzuckerung vernichte. Es kann in so einem Moment schon sein, dass irgend ein Strapsdingens irgendwo ästhetisch fragwürdig einschneidet oder die Frisur nicht mehr so ganz perfekt sitzt. Es interessiert nur keinen Menschen. Vielleicht ist Attraktivität also auch, sich genüsslich die Finger abzulecken, während man verstrubbelt vor sich hin kichernd gewisse Schönheitsnormen geflissentlich ignoriert.

26. Jan. 2015
von Despina Castiglione
45 Lesermeinungen

20
9252

     

24. Jan. 2015
von Don Alphonso
104 Lesermeinungen

18
12536
     

Vandalisierende Pubertierende und ihre Schandtaten

Mala malus mala mala.

Niemand weiss, ob die tausendjährige Linde von Gasse wirklich tausend Jahre alt ist. Hoch über dem Tegernsee blickt dieser Titan hinab ins Tal, auf das Kommen und Gehen der Menschen, auf Lust und Liebe, Trauer und Schmerz, und wer daran vorbei kommt, wünscht sich vielleicht, im Alter auch so robust und wuchtig in der Landschaft zu stehen, statt krank und schief über das Erdenrund zu kriechen, In seinem Schatten wurde aufgeatmet und geküsst, Hochzeitsphotographen nutzen ihn für ihre Bilder, und so erfüllt es mich mit Schmerz berichten zu müssen, dass dieses Wahrzeichen nunmehr von minderjährigen Schmierfinken geschändet wurde. Ein Opfer missratener Kreaturen ist die Linde geworden, und das, obwohl man hier doch gar nicht so wie in Berlin erzieht.

### 

Wir sind anders. Niemand hängt hier sein ganzes Dasein in den Nachwuchs hinein, denn wenn der zu anspruchsvoll wird, hätte man ja auch Platz und Geld für Personal. Niemand muss hier bei der Abrichtung der Blagen auf besondere Vorsprünge in der Schule achten – die kommen hier eh alle in das Gymnasium im Schloss Tegernsee und dortselbst das Abitur, und niemand muss nach einer guten Schule suchen. Wir sind da ansonsten ganz ohne Vorurteile: Ob die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt später die Hauptschule abgebrochen hat, oder eine Professur für Gender Studies in Berlin aufweisen kann, ist vollkommen egal, das ist zumindest nach unserer Vorstellung beides gleich weltenfern vom Prestige, das die blosse Existenz und Ausbildung am See mit sich bringt. Insofern muss man die Blagen hier nicht zum Vorschulenglisch bringen – wenn sie nerven, macht man die Tür auf und schickt sie auf Wiesen, in die Berge oder auf das Segelboot. Zum Aggressionsabbau gibt es hier nach Altväter Sitte das Hackl und die Holzscheite, und in allen anderen Belangen gilt das Motto “A Guada hoids aus und um an Schlechdn is ned schod“. Lebensnahes Lernen ist hier typisch und der beste Skikurs, den man haben kann, ist der Schubs oben auf dem Berg – runter kommen sie alle.

So sorglos wurden wir erzogen und so sorglos rutschten wir auch in Beziehungen – die Gefahr, an einen Vollkornconaisseur mit gecheckten Privilegien oder eine arme, gleichwohl bildungsprestigesüchtige Feministin zu geraten, war bei uns im landwirtschaftlich geprägten Bayern, dessen Himmel voll Schweinshaxen und Tagwerk hängt, gleich Null. Die einen nahmen Pille und Kondom, und die anderen trugen die Konsequenzen mannhaft. Ab einem gewissen Besitzniveau laufen Kinder halt einfach so mit, da muss niemand sein Cabrio verkaufen, und was den anderen ihr Oxford, ist den Gscheidn der alte Freund vom Papa. Recht viel weiter nach oben geht eh nicht, und so lebt in allen die Hoffnung, dass auch die Pubertät freundschaftlich und lässig überlebbar ist. Oder wenigstens nicht so schlimm wie dort, wo sich Kinder von überambitionierten Eltern distanzieren und lösen müssen. Hat sich eigentlich schon mal jemand Gedanken gemacht, wie das in den leistungsfetischistischen Aufsteigerhaushalten mit veganer Küche, genderneutralem Spielzeug und Aktionsgruppen zum Erhalt der letzten Kulturfreiräume in Baulücken aussehen wird?

