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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Schtschelkuntschik oder Der Nußknackertest

Das ist, was der Öko-Bäcker als Nußknacker bezeichnet. Würde von keiner Zuckerfee als Dekoration im Reich der Süßigkeiten zugelassen werden....

Bild zu: Schtschelkuntschik oder Der Nußknackertest

Das ist, was der Öko-Bäcker als Nußknacker bezeichnet. Würde von keiner Zuckerfee als Dekoration im Reich der Süßigkeiten zugelassen werden. (Agavendicksaft? Kommt mir nicht durch meine Lebkuchentüren)

„Zunächst einmal kann man den „Nußknacker“ unter keinen Umständen ein Ballett nennen“, schrieb nach der St. Petersburger Uraufführung von 1892 ein Kritiker, der mit dem Namen „Domino“ zeichnete. „Es erfüllt nicht eine der Erwartungen, die man berechtigterweise an ein Ballett haben kann“. Der Mann sei vielleicht der erste in einer langen Reihe von Kritikern gewesen, die den „Nußknacker“ als bloßes Spektakel kategorisierten wegen seiner verschwenderischen Dekorationen und seiner ungewöhnlichen Struktur, schreibt Jennifer Fisher in ihrem sehr amüsanten und lehrreichen Buch „Nutcracker Nation. How an Old World Ballet Became a Christmas Tradition in the New World“ (Yale University Press, New Haven und London, 2003).

Zwei Umstände störten die Kritiker des Balletts seit jeher. Erstens, wie Fisher unnachahmlich formuliert – „all story and little dancing in the first act, then all dancing and no story in the second.“ Wahr, nur zu wahr: Während zur Ouvertüre festlich gekleidete Familien in Pelzmuffs und Capes und in dem Versuch, weder Kinder noch Geschenke zu verlieren durch den Schnee eilen, versammeln sich zu Beginn des ersten Aktes alle eingetroffenen Gäste in den geschmückten Räumen eines behaglichen Hauses – zur Weihnachtsfeier. Nur Onkel Drosselmeier, der erscheint später, bringt dafür aber Fritz und Clara, den Kindern des Hauses, wunderschöne Geschenke. Aus großen Schachteln entsteigen tanzende Puppen. Clara verliebt sich in ihren Nußknacker und legt ihn, als das Fest zuende ist, ins Puppenbett schlafen. Das weitere Geschehen träumt das arme, von Aufregungen, zu süßem und zu fettem Essen durcheinandergebrachte Kind. Wie nämlich ihr lieber Nußknacker vom bösen Mäusekönig und seinen Soldaten angegriffen und fast erledigt wird. Im letzten Moment ergreift Clara ihren Pantoffel und schleudert ihn dem bösen roi des rats an den häßlichen Kopf. Touché. Der Nußknacker ist gerettet. Clara besteigt einen Ballon (wahlweise Schlitten) mit ihrem Nußknacker – eigentlich der verzauberte Neffe Drosselmeiers – und entschwebt. Beste Divertissements des Balletts sind der Walzer von original sechzig Schneeflocken, deren wirbelnder Tanz einen Schneesturm evoziert und der wunderbare, vollkommen librettokontextfreie Blumenwalzer. Da kriegt das Corps de ballet herrliche Dinge zu tanzen, während mal die Solisten in der Gasse rumstehen dürfen.

Das war dann aber auch schon die Handlung (tja, E.T.A. Hoffmann).

Im zweiten Akt erleben Clara und ihr Nußknacker-Prinz als gleichsam adlige Gäste die Showtanzformationen im Reich der Süßigkeiten. O, der Pas de deux der Zuckerfee mit ihrem Zuckerprinzen! Der chinesische, der arabische, der russische Tanz….c’est la fête. Eine Phantasie, eine Entführung aus der Wirklichkeit, ein Bild der Festlichkeit und geheimnisvollen, heiligen Tage, eine Erinnerung dreier erwachsener Männer (Marius Petipa und Lew Iwanow und Peter Tschaikowsky) daran wie es sich anfühlt, als Kind Weihnachten zu erleben. Was heißt da Handlung?

Zweitens – und das ist eben für die Sorte Erwachsene ein Problem, die nicht gerne in die Gedanken- und Gefühlswelt der Kindheit zurücktauchen, also Leute, die auch Harry Potter nicht verstehen, – sind in anderen Balletten die Protagonisten nie Kinder. Eine Schwierigkeit klassisch-akademischen Tanzens ist es, dass es altklug, gekünstelt und abgerichtet aussehen kann, wenn sehr junge Tänzer auftreten, selbst wenn sie ihre Sache sehr gut machen. Die Pas des klassischen Balletts zu meistern, läßt sich mit dem Kindlichen absolut nicht zusammenbringen. Ein nicht theoretisch aufzulösender elementarer Widerspruch in diesem Ballett.

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Jennifer Fisher beschreibt in ihrem Buch, wie ein anfangs gleich als problematisch empfundenes Werk aus St.Petersburg es so weit bringen konnte, daß heute in jeder noch so kleinen amerikanischen Stadt die ortsansässige Ballettlehrerin zu Weihnachten einen „Nußknacker“ präsentiert. Das ist so, seit George Balanchine mit seiner Fassung 1954 die Vereinigten Staaten hinriß.

Nun, in Deutschland sieht es in dieser Saison auch ganz so aus, als wollten die deutschen Stadttheater ihr Publikum dazu erziehen. In den Spielplänen wimmelt es nur so von Nußknackern. Es gab berühmte Fassungen von John Cranko, Rudolf Nureyev, Mikhail Baryshnikov, und Peter Wright. Und von Maurice Béjart und John Neumeier. Hier sind einige Kriterien, mit denen man den „Nußknacker“ vor der eigenen Haustür prüfen kann:

Sind eine Menge Kinder darin?

Ereignen sich die mimischen Passagen in erfreulich natürlicher, verständlicher, atmosphärischer Weise?

Haben sie interessante, quasi-literarische Details?

Ist Drosselmeier wirklich unheimlich?

Gelingt der Wechsel von der Wirklichkeit in Claras Traum überzeugend?

Ist es Ihnen im zweiten Akt bereits gleichgültig, wie alt Clara nun ist?

Erscheint Ihnen die Zuckerfee überirdisch schön und als eine nachahmenswerte Stilikone?

Wünschen Sie sich beim Anblick Ihres Nußknackers, Sie wären Teil dieser Familie?

Vergessen Sie bei den Blumen und den Schneeflocken völlig, in welchem Ballett Sie überhaupt sitzen?

Fühlen Sie sich an Ingmar Bergmans „Fanny und Alexander“ erinnert?

Sie können alles mit JA beantworten? Dann schreiben Sie mir bitte, wo Sie diesen wundervollen „Nußknacker“ gesehen haben.

 

 

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