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Das Tüten-Dilemma der Mehrwegbeutelvergesser

27.09.2012, 09:20 Uhr  ·  Mit ihrer Aktion "Mehrweg statt Einweg" setzt sich die Deutsche Umwelthilfe dafür ein, dass weniger Plastiktüten benutzt werden. Eigentlich ginge das ganz einfach: wenn ausschließlich wiederverwendbare Taschen benutzt würden. Blöd nur, dass die meistens zuhause liegen, wenn wir im Supermarkt stehen. Und dann?

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Mit ihrer gerade gestarteten Aktion “Mehrweg statt Einweg” setzt sich die Deutsche Umwelthilfe dafür ein, dass wir in Zukunft weniger Plastiktüten benutzen. Was den Tütenverbrauch pro Kopf angeht, steht Deutschland im Ländervergleich eigentlich gar nicht so schlecht da (65 im Jahr). Einer EU-Studie zufolge (pdf) führt aber allein die schiere Masse dazu, dass wir in Europa die meisten Einwegtüten brauchen und ungefähr für 7,5 Prozent der Weltproduktion verantwortlich sind. (Zum Vergleich: Der Mittlere Osten und Afrika kommen zusammen auf 8 Prozent.)

Thomas Fischer, Tütenexperte der Umwelthilfe, sagt: “Selbst eine geringe Reduzierung der verbrauchten Tüten pro Kopf in Deutschland würde einen sehr hohe absolute Reduktion bedeuten.”

Bild zu: Das Tüten-Dilemma der Mehrwegbeutelvergesser

Damit das klappt, schlägt der Verband eine staatlich vorgeschriebene Tütenabgabe vor: Einwegplastiktüten sollten generell 22 Cent pro Stück kosten, die Erlöse in Umweltinitiativen fließen. Dann gäbe es nicht mehr nur im Supermarkt, sondern auch in Warenhäusern, beim Fleischer und im Modegeschäft keine Kostenlostüten mehr. In Irland hat das ganz gut geklappt: Als die Abgabe dort eingeführt wurde, sank der Verbrauch massiv. Im Vergleich zu 1999 brauchten die Iren 2010 über eine Milliarde Plastiktüten weniger. (Ja, da steht wirklich: Milliarde.) Allerdings beläuft sich die Abgabe dort auf 44 Cent pro Stück. Ein solcher Aufschlag wäre auch in Deutschland denkbar, heißt es bei der Umwelthilfe.

Und wie kriegen wir dann unsere Einkäufe nachhause? Na, genauso wie’s heute schon viele Leute machen. Sie bringen sich eigene Taschen oder Körbe in den Supermarkt mit.

Leider verträgt sich der Mehrweggedanke in vielen Fällen nur nicht so gut mit unserem Einkaufsverhalten. Wer in der Mittagspause oder abends nach der Arbeit noch schnell ein paar Besorgungen im Supermarkt macht, fährt natürlich vorher nicht extra heim, um dort den Jutebeutel abzuholen.

Die Frage ist also: Was macht der klassische Mehrwegbeutelzuhausevergesser, wenn er an der Supermarktkasse steht, sein Joghurt, den Käse und das Gemüse nicht einzeln nachhause balancieren will und eine einmalige Transportgelegenheit benötigt, die nicht aus fossilem Rohöl hergestellt sein soll?

Ist doch leicht, sagen Sie jetzt: zum Beispiel eine dieser hippen Plastiktüten aus biologisch abbaubarem Kunststoff kaufen.

Nee, besser nicht, sagt Fischer: “Die ‘ökologisch abbaubaren’ Plastiktüten sind der ökologische Supergau.” Erstens bestünden viele nur zu 30 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen, die ja auch angebaut werden müssen, was der Umwelt nicht besonders gut tut; und zweitens haben die abbaubaren Tüten den Nachteil, dass sie, wenn sie in später in der Gelben Tonne landen, das Recycling herkömmlicher Kunststoffe erschweren.

Ok, dann wird’s halt eine Papiertüte.

Schwierig, sagt die Umwelthilfe: Papiertüten seien nicht unbedingt umweltschonender, weil dafür mehr Material gebraucht werde, um sie genauso reißfest zu machen, und für die Herstellung besonders lange Zellstofffasern notwendig seien, die wiederum mit Chemikalien behandelt würden. Die Papiertüte lohnt sich im Vergleich zur normalen Plastiktüte erst dann, wenn sie drei- bis viermal wiederbenutzt wird. (Es sei denn, sie besteht vor allem aus Recycling-Materialien.)