sprab

Niemand hat das gemacht. Also, jetzt ausser uns natürlich, weil, wenn man hier junge Eltern auf den Neureuth trifft, oder in Seeglas, mit dreckigen, durchgeschwitzten und dreimal auf die Goschn gefallenen Kindern, da macht man schon manchmal so seine Witze über das Gegenmodell. Darüber, dass die Töchter der anderen heimlich mit Barbies spielen und später einmal der Mutter ihre Scheckkarten benutzen, um sich statt der nachhaltigen Biofetzen oder entwürdigend bunten Häkelsachen Prada und Alexander Wang zu beschaffen. Gar nicht auszudenken, wenn sie sich erst einmal vom Pfad der geschlechtsneutralen Tugend davonstehlen und sich in devote Hausmädchenrollen träumen, und nur Männer akzeptieren, die ihnen ein angenehmes Leben ohne Arbeit versprechen – nicht so wie ihre hyperaktive Mutter, an deren Seite sie am Samstag nach einer üblen Schulwoche noch vegane Snacks backen musste, weil die Projektgruppe zum Boykott von rosa Spielzeug vorbei kam. Das findet man bei uns lustig, hier werden die Mädchen nämlich samt und sonders im Dirndl eingeschult. Gern auch rosa.

Und ob die Söhne auch so Laddirl wie die konsensualen Väter werden wollen – auch das wagen wir hier zu bezweifeln. Schliesslich bieten Pegida und Salafismus Gegenmodelle, die in den Augen eines Heranwachsenden nicht zwangsweise unattraktiver als die ständige Debatte über die absolute Gleichbehandlung von Tochter und Sohn sein muss. Wir kennen diese Freude an der Subversion, nie war Wackserdorf lustiger als an den Tagen, da einer von uns vom Vater die dicke Cheflimousine ohne sein Wissen borgte – eine S-Klasse hielt damals kein Polizist auf. Vielleicht gehen all die Potsdamer Kinder dann mit dem Hybrid-SUV zu den jeweils angesagten Querfront-Veranstaltungen. Und während Papa noch brav Leserbriefe zu Diversität und Toleranz gegenüber Zuwanderern verfasst, lernt das Kind deren Praxis, sei es nun im Rapgesang oder bei Chemtraildebatten mit Ken FM. Oder sie ziehen gleich nach Bayern und studieren Maschinenbau mit dem Berufswunsch Antipersonenminenkonstrukteur. Eltern glauben immer, es sei schwer, gegen so liebreizende, tolerante und für alle Fragen der Weltpolitik verantwortungsvoll offene Zeitgenossen zu rebellieren, aber da haben sie die Rechnung ohne die zu fördernde Kreativität der Zukunft des Landes gemacht. Mit Fingerfarben fängt das an und bei der Spraydose endet das, sagen wir dann und lachten – bis vorletzte Woche dann auch bei uns das Undenkbare geschah und die Linde von Gasse geschändet wurde:

spac

Sicher, die Übeltäter haben nicht die Linde direkt beschädigt – hier wirkt der Umstand nach, dass Sprayer im liberalen Bayernland ungefähr so schonend wie Bruno der Bär geschützt werden. Aber so geht es los, Farbe auf Stein und Stein an Baum, und dann fangen sie an, gegen unser lockeres Lebensmodell zu rebellieren. Nicht mehr “Kinder, wenn es halt passiert“ und “Erziehung ist das, was man macht, wenn sie sich selbst kaputt gespielt haben“, sondern wirklich viele süsse Kinderchen. Süss. Keine Hallodris und keine Driedschal, sondern süsse Kinderchen. Am Ende gar ernsthafte Familienplanung. Wo kommt man denn dahin. Als nächstes fordern die vielleicht einen Bausparer? Sorgsame Erziehung nach modernen Methoden und Helikoptereltern, die immer da sind? Rundumbetreuung? Und das alles am Naturheiligtum des Tegernsees – so geht es los mit der Rebellion. Wahrscheinlich sind sie längst auf der Suche nach finanziell angemessenen Partnern, um solche Ideale durchzusetzen, stellen Erziehungsfragen ganz in den Mittelpunkt ihrer Vorstellungswelt und finden es nicht ausreichend, wenn am Ende des Tages die meisten relevanten Knochen heil und die Flecke von den Kuhfladen auswaschbar sind.

