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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Merce Cunninghams letztes Werk "Nearly Ninety2" kommt nach Wiesbaden

Merce Cunningham, geboren 1919, revolutionierte den Tanz des zwanzigsten Jahrhunderts. John Cage komponierte für ihn, Robert Rauschenberg, Jasper Johns und Andy Warhol schufen seine Bühnenbilder und Kostüme. 2009 starb er wenige Monate nach seinem neunzigsten Geburtstag. Jetzt kommt sein letztes Werk, "Nearly Ninety2", nach Wiesbaden. Seine Zeichnungen stellt das Museum Wiesbaden aus.

„Well, you know, dancing is a physical act that you deal with daily. And it’s quite true when you get older, certain things you can’t do the way you did. But there are other ways to think then. And rather than not think at all, or not try at all, from my point of view it’s better to try.“

Merce Cunnningham (1919 – 2009)

Wissen Sie, Tanzen ist ein physischer Akt, der Sie täglich beschäftigt. Und es ist wahr, wenn Sie älter werden, können Sie manche Dinge nicht mehr so machen wie früher. Aber dafür gibt es dann andere Weisen zu denken. Und anstatt gar nicht zu denken, oder gar keinen Versuch zu machen, ist es meiner Ansicht nach besser, es auszuprobieren“.

 

In Wiesbaden steht ein französischer Truck mit Anhänger, er hat aus Nimes , dem vorherigen Gastspielort, alles herbeigeschafft, was die Merce Cunningham Dance Company braucht, um am Sonnabend, den 21. Mai und Sonntag, den 22. Mai 2011 bei den Maifestspielen zwei Vorstellungen von Cunningham’s letzter Choreographie zu geben, „Nearly Ninety2″.

Es wird das erste und auch das letzte Mal sein, dass diese Tänzer hier auftreten. Denn zum Ende des Jahres wird die Merce Cunningham Dance Company aufgelöst, wie ihr Gründer es vor seinem Tod im Juli 2009 verfügt hatte. Das war klug von ihm, der Beispiele trist umherziehender musealer Ensembles sind genug. Und doch könnte kaum etwas trauriger sein als die Idee, dass diese Company, deren musikalischer Direktor John Cage war und deren Bedeutung für das Theater im zwanzigsten Jahrhundert nicht hoch genug angesetzt werden kann, bald nicht mehr existiert. Dass die Foundation sich auflösen, die Schule ihren seit Jahrzehnten angestammten Ort, Merce Cunninghams Studio in Westbeth, verlieren soll. Alles wird sich zerstreuen, beinahe. David Vaughan’s Archiv wird einen neuen Platz in der New York Public Library finden, das Walker Arts Center in Minneapolis hat ein Konvolut von Kostümen, Bühnenbildern und Requisiten erworben. Es wird diese Werke von Künstlern wie Jasper Johns, Robert Rauschenberg, oder Andy Warhol konservieren und ausstellen.

Er sei es Merce schuldig, sagt Autor und Archivar David Vaughan, an der „Legacy Tour“, der Vermächtnis-Tournee, bis zu deren Ende am 31. Dezember in New York teilzunehmen. An diesem Freitagmorgen fehlte er in der Morgenklasse der Tänzer, erzählt er beim Mittagessen, doch das sei ganz gegen seine Gewohnheit und nur eines Physiotherapie-Termins wegen. Eigentlich erwarten die Tänzer von ihm, dass er dabei ist (siehe oben). Als ich sage, der Trust, bei dem alle Rechte an Cunninghams Werken liegen und der in Zukunft alle Anfragen von Compagnien nach Stücklizenzen beantworten wird, werde ihn doch weiterbeschäftigen, er habe doch Arbeit zu tun, lacht Vaughan und antwortet, vielleicht habe er etwas Ruhe verdient, er sei siebenundachtzig Jahre alt.

Bild zu: Merce Cunninghams letztes Werk "Nearly Ninety2" kommt nach Wiesbaden

David Vaughan vor dem Crowne Plaza Wiesbaden, wie er aus dem der Autorin von ihren Schwiegereltern geschenkten BMW von 1996 steigt. Man beachte das T-Shirt.

 

 

Das Museum Wiesbaden zeigt derzeit den Choreographen als bildenden Künstler. Eines frühen Morgens anfangs der achtziger Jahre in Los Angeles, als sich die Abreise zum nächsten Tournee-Ort verzögerte, überlegte Cunningham, was er mit den verbleibenden zwei Stunden tun könnte, irgendetwas wieder auszupacken schien sinnlos . „Ich hätte spazieren gehen können. Es war ein sonniger Tag. Aber der Morgen nach einem Auftritt verlangt nicht nach sofortiger neuer körperlicher Anstrengung.“ So entdeckte er das Zeichnen.

Bild zu: Merce Cunninghams letztes Werk "Nearly Ninety2" kommt nach Wiesbaden

Merce Cunningham: Ohne Titel (Vogel mit langem Schnabel), 2004 Copyright Courtesy Margarete Roeder Gallery, New York, 2011

 

Seine phantastischen, mitunter verwunderlichen Tiere und Pflanzen, mit Tinte und Farbstift auf Papier geworfen, sind nicht realistisch im naturwissenschaftlichen Sinne, aber sie verströmen dieselbe lebendige Energie wie die „Nature Studies“ in seinem choreographischen Werk. Sie erfassen das Wesen der Faszination durch Natur – dieses Gefühl, Teil von ihr zu sein und zugleich nur ihr ferner, fremder Beobachter.

 

Es gibt Restkarten für den 21. Mai und 22. Mai im Staatstheater Wiesbaden. Auf www.merce.org steht alles über die weiteren Tournee-Orte. Die Ausstellung „Merce Cunningham. Zeichungen und Videoaufzeichnungen“ zeigt das Museum Wiesbaden noch bis zum 12. Juni 2011. Vortragsabend „Merce Cunningham – ein vielfältiger Künstler“ am Dienstag, den 24. Mai 2011 um 19 Uhr im Museum Wiesbaden.  

 

 

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