Puh, das ist ja komplizierter als gedacht. Wie sieht’s denn mit Tragetaschen aus Baumwolle und Jute aus? Die kosten halt ein bisschen mehr, sind doch aber allemal besser als Plastik.

Kommt drauf an, sagt die Umwelthilfe: Für deren Produktion werden ja auch Materialien, Ressourcen und Energie benötigt, und zwar nicht zu knapp. Damit sie besser abschneiden als herkömmliche Plastiktüten, müssten sie “zwischen 25 und 32 Mal wieder verwendet werden”. Das geht zwar in Ordnung – heißt aber auch: Wenn Sie die Baumwolltasche beim nächsten Mal sowieso wieder zuhause vergessen, ist es umweltschonender, für den Einmaltransport eine Polyethylen-Tüte zu kaufen.

Verdammt. Und was ist dann die ökologisch korrekteste Tütenlösung für Mehrwegbeutelzuhausevergesser?

Klingt doof, ist aber so: Plastik. Nämlich Recyclingplastik.

“Wenn es eine Einwegtragetasche sein muss, dann am besten eine Plastiktüte mit hohem Recyclinganteil. Die hat die geringsten ökologischen Auswirkungen und ist am ‘Blauen Engel’ zu erkennen, der draufgedruckt ist”, sagt Fischer.

Vielleicht schreiben Sie sich das für den nächsten Spontaneinkauf besser auf einen Merkzettel. Oder Sie lassen sich eine Baumwolltasche an die Seite operieren, dann ist’s ein für alle Mal vorbei mit der Zuhausevergesserei.

Foto: Supermarktblog

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (20)
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0 Uli 27.09.2012, 09:36 Uhr

Bei dm gibt es sogenannte...

Bei dm gibt es sogenannte Pfandtaschen: http://www.dm.de/cms/servlet/segment/de_homepage/services/service_erleben/biobaumwolltaschen/ Wenn man mal wieder seine Baumwolltasche vergessen hat und eine neue kaufen muss, kann man diese beim nächsten Einkauf einfach wieder zurückgeben. Die Details sind mir noch etwas unklar, aber prinzipiell hört sich das nach einem interessanten Konzept an. Ich kaufe mittags oft im gleichen Supermarkt ein, vergesse aber alle Jubeljahre meine Einkaufstüte. Auf der zusätzlich gekauften sitze ich dann ewig herum und kann sie entweder als Müllbeutel zweckentfremden oder einfach irgendwann wegschmeißen.

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0 Chaja 27.09.2012, 09:54 Uhr

Wie schwer ist es eigentlich,...

Wie schwer ist es eigentlich, sich einen Vorrat an Baumwoll-, Leinen-, Jute-, Polyester- oder sonstwas-Taschen zuzulegen, einen Teil davon gleich ins Auto zu werfen und prinzipiell immer mindestens eine in der Handtasche, Schultertasche, im Rucksack oder auch in der Manteltasche zu haben, wenn man erfahrungsgemäß zu Unterwegs- und Spontaneinkäufen neigt? Ich wette, das Bißchen Selbstdisziplin ist machbar. Vor allem wenn die Sanktionierung über das Portemonnaie erfolgt. Es würde auch schon helfen, wenn in Läden häufiger gefragt würde "geht das so mit?" statt sofort immer jedes Teil einzeln in eine neue Tüte zu stecken.

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0 Brinkovic 27.09.2012, 10:12 Uhr

Kommt mir irgendwie so vor als...

Kommt mir irgendwie so vor als würde die Umwelthilfe einfach nur gern diese 22 Cent auf die Plastiktüten haben, damit mehr Geld in ihre Kassen für Umweltinitiativen kommt.

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0 viewer 27.09.2012, 10:13 Uhr

Es gibt auch so kleine...

Es gibt auch so kleine Tragebeutel, die zusammengefaltet in so eine kleine Tasche passen. (z.B. https://www.werbeartikel-aller-art.de/Taschen-Koffer/Einkaufstaschen-Einkaufskoerbe/Einkaufstasche-faltbar::1259.html). Die passt in jede Handtasche pder ins Handschuhfach vom Auto...