Ja, es ist nur ein Stein an der Linde. Aber so fängt das an – bei aller Toleranz, so geht das nicht. In den tiefen des Internets suchen sie vielleicht Worte wie “Elternteilzeit“, “Papa bleibt daheim“, “Autoversicherung SLK VW-Bus“ oder gar “Abschaffung Ehegattensplittings“. Und verdrehen peinlich berührt die Augen, wenn man ihnen Negerküsse anbietet. Ich mein, mich betrifft das nicht, ich bin kinderfrei und alt und hatte in diesem Leben meinen Spass – aber das ist der erste Stein, der hier auf unser komfortables Glashaus der Liberalität geworfen wird. Vielleicht sollte man denen ganz schnell den Mund mit Soja und Leinsamenschleim auswaschen und sie auf ein interkulturelles Trainingscamp schicken, damit sie wissen, wie das wirklich ist, und um somit das Allerschlimmste zu verhindern. Wir alle wollen schliesslich stolz und aufrecht wie die Linde von Gasse sein, und nicht gramgebeugt und heimlich Enkeln von lieben Freunden später in einem keimfreien Akademikerhaushalt eine fetttriefende Schweinshaxe zustecken müssen.

24. Jan. 2015
von Don Alphonso
104 Lesermeinungen

18
12536

     

20. Jan. 2015
von Don Alphonso
101 Lesermeinungen

15
12279
     

Alleinerziehende Mütter unter den Rädern der Superreichen

Kein Alkphol ist auch keine Lösung
Die Toten Hosen, Oxfam-Unterstützer

Das Entschuldigen gehört zum guten Ton und kann, wie man das bei uns lernt, gar nicht früh genug anfangen. “Entschuldige meine Liebe, dürfte ich Dich bitten…“, so beginnt gehobene Konversation, mit der vorausgeschickten, verbalen Verbeugung, die keine Erniedrigung ist, sondern ein Zeichen des richtigen Bewusstseins im Umgang mit anderen. Das funktioniert bestens gegenüber Gleichgestellten, die nicht minder Rücksicht auf die Befindlichkeiten nehmen und jede kleinste Inanspruchnahme ebenfalls mit einem angedeuteten Rückzug einleiten. Das ist wie früher der Knicks oder die Verneigung, reine Höflichkeit und hat eigentlich auch wenig zu bedeuten. Man macht das eben so, wenn der andere nicht von allein merkt, dass man gerne noch etwas Tee hätte, die Butter nur unter Verrenkungen zu erhaschen ist, oder das Konzert in vier Stunden beginnt und die Begleitung nun langsam anfangen sollte, sich mit der Kleiderwahl zu beschäftigen.

oxfaa

Leider wird das Verhalten von jenen, die nicht diesen Kreisen angehören, falsch aufgefasst. Natürlich fangen wir sehr früh an, um Entschuldigung zu bitten, aber das heisst nicht, dass unsereins gewillt ist, auch sehr schnell im Staub zu kriechen und in Kotau-Haltung um Vergebung zu winseln. Genau das aber wird erwartet, wenn etwa von der Unterschicht Privilegien angesprochen werden. Dabei muss es noch nicht einmal um uns selbst gehen, oft wird erwartet, dass sich unsereins distanziert und dieser sozial empörten Unterschicht den Polante macht – kurz, dass wir einerseits zerknirscht zugeben, ebenfalls Vorrechte zu haben, uns dann aber entsetzt abwenden von den gefühlten Unverschämtheiten, die der Unterschicht zugestossen sind. Froh ist man da um eine Ausrede wie etwa im Fall des Freudenhausbetreibers, der einen gekauften Adelstitel führt und jüngst verurteilt wurde – das ist dann keiner von uns, von dem muss man sich nicht absetzen, das war neureich und zeigt, liebe Unterschicht, wie es ausgeht, wenn man sich erhöht, ohne vorher gefragt zu haben. Weiterlesen →

20. Jan. 2015
von Don Alphonso
101 Lesermeinungen

15
12279

     

18. Jan. 2015
von Don Alphonso
105 Lesermeinungen

44
25952
     

Die Euroblase platzt und es gibt Torte

Zur siegreichen Beendigung des Krieges soll und kann jeder Deutsche beitragen. Er kann es, wenn er mithilft, die Finanzkraft des Reiches zu stärken.
Aufruf zur Goldablieferung, 5. März 1915

