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Rübermachen. Warum Tänzer weglaufen, obwohl es keinen Eisernen Vorhang mehr gibt

21.11.2011, 21:08 Uhr

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Was soll schon interessant sein an dieser Meldung, dass Natalja Ossipowa und Ivan Vassiliev, fünfundzwanzig und zweiundzwanzig Jahre Startänzer des Moskauer Bolschoi-Balletts, dort gekündigt haben, dachte ich tagelang. Aber jetzt ist es mir eingefallen. Das Bolschoi ist darum besonders gekränkt, weil die beiden nicht etwa nach New York gezogen sind, sondern bloß von Moskau nach St. Petersburg, also nicht das Land, nur die Wohnung und den Arbeitgeber wechselten. Sie tanzen jetzt für das private Michailowsky-Theater, das sich ein Oligarch namens Vladimir Kechman neu eingerichtet hat mit Millionen, die der studierte Mann im Obsthandel verdient hat. Das leitet er selbst und seinen Chefchoreographen Nacho Duato, hat er an einem bekannten Obsthandelsplatz, in Spanien, eingekauft, wo dem Mittfünfziger der Ballettdirektorenstuhl nach langen Jahren vor die Tür gestellt worden war. „Quiet is the new loud”, wie der Tänzer Tony Rizzi kürzlich als Mae West treffend bemerkte, Tänzer sind die neuen Fußballer. Aber nicht doch, gaben die beleidigten Bolschoi-Stars zu Protokoll, sie hätten doch nicht etwa gekündigt, weil der Oligarch besser zahle und ihnen eine Wohnung einrichte und vielleicht einen Wagen mit Chauffeur und Body-Guards und vertragsgemäß ein, zwei Luxus-Gegenstände ihrer Wahl zum Geburtstag oder anderen wundervollen Anlässen zur Verfügung stelle. Nicht doch! Um künstlerische Freiheit ging es. Selbstverständlich. Deshalb hatte der Oligarch anderthalb Jahre Mühe, diesen Freiheitswillen mit seinem ganzen Erfahrungsschatz aus dem Obsthandel in sie hineinzureden und zitierte ihnen wahrscheinlich Puschkin und Habermas. Noch wahrscheinlicher aber drang einfach nur folgende Botschaft irgendwann zu ihnen durch: Schaut mal, wenn ihr doch soviel mehr verdienen könnt als früher und könnt ja trotzdem nach New York und dauernd am American Ballet Theatre gastieren und müßt euch doch bloß nicht mehr dauernd ärgern, weil ihr wieder nicht die Nußknacker- oder die Dornröschen-Premiere tanzt. Und dabei müßt ihr noch nicht mal eure russische Seele offiziell verkaufen. Super. Warum aber hatte Svetlana Zakharova das Marijnski-Theater in St. Petersburg Richtung Bolschoi mit demselben Hinweis auf mangelnde Freiheit verlassen?

Wer bitte fühlt sich denn nun wo warum eingesperrt? David Hallberg, Star des American Ballet Theatre, der am 4.November seine erste Vorstellung als Albrecht mit dem Bolschoi-Ballett in der Funktion eines Ersten Solisten tanzte und da bleibt und bloß auch weiterhin in New York gastieren wird, wie Ossipowa, mit der er am Bolschoi das Dream Team weiterspielen sollte? Fühlte der sich in New York eingesperrt?

„Pough-, Pough- Pough-, Poughkeepsie” stammelte der Anwalt John Cage in der Serie „Ally McBeal” immer, wenn er sehr aufgeregt war. New York und Moskau und St. Petersburg sind in der Tanzwelt, was im realen US-Bundesstaat New York The City of Poughkeepsie und The Town of Poughkeepsie sind – benachbarte Städte mit dem gleichen Namen. Genau. Hallberg meint zwar, am Bolschoi ginge es tänzerisch feuriger zu, aber eigentlich ist es doch so: Überall tanzen ganze Kohorten fabelhafter Solisten und wer in dieser Welt noch wirklich Hallo erzeugen will, der macht am besten rüber. Von Poughkeepsie nach Poughkeepsie. Ist ja nicht weit.

 

 

 

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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.