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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Wer durch die Erde fällt, kommt bei den Antipathen wieder heraus

Oder: Das Royal Ballet in Lewis Carrolls „Alices Abenteuer im Wunderland" jetzt auf DVD (bei Opus Arte) Zu Carrolls Zeiten war es ausgesprochen beliebt,...

Oder: Das Royal Ballet in Lewis Carrolls „Alices Abenteuer im Wunderland“ jetzt auf DVD (bei Opus Arte)

Zu Carrolls Zeiten war es ausgesprochen beliebt, darüber zu spekulieren, was wohl passierte, wenn man durch ein Loch fiele, das genau durch den Mittelpunkt der Erde ginge. Plutarch hatte die Frage aufgeworfen, und viele berühmte Denker (darunter Francis Bacon und Voltaire) hatten darüber debattiert. Galileo gibt (im Dialogo dei Massimi Sistemi, Gioranata Seconda, Florentiner Ausgabe von 1842, Bd. 1, S. 251-252) die korrekte Antwort: Das Objekt würde mit zunehmender Geschwindigkeit und abnehmender Beschleunigung fallen, bis es den Mittelpunkt der Erde erreichte, an welchem Punkt die Beschleunigung bei Null ankäme. Danach würde die Geschwindigkeit sich verringern, und zwar mit zunehmender Verlangsamung, bis das Objekt an der Öffnung auf der anderen Seite der Erde ankäme. Dann würde es wieder zurückfallen. Wenn man den Luftwiderstand und die Coriolis-Kraft, die von der Erdrotation herrührt ( es sei denn, das Loch verläuft genau von Pol zu Pol), außer acht ließe, würde das Objekt auf ewig hin und her flitzen. Der Luftwiderstand freilich brächte es schließlich im Erdmittelpunkt zum Stillstand.

Martin Gardner, „The Annotated Alice“, zitiert nach der deutschen Erstausgabe: „Alles über Alice. Alices Abenteuer im Wunderland. Durch den Spiegel und was Alice dort fand. von Lewis Carroll. In der Übersetzung von Günther Flemming. Einführung und Anmerkungen von Martin Gardner. Übersetzt und ergänzt von Friedhelm Rathjen. Original-Illustrationen von John Tenniel.“, Hamburg, 2002.

 

Auf der gegenüberliegenden Seite weist Gardner auf literarische Vorläufer des Motivs des Eindringens in das Erdinnere hin: „Der Sturz in die Erde als Eintritt in ein Wunderland ist eine Methode, die auch bei vielen anderen Kinderbuchautoren vorkommt, etwa in Frank Baums „Dorothy und der Zauberer von Oz“ und in Ruth Plumly Thompsons „The Royal Book of Oz“. (…) 1864, ein Jahr vor „Alices Abenteuer im Wunderland“, erschienen gleich zwei wichtige Werke, in denen der Eintritt in eine Welt unter dem Erdboden geschildert wird, nämlich die „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ von Jules Verne und die „Regentrude“ von Theodor Storm.“

And now to something completely different: Kann ein Buch, das solche Themen aufwirft und so vielfältig verflochtene Bezüge entwickelt, ein gutes Ballett abgeben? Oder anders gefragt? Wie gut kann ein Ballett sein, dass sich die rührendsten und schlimmsten Figuren dieser phantastischen Erzählung eines viktorianischen Mathematik-Dozenten, der mit Vorliebe kleine Mädchen unterhielt, nimmt? Die leise Enttäuschung, die sich im März diesen Jahres nach der Premiere von Christopher Wheeldon’s „Alice“ von Covent Garden aus in der gesamten Ballettwelt verbreitete wie die lang ausströmende Luft eines verhaltenen Seufzers fasste Roslyn Sulcas in der „New York Times“ in zurückhaltende, aber deutliche Worte. Sie lobt zunächst gegen Ende ihrer Premierenkritik die Musik und schreibt dann, diese sei „eines von vielen Elementen die „Alices Abenteuer im Wunderland“ sehenswert und genießbar (enjoyable) machten. Die Choreographie ist das gleichfalls. Aber das ist Christopher Wheeldon. Es scheint nicht abwegig, mehr zu verlangen“.