Stellen wir uns vor, ein paar Münchner Immobilienspekulanten – jeder kennt sie, schmierige, unsympathische Typen, die ohne einen Schuss Blut von Mietern keinen Espresso trinken und deren Frauen sehr blond sind, und Porsche Cayenne fahren – hätten sich abgesprochen, die Preise für Wohnraum in der schönen Stadt an der Isar künstlich hoch zu halten. In Unterfranken wird einem der Wohnraum nachgeworfen, in Berlin sind ungepflegte Nudelhipster noch immer nicht nach Leipzig weggentrifiziert worden, und im Ruhrgebiet könnte man auch wieder Wölfe ansiedeln, nur München soll genau so bleiben, wie es ist. Und deshalb kaufen sie jede Wohnung auf, deren Preis nicht ihren Vorstellungen entspricht, verknappen das Angebot und halten somit den Markt künstlich in jener Erhitzung, die momentan tatsächlich allgemein beklagt wird.

euroa

Und dann kommt aber ein Grossinvestor daher und droht, in Münchens Umland grenzenlos billige, billigste Wohnungen in grosser Zahl auf den Markt zu werfen, nachgerade Wohnungen fast zu verschenken. Daraufhin gibt das Konsortium, dem die Sinnlosigkeit seines Treibens klar wird, die Preise wieder frei, und der bislang künstlich gestützte Preis der Immobilien fällt ins Bodenlose. Es gehört wenig Phantasie dazu, sich dann die hämischen Jubelmeldungen der Presse vorzustellen:

DIE IMMOBILIENBLASE IST GEPLATZT – WEISHEIT DER MÄRKTE TRIUMPHIERT

Und darunter würde viel Spott auf all diejenigen ausgegossen werden, die dumm genug waren, bei diesem Spiel mitzumachen und zu glauben, dass das Konsortium auf immer und ewig die hohen Immobilienpreise garantieren würden. Chefvolkswirte würden Gastbeiträge schreiben und sagen, sie hätten das schon immer gesagt und so eine Marktverzerrung sei riskant, die Strafe für die Anleger vollstens berechtigt, während die braven Bankkunden, die ihre Aktienfonds gekauft hätten, nun im Himmel der Glückseligkeit wären. Das würde reissend Absatz finden bei allen, die nicht Immobilien gekauft haben. Denn auf niemandem tritt man erfreuter herum, niemand auf dem Erdenrund ist nun mal verhasster als der langfristige Wohnraumvermieter in guten Lagen, der über Miet- und Preiszuwachs lachen konnte, während die anderen dafür bezahlen mussten. Die Blase ist endlich geplatzt, Gott sei es gedankt. Und es konnte doch wirklich jeder sehen. Darauf eine Torte. Weiterlesen →

18. Jan. 2015
von Don Alphonso
105 Lesermeinungen

44
25952

     

14. Jan. 2015
von Despina Castiglione
44 Lesermeinungen

24
19260
     

Bezahlen mit Geld, Körper und Privatsphäre

Ein weiterer Gastbeitrag zu Lust und Liebe von Despina Castiglione:

Dass man Glück nicht kaufen kann, ist nicht nur eine abgedroschene Binsenweisheit, es dürfte sogar eine sein, die sich für viele Menschen in den letzten Tagen durchaus bestätigt hat. Viel hilft eben nicht immer auch viel, und nach dem weihnachtlichen Konsum- und Fressrausch dürfte mittlerweile die Mehrheit wieder einigermaßen ernüchtert und dankbar sein, wieder auf die Arbeit zu dürfen. Hat man für die Lieben im Grunde sogar nur noch mehr oder weniger viel Verachtung übrig, nutzt auch das schönste Geschenk nicht, Sie kennen das bestimmt, vielleicht ist die Erinnerung an den letzten Versuch auch noch ganz frisch.

Ich habe meiner Kundschaft dieses Jahr wieder davon abraten müssen, der Gattin vermeintlich sexy Unterwäsche zum Fest zu schenken, und ich möchte Ihnen auch verraten, warum. Meine Theorie ist nämlich die, dass, wenn ein Herr diese Frage ausgerechnet mir als professioneller Spenderin für sexuelle Freuden stellen muss, das Problem schon etwas tiefer liegen und sich deshalb nicht mit einer Geschenkpackung von Victorias Secret beheben lassen wird, sei sie auch noch so prall gefüllt. Und Gutscheine für Sitzungen beim Paartherapeuten, die ich in so einem Fall schon eher für angezeigt halte, sollen unterm Weihnachtbaum nicht so der Renner sein, habe ich mir sagen lassen.

