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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Wieviele Paar Spitzenschuhe brauchen wir Frauen?

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  Andere Frauen nachzuahmen, die man verehrt, ist einfacher. Andere Frauen tragen Schuhe von Christian Louboutin, peut-être...

 

Andere Frauen nachzuahmen, die man verehrt, ist einfacher. Andere Frauen tragen Schuhe von Christian Louboutin, peut-être (www.christianlouboutin.com). Diese hier trägt, wie man weiter unten sieht, Birkenstock-Schlappen, und, wie man ahnt, im Winter Botten und wie man weiß, nicht nur in der Pariser Oper mit Daunen oder Polyesterwatte gefüllte Hausschuhe. Ja, und sie hüllt sich gerne in weite Mäntel und trägt Südwester, wenn sie mit Mats Ek in Stockholm probt. Zu Interviews in ihrer Garderobe schlüpft sie in Herrenhemden. Um wen es da noch nicht geschehen ist, betrachte Fotografien von ihr als Schwan, als Giselle, als Manon, als Marguerite, als Dornröschen. Sylvie Guillem, Jahrgang 1965, ist die aufsehenerregendste Ballerina ihrer Generation, die intelligenteste, künstlerisch kühnste, die fähigste, die unermüdlichste, rastloseste, und weil all das aus ihrem Gesicht und ihrem Körper spricht, auch die schönste. Wunderschön und vollkommen uneitel, trocken, witzig, und – notorisch scheu. In dem wunderschönen Band „Invitation – Sylvie Guillem“, 2005 bei Editions Cercle d’art, Paris, erschienen, der Fotografien ihres Lebensgefährten, des über die Modewelt hinaus berühmten Gilles Tapie versammelt, spekuliert die Ballettkritikerin von „Le Monde“, Dominique Frétard, über die Verbindungen von Margot Fonteyn und Sylvie Guillem und sie deutet mehr an, als dass sie ausführt, dass Rudolf Nurejew die Verbindung zwischen den beiden größten Tänzerinnen unserer Zeit ist. Nurejew, der Fonteyns Genie zum Leuchten brachte, als sie scheinbar schon alles gegeben hatte als Tänzerin, und ihr Jahre und ganz neu erfüllte Jahre auf der Bühne schenkte, ist derselbe Nurejew, der Guillems Ausnahmetalent erkennt und sieht, dass die Neunzehnjährige zwar von tiefer Furcht erfüllt, aber mit mindestens ebenso großer Ungeduld darauf wartet, endlich die großen Rollen des Repertoires tanzen zu dürfen an der Pariser Oper und sie erst zur Première Danseuse ernennt, am 19. Dezember 1984, und fünf Tage später zum Etoile.

Bild zu: Wieviele Paar Spitzenschuhe brauchen wir Frauen?

Wieviele Paar Schuhe Frauen brauchen, ist eine nicht vollständig erforschte Frage. Wieviele Spitzenschuhe eine Tänzerin braucht, kann man hier abzählen. Guillem sichtet ihre Vorräte für die nächsten Tage und bearbeitet den Bestand. Bei Arthaus Musik (www.Arthaus-Musik.com) sind jetzt zwei Filme über Guillem, Nigel Wattis „Portrait“ von 1993 und André S. Labarthes „At Work“ von 1987 auf zwei DVD’s im Schuber erschienen (2012). Da sieht man Guillem, wie sie sich Zeh um Zeh – die mittleren drei Zehen zusammengenommen – mit weißem Tape zusammenklebt, bevor sie in die Spitzenschuhe schlüpft. Aber im Moment, bevor sie klebt, kann man erkennen, dass ihre Füsse kräftig sind, aber keine Blasen haben und nirgends kürzlich geblutet haben. Soviel zu dieser totgerittenen Metapher im Zusammenhang mit einer angeblich nicht mehr sehr lebendigen Kunstform.Wer Guillem in ihren klassischen Rollen gesehen hat, weiß, dass Ballett nicht zur falschen Sentimentalität erzieht.

Was lernt man noch? Dass William Forsythe meistens hungrig war, wenn er mit Guillem probte, und dann gerne in eine flute biß, beim Proben, finalement nous sommes en France, n’est-ce pas?Aber auch noch eine ganze Menge Dinge, die wirklich interessant sind. Wie früh sie vor einer Vorstellung im Theater erscheint, um sich allein an einer Ballettstange auf der Bühne, völlig in sich versunken aufzuwärmen. Dass man sie nachdenklich ihre Exercices ausführen sieht und weiß, dass sie vor jeder Vorstellung Furcht empfindet, obwohl sie eine perfektionistische Meisterin der Vorbereitung ist.Hobbies: Töpfern. Fotografieren. Kochen. Liebt Japan.

Mag Nurejew eine Verbindung bilden zwischen Fonteyn und Guillem – wie die Tanzgeschichte voll ist von solchen magischen Ketten über Kontinente, Stile, und Generationen hinweg – so trennt die beiden die Tatsache, dass Guillem zu keinem klassischen Choreographen eine ähnlich bedeutende Arbeitsbeziehung hat aufbauen können wie sie zwischen Fonteyn und Fred Ashton bestand. Im Post-Pointe-Zeitalter Guillems, nun, da sie die Spitzenschuhe beiseitegelegt hat, ändert sich das ein bißchen. Sie hat intensiv mit Akram Khan gearbeitet an „Sacred Monsters“, sie arbeitet lange schon mit phantastischen Ergebnissen mit dem Schweden Mats Ek und war sehr faszinierend in Robert LePage‘ s „Eonnagata“. Der Brite Russell Maliphant zog ihr Knieschützer an und kurze Hosen und schuf für die Kämpferin Guillem einige der schönsten Momente zeitgenössischen Tanzes, zu sehen wieder beim Holland Festival in wenigen Wochen. Man sollte, wo man Guillems Vorstellungen sehen kann, keine versäumen (www.sylvieguillem.com). Denn sie sagt, sie hat keine Angst vor dem Aufhören. Das ist dann bestimmt auch so. Und wer wollte sich später vorwerfen lassen müssen, er habe das nicht geglaubt? Übrigens, das friedliche Bild von Guillem täuscht. Tänzerinnen tun ihren Spitzenschuhen schlimme Dinge an: Sie klemmen sie in Türrahmen ein, hauen mit dem Hammer auf sie drauf oder stecken sie in den Backofen. Sie umhäkeln auch die Spitzen außen. Doch, wirklich.

 

 

 

 

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1 Lesermeinung

  1. "...Guillem...Liebt Japan..."...
    „…Guillem…Liebt Japan…“
    Ich habe Tiket für Tokyo Ballet: Kabuki, Be`jart im Mai, kann ich kaum noch warten.

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