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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Sacred Monster Margot Fonteyn oder: Sind Tänzer heute besser?

Kurz vor Weihnachten erscheint - noch rechtzeitig für die Wunschlisten - bei dem Label „International Classical Artists Ltd" eine DVD mit Filmaufnahmen...

Bild zu: Sacred Monster Margot Fonteyn oder: Sind Tänzer heute besser?

Kurz vor Weihnachten erscheint – noch rechtzeitig für die Wunschlisten – bei dem Label „International Classical Artists Ltd“ eine DVD mit Filmaufnahmen der BBC aus den Jahren 1954, 1958 und 1959: Margot Fonteyn und Michael Somes sind in Ausschnitten von „Dornröschen“, „Schwanensee“ und „Nußknacker“ zu sehen. An ihnen kann man studieren, wie dramatisch sich das klassische Tanzen in den vergangenen sechzig Jahren verändert hat. Doch das ist nicht das Erste, das einem in den Sinn kommt, wenn Fonteyn, Frederick Ashtons Lieblingstänzerin, die Ballerina des Goldenen Zeitalters des englischen Balletts, im Rosen-Adagio von Hand zu Hand, von Kavalier zu Kavalier wechselt. Wie sie mit unnachahmlicher Haltung lächelt – eine junge übermütige Prinzessin, die keinen Sinn darin sieht, beim Tanzen etwas anderes als die pure Freude an der Bewegung zu empfinden, unbekümmert um den Eindruck, den sie auf die Bewerber um ihre Hand macht, aber nicht hochmütig, das ist im Märchensinn des Wortes königlich. Es hat diese besondere Würde und zugleich jenen unbezähmbar wilden, temperamentvollen Charme derjenigen, die gewohnt sind, dass man ihnen aufgrund ihrer Geburt, ihrer Schönheit, ihrer Talente und ihres Charismas stets willfährt, deren Charakter das aber nicht zum Negativen verändert. Dieser Wesenskern Fonteyns war es, der Nurejew unter allen großen Tänzerinnen der Zeit ihre Nähe suchen ließ, der diese ungeheure Anziehungskraft zwischen ihnen entstehen ließ, die sich bei allen ihren Auftritten .dem Publikum übertrug wie eine Energietransfusion. Fonteyn hatte eine hinreißende, absolut stabile Karriere entwickelt auf der Basis ihrer physischen Kraft und fehlerlosen Technik, ihre Anmut und schauspielerische Natürlichkeit hatten das Publikum auf der ganzen Welt bezaubert. 1961 sollte Nurejew nach seiner Flucht in den Westen das Tanzen mit ihr entdecken und ihr zu einer spektakulären zweiten Karriere verhelfen. Die hier vorliegenden Aufnahmen liegen zwei, drei und sieben Jahre vor der alles verändernden Londoner Gala am 2. November 1961. Hier tanzt sie mit einem Partner, dem man nicht gerecht wird, wenn man ihn oberflächlich mit Nurejew vergleicht und dann zu beherrscht, zu sanft, zu britisch findet. Schaut man ihm länger zu – und sei es nur wie hier in alten Schwarzweiß-Studiofilmen – dann entwickelt sich die ganze Magie seines Spiels. Er ist nicht nur der wahrscheinlich technisch vollkommenste Tänzer der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen, sondern auch einer der perfektesten Partner je. Die absolute, aber anstrengungslos wirkende Aufmerksamkeit, mit der er jeder noch so kleinen Bewegung Fonteyns folgt, die millimetergenaue Präzision, mit der er stets den richtigen Abstand hält, die Innigkeit, mit der er all ihren Impulsen folgt und diese bedingungslos unterstützt, ist einzigartig. Man muß Somes gleich mögen, es geht gar nicht anders und stellt dann erst überrascht fest, wie oft man von Fonteyn zu ihm hinüberschaut. Phantastische Zwei.

Leider sind wir Spätergeborenen nicht nur reine Bewunderer. Wir können gar nicht anders als mit dem Auge stolpern über bestimmte technische und körperliche Aspekte des Tanzes von vor einem halben Jahrhundert. Fonteyn und Somes haben eine kräftiger entwickelte Muskulatur, als man sie heute üblicherweise sieht und Fonteyn’s arabesque präsentiert das Spielbein auf neunzig Grad Höhe, ihre arabesque penchée hat hundertdreißig Grad, korrekt. Doch dieses Art dezenter, liniengerechter Korrektheit ist out of fashion. Paul Chalmer, ehemaliger Leipziger Ballettdirektor, der im Augenblick als freier Choreograph und Ballettmeister in Florenz lebt und arbeitet, hat dazu eine interessante These. Seinen Erfahrungen zufolge machen die Ballettpädagogen heute so gut wie keine Fehler mehr in der Ausbildung. Die Erziehung der Tänzer hat sich so verbessert, dass heute – anders als man es noch auf dieser DVD sehen kann – kaum noch ein technischer Unterschied zwischen Solisten und Corps de ballet besteht. Also – darin vergleichbar den Hochleistungssportlern – pushen die Tänzer ihre Virtuosität immer weiter. Spagat wird heute nicht mehr auf dem Boden geübt wie in der guten alten Zeit, sondern mit den Füssen auf zwei Stühlen. Man sieht Fotos, auf denen ein Tänzer im Männerspagat in der Luft steht, wobei sein Becken tiefer liegt als seine Beine. Unheimlich. Noch etwas: Hält man ein developpé à la seconde, also das seitwärts ausgestreckte Spielbein tapfer auf neunzig Grad, kostet das richtig Kraft – also kriegt man auch mehr Muskeln. Zieht man das developpé hingegen gleich so hoch, dass das Spielbein fast hundertachtzig Grad hoch ist und der Fuß quasi hinter dem Ohr schwebt, dann rastet das Spielbein sozusagen gemütlich von oben in der Hüfte ein und man braucht, einmal da oben angekommen, eigentlich keine Kraft mehr zum Halten.

Mal ganz abgesehen davon, ob das angemessen ist in Tschaikowsky-Balletten, erhört diese Art zu tanzen das Verletzungsrisiko enorm. Zuviel extension, zu wenig power. Etwas mehr Stilgefühl, etwas weniger sportliche Konkurrenz, etwas mehr Ehrgeiz, die beste Interpretation zu zeigen, nicht die tollste Barbie zu sein, please, for Margot’s sake.

„Margot Fonteyn. Michael Somes. Tschaikowsky Masterpieces. Extracts from Sleeping Beauty, Swan Lake & The Nutcracker“ (ICAD 5050, mit Beiheft) www.icaclassics.com

 

 

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