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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Braucht die Welt wirklich noch einen "Schwanensee"?

"Schwanensee", kennt doch jeder. Aber wer war wirklich mal in einer Aufführung des berühmtesten aller Ballette? Und wenn ja, in welcher? Fest steht, wer es einmal im Theater gesehen hat, will diese außergewöhnliche Erfahrung wiederholen. In St. Petersburg, in Hamburg, oder in Florenz.

Goodness, – was die Welt wirklich nicht braucht, ist eine weitere Version des Ballettklassikers of all classics: „Schwanensee“. Wem fehlt das denn zufällig? Gegenfrage, und jetzt mal ehrlich, Leser: Wer kennt wenigstens eine, besser aber zwei oder drei verschiedene Aufführungen von Peter Iljitsch Tschaikowskys, Marius Petipas und Lew Iwanows großem Tanzwerk über Selbstfindung, Verführung, Macht, Liebeszauber und Hingabe bis in den Tod? An die umwerfende Ästhetik der Petipa/Iwanow-Version von 1895 und ihrer getreuen Nachfahren denken die meisten, wenn von „Lebedinoje osero“, wie es auf russisch heißt, die Rede ist. Das Bild des synchron tanzenden Corps de ballet‘ in den weißen Tutus und den Federn im hochgesteckten Haar schiebt sich vor alle anderen, ein zartes Hineinsinken in eine kollektive Arabeske, lautlose Bourrées, mit denen die Tänzerinnen über die Bühne zu schweben scheinen, als berührten die Kappen ihrer Spitzenschuhe gar nicht den Boden. Worin besteht die Magie dieser in den weißen Akten fast unverändert tradierten Fassung? In der märchenhaften literarischen Anlage der Komposition sicherlich zu einem großen Teil. Siegfried steht an der Schwelle zum Mannesalter, doch von der eben erwachten Liebe zu Odette ist noch ganz ungewiß, welchen Raum sie in der Wirklichkeit wird einnehmen können. Das Mädchen ist in einem Schwanenkörper gefangen und kann seine menschliche Gestalt und Freiheit endgültig nur durch unbeirrbare Treue des Geliebten wiedererlangen. Siegfried aber läßt sich täuschen und folgt dem schwarzen Schwan Odile, der vorgibt, Odette zu sein. Kampf gegen das Böse, das Böse verliert auch, dennoch gibt es kein Happy End, sondern es folgt der Untergang der Liebenden. Tragisches Ende. Männliche Teenager, halb gegen ihren Willen in die Aufführung verbracht, wurden schon dabei beobachtet, der Geschichte zunehmend gebannt zu folgen, bis hin zu völliger Faszination während der letzten halben Stunde. „Next Week, Swan Lake“, „Nächste Woche, Schwanensee“ hat die amerikanische Tanzhistorikerin Selma Jeanne Cohen darum ihr Buch genannt, die Beobachtung beschreibend, dass derjenige, der einmal einen „Schwanensee“ gesehen hat, diese Erfahrung wiederholen möchte.

Anders als in der Oper, wo neue Inszenierungen häufig als zeitgemäßer und darum schlüssiger empfunden werden als ältere, ist das Ballett so schwer von der Aufführung zu trennen. Infolgedessen gilt es als ungeheures Wagnis, an „Schwanensee“ herumzufiddeln und wenige manifest zeitgenössische Ansätze haben es vermocht, neben dem ‚Original‘ zu bestehen – vielleicht nur John Neumeiers „Illusionen – wie Schwanensee“ von 1976 und Mats Eks 1987 um eine niederschmetternd herrische Mutter konstruierte Abwandlung.

Das genügt eigentlich, man wünscht sich seither nur mehr Forschung, Petipa-Forschung, Iwanow-Forschung.

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Übermächtiger Wächter über die Einhaltung gesellschaftlicher Regeln: Der Zeremonienmeister. Entwurf: Giulia Bonaldi

 

Diesen Gedanken, dem Entstehungsgeheimnis des Werks auf die Spur zu kommen, setzt nun beim „Festival del Maggio Musicale Fiorentino“ heute abend, am 1. Juni des Jahres 2011, der Kanadier Paul Chalmer in seiner Choreographie „Il lago dei cigni. Lo scandalo Tchaikovsky“ um. In seiner zweiaktigen Fassung untersucht Chalmer, der sich nach sehr erfolgreichen Jahren an der Leipziger Oper gerade nach einer neuen künstlerischen Heimat als Ballettdirektor umsieht, welche Zusammenhänge zwischen Tschaikowskys Schaffensprozessen, seinem Leben und den Motiven der Komposition bestehen. Seine im Verborgenen gelebte Homosexualität, seine unglückliche Ehe, die Liebe zu seiner Familie, insbesondere schließlich die sagenhafte Zuneigung zu seinem Neffen und Erben Vladimir bilden Topoi, die Chalmers Inszenierung in das Original einwebt, wie auch das Rätsel um Tschaikowskys bis heute ungeklärte Todesumstände. „Genau“, sagt Chalmer ironisch, „alles, was wir brauchen, ist noch ein „Schwanensee“, an dem herumgemuddelt wurde“. Nein, das kann sich niemand leisten. Darum erwartet die Ballettwelt diese Premiere mit einiger Spannung. Mehr über „Schwanensee“, diesen „Schwanensee“, in der Zeitung, bald.

 

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Russische Birken in Florenz. Entwurf: Italo Grassi

 

„Il lago dei cigni. Lo scandalo Cajkovskij“. Choreographie Paul Chalmer, Bühne Italo Grassi, Kostüme Giulia Bonaldi, Licht Valerio Tiberi. Premiere im Teatro Comunale, Florenz, am 1. Juni, weitere Vorstellungen am 3., 4., und 5. Juni 2011

 

 

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