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Hier schreibt so etwas wie die Necla Kelek der Tanzkritik

29.08.2011, 22:45 Uhr

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Sätze in meinen Artikeln fangen eigentlich nie mit „Ich” an, das ist so eine Art Gesetz für mich. Aber heute mache ich mal eine Ausnahme. Denn es ist Folgendes passiert. Man hat mich für meinen Text in der Ausgabe Nr. 194 der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung” vom 22. August 2011, „Schüttel kritisch deinen Speck”, Unterzeile: „In Berlin herrscht die Diktatur des Kuratoriats beim Festival „Tanz im August” – http://www.faz.net/artikel/C30794/berliner-festival-tanz-im-august-schuettel-kritisch-deinen-speck-30489010.html – umgetauft, und zwar in der in ihrer Lokalehre offenbar total gekränkten „Berliner Zeitung”.

Aber, Baby, leider hast du mich nicht den Peter Fox der Tanzkritik genannt (wegen „Schüttel deinen Speck”, einem so schönen Tanzlied von diesem tollen Sänger). Und leider, Perle, hast du mich auch nicht die „Nurse Jackie der Tanzkritik” genannt. Warum das nahegelegen hätte? Ich habe dem Festival in meinem Artikel „Kuratokritis” bescheinigt und meinte damit, dass dessen Kuratoren in der Art spätantiker Kunstdiktatorenkreise nur einladen, was man irgendwie als „Position” bezeichnen kann. Kurioserweise scheint sich da das positive Problem der Tanzkunst als Negativ abzubilden. Positiv ist, wenn Zuschauer gut getanzte schlechte Choreographie toll finden und von gut getanzter guter Choreographie nicht gleich unterscheiden können. Beim „Tanz im August” sitzt das Publikum allem auf, auch der schlecht getanzten schlechten Choreographie. Das eben liegt an der Kuratokritis, die dem Publikum Unterscheidungen halt total schwer macht. Und wieso jetzt „Nurse Jackie”? Krankenschwester Jackie heißt eine sehr gute amerikanische auf DVD erhältliche Fernsehserie, deren Autorinnen beschlossen hatten, es gebe genug Arztserien und statt ihrer sollten doch mal Personen zu Protagonisten gemacht werden, die in Krankenhäusern in Wahrheit über Krankheit oder Gesundheit entschieden: Die Schwestern. Nun, die Geschäftsführerin dieses Krankenhauses, Gloria Akalitus, ist nur bedingt beliebt. Als eine alte, an unheilbarem Krebs erkrankte Schwester in das Hospital zurückkehrt, um dort ihre früheren Kollegen um Sterbehilfe zu bitten, riecht Akalitus das illegale Vorhaben und taucht am Bett der Schwester auf. Doch von der Todkranken wird sie spöttisch abserviert: „Oh, Akalitus – that sounds like a disease – Help! I got Akalitus!” – Oh, Akalitus! – Das klingt eigentlich wie eine Krankheit! Helft mir – ich habe Akalitus!”.

Wie aber wurde ich nun stattdessen bezeichnet? Lacht, Leser, als „so etwas wie die Necla Kelek der Tanzkritik”. Frau Kelek jedenfalls hat gelacht und ich muß sagen, ich fühle mich geschmeichelt und bin gleichwohl ratlos, wie ich das genau verstehen darf. Meint d.V., der zeitgenössische Tanz respektive die Positionenauswahl des Berliner Kuratoriats stelle so eine Art Islam dar und ich sei dessen „wutschäumende” Gegnerin?

Das ist insofern besonders lustig, als die „Berliner Zeitung” dem selben Festival „viel Laues” bescheinigt und schreibt „es sei „kein guter”, sondern ein „unterdurchschnittlicher Festivaljahrgang” gewesen. Man ist also ganz meiner Meinung, aber genau das nervt. Also liest man sich das Ganze zurecht: Ich würde der Berliner Tanzszene auf’s Dach steigen, die sei aber beim Festival gar nicht groß vertreten. Nö, sorry, von Dominanz der Berliner Tanzszene hab ich gar nichts gesagt. Kein Wort.

Anschließend steht da, die Zeitungsleser hätten sicher nichts dagegen richtig informiert zu werden. Nö, haben die nicht. Darum habe ich ja auch geschrieben, woher meine Ansichtsbeispiele stammten – aus den Vereinigten Staaten, aus Japan, von der Elfenbeinküste, und dafür, dass der amerikanische Herr Wade in Berlin lebt, kann ich ja nichts. Meine „fatale Berichterstattung”. Entschuldigung. Ich habe nirgends gesagt, das Festival sei zu „klein, zu eng, zu lokal” geworden. Ich habe auch nicht gesagt, sein Publikum rekrutiere sich aus der Tanzszene – ich unterstellte nur, dass ziemlich viele im Publikum „irgendwelche theaterwissenschaftlichen Seminare” besucht haben – na und was das bewirkt, weiß ich aus eigener Erfahrung: zu viel Geduld mit langweiligem, verblasenem Konzepttanz.

