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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Grosse Clowns sind selten

Während Kunstkritiker lange vor ihrer Zeit entstandene Gemälde in Ruhe betrachten können und Literaturkritiker leicht Bücher lesen können, die vor...

Während Kunstkritiker lange vor ihrer Zeit entstandene Gemälde in Ruhe betrachten können und Literaturkritiker leicht Bücher lesen können, die vor vierhundert Jahren geschrieben wurden, hat der Ballettkritiker unweigerlich Aufführungen durch zu späte Geburt versäumt, die nachzuholen nicht möglich ist – was einigermaßen niederschmetternd wirken kann. Ein Beispiel: Heute vor siebzig Jahren, am 30. September 1941, trat Robert Helpmann, Tänzer und Schauspieler, Choreograph und Regisseur australischer Abstammung und englischer Prägung, zum ersten Mal in einer Aufführung des „Sadler’s Wells Theatre“ im Londoner New Theatre als Dr. Coppelius in Frederick Ashton’s „Coppélia“ auf. Ninette de Valois, Großbritanniens Ballettchefin of all, fand für seine Darstellung des alten Zauberers, der versucht, mit seiner selbsterschaffenen Puppe die Menschen zu narren, die wärmsten Worte:

„I am guilty of encouraging Helpmann’s interpretation of Dr Coppelius up to the height of its utmost humour. Great clowns are rare, and Helpmann clowned Dr Coppelius with genius – sharply outlining the old man’s stupefying senility with nonsensical detail. He laid bare those flashes of guile shown by wicked, frustrated old men who call on their wiles to offset their loneliness in a world they have set against them.“

Sie habe ihn ermutigt, sagt also de Valois, seinen Dr Coppelius so witzig wie möglich anzulegen, wissend, dass große Clowns selten seien und Helpmann Dr Coppelius einfach genial durch den Kakao ziehen würde, Coppélius‘ staunenswerte Senilität klar herausarbeitend als die Zauberei eines bösen, frustrierten alten Mannes, der ein paar Tricks probiert, um seiner Einsamkeit in einer Welt, die er gegen sich aufgebracht hat, zu verringern.

Helpmann war auch großartig als böse Stiefschwester an Ashtons Seite in „Cinderella“, wovon in Covent Garden und im Internet käufliche DVDs lebhaft Zeugnis ablegen. Besonders witzig an „Aschenbrödel“ ist, dass Ashton, der es choreographierte, seine eigene Rolle bis zum Schluß vor sich herschob (keine Zeit), so dass er sich schließlich vollständig auf Helpmann verlassen mußte und bei der Premiere eine mehr oder weniger improvisierte Version bot, während derer er Helpmann hinterherdackelte und auf ihn wie in einer Stand-Up Comedy spontan reagierte.

Wie lustig das wohl war?! Auch verpaßt.

Das und vieles mehr lehrt das Buch „Robert Helpmann. A Rare Sense of the Theatre“ von der brillanten englischen Tanzautorin und Historikerin Kathrine Sorley Walker, 2009, Dance Books, Alton, GB.

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Sie wäre ein wundervoller Gast bei Harald Schmidt.

 

 

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