despka

Außerdem kennen die wenigsten Männer die wirkliche Größe ihrer Frauen, in beiderlei Hinsicht, und ein Geschenk das kneift, zwickt und den Beschenkten unter Umständen sogar der Lächerlichkeit preisgibt, kann man zwar machen, aber wenn, dann doch bitte mit Absicht. Insgesamt gibt es halt selten was geschenkt. Manche Frauen lassen sich für sexuelle Gefälligkeiten bezahlen, auch teures Essen macht bei übermäßigem Genuss fett, und selbst schöne Unterwäsche für die holde Gattin kostet einen Haufen Geld, selbst wenn sie noch so schlecht sitzt. Es ist ein Elend, dem so leicht nicht zu entfliehen ist, dass jedes Ding seinen Preis zu haben scheint.

Vertrauen Sie mir ruhig, ich weiss, von was ich hier rede, denn ich habe das mit der Unterwäsche, dem Geld und dem Essen natürlich vorab für Sie ausprobiert. Ein wunderschönes Unterkleid, der Traum meiner schlaflosen Nächte, mit abnehmbaren Strumpfhaltern und im Rücken von oben bis unten mit sehr hübschen Hakenverschlüssen ausgestattet, mit abnehmbaren Trägern und an der Brust von hervorragender Passform liegt, ebenso teuer wie unbenutzt in meinem Kleiderschrank und ich bin jedes Mal ein bisschen, um nicht zu sagen –maßlos- frustriert, wenn es mir in die Finger fällt. Weiterlesen →

14. Jan. 2015
von Despina Castiglione
44 Lesermeinungen

24
19260

     

12. Jan. 2015
von Don Alphonso
107 Lesermeinungen

42
16207
     

Satiriker in abendländischer Tradition wegsperren

Everybody has a weapon to fight you with to beat you with when you are down
Anne Clark, Our Darkness

Religiöser Extremismus hat viele Gesichter: Manchmal sind es Einzeltäter oder kleine Gruppen wie die Attentäter im Fall von Charlie Hebdo, von denen sich dann die grosse Mehrheit entsetzt abwendet. Aber manchmal sind es auch Staaten wie das angeblich prowestliche Saudi-Arabien, das am Tag, da das Drama in Paris beendet wurde, den Blogger und Aktivisten Raif Badawi auspeitschen liess. Fünfzig Schläge, die ersten von insgesamt tausend, und zehn Jahre Haft hat Badawi im angeblichen Rechtsstaat Saudi-Arabien bekommen, weil er über die Rolle des Islam in der Gesellschaft reden wollte.

oska

Wir empfinden so etwas als mittelalterlich und verbinden das mit den Tagen unserer eigenen schwarzen Epoche, eben, dem sprichwörtlichen finsteren Mittelalter. Aber wie so oft beruht unser Empfinden auf einem Mangel an Bildung, denn auch unser Strafgesetzbuch ziert ein Paragraph zur Gotteslästerung, wenngleich er heute kaum mehr zur Anwendung kommt, und auch niemand mehr ausgepeitscht wird. Öffentliche Körperstrafen kamen bei uns indes erst in der frühen Neuzeit in Mode und hielten sich bis weit ins 19. Jahrhundert. 1900 wurde das Züchtigungsrecht der Herrschaft gegenüber dem Gesinde abgeschafft. Sogar gewaltfreie Erziehung ist bei uns seit 2000 vorgeschrieben. Weil das aber so ist, liebe Leser, könnte man hier einmal die Frage stellen, wann eigentlich bei uns – wir lassen die wirklich finstere Zeit des Nationalsozialismus einmal aussen vor und ignorieren auch die DDR – ein Mensch wegen Lästerung einer Ideologie mittels einer kulturell hochwertigen Satire weggesperrt und ruiniert wurde. Also kein Terror, sondern mit rechtsstaatlichen Mitteln und weitgehender Akzeptanz der Bevölkerung, so wie in Saudi-Arabien.

