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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

In der Serie „Ins Wasser gefallene Premieren" (Teil 1)

Amour! Source de toute vie! Dieu jeune et fort aux traits vainqueurs! Salut, ô puissance bénie, Salut, ô doux tyran des coeurs! Aus...

Amour! Source de toute vie!

Dieu jeune et fort aux traits vainqueurs!

Salut, ô puissance bénie,

Salut, ô doux tyran des coeurs!

Aus „Psyché“ von César Franck

 

Die Pariser Oper mußte an diesem Nachmittag der erwarteten großen Saisonauftakt-Premiere überraschend die Tänzer des Ensembles nach Hause schicken und ihren berühmten Gastchoreographen, den in New York lebenden Russen Alexei Ratmansky auf morgen vertrösten. Um kurz nach halb fünf schließlich verließ eine vollkommen enervierte Ballettdirektorin das Haus durch den Entrée des artistes, Place Diaghilev: „Sprechen Sie mich lieber nicht darauf an. Bis dann“

Bild zu: In der Serie „Ins Wasser gefallene Premieren" (Teil 1)

Brigitte Lefèvre wollte an diesem Abend mit einer Galavorstellung für den Freundeskreis der Oper die festliche Eröffnung der Spielzeit begehen. Auf dem Programm der „Soirée Lifar/Ratmansky“: Die aufregende Wiederaufnahme des 1950 uraufgeführten und 1977 zuletzt gespielten Balletts „Phèdre“ von Serge Lifar, rekonstruiert von Claude Bessy, sowie die Premiere von „Psyché“, der ersten Arbeit von Ratmansky für das Ballett der Pariser Oper. Verantwortlich für den Ausfall der Vorstellung sind die Gewerkschaften der Bühnentechniker „SUD“ und „FSU“. Es geht ihnen um die „Réforme du régime spécial de retraite de l’Opéra national de Paris, eine eigentlich längst verabschiedete Reform der Ruhestandsregelung der Pariser Oper.

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Gäste der Gala, von der nun nichts als Cocktailempfang und Diner im Palais Garnier übrigblieben, geben auf der Haupttreppe die traurigen Neuigkeiten weiter. Ob die Premiere morgen stattfinden kann, ist noch ganz ungewiss. Allerdings macht sich das Ballett geringe Hoffnung, die Gewerkschaften würden morgen die Opernpremiere von „Faust“ in der Opéra Bastille bestreiken und Palais Garnier wie vorgesehen arbeiten lassen. Sollte das nicht der Fall sein, wird Ratmansky seine eigene Premiere versäumen, denn Freitag muß er Paris verlassen.

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Fotoreportage anläßlich der Proben zu „Psyché“: Agathe Poupeney

Ratmansky ist entsprechend niedergeschlagen, denn er und die Tänzer haben planmäßig auf die Premiere hingearbeitet, waren rechtzeitig mit den Proben fertig und lebeten in der angespannten Erwartung, alle Vorbereitungen heute in das Ereignis münden zu lassen. Nun müssen sie sich einen Abend ausruhen und am morgigen Tag ähnliche Hochspannung aufbauen in der Hoffnung, nicht erneut enttäuscht zu werden.

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Foto: Agathe Poupeney So hätte das Szenenbild der Bildenden Künstlerin Karen Kilimnik sich dem Publikum heute abend präsentiert. Noch immer aber muß das Ballett „Psyché“, basierend auf dem märchenhaften Stoff von den Liebenden Amor und Psyche, auf die Venus eifersüchtig wird, warten hinter dem geschlossenen Vorhang. Orchester, Chor und Tänzer strömen hinaus in einen lauen Pariser Spätsommernachmittag zwei Tage vor Herbstanfang.

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Foto: Agathe Poupeney

Der Hotelportier reicht der vorzeitig zurückgekehrten Kritikerin wortlos den „Déstructeur d’odeurs. Parfum agréable“, wirksame Waffe gegen Gauloises-Gerüche der Vorbewohner. Na Gottseidank haben sie die Kippen auch auf dem Fenstersims ausgedrückt, und hat die Windstille in den Platanen die Beweismittel gelassen wo sie waren. Sonst fürchtete man womöglich, sich das alles nur eingebildet zu haben, eine Premiere in Paris, ein Gespräch mit Alexei Ratmansky. Man könnte meinen, Venus sei noch immer dabei, sich an Psyche zu rächen, so lebendig ist also der Mythos. Ratmansky hält Märchen, Fabeln und Mythologie für die einzig adäquaten Stoff-Vorlagen für zeitgenössische Ballette, und gesteht, obwohl er selbst Handlungsballette nach Romanmotiven geschaffen habe, glaube er, der Tanz müsse hinter der Literatur zurückbleiben im Hinblick auf Fülle, Detailreichtum und verschlungene Wendungen. Man kann keine Mütter im Ballett zeigen, wie Balanchine sagte, das Ballett kennt nur eine durchgehende Handlung, keine Vor-geschichten. Die Streiks französischer Gewerkschaften, von denen das Ballett der Pariser Oper zum Ende der letzten Saison bereits einmal betroffen war, zu vertanzen, wäre dann wohl das Unmöglichste. Wer weiß, vielleicht geschehen ja Wunder und es heißt morgen im Palais Garnier: „Et toi, couple divin, monte dans la lumière. / Le miracle d’amour est enfin accompli.“

 

 

 

 

 

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