Bild zu: Wer durch die Erde fällt, kommt bei den Antipathen wieder heraus

Lauren Cuthbertson als Alice. (Photo Courtesy Opus Arte)

Natürlich hat Carrolls „Alice“, ein Buch, das nicht ohne Grund die surrealistischen Maler, aber auch James Joyce für „Finnegan’s Wake“ inspirierte (wie Arno Schmidt in einem Aufsatz mit leicht höhnischen Untertönen bemerkt), viele zu dreidimensionaler Umsetzung einladende Szenen, die tänzerisch ergibig wären. Aber es muß doch zu denken geben, dass zwar Glen Tetley, niemals aber Frederick Ashton, eine „Alice“ choreographiert hat.

 Alice ist, dem Buch nach, ein Kind von sieben Jahren. Eine Schwierigkeit des „Nußknackers“ ist immer die Tatsache genannt worden, dass seine weibliche Protagonistin Clara ein Kind ist. Die Sprache des Balletts kann nur sehr schwer ein Kind charakterisieren, das wäre ein Widerspruch in sich. Wheeldon schummelt sich da hinaus, indem er sie einfach doppelt so alt macht – einen Teenager. Das erklärt er auch frank und frei – allerdings ohne eine Begründung abzugeben – in der interessanten, im Bonus-Material der DVD enthaltenen BBC-Dokumentation über das Ballett. Das zweite Problem ist, die Pas-de-deux-Variationsmöglichkeiten zwischen einem weißen Hasen und einer Fünfzehnjährigen sind nicht unbegrenzt interessant. Alice macht keine Entwicklung durch, sie stolpert nur von einem Abenteuer in das nächste, von einem phantastischen Szenario ins folgende. Aber die Scherze und Sprachspielereien des Buches, sein eigentlicher Witz, entfallen in einem Ballett notgedrungen. Das macht die Sache ein bißchen zu einer Nummernrevue. Ashton schuf „The Tales of Beatrix Potter“, einen Ballettfilm, in dem es ihm gelang, Tiere überzeugend tanzen zu lassen. Das einzige Kind der Geschichte tanzt gar nicht, nur das animalische Personal untereinander. Und nun zeigt es sich bei Ashton, dass seine Fabulierlust und sein choreographisches Genie Schritte erfanden, die tatsächlich Schweine oder Eichhörnchen zu charakterisieren imstande waren. So bekam man in dem Ballett auf eine Weise mehr, als man in den Bücher-Vorlagen gehabt hatte, mehr Bilder, mehr Scherze, mehr Eigenleben der Figuren, aber ohne Verrat am Original. Er entschied sich, für getreue Umsetzung der Kostüme und Dekorationen nach den Bildern der Bücher. Bei Wheeldon gibt es außer dem Hut des verrückten Hutmachers als Hintergund-Lithographie und der hinreißenden Grinsekatze keine ästhetische Anlehnung an John Tenniels Original-Illustrationen. Schade. Er und Carroll wußten es doch besser.

„Was das Tanzen anbelangt, meine Liebe“, schreibt Carroll in einem Brief an eine kindliche Freundin, „ – ich tanze nie, außer wenn ich es auf meine eigene, eigentümliche Weise machen darf. Es hat gar keinen Zweck, das beschreiben zu wollen: Man muß es gesehen haben, um es zu glauben. In dem letzten Haus, in dem ich’s versuchte, ist der Fußboden dabei zu Bruch gegangen. Freilich war es ein erbärmlich schlechter Fußboden – die Balken waren bloß sechs Zoll dick und verdienten kaum, Balken genannt zu werden: Steinerne Stützbögen sind sehr viel besser, wenn ein Tanz auf meine eigentümliche Weise vollführt werden soll. Hast Du jemals das Nashorn und das Flußpferd im Zoo dabei beobachtet, wie sie versuchen, ein Menuett miteinander zu tanzen? Das sieht einfach rührend aus.“

Das Problem mit Christopher Wheeldon’s „Alice“ ist, dass er das Wort „rührend“ – anders als der selbstironische Carroll im Zusammenhang mit eher plumperen Bewegern – ernst genommen hat. Alles in seinem Ballett will ein bißchen zu deutlich rühren, zu sehr gefallen, zu originell sein. Man kann gar nicht den Vorwurf erheben, Wheeldon verriete Carroll, nein, der Choreograph ist einfach ein netter Typ, für den alle diese hübschen Tänze, brillanten Effekte und knallfarbigen Verkleidungen es wirklich bringen. Das ist Christopher Wheeldon, eben, da hatte die „New York Times“ ganz recht.

 

 

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