Im Rokoko vielleicht? Während der späten Aufklärung als Gegenbewegung der Kleikalen? Im Biedermeier, während der Restauration, unter Metternich? Weiterlesen →

12. Jan. 2015
von Don Alphonso
107 Lesermeinungen

42
16207

     

04. Jan. 2015
von Don Alphonso
158 Lesermeinungen

37
25936
     

Wie Christen Europas für Profit den Türken hofierten

Etwas zu lesen , bedeutet nicht , dass Du es verstanden hast
Mohammed

Die weithin schönste Hochzeitskirche dieser meiner Heimat gehörte dereinst zu jener Jesuitenkongregation, aus deren palastartigem Gemäuer heraus, umgeben von nackten Frauen und anderen unzüchtigen Gemälden, ich diese Worte an Sie richte – es handelt sich dabei um die berühmte Asamkirche Maria de Victoria, ein Hauptwerk des bayerischen Barock und in seiner rosatortigen Erscheinung ein Vorbild für all die vorzüglichen Konditoren der Region. Hier wird gehochzeitet und gefeiert, hier finden phänomenale Konzerte statt, hier zücken die Touristen die Kamera und natürlich bin ich auch ein wenig stolz, in einem Gebäude zu wohnen, das etwas vom Glanze der bunten Pracht abbekommt. Es ist immer noch eine schöne Kirche, selbst wenn sie einer typischen und eher fragwürdigen Propagandaaktionen des Abendlandes geweiht ist.

adama

Die Maria de Victoria, die Maria vom Sieg, ist eine spezielle Form der Marienverehrung, die 1572 eingeführt wurde, um das Gedenken an die Seeschlacht von Lepanto wach zu halten. Die Jesuiten, die die Kirche hier erbauen liessen, machten das nicht zufällig: Meine dumme, kleine Heimatstadt war zu jener Zeit nämlich das Zentrum der katholischen Seite im Bürger- und Gotteskrieg gegen die Protestanten, jenes Konflikts also, den wir hier als Gegenreformation bezeichnen, und allhier, wo ich schreibe, starb dann auch der katholische Feldherr und “Schlächter von Magdeburg“ Tilly – aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls, um 1720 baute man diese formal antimuslimische, aber auch protestantenfeindlich gedachte Kirche und stellte eine üppige Monstranz mit Seeschlachterei hinein, was vielleicht nicht unbedingt etwas mit der reinen und menschenliebenden Lehre des Religionsgründers zu tun hat. Aber ich mein, wir leben ja selbst in einer Epoche, in der sich auch manch Hooligan als besorgter Bürger ausgeben kann, da sollte man also mit Interpretationen nachsichtig sein. Das war halt damals so und kritisiert hat das auch niemand, denn alle hier waren katholisch und kritische Juden brauchte man nur, wenn man wegen Hostienfrevels jemand umbringen wollte – die judenfeindliche Wallfahrtskirche zum Thema ist gleich vor der Stadt. So war das hier in dem, was manche besorgte Bürger heute als christlich-jüdisches Abendland bezeichnen. Weiterlesen →

04. Jan. 2015
von Don Alphonso
158 Lesermeinungen

37
25936

     

31. Dez. 2014
von Don Alphonso
53 Lesermeinungen

16
17797
     

Halbnackte in Stretchlimousinen und Öl

Bauen, Brauen, Sauen.
Lion Feuchtwanger, Erfolg.

Ich müsste, sage ich meiner Gesellschaft, noch einen Moment in die Bank und eine Kleinigkeit überweisen.

Soso, meint die Gesellschaft und wartet indiskret darauf, dass ich mich dazu näher einlasse. Es könnte ausnahmsweise einmal sein, dass ich eine sinnvolle Transaktion tätige, seien es Aktien oder Verlobungsringe oder Kinderwägen oder mit was auch immer einen die nachwachsende Generation mit ihren konservativen Lebensvorstellungen unter Druck zu setzen beliebt, und das ändert auch bei uns etwas die Erwartungshaltung. Hemmungslose Lust und Egomanie des Singledaseins entsprechen nicht mehr dem Zeitgeschmack, wie auch die fülligen Körper des Barocks, um die es beim Verwendungszweck geht: Ich bezahle nämlich sieben halbnackte Frauen. In Öl auf Leinwand. Aus dem Hochbarock. Ein Händler hatte bei all dem nackten Fleisch nicht verstanden, dass es sich bei dem Motiv um die Auffindung Moses handelt. In jener Epoche hat man diese Szene so verwendet, wie man heute in meinen Kreisen Abendkleider bei Silvesterkonzerten benutzt: Zum genaueren, sozial akzeptablen Studium von Frauenkörpern nämlich. Den kleinen, im Nil schwimmenden Moses sieht man vor lauter praller Haut nicht. Hätte der Händler die Szene entschlüsselt und hätte er bei Google nach dem Motiv gesucht, wäre er vielleicht auf eine Auktion gestossen, bei der das Original aus der Hand eines gewisse Pietro Liberi – ein Spezialist für lüsternes Fleisch in Moral vortäuschender Verpackung – so viel wie eine kleine Wohnung in München gekostet hat, und dann hätte er auch eine entsprechend schlechter gemachte Kopie aus dem Umkreis nicht so wurschtig in der stillen Zeit verramscht.