Übrigens meint d.V. selbst am Ende, es sei Zeit „über eine neue Leitung für den Tanz im August nachzudenken”. Guck an. Das dann doch. Es muß wohl nur die Rechte sagen, in eigenen Worten. Och, selbst in der „Welt” stand es doch: “Tanz im August” ist voll, er hat sein alles durchwinkendes Nischenpublikum. Aber es erstickt fast an seiner Selbstreferentialität und seiner kleinmütigen “Alles geht”-Haltung.” Oder wie darf man diesen Satz verstehen: „Die große, weite Tanzwelt ist nicht so beschränkt und gleichförmig, wie sie hier ausgebreitet wird: Berliner Erbsensuppe weitergekaut.” Das klingt aber eklig, “Welt”. Aber eklig ist ja schriftlich modern und bestimmt viel besser als “wutschäumend”.

Das genügt eigentlich. Es soll gleichwohl nicht unerwähnt bleiben, dass der Dramaturg von Jeremy Wade, also des Herrn, der die Ängste seiner Zuschauer einzuatmen vorgab, auch ein paar Worte des Ärgers mitgeteilt hat. Er gehöre, schreibt er mir auf Facebook, zu der von mir „angegriffenen Zuschauergruppe der theoretisch informierten Zuschauer”. Theoretisch informiert. Aber ich meinte ja nicht, es sei schlimm, zu lesen, ich deutete nur an, es sei nicht so gut, das Falsche zu lesen. Eike Wittrock, so heißt er, fand beispielsweise Lucinda Childs’ „Dance” nicht so gut, denn er möge an der Postmoderne nicht ihre „Selbstinszenierung” sowie ihre „problematische Einstellung zum Erhabenen”. Ah ja. Das Erhabene. Interessant in dem Zusammenhang ist, wie die siebzigjährige Childs im Gespräch erwähnt, in New York sei sie nicht überlebensfähig gewesen, das American Ballet Theatre habe nie eine Choreographie von ihr getanzt und recht eigentlich habe sie sich von der Arbeit in Europa ernährt, weil man ihr in den Vereinigten Staaten immer unterstellt habe, nur „little steps” zu machen, mehr nicht. Da hatte sie bestimmt eine Menge Zeit und Neigung, über das Erhabene nachzudenken.

Wir, Necla Kelek, Lucinda Childs und ich, haben echt einen total konventionellen Begriff von Technik und Virtuosität. Herr Wittrock hingegen beklagt sich, die zähneklappernden, gliederschleudernden, kniezitternden Tänzer in Alain Platels „Out of Context” beispielsweise seien einfach zu gut  („extrem fähige Körper”), als dass das Stück wahr sein könne. Wow, demnächst sollen die Betrunkenen auf der Bühne also von echten Betrunkenen dargestellt werden und die Nichtskönner von echten Nichtskönnern. Wer so redet, hat offenbar ein Problem damit, dass jemand überhaupt irgendetwas kann.

 

 

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
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0 ElisabethSchaefer 31.08.2011, 07:38 Uhr

Kleine Hilfestellung: ich...

Kleine Hilfestellung: ich denke, das war ironisch gemeint, liebe Frau Hüster. Ich hab jedenfalls sehr gelacht, lieber ecwit :-)

0 Huester 30.08.2011, 10:29 Uhr

@ecwit. Lieber Eike Wittrock,...

@ecwit. Lieber Eike Wittrock, ja, ich hatte an "Gardenia" gedacht, weil das das letzte Stück Platels war, das ich gesehen habe. Aber meine Kritik an "Out of Context" war noch viel stärker als an "Gardenia". Und sie bezieht keinesfalls auf die sehr wohl vorhandene Virtuosität von Platels Tänzer-Darstellern. Sie müssen eine Stärke und ein Können besitzen, um solche Stücke reproduzieren zu können, da müssen Sie auf etwas zurückgreifen können, das jenseits Ihrer persönlichen Gefühle und deren unmittelbarem Ausdruck liegt. Sonst ist kein Stück, sondern eine Instant Composition oder Improvisation. Oder eben ein Workshop auf der Bühne, so wie manche Präsentationen von Felix Ruckert. Was aber hat das alles mit Spiritualität und Warmherzigkeit zu tun? Und mit "tantric eggs"? Muß man Ihrer Auffassung zufolge Esoteriker mit Ekstase-Workshop-Erfahrung sein, um Wades und Ihre Kunst zu verstehen? Ist das nicht ein bißchen sehr exklusiv? Beste Grüsse, Wiebke Hüster

0 ecwit 30.08.2011, 07:51 Uhr

liebe frau hüster, meines...

liebe frau hüster, meines erachtens hatte ich mit ihnen eine privatkommunikation begonnen, und nichts "veröffentlicht". außerdem verwechseln sie zwei platel stücke. ich wollte tatsächlich mit ihnen in einen dialog treten, aber das ist offenbar nicht möglich. schade. vielleicht machen sie mal einen workshop mit uns, es geht dort immer sehr spirituell und warmherzig zu. kennen sie das "tantric egg"? eike wittrock

Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.