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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Untote Bräute verfolgen dich

Das Schwerste an „Giselle", sagt die Starballerina Birgit Keil, heute Ballettdirektorin in Karlsruhe und die Leiterin der Akademie des Tanzes an der...

Das Schwerste an „Giselle“, sagt die Starballerina Birgit Keil, heute Ballettdirektorin in Karlsruhe und die Leiterin der Akademie des Tanzes an der Hochschule für Musik, Mannheim, das Schwerste sei die glaubwürdige Verwandlung der Figur. „Giselle“ sei im ersten Akt der Ballett-Pantomime von 1841 ein vollkommen anderes Wesen als im zweiten. Anfangs schaue man einem Mädchen zu, das zwar empfindsam und von zarter Konstitution, aber in einfachen Lebensumständen aufgewachsen sei, und das sich deshalb so ehrlich wie Hals über Kopf in Albrecht verliebe und dieser plötzlich ihr ganzes Wesen umfangenden Liebe tiefen, unmißverständlichen Ausdruck verleihe. Im zweiten Akt erscheine Giselle als ein unwirkliches Geschöpf der Geisterwelt, ein Gespenst, das wegen seiner Lebens- und Liebesenttäuschung keine Ruhe im Totenreich finden könne.

Nicht nur ist im zweiten Akt diese „artikulierte Beinarbeit“ (Keil) so schwer, auch dürfen die Arme sich nicht einfach aus den Schultern heraus bewegen, sondern müssen sich wie von den seelischen Empfindungen gelenkt fließend bewegen, fast als hätten sie keine Knochen, keine Gelenke. Und noch etwas sagt die Professorin, und das klingt nicht resignierend, sondern realistisch: Für eine Giselle müsse man die Anlagen besitzen, denn diese Rolle zu tanzen, könne man recht eigentlich nicht lehren.

Jede Ballerina muß sich mit den legendärsten Vorgängerinnen in dieser Rolle messen lassen, auch wenn das nurmehr überlieferte, erinnerte Glanzvorstellungen sind. Aber es gibt ein ungeschriebenes Gesetz in der Tanzwelt, demzufolge Stiche, Photographien, Filmausschnitte, Erzählungen, Kritiken, die sich um bestimmte Aufführungen ranken wie die berühmte Hecke um das Dornröschenschloß, die Wahrheit sagen.

„Giselle“ ist also ein Hauptwerk der Romantik, nicht nur ein meisterhaftes, bewegendes Ballett, sondern als solches auf der Höhe der Kunst des mittleren neunzehnten Jahrhunderts. Zu sagen, es sei schwer auf die Bühne zu bringen, ist eine Untertreibung. Wer eine Idee davon bekommen möchte, wie in etwa „Giselle“ wirken kann in einer gelungenen, und das heißt also einer außergewöhnlichen Aufführung, kann sich eine Aufzeichnung besorgen, natürlich. Wenn man sich aber vorstellt, wie schwierig es ohnehin ist, Tanz so zu filmen, dass sich die Zuschauer nicht sehr schnell langweilen, dann fürchtet man sich geradezu davor, eine DVD von „Giselle“ zu kaufen. Abgefilmte Geister in einem mitternächtlichen Wald?

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Doch das Unmögliche ist der Pariser Oper gelungen. Ballettdirektorin Brigitte Lefèvre ließ 2006 eine Vorstellung aufzeichnen, in der Laetitia Pujol die Giselle verkörpert, Nicolas Le Riche den Albrecht, Marie-Agnès Gillot die Königin der Wilis, Myrtha, tanzt und Wilfried Romoli den in Giselle verliebten und ihr damit zum Verhängnis werdenden Wildhüter Hilarion. Im vergangenen Jahr hat Arthaus Musik diese DVD herausgebracht, und ich schaue sie immer wieder an. Pujol ist nicht nur eine tadellose, eine große Anteilnahme an ihrem Schicksal erregende Giselle, sie hat eine große Gabe, die bei Tänzerinnen nicht so selbstverständlich ist. Man ist bei ihr, wenn man sie gerade nur in der Totalen verfolgen kann, sie verliert einen nicht, selbst wenn sie zwischen den Wilis tanzt, und zugleich ist ihr Gesichtsausdruck, ihr Spiel auch in Großaufnahmen lebendig, natürlich und überzeugend. Aber das Gleiche muß man von den dreien um sie herum sagen – Le Riche ist bestürzend traurig, Romoli ergreifend reuevoll, Gillot unwirklich majestätisch (Pujol wurde bereits sehr früh in der Sommerakademie des Tanzes in Köln in dieser Rolle gecoacht. Von – na? – Birgit Keil….)

Warum können diese vier so gut sein? Nun, vielleicht weil es an der Pariser Oper den Ehrgeiz und die historische Expertise gibt, als ursprüngliche Heimat von „Giselle“ unüberbietbar zu bleiben. Aber das beweisen sie mit starken Argumenten. Diese von Patrice Bart und Eugène Polyakov hergestellte Fassung geht auf Marius Petipas 1887 unternommene russische Überarbeitung der Originalchoreographie von Jean Coralli und Jules Perrot nach dem auf Motiven Heinrich Heines basierenden Libretto von Jules-Henri Vernoy de Saint-Georges und Théophile Gautier zurück.

Es gibt hier keinen einzigen falsch wirkenden kleinen Fingerzeig, keinen unlogischen Übergang, keinen nicht dramaturgisch absolut wasserdichten Schritt. Auch wenn man nichts über „Giselle“ wüßte und noch nie ein Ballett gesehen hätte, man verstünde alles, jede Kleinigkeit. Na gut, das abzuschalten schaffen auch die nicht, die schon wissen, wie es ausgeht.

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