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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Orpheus in der Kunsthalle Düsseldorf

Das war schon mit vierzehn völlig klar. Ich weiß auf den Tag genau, wann das passierte. Es gibt ein großartiges Gemälde von Picasso, „Der Tanz". Es...

Bild zu: Orpheus in der Kunsthalle Düsseldorf

Das war schon mit vierzehn völlig klar. Ich weiß auf den Tag genau, wann das passierte. Es gibt ein großartiges Gemälde von Picasso, „Der Tanz“. Es zeigt drei tanzende Figuren, hat aber auch mit dem Tod zu tun – obwohl mir das zu dem Zeitpunkt nicht bewußt war. Ich malte eine ungefähre Kopie davon und während ich James Browns Album „Mashed Potato Popcorn“ hörte und Coca-Cola trank, begriff ich im Zuckerrausch, dass es genau das war, was ich machen wollte. Die Sache mit Picasso läßt sich auf Wurzeln zurückführen, die irgendwo in Afrika liegen; es gibt da diesen schamanischen Einfluß. Da war also auf der einen Seite dieses Bild, in dem es um Sex und Grauen geht, und auf der anderen Seite diese Musik, in der sich alles um Sex und einen unglaublichen Kampf für ein besseres Leben und mehr Respekt dreht.

Der amerikanische Künstler Chris Martin (* 1954) auf die Frage, wann ihm bewußt geworden sei, dass er Maler werden wolle.

Anläßlich der ersten Einzelausstellung von Chris Martin „Staring into the Sun“, die noch bis zum 15. Januar 2012 in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen ist, gewinnt der Tanz auf andere Weise erneut Bedeutung für sein Werk. Jörg Weinöhl, einer der auffallendsten Protagonisten in Martin Schläpfers „Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg“, hat eine interaktive temporäre Tanzinstallation geschaffen, die er am kommenden Wochenende zeigen wird. Weinöhl, der grausame Angler aus Martin Schläpfers „Forellenquintett“, hat 2009, als die Compagnie noch in Mainz tanzte, mit „Das Wissen der Nacht“ ein phantastisches erstes Solo am dortigen Staatstheater präsentiert. Sein neues Stück, das mit der Komponistin Isabel Mundry geschriebene szenische Konzert „Nicht ich – über das Marionettentheater von Kleist“, wurde im Juni in der Schweiz uraufgeführt und wird im Juni nächsten Jahres an der Deutschen Oper am Rhein wiederaufgenommen. „Gestaltete Zeit des Verweilens“ heißt seine Arbeit in der Kunsthalle, und sie zu erleben, ist ziemlich genau das, was der Titel verheißt, und doch viel aufregender als diese Worte. Weinöhl macht sich dabei nämlich selbst zum lebendigen Loop. In Ausstellungen zeitgenössischer Kunst laufen viele Video-Werke auf Monitoren oder Leinwänden in Endlos-Schleifen, damit die hereinströmenden Besucher eingeladen sind, zu verweilen – sie sehen ja sofort, da läuft etwas – und mit etwas Geduld erleben sie alles dann von vorne.

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So macht Weinöhl das auch. Auf einer Empore der Kunsthalle, von der man hinabschaut in den schönsten Saal der Ausstellung, steht am Geländer ein CD-Spieler mit Kopfhörer. Setzt man ihn auf und drückt „play“, beginnt zunächst eine Geräuschcollage. Viele Leute reden durcheinander und gehen umher, eine Tür knallt zu, das Ticken einer Uhr, der Herzschlag eines Menschen sind zu hören, ein tiefes Ausatmen wie mit einem Seufzer. Weinöhl, der über Kopfhörer mithört, geht, in Turnschuhen, Hemd und Hose, einen Stöpsel im Ohr, durch den Raum, bleibt vor Bildern stehen, tritt zurück, wendet sich einem anderen Motiv zu. Man hört Straßenverkehr und das Hupen von Autos, das Abwischen von Stoff meint man zu erkennen. Weinöhl steht jetzt vor „Ain’t it funky“, einem abstrakten Gemälde, in das Martin Vinylplatten eingeklebt hat, an zentraler Stelle jene Platte von James Brown, der der Titel des Bildes entlehnt ist. Er tritt zurück, wie um die Gesamtkomposition des Bildes wahrzunehmen, die weißen Umrahmungen der Platten und ihre weißen Verstrebungen hin zu anderen Scheiben. Eine Bohrmaschine heult auf, Schritte, eine Tür schließt. Und plötzlich erklingt Musik, Musik aus einer anderen Welt, Musik auf der Schwelle von der Renaissance zum Barock, ein fünfstimmiges Chanson des Mannes, den man zu seiner Zeit den „Orpheus von Amsterdam“ nannte: Jan Pieterszoon Sweelincks „Depuis le jour“. Nun setzt Weinöhls Tanz ein: Mit dem Rücken zum Betrachter befreit sich die rechte Hand und streckt sich hinter dem Rücken aus. Schneller, als man blinzeln kann, öffnen sich die Finger der Hand, als ließen sie etwas fallen. Er dreht sich langsam in einem sanften Plié über die vierte Position weg von James Brown, tut einen Schritt, legt zwei Finger der rechten Hand unter das rechte Auge, wie um auf diesen Sinn hinzuweisen. Die rechte Hand rieselt von hoch oben herab mit den Fingern, wie um anzudeuten, dass etwas in das Bewußtsein dieses Mannes einströmt. Er hebt die Schultern und läßt sie, ratlos, wieder sinken. Weinöhl geht eine enge Spirale, nimmt alles in sich hinein, das Erlebte, Phantasierte, den Schock, den Schmerz. Gleich darauf wird er mit weitausgreifenden Schritten den Raum öffnen. Dann nimmt er tänzerisch ein anderes Gemälde ins Visier, nähert sich ihm, streckt die Hand wie abwartend, nachdenkend, dagegen aus, kratzt sich am Kopf, wendet sich dem Bild erneut zu, legt den Kopf in die Hand. Geht endlich mit der linken Schulter sehr nahe am Bild entlang, als wollte er hineingezogen werden um zu verschwinden wie ein Zauberer. Am Ende schaut der Tänzer nach oben und seine Blicke treffen sich für einen Moment mit denen des Hörenden, Schauenden auf der Empore. Dann geht Weinöhl davon, bis der nächste Besucher ihn zurückruft, in dem er die Kopfhörer aufsetzt und „Play“ drückt. Seltsamerweise hat man nach diesen Eindrücken das Gefühl, vier Minuten reichten aus, um das Porträt einer Figur zu entwerfen, und noch einen eigenartigen Impuls spürt man währenddessen: Diese Figur scheint, wie Virginia Woolfs „Orlando“, die Erfahrungen von Jahrhunderten eingeholt zu haben, das „Depuis le jour“…des Chansons, jener Moment, als die Geliebte sich erstmals zeigte, scheint Ewigkeiten zurückzuliegen. Sie ist verschwunden. Die Bilder sind alle abstrakt.

Bild zu: Orpheus in der Kunsthalle Düsseldorf

Fotos: Martina Pipprich

Wieder am Samstag, den 10.12. 11-14 Uhr und Sonntag, 11.12., 15 Uhr in der Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4, 40213 Düsseldorf

 

 

 

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