Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Ein Ehrenmann dreht durch

Neben "Schwanensee" und "Dornröschen" ist der "Don Quixote" eines der berühmtesten Ballette des neunzehnten Jahrhunderts. Kann der Tanz wirklich eine satisfaktionsfähige Version des Stoffs anbieten? Eine neu auf DVD erschienene Version von Alexej Ratmansky spricht dafür

 

„Wirklichkeit und Illusion sind verwoben im Muster des Lebens“

Vladimir Nabokov in „Lectures on Don Quixote“

 

Vladimir Nabokov lehrte seine Studenten in Harvard und Cornell auf besondere Weise, den ersten Roman der Literaturgeschichte zu lesen und erklärte ihnen Dinge, auf die gewöhnliche Literaturdozenten vielleicht gar nicht gekommen wären. Die Windmühlen in dem 1605 (Band 1) und 1615 (Band 2) erschienenen Buch „El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha“ von Miguel de Cervantes, zu Deutsch „Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha“ waren ihm Anlaß, Teile und Gebrauch dieser nützlichen Maschinen zu erläutern. Warum? Damit seine Studenten verstünden, warum es im beginnenden siebzehnten Jahrhundert so absurd nicht war, vor einem der – damals eben erfundenen und frisch in Betrieb genommenen Apparate – derart zu erschrecken, dass man die Windmühlen für fürchterliche Riesen hielt.

Wer außer Nabokov wäre außerdem auf die Idee gekommen, die Siege und Niederlagen von Don Quijote zu zählen und wer hätte geglaubt, dass ein vollkommen ausgeglichenes Ergebnis von 13 zu 13 im ersten Band und 7 zu 7 im zweiten herauskommen würde? Das wirft doch ein ganz anderes Licht auf den Autor – offensichtlich ging er planvoller und struktureller an die Arbeit als der arglose Leser vermuten könnte – und auf Don Quijote. Denn war nicht seine träumerische Heiterkeit dann viel besser zu verstehen? Wo er doch statistisch betrachtet – nur jedes zweite Mal zusehen mußte, wie seine Ideale an der Wirklichkeit zerschellten?

Es mutet kurios an, dass ausgerechnet ein Werk, das gattungsgeschichtlich von solcher Bedeutung ist – der erste Roman der Welt – , seit vierhundert Jahren eine nicht abreißende Serie von Werken der unterschiedlichsten Gattungen nach sich zieht. Don Quijote ist ein Star, das steht fest, seit kurz nach Erscheinen der Originalausgabe Raubdrucke in Umlauf kamen.

Im Ballett wurde das zuerst 1869 berücksichtigt, als Marius Petipa zu Musik von Ludwig Minkus einige Episoden des Buchs als Vorlage zu einer Tanzerzählung verwendete. Inspiriert durch die große Sehnsucht des neunzehnten Jahrhunderts nach exotischen Schauplätzen und fremden tänzerischen Idiomen, faszinierte es Petipa, das Spanien Don Quijotes erstehen zu lassen. Und es ist bis heute einer der aufregendsten Momente dieses Balletts, von Don Quijotes dunkler staubiger Bibliothek voller pathetischer Ritterepen hinausgeführt zu werden auf einen sonnendurchglühten Platz in Barcelona, wo an einem Festtag getanzt und gefeiert wird. Es ist die entscheidende Frage jeder gegenwärtigen Fassung des Balletts, wie faszinierend die Titelfigur angelegt ist, wie sehr man gegen die restliche Vergnügungs-, Berechnungs- und Liebesgesellschaft bei diesem grauhaarigen alten Ritter im Geiste bleiben kann. Denn natürlich stehen in allen Versionen stärker als Don Quijote selbst seine Umwelt und deren Reaktionen im Mittelpunkt.

Bild zu: Ein Ehrenmann dreht durch

Foto: Angela Sterling

Was das Ballett sehenswert macht, was es als eine legitime Variation des Stoffs erscheinen läßt, ist seine Nähe zum Traum. In wievielen Balletten kommt nicht eine märchenhafte, illusionäre Welt zum Erscheinen, deren Wortlosigkeit sie erst vollkommen macht? Wenn Don Quijote seinen Kampf gegen die Windmühlen verliert und von einem Flügel in die Luft gehoben und wieder zu Boden fallen gelassen wird, wo er bewußtlos liegenbleibt, träumt er den Traum des Balletts des neunzehnten Jahrhunderts: Die Königin der Nymphen und ihr Gefolge bilden einen dichten Kreis um ihn, zu dicht, um noch eine Ahnung der Wirklichkeit hindurchdringen zu lassen.

So ist es kein Wunder, dass dieses Ballett – seine virtuosen Aspekte einmal beiseitsgelassen – den bemerkenswertesten Choreographen und Tänzern immer besonders viel bedeutete. Rudolf Nurejew brachte seine Erinnerungen mit in den Westen, 1966 inszenierte er Don Quijote erstmals selbst, in Wien. Bei Arthaus erhältlich ist seine 1981 uraufgeführte Version für das Ballett der Pariser Oper, 2002 mit Aurélie Dupont, Manuel Legris und Jean-Guillaume Bart gefilmt. Neu erschienen ist Alexej Ratmanskys Fassung, die 2010 bei Het Nationale Ballet in Amsterdam eine umjubelte Premiere feierte. Ratmansky hatte den Ehrgeiz, eine auf das originale Petipa-Werk zurückzuführende Rekonstruktion zu erarbeiten, mußte aber feststellen, dass sich in Harvard unter den Sergejew-Papieren keine Notation von Don Quijote befand. So kann man jetzt zwei gleichermaßen bezwingende Versionen vergleichen, zwei Besetzungen auch, die sehr verschieden sind, aber beide Male in Fassungen, die von exilrussischen Experten in der Sache verantwortet wurden. Interessant, wie uns die DVD-Erscheinungen ein wenig besser in die Lage versetzen, historische Inszenierungen mit aktuellen vergleichen zu können. Und nur als ein Hinweis: Eine nicht versiegende Quelle ganz unterschiedlicher Vergnügen, die jeder für sich leicht erschließen kann, ist youtube. Da kann man Suzanne Farrell, die George Balanchines Kitri war, dabei beobachten, wie sie in der Sesamstrasse kleine und große Schritte, kleine und große Tänzermahlzeiten (!) vorführt, oder den kompletten Auftritt von Rudolf Nurejew in der Muppet-Show (including the famous Swine Lake Pas de deux with Miss Piggy) erleben.

 

 

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