Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Why Suzi sells Sushi by the Seashore

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Suzi verkauft Sushi am Strand ist die Abwandlung eines englischen Zungenbrechers: Suzi sells Seashells by the Seashore. In einer im September 2001...

Suzi verkauft Sushi am Strand ist die Abwandlung eines englischen Zungenbrechers: Suzi sells Seashells by the Seashore. In einer im September 2001 veröffentlichten Studie legten die Wissenschaftler Brett W. Pelham, Matthew C. Mirenberg und John T. Jones von der State University of New York at Buffalo nahe, dass die meisten Menschen, da sie mit sich selbst Positives assoziierten, Dinge vorzögen, die sie mit sich selbst in Verbindung bringen könnten. Gemeint war etwas so Grundlegendes wie der eigene Name. Es sei kein Zufall, wenn Suzi ihre Seemuscheln am Strand feilbiete. Zzz, zzz, zzz. Damit, dass Muscheln in der Nähe des Strandes, nämlich im Meer, geerntet, gefischt, gepflückt werden, hat das wohl nichts zu tun?

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Suzi sells Sushi by the Seashore jedenfalls ist der Name eines Nagellack-Tons. Im Fall von Nagellacken klingt die These schon plausibler. Denn wer je vor einer Wand dieser kleinen Fläschchen gestanden und versucht hat herauszufinden, welchen es zu kaufen gilt, kennt die Qualen. Die Nagellackhersteller wiederum müssen diese Unentschiedenheiten fürchten, denn zuviele der unschlüssigen und damit angestrengten, frustrierten Frauen drehen sich wahrscheinlich irgendwann entnervt auf dem Absatz um und verlassen den Ort ihrer ästhetischen Beliebigkeit ohne Produkt. Das gilt es zu verhindern. Und wie kann das gelingen? Pelham, Mirenberg und Jones weitergedacht, natürlich durch phantasievolle Nagellack-Bezeichnungen: „I’m not really a waitress“ etwa eröffnet da doch bereits die schönsten Assoziationen. Diese Farbe könnte man tragen in einem sexy Rollenspiel, na? Gute Güte, so etwas funktioniert ja auch nur bei Frauen, deren an Roland Barthes geschulter Blick auf die alltäglichen Objekte ihrer Begierde dafür sorgt, dass beim Anblick eines gewöhnlichen kosmetischen Hilfsmittels ganze Ketten von Assoziationen entstehen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft neue Perspektiven bekommen.

Pelham, Mirenberg und Jones (http://www.autodogs.info/pdf/implicit/3.pdf) dachten das viel simpler. In Jacksonville würden überproportional viele Jacks wohnen, so in der Art, Leute mit dem Nachnamen Fischer würden häufiger Fischer.

Frauen denken natürlich komplizierter. Über die einfachen Assoziationen mit ihrem Namen hinaus – den sie ja auch vergleichsweise häufiger als Männer bei der Heirat in einen anderen ändern – assoziieren sie viel mehr mit sich. Positiv besetzte andere Begriffe. Ballett steht in dieser Liste ganz oben. Frauen mögen viele Produkte, die aus der Ballettwelt stammen. Sie tragen gerne Tüllröcke, obwohl man für diese sehr schlank sein muß, denn sie erinnern sie an ihre Kinderträume vom Tragen eines Tutus. Sie lieben Stulpen, denn diese vermitteln mit dem Flair der Arbeitswelt, wie zart, leicht verletzlich und kälteempfindlich ihre Knochen sind. Keine Frau möchte ein Elefant sein, alle Frauen möchten fragil erscheinen und doch Kräfte besitzen, fleißig, diszipliniert und hingebungsvoll wirken, wie eine Ballerina eben. Also wie heißt der Nagellack? „Ballet slippers“. „Schläppchen.“

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Für alle Frauen, auf die die obenstehenden Beschreibungen nicht zutreffen, hier etwas substanziellere Farbtöne: „It’s all Greek to me“ ( das kommt mir Spanisch vor), oder „Tasmanian Devil made me do it“, nein, zu verrucht ,um es zu übersetzen.

Übrigens lesen nicht nur Kosmetik-Hersteller Forschungsergebnisse, sondern jeder Produzent von Frauenspielzeug. Siehe dazu Helge Jepsens Buch mit dem gleichnamigen Titel („Frauenspielzeug. Eine beinahe vollständige Sammlung lebensnotwendiger Dinge“, Hoffmann und Campe, Hamburg 2010, Neuauflage 2011), denn es hat auch einen eigenen Eintrag für Tanzen mit einer Abbildung von Füßen in Spitzenschuhen und Stulpen….Soll man die augenblickliche Begeisterung für falsche Wimpern noch dazurechnen, wurden diese schließlich auch für die Bühne erfunden…Warten wir auf den nächsten Ballettfilm aus Hollywood. Zuletzt hat „Black Swan“ die Modezeitschriften inspiriert, ganze Seiten stellten die Redaktionen mit ballettassoziierten Kleidern und Accessoires mühelos zusammen. Kein Wunder, es gibt sie immer. Dan wird mal Dancer. Aber wie erklären Pelham, Mirenberg und Jones, dass Jungs Jahre ihrer Kindheit damit verbringen, von einem Leben als Cowboy zu träumen? Ach, Männer. Das Leben ist kein Nagellack-Counter. Und über die Frage, wie einflußreich und bedeutend die angeblich so kleine Ballettwelt ist, läßt sich weiter streiten.

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  1. Also, ich habe als Kind die...
    Also, ich habe als Kind die Fernsehserie „Anna“ ziemlich gespannt verfolgt. Wahrscheinlich wäre ich auch gerne in ein Ballettstudio gegangen und hätte rosa Schläppchen getragen, wenn es eines in meiner Nähe gegeben hätte. Und nach einem Wochenende mit „Black Swan“ und „Pina“ im DVD-Player und auf dem Bildschirm und nochmaligem Lesen Ihres Artikels, bin ich mir weiterhin im Unklaren, ob Sie der Kommerzialisierung des Tanzes durch Mode und Kosmetik unentschlossen/skeptisch/ironisch distanziert oder doch positiv gegenüberstehen. Doch die Ballerina als Kind-Frau, die sich einem elitärem Körperregime unterwirft, hat sich als eine Art Archtetyp auch in meinem Kopf festgesetzt. Jedenfalls hatte ich Schwierigkeiten, den Choreographien in „Pina“ zu folgen und den Film bis zum Ende anzusehen.

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