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0 Aufrechtgehn 27.09.2012, 10:21 Uhr

Um die Frage von Chaja zu...

Um die Frage von Chaja zu beantworten: ich habe weder ein Auto noch trage ich eine Hand-, Schulter- oder sonstige Tasche oder einen Rucksack mit mir herum. Selbst eine Jacke ziehe ich nur im äußersten Notfall an. Und meine Supermarkteinkäufe erledige ich immer spontan auf dem Nachhauseweg. Ich gehöre damit zu denjenigen, die jedesmal eine oder mehrere Tüten brauchen. Bislang habe ich immer Papierüten gekauft, die ich dann zu Hause als Einmal-Mülleimer weiterverwende. Aufgrund dessen, was Peer Schader (bzw. die Umwelthilfe) da oben über die Umweltbilanz dieser Tüten schreibt, hab ich jetzt natürlich wieder ein schlechtes Umweltgewissen. Ich weiß aber ehrlich nicht, wie ich das Dilemma für mich lösen soll. Eine Rückkehr zu Plastiktüten macht für mich auch keinen Sinn, von denen hab ich noch ungefähr 200 in irgendwelchen Küchenschubladen gesammelt... Eine Abgabe auf Tragetaschen befürworte ich sehr, allerdings werde ich, so ich mich kenne und wie ich funktioniere, auch künftig bei jedem einzelnen Einkauf eine neue Papiertüte kaufen; völlig egal, ob die jetzt nichts, 10 Cent, 22 Cent oder 1 Euro kostet.

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0 Klaus 27.09.2012, 10:22 Uhr

Meine Gattin, die - wie...

Meine Gattin, die - wie komischerweise viele Mitmenschen heutzutage - hat - obwohl nicht auf Bergwanderung sondern in einer Großstadt - immer einen Stoffbeutel in ihrem Rucksack und zwar dafür: wenn wir abends nach einem Spaziergang noch was einkaufen wollen oder müssen, ist der sehr hilfreich, der Stoffbeutel. Er nimmt auch kaum Platz weg, wenn ich ihn mal in der Hosentasche transportieren muss, weil Gattin mal NICHT den Rucksack nimmt (was ich ihr hoch anrechne: was soll das Ding in einer Großstadt? Zum Glück rennt sie nicht auch noch mit Wasserflasche rum; Angst vor'm Ertrinken muss man hier nicht haben. ...aber das führt jetzt zu weit. Kurz: Einen dieser leichten, kleinen Stoffbeutel (möglichst ohne Reklameaufdruck) mitführen.

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0 Sigmund 27.09.2012, 12:30 Uhr

Herrgott, wo ist das Problem...

Herrgott, wo ist das Problem einen Stoffbeutel mitzunehmen? Schon allein, weil ich nicht Werbung für "Kaufland" laufen will. @ Lieber Klaus: Die Wasserflasche soll wohl eher vorm Verdursten als vorm Ertrinken retten. :-)

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0 Ariene 27.09.2012, 12:51 Uhr

Ich habe Schätzungsweise...

Ich habe Schätzungsweise 20 Jutebeutel zu Hause - die meisten sind Werbegeschenke. Oft habe ich einen Dabei oder bin sowieso mit Tasche unterwegs. Na und wenn ich zufälligerweise mal nix dabei habe und eben noch einkaufen gehe, dann muss es eben mal Plastik sein. Ich fände es auch in Ordnung, wenn die mehr kosten würden und man da eine Umweltabgabe enthalten hat. Ich benutze die im übrigen dann als Müllbeutel, da sind sie wenigstens zweimal zu was nütze.

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0 Bernd 27.09.2012, 12:53 Uhr

Ich selbst habe seit Monaten...

Ich selbst habe seit Monaten mehr keine Tüte, egal ob Jute, Plastik oder Papier, mehr kaufen müssen. Ich mache es so: Im Kofferraum meines Autos (und auch dem Ablagefach meines Rollers) ist immer ein Vorrat von zwei, drei Tüten, die ich nehmen kann, wenn ich spontan etwas einkaufen gehe. Wenn alle Stricke reißen und ich habe partout keine Tüte zur Hand, nehme ich einfach einen leeren Karton aus dem Laden - der tut's in den meisten Fällen auch.

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0 mfd 27.09.2012, 13:08 Uhr

nichts ist so gut wie ein...

nichts ist so gut wie ein stoffbeutel der ist der beste

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.