mosesa

Aber so ist es nun mal im finanziellen Bodensatz der besseren Kreise: Relative Armut kann, gepaart mit etwas Sachkenntnis, auch den ein oder anderen Zahnarzt übertreffen. Entsprechend bedenkenlos gehe ich zum Überweisungsautomaten, an dem schon eine leere Wodkaflasche von den weiteren Freuden des Abends bei anderen Menschen kündet. Ich will das hier auf keinen Fall verurteilen, ich bin auch noch ganz betrunken vom schweren Parfum der Begleiterin, und dagegen, auf den Liter berechnet und verglichen, ist Wodka spottbillig und macht vermutlich auch nicht weniger süchtig. Wodka spricht andere Sinne an, aber das macht er fraglos gut und funkelt für die Konsumenten nicht weniger verführerisch als der alte Diamant auf recht anregender Haut, und jene, die ihn konsumierten, werden sicher auch heute Nacht ihr Vergnügen finden. Weiterlesen →

31. Dez. 2014
von Don Alphonso
53 Lesermeinungen

16
17797

     

26. Dez. 2014
von Don Alphonso
51 Lesermeinungen

16
20732
     

Zweitfrau-Präsente, Zuhälter-Geldanlagen und andere populäre Irrtümer über Reiche

Monogamie ist auch schlecht für die Beurteilung des Marktwerts.

Weil, es ist doch so: Monogame Paare sitzen jahrelang zusammen, verbreiten diese spezielle „Komm uns nicht zu nah“-Stimmung gegenüber jedem, der sich Sache flexibler betrachtet, und sagen sich ständig, dass sie den Wert auf dem freien Markt gar nicht kennen müssen. Sie haben doch das Wertvollste, sich selbst. Und wenn es dann auseinander geht, werden Double- und Triple-Dates gemacht, so dass an einem Abend an zwei oder drei unterschiedlichen Stellen eruiert werden kann, wie denn nun Personen des präferierten Geschlechts auf die neuen Chancen und Möglichkeiten reagieren. Das weit ausgeschnittene Top hatte ich jedenfalls noch nie an der C. gesehen, als ich sie in Nymphenburg abholte, und auch sonst gab sie sich alle Mühe, nicht wie eine geknickte Ex zu wirken, die gerade nach vier Jahren die grosse, nicht ganz ewige Liebe verloren hatte. Sie wirkte mehr wie eine junge höhere Tochter, die etwas erleben wollte. Das Erleben sollte bei den späteren Dates im Glockenbachviertel eine alkoholische Komponente bekommen, und deshalb gab es bei mir die italienische Fundamentierung.

gloca

Und zwar an der Kreuzung zwischen Erhard- und Fraunhoferstrasse beim beliebten Italiener , der sich in einer der letzten innerstädtischen Baulücken zu den Strassen hin eingemauert und das Restaurant nach oben hin zum blauen Himmel über München offen gelassen hatte. An der Stelle liegt zwar gleich die Isar, aber davor brauste der Verkehr, und zwar so laut, dass man in normaler Lautstärke Süssholz raspeln konnte, ohne dass es einen Tisch weiter verstanden wurde. Die C. jedenfalls evaluierte, wie wohl noch nie zuvor eine streng religiöse Akademikertochter aus Niederbayern evaluiert hat, trank mehr Wein, als sie vertrug und nahm das angenehme Gefühl mit, das erstbeste Date mit ein paar Blicken weich wie Marzipan machen zu können. Das gebietet die neue Höflichkeit unserer sexuell stets getriebenen Moderne, ich habe mich da wie ein keuscher Valmont verhalten und sie dem nächsten übergeben, der sich wie alle anderen vergeblich Hoffnungen machte, denn wie es nun mal so ist: Manche wollen einfach nur den Marktwert wissen, und nicht verkaufen. Weiterlesen →

26. Dez. 2014
von Don Alphonso
51 Lesermeinungen

16
20732