Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Erna, schöne Omarsdottir, Fee und Monster

Sie sei ein „element", eine Naturgewalt, hat ihre Landsmännin, die zur Zeit in der Frankfurter Schirn mit einer Einzelausstellung („Crepusculum",...

Bild zu: Erna, schöne Omarsdottir, Fee und Monster

Sie sei ein „element“, eine Naturgewalt, hat ihre Landsmännin, die zur Zeit in der Frankfurter Schirn mit einer Einzelausstellung („Crepusculum“, Abenddämmerung, noch bis 8. Januar 2012) geehrte isländische Künstlerin Gabriela Fridriksdottir über sie gesagt. Wahr ist, was man nicht gleich sieht, wenn Erna Omarsdottir in einem Video der Popsängerin Björk unter einem Kostüm von Fridriksdottir verborgen umherkraucht, dass man sich bei dieser Frau vorstellen kann, wie die Heldinnen der isländischen Sagas ausgesehen haben müssen. Sie sei eine sanfte Lagune und ein ausbrechender Vulkan, ein dichter und wilder Wald, eine ruhig sich erhebende Düne….ein Monster und eine Fee, analysierte Fernando Eichenberg. Tatsächlich hat die Tänzerin ihre Ausbildung an Anne Teresa de Keersmaekers „P.A.R.T.S.“-Schule erhalten, was dafür spricht, dass im Training durch die strenge, taktzählende Minimalistin eine ungeheure Freiheit herrschen muß. Seither arbeitet Omarsdottir mit den besten Choreographen und Tänzern ihrer Generation – mit Sidi Larbi Cherkaoui – sie tanzte etwa in „Foi“ – oder mit Damien Jalet, mit dem schon mehrere gemeinsame Stücke entstanden – unter anderem eines, bei dem das Publikum und die Tänzer sich gemeinsam in Islands magischer blauer Lagune aufhalten. Warum gibt es in England keine schönen Frauen mehr, fragt ein isländischer Witz. Weil sie bis um das Jahr 1000 herum alle von den Vikingern weggeheiratet – oder geraubt – worden waren, weshalb bis heute die Isländerinnen von so sagenhafter wilder Schönheit sind. Wahr ist auch, dass das allgemein südlich von Island gelegene Europa sich jetzt zumindest für regelmäßige Abendvorstellungen einige dieser Isländerinnen zurückholt. Erna Omarsdottir und ihr Ensemble Shalala gastierten in diesem Herbst beim „Nordwind-Festival“ in Berlin und auf Kampnagel in Hamburg und zeigen etwa das wunderschreckliche Frauenstück „Teach us to outgrow our madness“ – lehre uns, unserem Wahnsinn zu entwachsen“ wieder am 20. und 21. Januar in Zürich, im März in Belgien und im April in Frankreich.

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Die fünf Frauen, ein Club langhaariger Hexen, deren Freundschaften, Liebe, Sexualität, deren Geheimnisse, Tabus, imaginierte Schreckenskammern, deren Ängste, Gelächter und Gesänge das Stück vor den Zuschauern ausbreitet wie einen langen, unheimlichen und zugleich vertrauten Traumvorgang, sind am Ende dem Publikum näher als je ein Tanztheaterdarsteller zuvor. Die Art und Weise, in der Omarsdottir und ihre Tänzerinnen singen, spielen, brüllen, sprechen, Haare bürsten und unter Perücken verschwinden, trifft ganz und genau, was Frauenfreundschaften, Mutterschaft und Schwesterlichkeit so anziehend und Frauenfeindschaft so erschreckend macht. Man lacht und ist mindestens zweimal total schockiert.

Das Ende von „Teach us…“ ist eine Art Rockkonzert, kein Wunder, hat doch Omarsdottir gemeinsam mit dem Komponisten des Abends, Valdimar Johannsson, auch eine Band namens Lazyblood. Heavy Metal, unnötig zu erwähnen.

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Fotos: Oberto Flores Moncada aus: „Teach us to outgrow our madness“, in der Mitte Erna Omarsdottir

„Teach us…“ und auch „We saw monsters“ ist von Horrorfilmen inspiriert, stundenlanger Aufbau gräßlicher Spannung, Todesfurcht wegen nichts, das amüsiert Omarsdottir. Sie und ihre Tänzerinnen zogen sich in ein Kloster zurück, um am Stück zu arbeiten und schauten abends Horrorfilme, um am nächsten Tag darüber zu improvisieren. Das war, wie sich herausstellte, nicht so eine gute Methode. In ihren Klosterzellen allein, konnte keine einschlafen. Also schliefen sie alle in einer Zelle und verlegten das Anschauen von Horrorfilmen in die Morgenstunden.

Monster, Sagengestalten, mystische und archetypische Verhaltensweisen, das zeigt Omarsdottir in der für sie typischen langsam ablaufenden Bühnenzeit, ohne Manierismen, prätentiösen Bedeutungsschwulst, ohne Umstände, in einer phantastischen, leicht unheimlichen Ästhetik, mit monströser Wahrheitsliebe sozusagen.

http://www.ernaomarsdottir.com/

Hörbuchempfehlung zu isländischen Sagas: „Die Saga von Njáll. Die Saga der Leute aus dem Lachsflusstal“ c+p 2011 supposé Berlin www.supposé.de

Bilder und Informationen zu Gabriela Fridriksdottirs Ausstellung: www.schirn.de

 

 

 

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