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Klassiker der Ballettwelt-Literatur Teil 1: So bluffen Sie im Ballett

31.08.2011, 21:47 Uhr

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“I don’t understand what this means.

“Nobody understands what it means. But it’s provocative”

Jay-Z und Kanye West auf “Watch the Throne”

 

 

Klassiker der Ballettwelt-Literatur

Heute: Bluff your way in Ballet. The Bluffer’s Guide to Ballet. Craig Dodd, London 1988 – 2003, Oval Books. Antiquarisch erhältlich, in englischer Sprache.

Ballett kann jeden treffen. Es kann auch hartnäckig Abwesenden vom Ballett passieren, dass sie plötzlich aufgrund unvorhersehbarer Umstände eine Vorstellung in Covent Garden, im Münchner Nationaltheater, im Palais Garnier oder der Dresdner Semperoper besuchen dürfen. Das metropolitane Fluchtwochenende ist geplant, aber der Opernabend ist ausgebucht, Restkarten für das Ballett gäbe es noch, sagt der Concierge. Französische Geschäftsfreunde, englische Bekannte….es geht manchmal so schnell im Leben. Schon sitzt man im Parkett und der Dirigent erscheint, Applaus, Ouvertüre, der Vorhang hebt sich. (Hilfe! Was jetzt folgt, kann keiner verstehen, aber einschlafen ist auch verboten!) Da ist es gut, wenn man auf dem Weg im Taxi noch schnell „Bluffen Sie sich durch’s Ballett” quergelesen hat. Sie haben dazu keine Zeit gehabt? Sie werden dazu nie Zeit finden? Drucken Sie das folgende aus und heften Sie es in Ihr Filofax.

Hier sind die wichtigsten Dinge, die Sie “Bluff your Way” zufolge über Ballett wissen müssen, wenn niemand merken soll, dass Sie zum ersten Mal in einem sitzen, und vielleicht nicht ganz freiwillig.

How to enjoy Ballet – Wie Sie Vergnügen am Ballett finden

Jeder, den bereits der Gedanke, gleich ein Ballett anzuschauen, in den Zustand absoluter geistiger Blockade versetzt, sollte versuchen, sich zurückzulehnen und zu entspannen – Denken hilft im Ballett nicht weiter. Sie wissen nicht, was das Tanzen bedeutet? Diese Klage weist Sie als Laien aus, der fälschlich glaubt, Kennern ginge es anders.

Das Gefährliche am Ballett, einer verführerischen Kunst die geeignet ist, lange verborgene Gefühle zu erwecken, ist die Körperlichkeit. Gibt jemand vor, einen Tänzer wegen seiner oder ihrer vollkommenen Arabeske zu bewundern, redet er Unsinn („Talking Tosh”, wie es bei Dodd heißt – nonsense, twaddle, balderdash). Natürlich gibt das phantastische Aussehen der Tänzer den Ausschlag.

Mit der Mime, einem handlungsvorantreibenden Stilmittel des Balletts, das im neunzehnten Jahrhundert exzessiv eingesetzt wurde, beginnt Dodd und erklärt, die Mutter des Prinzen Siegfried etwa in „Schwanensee” weise, indem sie auf ihren Ringfinger deute, ihren Sohn nicht etwa auf ihren neuen Nagellack hin, sondern fordere ihn auf, sich langsam eine Braut zu suchen. Das Gleiche gilt für Prinzessin Aurora in „Dornröschen”, um deren Hand gleich vier Prinzen sich bemühen. Werden die Hände über dem Kopf umeinander gewirbelt, heißt das „Tanzen”. Dodd gibt zu, das sei nicht unmittelbar einleuchtend, aber da jedes Mal Tanzen darauf folge, müsse einen das nicht weiter beunruhigen.

In manchen Handlungsballetten gehen mimische Passagen weit über diese einfachen Gesten hinaus, da rät Dodd zum Schlafen. Niemand müsse sich ausgeschlossen fühlen, der nicht gleich beim ersten Mal verstünde, dass die Schwanenkönigin erklärt, der See sei mit den Tränen ihrer Mutter gefüllt oder wenn Giselles Mutter beschreibt, wie in den Wäldern um ihr Haus Spukerscheinungen umhertanzen, die Geister als Bräute verlassener junger Mädchen.

Reden Sie dann in der Pause mit, bedenken Sie, dass geschickte Bluffer Tänzer nur mit ihrem Vornamen nennen – Sylvie (Guillem), Alina (Cojocaru), Carla (Fracci), Choreographen und Ballettdirektoren aber nur mit ihren Nachnamen – Forsythe, Neumeier, Schläpfer…

Bei Craig Dodd stehen noch viele weitere nützliche Wahrheiten über Ballett. Dass Dirigenten diese Leute sind, die den Kopf in die Partitur senken und ein Tempo ihrer Wahl anschlagen, so dass die Tänzer auf gut Glück versuchen müssen, dazu zu tanzen. Außerdem haben Dirigenten bei Ballettvorstellungen häufig ein ihnen nahezu unbekanntes, weil gegenüber der Probe vom Morgen halb ausgetauschtes Orchester im Graben sitzen, da die Musiker ja Aushilfen als Ersatz schicken können, wenn sie selbst wegen wichtigerer Verpflichtungen verhindert sind, – und das beim Ballett nach Kräften ausnutzen.

Dass Tänzer nach der Vorstellung in jedem modischen Designerstück fabelhaft aussehen, aber eine für die Tierwelt unglückliche Vorliebe für Leder und Wildleder hegen. Dass sie außerdem schachtelweise Zigaretten rauchen , andere Tänzer das lohnendste Gesprächsthema finden, meistens Kollegen heiraten oder Banker und im übrigen von Kindesbeinen an in einer streng hierarchischen Welt leben.

Ach ja, und dass man ans andere Ende der Bar flieht, falls ein Ballettomane einem ein Gespräch aufzwingen will. „Bluff your Way in Ballet” versteckt seine seriösen Informationen gründlich, was schon gut geblufft ist, bei der Menge des Wissenswerten, die das Buch enthält. Keine Angst vor Ballett also.

 

 

 

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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.